Jochen Wegner über die Zeit-Online-Konferenz "Z2X – Festival der neuen Visionäre": "Alle hatten Lust, die Welt zu verändern"

 

Am ersten Septemberwochenende feierte Zeit Online sein zwanzigjähriges Bestehen - mit einer großen Konferenz für Twens. 600 Menschen kamen nach Berlin, um "das eigene Leben zu verbessern - oder die Welt". Große Worte, große Ziele und ein großer Erfolg. Kress.de traf den enthusiasmierten und sichtlich bewegten Chefredakteur des Portals, Jochen Wegner, am Tag danach zum Gespräch.

kress.de: Haben Medien wie Zeit Online die jungen Leute verloren?

Jochen Wegner: Bei Zeit Online sehen wir eher das Gegenteil. Wir sind von den großen Nachrichtenangeboten das jüngste und haben die meisten studentischen Leser. Das heißt natürlich nicht, dass wir ausschließlich junge Leser haben, aber vor allem jüngere wachsen uns stark zu im Moment.

Wenn diese Zielgruppe ohnehin so stark wächst, warum dann so eine große, aufwendige Konferenz wie Z2X?

Jochen Wegner: Die Idee für Z2X wurde aus anhaltender Ideenlosigkeit geboren. Lange hatten wir keine rechte Eingebung, was wir zum 20. Jubiläum von Zeit Online machen sollten. Wir wussten nur, was wir nicht wollten: eine gewichtige Konferenz oder Dokumentation zu Zukunft oder Vergangenheit der digitalen Medien. Dann kamen wir kurz vor dem Termin auf die Idee, unseren 20. einfach mit anderen 20-Jährigen zu feiern. Daraus ist Z2X geworden. Hinzu kam, dass wir als Redaktion langsam selbst den Eindruck haben, immer mehr darüber schreiben zu müssen, wie die Welt auseinander bricht - obwohl wir eigentlich für etwas anderes stehen. Deswegen wollten wir mit den Teilnehmern ausschließlich darüber reden, wie wir die Welt wieder zusammensetzen, wie wir sie besser machen können.

Das klingt ein bisschen kitschig.

Jochen Wegner: Ja! Kitschig und verkopft, und wir wussten weder genau, ob das jemanden interessiert, noch, was da kommt. Und dann haben sich nach der ersten Ankündigung in wenigen Tagen 5.000 Interessierte für Z2X registriert. Als klar war, dass wir aus der Nummer jetzt nicht mehr rauskommen, kamen wir darauf, dass die Teilnehmenden das Programm komplett selbst gestalten könnten. Vom klassischen Workshop über "Frag-mich-alles", das von Reddit inspiriert ist, bis zu 5-minütigen "Blitzvorträgen", inspiriert von TED. Eine Jury hat sich dann durch tausende Vorschläge gearbeitet - statt den angepeilten maximal 500 haben wir am Schluss fast 600 Leute nach Berlin eingeladen. Mehr fasste die zentrale Halle des Veranstaltungsorts beim besten Willen nicht.

Und sie waren praktisch zwei Tage nonstop mit Ihnen zusammen. Wie feiert es sich mit Twens?

Jochen Wegner: Wir haben Samstagabend tatsächlich eine Party gegeben, aber gesagt, Punkt eins machen wir Schluss. Haben wir auch - und dann festgestellt, dass die meisten direkt ins Bett sind, obwohl der Club Berghain schräg gegenüber liegt, weil sie morgens fit sein wollten. Wir waren bei der Abschlusspräsentation der Workshops so voll wie am ersten Tag. Das war wirklich sehr speziell.

Dabei hat ja diese Generation 2X einen eher schlechten Ruf unter Medienmachern.

Jochen Wegner: Ja, denen wird ja immer vorgeworfen, sie wären antriebslos, auf sich bezogen und angepasst, und jammerten viel. Nichts davon kann ich nach Z2X bestätigen. Wenige der Themen, die zu unseren Favoriten gehörten, fanden die Teilnehmenden genau so toll. Sie haben völlig andere Sachen vorgeschlagen und die Besucherzahlen in den Workshops waren auch ganz anders als erwartet. Wer ahnt schon, dass das "Globale Grundeinkommen" mehr interessiert als Conchita Wurst? Die 2X-Teilnehmer waren dabei nicht angepasst, sondern sehr entschlossen kooperativ und sozial intelligent, wir waren davon sehr begeistert - dass wir solche Leser haben, dass sie wirklich existieren. Z2X hatte zwei Tage lang eine extrem konzentrierte, extrem engagierte Atmosphäre. Und die Projekte waren exzellent und teilweise sehr konkret.

