Zum Tode von Helmut-Maria Glogger: "Eigentlich bin ich milde"

 

Helmut-Maria Glogger war mit seiner scharfzüngigen Kolumne im "Blick am Abend" der wahrscheinlich meist gelesene Journalist der Schweiz. Glogger hat für die "Süddeutsche" geschrieben, für die "Bunte", mit Franz-Josef Wagner von "Bild" wollte er aber nie verglichen werden. Und für ihn war klar, wer die Schuld trägt am Niedergang des Journalismus - die Journalisten selbst. Zum Tode von Helmut-Maria Glogger veröffentlicht kress.de ein Interview, das im "Journalist" in der Schweiz vor zwei Jahren veröffentlicht wurde.

Herr Glogger, darf ich mal Ihren Ausweis sehen?

Helmut-Maria Glogger: Nein, den zeige ich Ihnen nicht.

Wieso nicht?

Helmut-Maria Glogger: Mit dem Alter halte ich es wie Marlene Dietrich.

Ich habe noch nie einen Journalisten getroffen, der so ein Geheimnis aus seinem Alter macht und über den es so viele unterschiedliche Altersangaben - von Mitte 50 bis Mitte 60 - gibt.

Helmut-Maria Glogger: Das ist wunderbar so, fantastisch.

Warum?

Helmut-Maria Glogger: Schon meine Mutter war alterslos, wir durften nie ihren Geburtstag feiern. Wenn ich sie heute auf ihr Alter ansprechen würde, würde sie sofort das Gespräch beenden. Ich finde das eine gute Lösung.

Ihre Mutter war Dramaturgin, Ihr Vater Pianist. Sie stammen aus einem bildungsbürgerlichen Elternhaus, arbeiten aber schon Jahrzehnte als Boulevardjournalist. Das sind doch Welten, die sich eigentlich gar nicht berühren.

Helmut-Maria Glogger: Stimmt. Ich muss sagen: Die "Bild"-Zeitung, die gab es für mich früher nicht.

Sie waren nach dem Studium erst beim Verlag der "Süddeutschen", dann entschieden Sie sich für den Boulevard. Wie hat Ihr Vater reagiert, als Sie einen Arbeitsvertrag bei "Bunte" unterschrieben haben?

Helmut-Maria Glogger: Das war für ihn schon ein Kulturschock. Ich habe ihm gesagt: Die zahlen mich für etwas, das ich sowieso machen würde: Schreiben. Aber so richtig durchgedrungen bin ich natürlich nicht bei ihm.

Und später? Ich kenne einen leitenden Redaktor der "Bild", den seine Eltern als Mitarbeiter der Axel Springer AG vorstellten.

Helmut-Maria Glogger: Das kenne ich. (lacht) Ich arbeite auch beim Schweizer Ringier-Verlag. Aber meine Eltern haben sich dran gewöhnt.

Und Sie, wären Sie gerne ein anderer?

Helmut-Maria Glogger: Ich hätte für mein Leben gern nur Bücher geschrieben. Ich wollte immer Schriftsteller werden, schon mit 14 oder 15 Jahren. Mein Bruder und ich sind mit Musik und Literatur aufgewachsen. Ich war immer schon ein neurotischer Leser und bin es heute noch. Am wohlsten fühle ich mich daheim, an meinem Ikea-Schreibtisch zwischen Bergen von Büchern.

Haben Sie dann nicht den falschen Job?

Helmut-Maria Glogger: Natürlich hätte ich mir vorstellen können, wieder zur "Süddeutschen" zurückzukehren. Aber da kommt auch eine gewisse Lebenstragik dazu. Ich wollte ja weggehen vom "Blick". In diesem Moment starb meine Frau am Sekundentod am Hauptbahnhof in Zürich. Dann war ich alleinerziehender Vater. Dem kannst du nicht ausweichen und sagen: Ich ziehe nach Frankreich und schreibe Bücher oder sonst was. Aber wäre das nicht passiert, würde ich sicher nicht hier sitzen.

