"FAZ"-Redakteurin Karen Krüger: "Auch ich trug falsche Stereotype vom Islam mit mir herum"

 

Einen ganz eigenen Beitrag zur Islam-Debatte liefert die "FAZ"-Feuilleton-Redakteurin Karen Krüger. Sie hat diverse muslimische Gruppen besucht und daraus das Buch "Eine Reise durch das islamische Deutschland" gemacht. Ihre Erfahrungen waren durchweg angenehm - nur in Dresden, bei der islamkritischen Pegida hat sie sich nicht wohl gefühlt. kress.de sprach mit der 40-Jährigen über ihre Erfahrungen.

kress.de: Sie sind kreuz und quer durch "das islamische Deutschland", wie Sie es nennen, gefahren. Gleich zu Beginn haben Sie sich ein Kopftuch gekauft. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Karen Krüger: Das Kopftuch hatte ich mir gekauft, da ich an einer islamischen Bestattung teilnehmen wollte. Ich meinte gehört zu haben, dass Frauen ihr Haar bei diesem Anlass bedecken. Doch dann merkte ich schnell, dass ich muslimischer gekleidet war als die Muslimas, die Teil der Trauergemeinde waren. Ich war also einer falschen Vorstellung aufgesessen. Danach habe ich das Kopftuch nicht mehr getragen. Vielleicht wäre die Reise ohne dieses Textil aber dennoch anders verlaufen. Es hat mir gleich zu Beginn gezeigt, dass auch ich falsche Vorstellungen und Stereotype mit mir herumtrage.

Welche waren das?

Karen Krüger: Wissen Sie, das spielte sich wohl vor allem unterbewusst ab; es ist schwer zu benennen. Ich muss aber gestehen, dass ich beispielsweise durchaus von einigen meiner Gesprächspartnerinnen mit Kopftuch überrascht war. Sie waren äußert klug, gebildet, intelligent, selbstbewusst und weltoffen. Ich glaube, ich hatte diesen Frauen zu wenig zugetraut. Das Kopftuch wird in der deutschen Öffentlichkeit noch vorwiegend mit geringem Bildungsstand und engen Denkweisen assoziiert. Das wirkt sich unweigerlich auf die Erwartungen aus, mit denen man diesen Frauen dann selbst begegnet. Es war äußerst lehrreich für mich, von ihnen überrascht zu werden.

Hat sich Ihr Islam-Bild also durch die Recherche geändert?

Karen Krüger: Ja, ich habe sehr viel über Religion gelernt, denn ich bin ja keine Islamwissenschaftlerin. Aber eines weiß ich nun: Es gibt nur sehr wenige Muslime in Deutschland, vor denen wir uns fürchten müssten. Die meisten leben einen Islam, der nicht im Widerspruch zu den Grundsätzen unserer Gesellschaftsordnung steht. Insofern hat sich mein Eindruck, den ich schon vorher hatte, bestätigt.

Ist der Islam "nur" eine Religion oder auch eine politische Ideologie, wie dessen Kritiker sagen?

Karen Krüger: Es kommt darauf an, was der Einzelne daraus macht. Für sich genommen, ist der Islam nur eine Religion. Es gibt aber Muslime, die aus dem Islam eine politische Ideologie ableiten - beispielsweise Salafisten. Dem Verfassungsschutz zufolge sind sie, im Vergleich zu den etwa vier Millionen hier lebenden Muslimen, eine kleine Gruppe. Aber man muss auch sagen, dass sie leider die derzeit am schnellsten wachsende sind.

Wie reagieren "normale" Muslime aus Ihrer Sicht auf diese Extremisten?

Karen Krüger: Mit klarer Ablehnung. Da besteht kein Unterschied zu Nicht-Muslimen. Viele Muslime bemühen sich ja sogar als Sozialpädagogen oder Gefängnisseelsorger darum, Islamisten wieder in die demokratische Gesellschaft zurückzuholen.

Welche Station, die Sie besucht haben, hat Ihnen am besten gefallen?

Karen Krüger: Das kann ich so nicht sagen. Mir hat es überall gefallen. Den meisten Menschen, die ich traf, bin ich zuvor ja nie begegnet, deshalb war jede dieser Begegnungen sehr intensiv und voller Überraschungen. Jede hatte ihren ganz eigenen Charme.

