"Mutterblues"-Autorin Silke Burmester: "Nur wenn du peinlich bist, bist du gut"

 

Eigentlich ist ironisches Aufspießen ihr Metier. Als Kolumnistin hat Silke Burmester geheime Einsichten in das Eheleben von Carla Bruni und Nicolas Sarkozy gewährt, für Spiegel Online "Helden der Gegenwart" gekürt und in ihren Frontbriefen an die taz-Medienredaktion deftig auf den Medienzirkus gehauen. Am 8. September erscheint ihr Buch "Mutterblues". Dort lernt man Silke Burmester von einer anderen Seite kennen. Ernsthaft und betroffen setzt sich die 50-Jährige mit einem bislang kaum beachteten Thema auseinander: der Trauer der Mütter, wenn ihre Kinder eigene Wege gehen. kress.de-Autorin Anna von Garmissen hat mit Silke Burmester gesprochen - über die schonungslose Offenheit, mit der sie ihre eigene Geschichte erzählt, warum es wichtig ist, auch mal laut "Scheiße" zu schreien, und über das neue Projekt der Ex-Kriegsreporterin.

kress.de: Nach der Lektüre von "Mutterblues" hat man das Gefühl, Sie sehr gut zu kennen. Sie schildern Ihre seelischen Qualen, bekennen sich zu Gefühlen wie Kränkung, Wut und Eitelkeit und beschreiben, wie Ihr Körper sich während der Wechseljahre verändert. Warum gewähren Sie so tiefe Einblicke?

Silke Burmester: Ich habe mich schon nackt gemacht, das kann ich nicht anders sagen. Zwischenzeitlich war auch ich kurz davor, Charlotte Roche anzurufen - einfach um mich mit jemandem auszutauschen, der sich auch so entblößt hat, denn natürlich habe ich damit gehadert. Dann hat mir Klaus Lemke, der Filmemacher, zugeraten. Er hat gesagt: Nur wenn du peinlich bist, bist du gut. Und dann habe ich gedacht, ok, der Mann kennt sich mit dem Thema Authentizität aus, wird schon irgendwie werden.

Es geht in dem Buch nicht nur um Sie, sondern an vielen Stellen auch um Ihren Sohn. Wie geht er mit der Veröffentlichung um?

Silke Burmester: Ich habe ihm das Manuskript gezeigt und ihn auf die Persönlichkeitsrechte hingewiesen. Er könne das Erscheinen verhindern, aber ich würde mir natürlich wünschen, dass er es nicht täte. Und dann hat er es sich angeguckt und total interessant gefunden. Er verstehe jetzt viel besser, warum die Mütter oft so blöd seien. Nur die ganze Wechseljahrsthematik war ihm "too much information", wie er sagte. Ich habe natürlich auch nicht alles hineingeschrieben. Da steht nichts, was nicht zehntausend andere Eltern genauso erleben. Ihn habe ich nicht nackt gemacht.

Was wollen Sie mit "Mutterblues" erreichen?

Silke Burmester: Ich verstehe das Buch im Sinn der feministischen Frauen-Erweckungsliteratur der 70er Jahre. Es geht erst mal darum, das Leid zu benennen, damit es ein Thema werden kann. Ich möchte, dass die Frauen sich fragen: Fühle ich mich da angesprochen? Es ist auch völlig in Ordnung, wenn die eine oder andere sagt: Die spinnt ja, was steigert die sich da rein? Aber ich weiß, dass es ganz viele Frauen gibt, denen es so geht wie mir. Und die möchte ich erreichen, damit sie merken: Sie sind nicht allein. Deswegen war diese Offenheit für mich auch der einzig gangbare Weg. Und jetzt hab ich ja auch wieder was an.

Welche Wirkung erhoffen Sie sich?

Silke Burmester: Das gesellschaftliche Tabu soll verschwinden, damit klar wird, dass es den Frauen in dieser Lebensphase wirklich schlecht geht. Der Weggang der Kinder, die Wechseljahre, das Verabschieden der eigenen Eltern - da trifft so vieles zusammen. Und es ist eben nicht damit getan, dann mal schnell eine Hormontablette oder ein Antidepressivum zu nehmen. Ich finde, wir haben allen Grund, wirklich laut scheiße zu schreien.