Das heisst: Sie sind kein Boulevardjournalist aus Leidenschaft, sondern das Leben hat Sie dazu gemacht.

Helmut-Maria Glogger: Auf der anderen Seite habe ich das auch wunderbar hingekriegt, weil ich für meine Leidenschaft noch bezahlt werde. Lesen würde ich ohnehin, schreiben auch.

Sie sind allein in der Schweiz fast 30 Jahre im Geschäft. Was bleibt?

Helmut-Maria Glogger: Für mich? Die Lust, jeden Tag was Neues oder was anders zu formulieren. Vielleicht auch mal ein Wort zu erfinden, das ist eine grosse Leidenschaft von mir.

Bleibt Ihre Kolumne "Glogger mailt"?

Helmut-Maria Glogger: Nein! Ich war ja auch als Chefredaktor der Mister "Glückspost". Im Editorial habe ich sehr viel geschrieben über meine Kinder und meinen Hund, den Bobtail Forti. Er war ein grosser Philosoph, der den Vorteil hatte, nicht zu reden. Darauf werde ich heute noch angesprochen, das bleibt den Leuten in Erinnerung.

Reden wir über Ihre Kolumne ...

Helmut-Maria Glogger: ... ich muss erst mal sagen, was die Philosophie der Kolumne ist. Für mich gibt es keine Sachen, für mich gibt es Menschen, die Sachen machen. Es gibt nicht das Unternehmen, es gibt Menschen, die ein Unternehmen führen. So. Und dann versuche ich den Menschen hinter der Geschichte zu finden, der ja fast nie richtig auftaucht.

Da würden Ihnen jetzt viele widersprechen. Wahrscheinlich wurde noch nie so viel personalisiert wie heute im Journalismus.

Helmut-Maria Glogger: Ja, aber mir wird daher ja häufig vorgeworfen, ich sei ein Mensch für Stammtische. Ich geh nie zu Stammtischen.

Herr Glogger, ich habe noch keine scharfe Frage gestellt und schon verteidigen Sie sich: Warum?

Helmut-Maria Glogger: Ich habe bestimmte Leser, die immer dagegen sind, wenn ich was schreibe. Und immer mit dem Argument: Stammtisch.

Wie viele Reaktionen bekommen Sie pro Woche per Mail oder Leserbrief?

Helmut-Maria Glogger: Etwa zwischen 30 und 60. Die interessantesten Reaktionen bekomme ich alle über den "Blick am Abend". Und das wird Sie jetzt überraschen: da ist der eine Marketingdirektor, der nächste ist Schulleiter. Mit manchen habe ich richtige Diskussionen.

Gibt es mehr Lob oder Kritik?

Helmut-Maria Glogger: Etwa 50 zu 50. Der eine Teil sagt: Da ist wenigstens einer, der nicht immer kuscht. Der andere Teil sagt: Niveaulos! Bildungsfern! Sie haben keine Ahnung!

Wie reagieren Sie?

Helmut-Maria Glogger: Ich antworte denen. Und dann kommt meistens als Reaktion: Interessant, was Sie mir geschrieben haben. Ein Leser kritisierte mal: Sie haben ja keine Ahnung, was Frau Sommaruga in ihrem Leben schon geleistet habe. Ich antwortete, dass Frau Sommaruga jedenfalls noch kein Buch in der Bestsellerliste des "Spiegels" hatte wie ich mit der Autobiografie von Eliette von Karajan. Da war der Leser ganz erstaunt. Der dachte, dass da irgendein Vollprolet was vor sich hin rülpst.

Trifft Sie das?

Helmut-Maria Glogger: Ich habe mich daran gewöhnt, aber am Anfang hat mich das sehr getroffen. Die einfältigsten Reaktionen, tut mir leid, bekomme ich von den Linken. Also von denen, die mein mangelndes Niveau bemängeln. Eins muss ich aber vorneweg mal sagen: Sollte die Binswanger-Equipe, also Daniel oder - wie heisst Sie, Michèle? -, mich jemals loben, dann weiss ich: Ich habe alles falsch gemacht.