Was gefiel Ihnen gar nicht?

Karen Krüger: Das war die Pegida-Veranstaltung am 9. November in Dresden. Während überall in Deutschland der Pogromnacht gedacht wurde, skandierten Menschen auf dem Dresdner Theaterplatz fremdenfeindliche Parolen. Zuvor waren dort schon Journalisten angegriffen worden. Bei meinen Kontakten mit Muslimen hatte ich nicht einmal ein solch ungutes Gefühl wie dort.

Waren Ihre Besuche bei den Muslimen also Teil einer Wohlfühlreise?

Karen Krüger: Nein, ich wollte Muslime treffen, von denen man sonst nichts hört. Muslime, die in keine Talkshow eingeladen werden, weil sich die Religion, wie sie sie leben, nicht auf das Streitbare reduzieren lässt. Mein Ziel war, sozusagen den Mainstream-Muslimen zu begegnen; der großen, schweigenden, integriert lebenden Masse: der schwäbischen Hausfrau, dem Hamburger Bestatter, dem libanesischstämmigen Bundeswehrsoldaten. Ich habe beispielsweise keine Moschee besucht, in der Extremisten verkehren. Das wollte ich nicht, denn darüber gibt es schon genügend Reportagen, wie es dort zu geht, ist bekannt. Trotzdem verschweigt mein Buch nicht, dass es gefährliche Interpretationsweisen des Islams in Deutschland gibt. Ich begegne ihnen indirekt, etwa durch eine Berliner Rapperin, die lange in salafistischen Kreisen verkehrte und von dieser Zeit erzählt, oder durch einen muslimischen Gefängnisseelsorger in Wiesbaden, der versucht, Salafisten auf den rechten religiösen Weg zurückzubringen.

Sie sind in Istanbul aufgewachsen und haben dort Abitur gemacht. Welche Rolle hat die Religion in Ihrer Jugend gespielt? Gehören Sie einer Konfession an?

Karen Krüger: Mein Vater war Lehrer, und als ich 14 war, zogen wir nach Istanbul, weil er dort eine Stelle an einer deutsch-türkischen Schule annahm. Ich machte Abitur an der Deutschen Schule in Istanbul und wurde dort in der deutschen evangelischen Gemeinde konfirmiert. Ich gehöre bis heute der evangelischen Kirche an. Istanbul war damals deutlich weniger islamisch geprägt als heute. Kopftücher sah man so gut wie gar keine. Trotzdem war die Religion da und machte sich bemerkbar, etwa durch die vielen Moscheen und den Ruf des Muezzins. Zwischen mir und meinen türkischen Freunden spielte es aber nie eine Rolle, dass sie Muslime und ich Christin bin.

Gab Ihnen Ihre Jugend in der Türkei auch den Impuls, sich auf "eine Reise durch das islamische Deutschland" zu begeben?

Karen Krüger: Als Journalistin bin ich auf die Türkei und den Nahen Osten spezialisiert. Dort hat die Religion in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Was den Islam angeht, ging mein Blick also meistens in die Ferne. Doch auch hier in Deutschland wird die Religion immer wichtiger, und es wird zunehmend über sie debattiert. Deshalb beschloss ich, einmal nachzuschauen, wie es denn nun ist, dieses islamische Deutschland, von dem immer wieder geredet wird. Meine Türkei-Erfahrung hat also eher indirekt den Impuls gegeben.

Sie schreiben in Ihrem Fazit: "Dass der Islam Teil der deutschen Lebenswirklichkeit ist, ist aufregend und bereichernd." Warum?