Sie schildern das Leid an etlichen Stellen sehr plastisch - sprechen etwa von einem Schmerz, der sich anfühlt, "als würde ich meinem Kind beim Sterben zugucken". Erst gegen Ende des Buches wird eine Art Befreiung spürbar. Das fand ich beklemmend.

Silke Burmester: Das ist auch beklemmend! Mir ging es jahrelang schlecht!

Muss man also durch dieses Tal der Tränen durch, auch wenn man rational weiß, dass das Kind ja nicht wirklich stirbt?

Silke Burmester: Das ist so ein bisschen die Chronik des angekündigten Todes. Man schaut einem langen Abschiedsprozess zu. Aber das Entscheidende ist, wir reden über die Irrationalität von Gefühlen. Ich habe sehr bewusst keine Experten befragt, die uns das jetzt mal alles erklären und in wissenschaftliche Bahnen lenken. Es ist ein Trauerprozess, und Trauer braucht Zeit. Hinzu kommt: Du bist um die 50, du kannst zugucken, wie dein Körper sich verabschiedet. Deine Beziehung ist möglicherweise auch ziemlich durch, auf der Straße guckt dich kein Schwein mehr an. Und dann kommt dein Kind, deine bislang so verlässliche Quelle des Zuspruchs, und sagt: "Ey Alte, nerv mich nicht!" Das ist einfach schwer auszuhalten.

Wie erklären Sie sich, dass diese Trauer ein Tabu-Thema ist?

Silke Burmester: Ich glaube, das hat damit zu tun, dass die Frau ganz lange nur als ein Mitglied der Gesellschaft gesehen wurde, das zu funktionieren hat. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass meine Mutter krank war und im Bett lag. Selbst wenn es ihr nicht gutging, ist sie aufgestanden und hat die Familie versorgt. Leid ist nicht gewollt.

Hat sich im Laufe der zwei Jahre, in denen Sie das Buch geschrieben haben, die Sicht auf Ihre Eltern verändert?

Silke Burmester: Ja, ich bin milder mit meiner Mutter geworden. Meine Eltern sind schon lange tot. Aber mir ist über dem Schreiben noch einmal sehr bewusst geworden, in was für einer Falle die Frauen in den 70er-Jahren saßen. Sie waren gefangen in der Aufbruchsstimmung der Gesellschaft, die sie aber selbst nicht umsetzen konnten. Viele Frauen haben sich damals innerlich verändert, aber die Männer nicht. Das war schwer.

Sie schreiben über Ihre eigene Pubertät: "Unsere Eltern waren weit entfernte Wesen, zu denen man am Ende des Tages zurückkehren musste, um in ihrem Haus zu übernachten. Sie waren nicht wichtig für uns." Ist das Eltern-Kind-Verhältnis heute besser?

Silke Burmester: Da gibt es tatsächlich einen elementaren Unterschied. Heute wird der Kontakt von den Kindern auch inhaltlich gesucht. Das war bei uns total anders: Wir vollzogen eine absolute Abkehr vom Elternhaus, eine Befreiung. Aber unsere Eltern waren auch restriktiver, die haben dich rausgeschmissen, wenn du Punk geworden bist. Und das ist ja heute eine ganz andere Nummer.

Liegt das auch an der geänderten Mutterrolle? Weg von der Mütterlichkeit, hin zur Beste-Freundin-Mutter?

Silke Burmester: Ich bin wahnsinnig gern Mutter, aber ich wollte nie so eine Hannelore-Kohl-Mutter sein. Mir sind Frauen, die ihre Kinder zur Schule fahren und Cupcakes backen, ein Graus. Ich möchte arbeiten gehen und Interessen haben, und nicht alles nur aus dem Kind herleiten. Aber ich finde auch: Eltern sind Eltern. Keine Freunde. Es ist schön, wenn der Kontakt eng ist, aber ich denke, man sollte die Rollen nicht vermischen.

War das Buch geplant oder hat es sich ergeben?

Silke Burmester (lacht): Es ist aus der Not geboren. Weil das Leiden wirklich groß war, weil Schreiben mein Medium ist und ich irgendwann merkte: Das bin ja gar nicht nur ich. Das geht anderen auch so. Und in dem Moment wusste ich, das ist ein Thema für ein Buch. Ich habe die Idee dann mit meiner Agentin besprochen, und sie fand das auch ein gutes Thema.

Sie haben eine Agentin?