Daniel Binswanger hat sich mal über einen Ihrer Artikel beim Presserat beschwert. Kennen Sie sich?

Helmut-Maria Glogger: Wir sind mal aneinander vorbeigelaufen. Ich hätte ihn sogar fast mal mit dem Auto überfahren. Direkt vor Tamedia. Ich dachte: Wer ist denn dieser Léon Huber mit dem komischen angeklebten Haarwunst da vorne? Da dachte ich mir, das kann nur Binswanger sein. Er fuhr einfach mit dem Rad quer über die Strasse. Und der Presserat? Wenn ich auf die hören würde, dann wäre dieser Beruf von einer Langweiligkeit ... Wer sitzt denn im Presserat? Sorry, das sind doch meistens Journalisten, die unter ferner liefen geführt werden, aber führen sich als die grossen Ethiker auf.

Jemals richtig verklagt worden für die Kolumne?

Helmut-Maria Glogger: Nein. Aber ich hätte mich gefreut drüber. So eine richtig deftige Klage hat einen hohen Publizitätsgehalt.

Wie arbeiten Sie? Die Länge von 1.000 Zeichen ist ja nicht das Problem.

Helmut-Maria Glogger: Nein, das ist Handwerk. Wenn ich eine Idee habe, dann geht das ruckzuck. Halbe Stunde.

Wie kommen Sie auf Ihre Ideen?

Helmut-Maria Glogger: Ich fange immer am Abend an, Fragmente vorzuschreiben. Natürlich gibt es auch drei oder vier Kolumnen, die auf der Redaktion liegen, falls ich mal wieder mit meinem Töffli umfalle. Aber darauf habe ich fast nie zurückgreifen müssen. Am Morgen lese ich Zeitung. Ich lese immer die "Süddeutsche", in der "Welt" die Kolumne "Zippert zappt". Bei der "FAZ" finde ich selten was. Bei "Bild" nie.

Auch nicht bei Ihrem "Bild"-Pendant, dem Kolumnisten Franz-Josef Wagner?

Helmut-Maria Glogger: Nein, weil Wagner schreibt dann wieder an den lieben Gott oder was völlig Abstruses.

Sie sind doch im gleichen Genre unterwegs?

Helmut-Maria Glogger: Ja, ja, ja. Aber anders. Ich muss sagen: anders.

Wie anders?

Helmut-Maria Glogger: Ich glaube, ich mache es wirklich anders, weil ich noch viel aus Büchern raushole.

Wissen Sie, wie viele Kolumnen Sie geschrieben haben?

Helmut-Maria Glogger: Nein. Aber sie ist nicht einmal ausgefallen.

Es waren in knapp sechs Jahren 1.445. Wie viele davon waren Ihrer Meinung nach richtig gut?

Helmut-Maria Glogger: (überlegt) Ich würde sagen, ganz selbstkritisch, bei einem Drittel sagt mir mein Bauchgefühl: Ja, Helmut-Maria, das ist dir gut gelungen. Und ich vertraue auf mein Bauchgefühl.

Sie sind in der Kolumne ja oft empört. Müssen Sie sich dafür in Stimmung bringen?

Helmut-Maria Glogger: Nö, überhaupt nicht. Das ist meine psychologische Couch. Ich kann mich da abreagieren, haue jemanden, der wieder Blödsinn verzapft hat, und gehe fröhlich weiter meinem Tagwerk nach.

Mein Eindruck: Manchmal ist die Kolumne genial, weil Sie den Nagel auf den Kopf treffen. Manchmal ist sie schon sehr schlicht.

Helmut-Maria Glogger: Das ist es, was mich selbst stört. Ich mag die Schlichtheit nicht. Wenn ich nach Hause gehe, nehme ich mir oft noch einen "Blick am Abend". Und manchmal denke ich: Mensch, Helmut-Maria, das hättest du besser formulieren können. Da ärgere ich mich schon.

Echt?