Das schreit nach Wiederholung.

Jochen Wegner: Absolut, und obwohl Z2X als einmalige Veranstaltung geplant war, machen wir auf jeden Fall nächstes Jahr wieder eines - und zudem, so hoffen wir, dazwischen auch kleinere lokale Veranstaltungen. Noch während des Festivals haben uns viele angesprochen, aus Wien, München, Bozen, Köln, und in der Nacht nach Ende der Veranstaltung haben sich bereits mehrere lokale Z2X-Gruppen auf Facebook gegründet und eine große Organisationsgruppe auf Slack, die die Ergebnisse weitertreibt. Wir sind versehentlich Gastgeber einer Community geworden, die sich bereits selbst organisiert - besser hätte es nicht laufen können. Wir haben aber versprochen, eine zentrale Anlaufstelle zu bleiben, wo sich die Leute auch ohne Facebook vernetzen können, das viele kritisch sehen. Das war ohnehin sehr spannend für uns, es gab eine distanzierte Grundeinstellung gegenüber vielen sozialen Medien. Bestimmt 20, 25 Prozent der Z2Xler wollen kein Facebook. Also werden wir eine minimale, vertrauenswürdige Plattform anbieten, auf der jeder jeden wiederfinden kann. Und auch die 5.000, die wir nicht einladen konnten, können dort mit drauf.

Wie haben Sie Ihr eigenes Redaktionsteam animiert, bei der Konferenzplanung und Umsetzung mitzuziehen?

Jochen Wegner: Durch Freiwilligkeit. Wir haben viele junge Kolleginnen und Kollegen hier, die dieselben Themen umtreiben, die bei Z2X diskutiert wurden. Die haben uns natürlich im Vorfeld schon geholfen, die Idee überhaupt zu entwickeln. Als es dann ernst wurde, haben wirklich sehr viele mit angepackt - sonst wären wir gescheitert. Aber wir können das nie wieder so machen, das würde uns als Redaktion völlig aus der Bahn werfen. Das nächste Mal würden wir gerne die grundlegende Organisation an unsere Veranstaltungs-Tochter Convent übergeben, die macht das professionell für unser gesamtes Haus und war dieses Mal bereits beratend und mit einem kleinen Team auch vor Ort dabei. Wir würden uns in Zukunft am liebsten nur noch um das kümmern, was wir am besten verstehen - um das Kuratieren der Themen und um die Community.

Und wie ist die Stimmung der Generation 2X?

Jochen Wegner: Naja, vielleicht war unser sehr aufwändiges Bewerbungsverfahren ein Filter, der alles positiv verklärt, aber bei Z2X waren nur Leute, die unheimlich engagiert und intelligent waren, unbedingt was machen wollten. Die meisten hatten keine Lust auf klassische Politik, aber alle hatten Lust, die Welt zu verändern. Was mich tief beeindruckt hat, war die ruhig fließende Selbstorganisation der Menschen, im Hintergrund unterstützt von Whatsapp und Facebook-Chat. Alle waren leidenschaftlich daran interessiert, dass es funktioniert und haben versucht, es so kooperativ wie möglich zu machen, auch, wenn immer mal wieder die Infrastruktur versagte. Es war eine unglaublich hohe Energie im Raum. Die wollten, dass es klappt.

Sie hatten ja auch einige wenige Promis da, die Eurovision-Gewinnerin Conchita Wurst zum Beispiel. Wie kam die an?

Jochen Wegner: Die Teilnehmenden schienen inspiriert, ich war es auch. Conchita Wurst wollte keinen Auftritt, kein Interview, keinen Vortrag - sie hat auf ein Frag-mich-alles in kleiner Runde mit 40, 50 Leuten bestanden. Ich war eine Weile im Raum, und die Debatte war sehr offen, sicher wegen der eher privaten Atmosphäre. Dort saß eine bunte Mischung von Menschen, Durchschnittsleute wie ich, aber auch welche mit grünen Haaren und mit Kopftüchern, und haben über Selbstwahrnehmung und Authentizität gesprochen, und darüber, wie viele Rollen man eigentlich in sich trägt - auf einem Niveau, das mich beeindruckt hat. Ich kannte Conchita Wurst nicht und war überrascht. Aber nicht nur Conchita war ein Erfolg, wir hatten viele Workshops, bei deren Themen wir dachten, da kommt vielleicht keiner, und plötzlich saßen da 40, 50 Leute und führten eine leidenschaftliche Debatte. Von wirklichen Ausfällen habe ich nicht gehört, das ist ein kleines Wunder.