Silke Burmester: Ja. Dies ist mein drittes Buch. Und mir ist nach dem ersten sehr schnell klar geworden, dass die Konditionen deutlich besser ausfallen können, wenn man einen Profi an der Seite hat.

Welches ist Ihre Lieblingsstelle in "Mutterblues"?

Silke Burmester: Ich mag den Einstieg sehr (Anm. d. Red.: "Der Mensch, den ich vor 17 Jahren geboren habe, steht in der Küche und brät sich ein Ei."), denn ich weiß noch genau, wie ich am Küchentisch saß und meinen Sohn angeguckt habe. Diese Ambivalenz zwischen der Freude über das, was ich sehe, und dem Schmerz, der sich einstellte, das Kind bald gehen lassen zu müssen, hat das Dilemma in dem Moment sehr greifbar werden lassen.

Mein Lieblingssatz ist: "Ich werde auch mit 70 noch in knallroten Hosen rumlaufen und meinen Enkeln erzählen, dass sie nicht auf der Welt sind, um sich an Vorgaben zu halten, sondern um die Welt zu gestalten."

Silke Burmester: Ja. Aufbegehren! Randale!

Kürzlich haben Sie Ihre Medienkolumne in der "taz" beendet. Nach sieben Jahren als Kriegsreporterin aus der "Branche der Schisser und Anpasser" hatten Sie "keine Lust mehr, den Kopf hinzuhalten". Das klingt so gar nicht nach der Frau in roten Hosen, die ihre Enkel zur Aufmüpfigkeit aufruft. Wie passt das zusammen?

Silke Burmester: Das passt zusammen. Das Aktionsfeld verlagert sich nur ein bisschen. Sieben Jahre lang habe ich mit großer Freude und Enthusiasmus versucht, des Kaisers neue Kleider zu entzaubern und habe natürlich auch draufgehauen. Und irgendwann war es mal gut. Das heißt aber nicht, dass der Wille, die Welt zu gestalten, sich einzubringen, nicht mehr da ist. Ich habe nur keine Lust mehr, in die Branchennews reinzuschauen. Ich klick das weg, und es tut mir unglaublich gut. Ich habe mich ständig geärgert über diese Kinderkacke, die zum Teil in den Verlagen los ist. Immer zu denken, sind die doof, das könnte doch alles viel besser sein - das kostet viel Energie, die würde ich jetzt lieber für anderes einsetzen. Ich habe mich lange genug an Gruner & Co. abgearbeitet. (Pause) Und die werden ja auch besser. Die haben meine Rufe gehört!

Na dann: Mission erfüllt?

Silke Burmester (lacht): Kann man ja mal behaupten.

Gibt es neue Pläne?

Silke Burmester: Ich schreibe ein wenig vor mich hin. Aber tatsächlich gibt es Pläne. Ich bastele an einem Konzept für ein Print- und Onlinemagazin. Und wenn das gelingen sollte, dann steht es absolut in der Tradition des Gestaltenwollens und des Sicheinmischens. Mehr möchte ich nicht dazu sagen.

Wird es etwas Medienjournalistisches sein?

Silke Burmester: Nein, nichts Medienjournalistisches.

Wann wird das Baby geboren?

Silke Burmester: Schwer zu sagen. Wenn ich die Mittel hätte, könnte ich innerhalb kürzester Zeit etwas unglaublich Gutes raushauen. Ich habe aber nicht viel Vertrauen in die großen Verlage. Ich möchte mir das Konzept auch nicht von einer Anzeigenabteilung kaputtmachen lassen. Über Kooperationen kann man nachdenken, aber generell muss ich versuchen, es selbst aufzustellen. Das ist aber ein Riesenschritt.

Haben Sie Mitstreiter?

Silke Burmester: Ich habe mir schon Leute gesucht. Ich möchte das auch nicht allein machen müssen, denn es gibt etliche Bereiche, in denen ich nicht fit bin und für die es Fachleute gibt. Geschäftsführung und Vertrieb zum Beispiel. Ich bin auch keine Onlinestrategin. Tatsächlich fühlte es sich ein bisschen so an, als würde ich ein Kreuzfahrtschiff bauen. Natürlich muss ich zusehen, dass ich einen Maschinisten ranhole, einen, der Karten lesen kann, und jemand, der die Küche bestückt. Die Größenordnung hat das.

Sie engagieren sich seit Jahren bei ProQuote. Ziel des Vereins ist, dass 30 Prozent der journalistischen Führungsjobs mit Frauen besetzt sind. Werden Sie sich weiter dort einbringen?