Helmut-Maria Glogger: Ja, und dann setze ich mich hin, ich Depp, und versuche eine Kolumne für den nächsten Tag zu schreiben und auch sprachlich eine Brillanz zu bringen, die ich vielleicht an dem Tag nicht hatte. Ich ärgere mich schaulich (klopft mit dem Finger auf den Tisch), wenn ich - und es geht nur um mich dabei - die Kolumne nicht so hingekriegt habe, dass ich sagen kann: Ja, das trifft, das ist gut.

Ich meinte mit Schlichtheit nicht die Sprache, sondern den Gedanken. Nehmen wir den Fall Carlos. Es ist einfach zu wettern. Aber bei Ihnen findet man keine Antwort, was man mit einem straffälligen jungen Mann wie Carlos machen soll.

Helmut-Maria Glogger: Doch! Ich habe eine ganz klare Berufsperspektive für Carlos. Das habe ich auch geschrieben. Carlos wäre für mich dem Zürcher Polizeicorps anzugliedern. Carlos wäre mein Mann bei den 1.-Mai-Demos, ganz vorne. Er wäre ein guter Polizist.

Sie sind jetzt grad polemisch. Oder ist das Ihr Ernst?

Helmut-Maria Glogger: Eigentlich hätte ich was ganz anderes ­schreiben sollen. Der Knackpunkt ist ja nicht Carlos, sondern unser Jugendstrafrecht. Und was mir bei der ganzen Geschichte fehlt: Alex Baur von der "Weltwoche" ist der Einzige, der wirklich mit Carlos gesprochen hat.

Noch mal: Was macht jetzt eine westliche Gesellschaft mit einem sogenannten Intensivtäter?

Helmut-Maria Glogger: Ja, was macht man mit dem? Zur Polizei bringen. Früher brachte man die zur Fremdenlegion.

Und jetzt sagen die Ihnen, dass sie nicht zur Fremdenlegion wollen. Und dann?

Helmut-Maria Glogger: Das war in Frankreich früher schnell erledigt.

Ja, aber Sie leben in der Schweiz. Sie bedienen die kochende Volksseele, aber am Ende sind wir auch nicht weiter.

Helmut-Maria Glogger: Ich versuche Ross und Reiter zu nennen. Aber den Lösungsansatz zu finden, da haben Sie vollkommen recht, da muss ich drüber nachdenken. Ich bin froh, dass Sie mir das sagen. Auch wenn die Kolumne kurz ist, sollte man das Prinzip der Hoffnung nicht abklemmen, dass es eine Lösung gibt.

Aber dann ist das Wesen der Kolumne in Gefahr.

Helmut-Maria Glogger: Nein! Es geht nicht darum, nur draufzuhauen und fertig. Am langweiligsten sind die Kolumnen, die absolut voraussehbar sind. Ich möchte, dass die Leser denken: Der schreibt ja jetzt das Gegenteil von dem, was das Volk denkt.

Und wann bitte haben Sie das zuletzt gemacht?

Helmut-Maria Glogger: Weiss ich gar nicht mehr, aber schon oft. Ich denke nicht so an die Mehrheit.

Sie schreiben gegen die doofen Deutschen, gegen die Verantwortlichen im Fall Carlos. Sie holen Ihre Zielgruppe voll ab.

Helmut-Maria Glogger: Ich denke gar nicht so an die Zielgruppe.

Sind Sie ein rechter Wutbürger?

Helmut-Maria Glogger: Nein. Das glaubt mir ja keiner, aber eigentlich bin ich milde. Ich streite nicht gerne. Ich bin einfach einer, der eine diebische Freude hat zu formulieren. Mich interessiert auch Volkes Meinung herzlich wenig, ich finde den menschlichen Faktor spannend. Wenn ich schreibe, Sigmar Gabriel ist der Dirk Bach der Politik: Wann platzt er? - dann ist auch die Frage: Wann platzt er vor Eitelkeit?

Müssen Sie sich überwinden, jemanden in die Pfanne zu hauen?