Karen Krüger: Der Islam macht Deutschland vielfältiger. Allein das ist schon eine Bereicherung. Das bedeutet nicht, dass diese Entwicklung immer einfach ist und sein wird. Doch die Vielfalt zwingt uns, über unseren Tellerrand zu schauen, und die Gesellschaft muss viele Dinge miteinander aushandeln, wie zum Beispiel, wo ein Kopftuch getragen werden darf, ob die Burka generell verboten werden soll und ob wir noch mehr Moscheen in Deutschland wollen und wenn ja, wie diese aussehen könnten. Diese Diskussionen bringen uns, wenn sie verantwortungsvoll geführt werden, letztendlich weiter, auch wenn sie manchmal schmerzhaft sind. Mir fällt dazu etwas ein, was ein Muslim aus Stuttgart sagte, den ich auf meiner Reise traf: "Gott möchte, dass wir unterschiedlichen Religionen angehören. Wenn Gott es anders gewollt hätte, dann wäre es auch so. Offenbar ist ihm lieber, dass wir verschiedenen Religionen angehören, uns darüber austauschen, manchmal auch streiten und mit dieser Vielfalt leben." Ich denke, der Mann hat insofern recht, als dass man durch Differenz ja aneinander wachsen kann.

Sie sprechen in dem eben von mir erwähnten Zitat auch von "dem Islam". Eine halbe Seite vorher schreiben Sie aber, man dürfe nicht von "dem Islam" sprechen, das sei "falsch"? Wie passt das zusammen? Gilt das nur, wenn man negativ über ihn spricht?

Karen Krüger: In meinem gesamten Buch habe ich klargemacht, dass es den einen Islam nicht gibt, dafür ist diese Religion viel zu vielschichtig. In Deutschland meinen in der Tat viele, wenn sie von dem Islam sprechen, jenen Islam, in dessen Namen Gewalt ausgeübt wird. Ich denke, das ist vor alle der Unwissenheit der Menschen geschuldet. Wenn ich nun selbst am Ende des Buches, von dem Islam spreche, dann weiß jeder Leser, dass ich die verschiedenen Ausrichtungen mitdenke, ohne dass ich das jedes Mal explizit sage.

Warum sind gerade in den Feuilletons und den politischen Eliten so viele Menschen verzückt vom Islam?

Karen Krüger: Ich spüre da eigentlich keine Verzückung.

Dann nennen wir es vielleicht Blauäugigkeit und Wohlwollen.

Karen Krüger: Das trifft es schon eher. Gerade in Bezug auf Kopftuch und Burka wird oft der Zwang ausgeblendet. Natürlich entscheiden sich viele Frauen aus freien Stücken für das Tuch. Aber man muss auch bedenken, dass viele von ihnen in stark patriarchalen Zusammenhängen sozialisiert worden sind, in denen einer Frau nicht unbedingt eine eigene Meinung zugestanden wird. Es bringt nichts, das schönzureden. Auch der Satz, dass die Gewalt islamistischen Terrors nichts mit dem Islam zu tun habe, gehört in diese Kategorie. Das ist falsch. Denn die Extremisten begründen die Anwendung von Gewalt nun einmal mit dem Koran. Allerdings reißen sie die betreffenden Suren aus dem Zusammenhang. Das kann man aber nicht. Für sich alleine genommen sind die Suren vergleichbar mit einer Twitter-Botschaft, deren Absender und Kontext man nicht kennt: Man kann sie nicht richtig interpretieren.

Was kann die deutsche Gesellschaft vom Islam lernen?

Karen Krüger: Ich weiß nicht, ob unsere Gesellschaft etwas vom Islam lernen kann. Dafür ist Religion eine viel zu individuelle Angelegenheit. Man kann sein persönliches Lebensgerüst an religiösen Werten ausrichten, muss das aber nicht tun. In Deutschland sollte das jeder für sich ganz frei entscheiden können.

Mit  "FAZ"-Feuilleton-Redakteurin Karen Krüger sprach kress.de-Autor Frank Hauke-Steller.

Ihre Kommentare
Kopf

Lothar

08.09.2016
!

Es gibt, außer- bisher/NOCH -Libanon u. Türkei in dem der Mehrheits-Glaube Islam ist, wo Islam nicht Staatsreligion ist und alle "Nicht Rechtgläubigen" Menschen 2.Klasse sind. Angesichts dessen ist es unfassbar naiv, den Islam an dem zu messen wie er sich in einer Gesellschaft darstellt, in der Staatsreligionen untersagt sind. Er kann nur gemessen werden daran, wie er sich in ISLAMISCHEN Staaten darstellt. DAS ist die WIRKLICHKEIT, die bei noch mehr Muslimen auch in Europa zwangsläufig wäre.


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