Silke Burmester: Auf jeden Fall. Ich arbeite fleißig daran, dass ProQuote sich nächstes Jahr wie versprochen auflösen kann, weil alle die Quote erreichen und der Verein seine Aufgabe erfüllt hat.

Sehen Sie denn eine Verbesserung für Frauen und Mütter im Journalismus?

Silke Burmester: Das Grundproblem ist schon, dass wir immer noch über Frauen und Mütter reden anstatt über Eltern im Journalismus. Die Männer haben nicht die gleiche Problematik wie wir. Wenn sie die hätten, würden die Strukturen sich ändern. Ich verstehe das nicht: Zwei Menschen, ein Mann und eine Frau, haben ein Kind, und die Frau ist die Gearschte. Da ist doch was falsch. Die Frauen sind auch teilweise selbst daran schuld. Die haben einen Partner und lassen ihn damit durchkommen, dass er sich weniger um die Kinder kümmert, dass er eben keinen Kuchen backen, nicht zu Hause bleiben muss, wenn das Kind krank ist. Und weil die Frauen den Männern das einräumen, läuft es auch noch so weiter.

Wie war das bei Ihnen?

Silke Burmester: Für mich war klar: Ich möchte beides - sowohl meine Arbeit als auch mein Kind. Deshalb haben mein früherer Partner und ich uns die Zeit geteilt, und zwar 50:50. Und es war großartig. Das Kind hat eine so tolle Vaterbeziehung, das ist superschön. Für mich war es immer wichtig, zu arbeiten - auch um Geld zu verdienen. Ich bin nicht alleinerziehend, aber nach der Trennung habe ich meinen Anteil selbst finanziert. Da muss man voll arbeiten, das ist anders gar nicht möglich.

Wie sah Ihr Alltag aus?

Silke Burmester: Ich habe zum Teil morgens, bevor mein Sohn in die Schule ging, geschrieben. Während der Schule habe ich Redaktionsdienste gemacht. Und abends, wenn er im Bett war, habe ich weiter geschrieben. Ich habe tierisch gekeult. Und am Wochenende sowieso. Über Jahre war Wochenendarbeit total normal. Das war schon heftig.

Würden Sie trotzdem zur Freiberuflichkeit raten?

Silke Burmester: Ich finde Freiberuflichkeit für Leute mit Kindern wirklich gut. Weil du deine Zeit flexibel gestalten kannst. Ganz viele Freiberufler haben Kinder, und abends, wenn die im Bett sind, arbeiten sie. Das ist eben so. Dafür haben sie einen netten Nachmittag mit den Gören. Schlimm ist jedoch der existenzielle Druck: Du hast keine Verlässlichkeit, was die Einkünfte anbelangt. Und selbst wenn du verlässliche Abnehmer hast, heißt das nicht, dass du auf die benötigte Summe kommst. Wegen des ständigen Honorarverfalls musst du übermäßig viel arbeiten.

Geht Ihnen das jetzt auch noch so? Sie schreiben immerhin für Medien wie die "Süddeutsche" und "Spiegel Wissen".

Silke Burmester: Die großen Medien zahlen ja nicht unbedingt besser. Bei mir ist es jetzt einigermaßen entspannt, auch weil mir Materielles nicht so wichtig ist. Aber angenommen, du hast eine Familie und musst einen Umsatz von 4.000 Euro machen, damit du am Ende etwas über 2.000 rauskriegst - das ist ein tierisches Gerödel. Das Freisein kommt uns Eltern einerseits entgegen, aber was das Finanzielle anbelangt, ist es wirklich schwierig.

INFOS

Zum Buch: "Silke Burmester: Mutterblues. Mein Kind wird erwachsen, und was werde ich?" Kiepenheuer & Witsch, 244 Seiten, Erscheinungstag: 8. September 2016, 14,99 Euro, ISBN 978-3-462-04952-7

Über Silke Burmester: geboren 1966, Journalistin, Kolumnistin und Autorin, schreibt über Medien, Kultur und Gesellschaftspolitik u.a. für "Süddeutsche Zeitung", "Spiegel Wissen" und die "taz". Bei Kiepenheuer & Witsch sind von ihr erschienen: "Das geheime Tagebuch der Carla Bruni" sowie "Beruhigt Euch!"

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