Helmut-Maria Glogger: Nein. Denn denjenigen, den ich in die Pfanne haue, hat selbst schon so viele in die Pfanne gehauen, dass er auch selbst mal in die Pfanne gehauen werden kann. Wenn ich einem Politiker die Hand gebe, zähle ich nachher nach, ob ich noch alle Finger habe. Was Politiker off the records erzählen, ist manchmal so diametral unterschiedlich von dem, was sie sonst sagen. Das macht mich fassungslos.

Man könnte aber auch sagen: Jedes demokratische Land hat die Politiker, die es verdient.

Helmut-Maria Glogger: Ja, leider. Ich war Ende der 70er-Jahre mal kurz Pressesprecher der Jungdemokraten in München. Wir waren damals sehr links, zu Recht. Ich war aber nicht sehr lange da. Dann kam Helmut Markwort und ich habe seinen Ton nicht ertragen. Der hat sich aufgespielt, als sei er der grösste Politiker der kommenden Welt. Ich war damals sehr angetan von Menschen wie Ralf Dahrendorf, die meinen liberal freiheitlichen Geist widergespiegelt haben.

Damit haben Sie heute aber nicht mehr viel am Hut?

Helmut-Maria Glogger: Ich bin heute wahrscheinlich eher anarchistisch. Ich lasse mir ganz ungern von oben was sagen. Ganz ungern. Ich bin ein Freigeist. Ich mag auch keine Organigramme. Das hat mich als Chefredaktor schon immer angewidert.

Neben der Kolumne haben Sie Bücher geschrieben, auch als Ghostwriter für Prominente. Wie viele?

Helmut-Maria Glogger: 12, 13.

Welches hat sich am besten verkauft?

Helmut-Maria Glogger: Die Autobiografie von Udo Jürgens.

Waren Sie an den Erlösen beteiligt?

Helmut-Maria Glogger: Nein, ich bekomme einmal mein Geld.

Schlecht.

Helmut-Maria Glogger: Ja, ich weiss. Ich verstehe von Geld gar nichts. Ich habe keinen Bezug zu Geld. Ich bin auch so erzogen worden. Ich kann bis zum heutigen Tag bei Ringier keine Spesenabrechnung machen. Ich beherrsche das nicht.

Aber bei Ringier verdienen Sie schon richtig gut, oder?

Nein. Was glauben Sie?

Helmut-Maria Glogger: Sie sind Ex-Chefredaktor, Ihre Kolumne wird viel gelesen, Sie schreiben längere Geschichten für den "Sonntagsblick" und produzieren für das "Sobli"-Magazin. Ich schätze mal 12.000 Franken im Monat.

Helmut-Maria Glogger: Nein, weniger. Merklich weniger. Es ist unter 12.000, auch unter 11.000 Franken.

Da machen Sie was falsch.

Helmut-Maria Glogger: Ich weiss, ich hätte auch als Ghostwriter mehr verdienen können. Aber ich kann das nicht, ich schreibe gerne. Dem anderen gehe ich auch aus dem Weg.

Und dennoch wussten Sie als People-Journalist, wie man Zugang zur Welt der Reichen und Schönen findet. Verraten Sie uns den Trick?

Helmut-Maria Glogger: Du musst wissen: So viel Geld wie die wirst du nie haben. Das absolut Schlimmste ist, wenn du dich mit denen gemeinmachst, du musst Distanz halten. Die müssen dich ernst nehmen, wie du bist. Du darfst auf gar keinen Fall deren Laufbursche sein. Ausserdem hilft es, mehrsprachig zu sein und eine gute internationale Bildung zu haben.

Konnten Sie sich nach der Autobiografie über Udo Jürgens leisten, kritisch über ihn zu schreiben?

Helmut-Maria Glogger: Ja, doch.

Und wie kam das an?

Helmut-Maria Glogger: Bei seinem Manager schlecht. Ich möchte jetzt einen Essay schreiben, den man vielleicht als Buch bringen kann über den Udo. Über diese gewissen anderen Momente, zum Beispiel über das Autistische von einem Künstler.

Auch das Egomanische?