Kann das Konzept auch bei anderen Häusern funktionieren?

Jochen Wegner: Ich würde alle ermutigen, es zu versuchen. Es ist die kostbarste Marktforschung, die wir machen können. Die Chance zu haben, mit solchen großartigen Menschen zu reden, eine Zielgruppe junger, gebildeter, veränderungswilliger Leute zu treffen, die dem eigenen Medium verbunden sind - das ist mit keinem Marktforschungsetat aufzuwiegen. Es wäre auch gefährlich, schon im Vorfeld ausschließlich an die Monetarisierbarkeit zu denken, und doch glaube ich, dass sich solch ein Event tragen kann. Das war in unserem Fall erst sehr spät klar und wir sind unserem unternehmungslustigen Verlag dankbar, dass er dieses Risiko dennoch eingegangen ist. Ich bin zuversichtlich, dass wir Z2X auch im kommenden Jahr wieder als Nullsummenspiel veranstalten können. Es ist aber kein Geschäftsmodell, sondern eine Herzensangelegenheit.

Vor Ort war auch Ihr Chefredakteurskollege Giovanni di Lorenzo. Wie hat er als Printler die Internetleser wahrgenommen?

Jochen Wegner: Mein Eindruck war, dass er von der Atmosphäre ebenso fasziniert war wie ich. Aber generell haben alle, mit denen man vor Ort sprach, gefühlt, dass es besonders ist. Die Interaktion, die über das bloße Senden-und-Empfangen gewöhnlicher Konferenzen hinausging, und der Wille, Projekte anzupacken, waren einmalig - ich habe so etwas jedenfalls in dieser Form noch nicht erlebt. Früher hat man zu diesem Zweck vielleicht politische Parteien gegründet. Heute möchten viele nicht mehr in einer Partei sein, was sehr bedauerlich ist, aber viele möchten sich auch engagieren für die Verbesserung der Welt. Dafür muss es Plattformen geben im realen Leben, für eine Politik neben der Politik. Einen Ort, an dem wir uns austauschen können, real und persönlich.

Ist das eigentlich eine Gegenbewegung zum Digitalen?

Jochen Wegner: Das Digitale ist immer da, aber es ist nur ein Mittel zum Zweck. In den Whatsapp-Gruppen geht es nur darum, ein nächstes Treffen zu organisieren, nicht darum, politische Debatten zu führen. Ironischerweise war der teuerste Kosten-Posten, in den wir investieren mussten, ein professionelles, hoch verfügbares WLAN mit größtmöglicher Bandbreite von Profis aufbauen zu lassen. Natürlich ist das Netz gleich am ersten Tag kollabiert. Eineinhalb Tage kein schnelles Internet, nur mobile Verbindungen. Und es war allen egal. Außer uns hat interessanterweise auch kaum jemand permanent aufs Display gestarrt. Die Teilnehmenden waren voll auf sich konzentriert. Viele Klischees, die ich so im Kopf hatte, haben sich ins Gegenteil verkehrt.

Werden Chefredakteure also die neuen Parteichefs?

Jochen Wegner: Nein, sie werden Gastgeber. Natürlich braucht moderner Journalismus eine Haltung, wir müssen Themen recherchieren und einschätzen, aber vor allem sind wir Gastgeber einer Diskussion. Je stärker man sich selbst aus der Gleichung nimmt und den Leuten eine Stimme gibt, desto spannender finden die das. Ein guter Gastgeber achtet übrigens auch darauf, dass seine Gäste zu ihm und zueinander passen - auch das ist eine Aufgabe, für die Journalisten wichtig sind. Die Menschen wollen in guter Atmosphäre kommunizieren, sie wollen interagieren, sie haben Ideen, und manche dieser Ideen sind sehr gut. Ich bin gespannt, wie nachhaltig das ist, aber mein erster Eindruck ist: das wird nicht einfach so verpuffen. Wir haben im Moment Probleme, mit dem Schritt zu halten, was die Z2X-Community nach dem Event bereits auf die Beine gestellt hat.

Gibt es schon Pläne, für weitere Konferenzen, eine Z3X zum Beispiel?

Jochen Wegner: Darüber haben wir auch schon gescherzt. Viel spannender fände ich irgendwann eine Z6X oder Z7X. Die 2Xer verstehe ich im Ansatz noch, aber 7X - das sind zum Teil fremde Länder.

Mit Jochen Wegner, Chefredakteur von "Zeit Online", sprach kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük. Mitarbeit: Tania Witte.

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