Helmut-Maria Glogger: Auch das. Er hört zum Beispiel fast nur sich selbst, der hört keine anderen Sachen.

Sind Sie befreundet?

Helmut-Maria Glogger: Ja, aber nicht mehr so. Er hat jetzt eine Lebensgefährtin, die ich nicht ausstehen kann. Ich bin aber befreundet mit seiner Ex-Frau und habe mit ihm auch kein Problem. Wir haben kein schlechtes Verhältnis.

Ist Udo Jürgens der Prominente, der Sie am meisten beeindruckt hat?

Helmut-Maria Glogger: Nein, nein. Überhaupt nicht. Das war Gunter Sachs, mit weitem Abstand. Er war einer der gebildetsten Menschen, die ich kannte.

Haben Sie niemals geschmeichelt, um einen Zugang zu einem Promi zu finden?

Helmut-Maria Glogger: Nein, nie. Warum sollte ich?

Weil viele erfolgreiche Menschen sehr eitel zu sein scheinen.

Helmut-Maria Glogger: Ach, viele sind über die Eitelkeitsphase schon hinaus, weil sie zu bekannt sind. Um jemandem lobzudienen, habe ich von meinen Eltern zu viel Selbstbewusstsein mitbekommen. Ich habe auch schon mal zum Udo gesagt: Jetzt sei nicht so geizig, gehe da runter und kauf endlich für alle genügend Raclettestücke und nicht nur zwei für jeden. Das hat ihm wahrscheinlich noch niemand gesagt, aber er trabte los.

Wann waren Sie in Ihrem Job am glücklichsten?

Helmut-Maria Glogger: Eigentlich heute. Morgen erscheint im "Du" ein Riesenbeitrag von mir. Ich hätte nie gedacht, dass ich Boulevardgurke, als die ich bezeichnet werde, dort journalistisch mal mit einem Artikel geehrt werde.

Ihr Minderwertigkeitskomplex scheint mir stark ausgeprägt zu sein.

Helmut-Maria Glogger: Nein, ich bin nur gerade happy. Wahrscheinlich war ich am glücklichsten, als ich 1974 das Buch "Art déco - Die Kunst der Zwanziger Jahre" mit Wolf Uecker herausgebracht habe. Damals habe ich extra das fertige Buch vom Heyne-Verlag abgeholt, so glücklich war ich eigentlich nie mehr.

Sie haben die goldenen Zeiten des Boulevard in den 80er- und 90er-Jahren miterlebt. Keine Wehmut?

Helmut-Maria Glogger: Ich trauere nur den Zeiten nach, in denen wir Journalisten noch ein Selbstbewusstsein hatten. Heute haben wir keins mehr. Heute ist unser Selbstbewusstsein gebrochen.

Wer ist schuld daran?

Helmut-Maria Glogger: Wir! Wir haben das mit uns machen lassen. Es liegt doch nur an uns Journalisten, an unserer Feigheit. Wer hat denn die Türen geöffnet für die ganzen Controller und Verlagsleute? Das waren doch wir. Stellen Sie sich mal vor, ein Berater von Roland Berger wäre zu Henri Nannen in die Tür gekommen.(lacht) Oder beim alten Senator Burda. (lacht lauter) Mit einem Nasenstüber wären die hinten durchgefallen. Ganz klar: Wir haben uns alles bieten lassen.

Das Geschäft ist heute eben härter geworden.

Helmut-Maria Glogger: Himmelherrgott, was haben denn die Verleger in den 80er- und 90er-Jahren an Milliarden verdient? Muss ich denn mit Frau Mohn, Herrn Bauer oder Herrn Holtz­brinck Mitleid haben? Nein, habe ich nicht, tut mir leid. Da ist unser Verleger - das muss ich sagen - noch sehr moderat. Ich muss doch nicht 15 Prozent rauspressen. Wir sind doch in keiner Schraubenfabrik, in der ich die Schraube dünner machen kann. Sorry, ich bin in einem Kulturunternehmen. Und nicht irgendwo, wo jeder Krethi und Plethi, oder so ein 27-jähriges Bübchen, das gestern eine Brillenfabrik beraten hat, was zu sagen hat. Wobei: Die kann man auch erziehen. Als ich in der Chefredaktion des "Blicks" war, hatten wir auch Berater und die habe ich gezwungen, ebenfalls bis zur Deadline um zehn Uhr am Abend dazubleiben.

Und hat es geholfen?

Helmut-Maria Glogger: (lacht) Ja, sie haben ihre Beratertätigkeit weitaus schneller abgeschlossen, als wir alle erwartet haben.

Wie ist es heute bei Ringier?

Helmut-Maria Glogger: Ich bin zum Glück nicht mehr involviert. Ich gehe Beratern grossräumig aus dem Weg oder ich scheisse sie zusammen. Das habe ich gerade erst gemacht. Fünf Berater sassen da kürzlich immer in so einem Konferenzsäalchen und haben den Raum blockiert. Ich sage dann: Sie latschen hier immer auf dem Stockwerk hin und her. Ich möchte mal wissen: Wer sind Sie eigentlich? Was machen Sie hier? Die waren dann aber eigentlich ganz nett.

Wie muss Boulevard heute sein?

Helmut-Maria Glogger: Für mich war Boulevard immer die Kür und nie die Pflicht. Nach meinem Verständnis könntest du Boulevard nur mit den intelligentesten Menschen machen und nicht mit Kindersoldaten, das Wort stammt ja von mir. Bei Hubert (Anm.: Burda) habe ich viel über Boulevard gelernt. Er predigte immer etwas, das boulevardmässig das Beste ist: Wir sind als Journalisten dafür da, uns mit den Grossen anzulegen, wir legen uns nicht mit den Kleinen an. Was machen wir heute? Genau das Gegenteil.

Wenn man Sie so reden hört, kann man wohl davon ausgehen, dass Sie kein grosser Anhänger des Newsrooms sind, oder?

Helmut-Maria Glogger: Doch. Ich arbeite jeden Tag im Newsroom. Ich produziere gerne: Ich mache Bildlegenden und Leads. Ich redigiere, ich bespreche Texte mit Autoren. Meine grosse Leidenschaft sind Absätze. Es hat sich eingebürgert, Texte ohne Absätze zu schreiben. Wissen Sie, was das Problem heute ist? Uns wurde eingeredet, dass Journalist ein sterbender Beruf ist. Das glaube ich nicht. Nur versemmeln wir gerade online unsere Chancen. Kennen Sie einen Journalisten in der Schweiz, der sich nur online einen Namen gemacht hat?

Einen, den jeder kennt? Nein.

Helmut-Maria Glogger: Sehen Sie: Wir brauchen auch online mehr Autorenjournalismus. Das verpassen wir gerade, das finde ich fatal. Und wenn ich dann diese Beliebigkeit sehe! Wir sind doch eine gewisse Ordnung gewohnt. Watson wird ein 20-Millionen-Missverständnis.

Da spricht jetzt der frühere Chefredaktor in Ihnen. Trauern Sie eigentlich einer richtig grossen Karriere hinterher?

Helmut-Maria Glogger: Nee, hatte ich ja.

Sie waren einige Jahre Chefredaktor der "Glückspost". Ein bisschen wenig für einen, der von sich selbst sagt, er sei einer der begabtesten im Hause Ringier gewesen.

Helmut-Maria Glogger: Dazu muss man sagen: Ich wäre in den 90er-Jahren sicher ein besserer Chefredaktor für den "Blick" gewesen als Herr Wigdorovits und wie sie alle hiessen.

Warum wurden Sie es nie?

Helmut-Maria Glogger: Weil ich nie gefragt wurde. Ich habe mich auch nie drum beworben. Ich habe nie einer Clique oder einem Netzwerk angehört.

Sind Sie zu anarchistisch, um ein guter Chef zu sein?

Helmut-Maria Glogger: Ich war ein guter Chef, ich sage Ihnen auch warum: Die "Glückspost" würde es ohne mich nicht mehr geben.

Aber Sie sind dort gefeuert worden?

Helmut-Maria Glogger: Ich bin gefeuert worden von Herrn Theobald, dem ich zehn Jahre zuvor gesagt habe, er sei für diesen Beruf absolut ungeeignet. Ich habe die Redaktion entrümpelt und entstaubt. Ich habe die Redaktion gereinigt, im wahrsten Sinne des Wortes: neuer Boden, eingerichtet nach Feng-Shui. Das war die sauberste Redaktion, die Ringier je hatte.

Finden Sie, dass Beatrice Zollinger die "Glückspost" gut weitergeführt hat?

Helmut-Maria Glogger: Ja! Hervorragend. Die Bea brünzelt dir noch nachts um vier eine bessere Titelzeile hin als jeder andere. Bea Zollinger ist eine der unterschätztesten und vom Feeling her begabtesten Blattmacherin, die Ringier je hatte.

Und wie ist Ihre Stellung im Haus Ringier heute?

Helmut-Maria Glogger: Keine Ahnung, das weiss ich jetzt echt nicht. Ich denke: eine gute. Ich komme mit Michael (Anm.: Ringier) gut aus. Ich komme mit Frank A. Meyer gut aus. Bei Büchern sind wir einer Meinung, sonst ab und zu auch anderer Meinung.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Nachdem Sie für das Interview zugesagt hatten, hatte ich Probleme, Sie zu erreichen. Sie schrieben dann: "Da Sie sich nicht mehr gemeldet haben, denke ich: Sie haben irgendjemand gefunden, der mich zur Sau macht." Was sollte das eigentlich?

Helmut-Maria Glogger: Es ist ja meistens so. Wenn sich niemand mehr meldet, schreibt jemand über mich, obwohl er mich gar nicht kennt.

Ich dachte: Entweder hat der früher so gearbeitet...

Helmut-Maria Glogger: Nein!

… oder er hört seine Mailbox konsequent nicht ab. Na ja, mein Freund Jürg Ramspeck und ich sind nicht gerade die grössten Mailbox-Abhörer.

Okay, Sie dachten: Ich will Sie zur Sau machen?

Helmut-Maria Glogger: Genau.

Das finde ich merkwürdig. Sie legen doch Wert auf Ihr Selbstbewusstsein, gleichzeitig fürchten Sie eine Abrechnung in einem Branchenblatt.

Helmut-Maria Glogger: Versetzen Sie sich mal in meine Lage. Wenn zum Beispiel der "Tages-Anzeiger" über mich schreibt, kriege ich grundsätzlich eins auf die Fresse. Und zwar völlig wurscht warum. Ich könnte auch schon tot sein. Und da dachte ich: Menschenskinder, wenn der sich nicht meldet, dann hat er wahrscheinlich einen gefunden, der draufhaut.

Herr Glogger, haben Sie eigentlich manchmal einen leichten Knall?

Helmut-Maria Glogger: Ich habe keinen Knall. Ich glaube, ich bin zu neugierig und ich habe sehr viel Fantasie. Mit einem wirklichen Knall im klinischen Sinne hat das nichts zu tun. Ich glaube eher, dass das einen guten Journalisten ausmacht.

kress.de-Hinweis: Der Autor und Journalist Helmut-Maria Glogger ist laut der Schweizerischen Depeschenagentur (sda) bei einem Unfall gestorben. Zuerst hatte der Schweizer Mediendienst Persönlich von seinem Tod berichtet. Im Tod konnte Glogger schließlich nicht verhindern, dass sein Alter bekannt wird. Laut sda starb Glogger, der einst in den Bergen einen Hubschrauber-Absturz überlebte, im Alter von 68 Jahren. Das Interview, das wir veröffentlichen, ist zuerst im Frühjahr 2014 im Schweizer Journalist, dem Schweizer Schwesterblatt von kress.de, erschienen. Der "Schweizer Journalist" kann hier im Abo im Newsroom.de-Shop bestellt werden, das Magazin gibt es auch digital im iKiosk. (B.Ü.)

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