"Nicht die Macht, eine Partei zu verhindern": Die AfD, die Rückkehr der Politik und die lokalen Medien

09.09.2016
 

Der Erfolg der AfD am vergangenen Sonntag in Mecklenburg-Vorpommern zeigt, dass die Medien an der Partei nicht vorbeikommen. Aber wie sollen Medien, wie sollen Redaktionen von Lokal- und Regionalzeitungen mit ihr umgehen?

Für Andreas Ebel bot der Wahlsonntag in Mecklenburg-Vorpommern eine Überraschung: "Ich hätte gedacht, dass die AfD noch mehr Stimmen holen würde als die 20,8 Prozent", sagt der Chefredakteur der "Ostsee-Zeitung". Diese Erwartung speiste sich aus den zwei Erfahrungen, die Ebel während des Wahlkampfes gemacht hatte. Er hatte in dieser Zeit vier Foren für die Leser seines Blattes moderiert und dabei zwei Feststellungen gemacht: "Erstens herrschte dort eine ziemlich aggressive Stimmung im Publikum. Und zweitens diskutieren die Leute wieder über Politik". Das war, so Ebels Erinnerung, vor fünf Jahren noch ganz anders gewesen. Damals habe sich fast niemand für Landtagswahl interessiert.

Im Nordosten zeigte sich erneut, dass die Rechtspopulisten besonders auf dem flachen Land stark sind. Dass dadurch den lokalen Medien eine besondere Rolle zufällt, glaubt Heike Groll aber nicht. Groll, die als Leitende Redakteurin bei der "Magdeburger Volksstimme" arbeitet, blickt regelmäßig über den Tellerrand ihres eigenen Blattes und ihres Bundeslandes Sachsen-Anhalt hinaus. Denn sie ist auch ehrenamtliche Sprecherin der Jury, die die Träger des renommierten Preises für Lokaljournalismus der Konrad-Adenauer-Stiftung auswählt. Sie sagt: "Ich glaube nicht, dass lokale Medien die Macht haben, eine Partei zu verhindern".

Und das sollten sie ihrer Ansicht nach auch gar nicht. Lokale Medien hätten wie alle anderen Medien auch, die Aufgabe, eine journalistische Haltung an den Tag zu legen: vorurteilsfrei berichten, Fakten bringen, Tatsachen und Meinung klar trennen. "Das gilt selbstverständlich auch für die AfD".

Vorwurf Lügenpresse: "Wir sind sensibler geworden"

Das sieht Andreas Ebel nicht anders. "Wir haben darüber auch in der Redaktion gesprochen", sagt der Chef der "Ostsee-Zeitung", die in Rostock erscheint. Indirekt gibt Ebel zu, dass der Umgang mit der AfD nicht immer ganz korrekt gewesen sei, wenn er sagt: "Ich selbst als auch meine Kollegen sind da sensibler geworden". Die Wut vieler Menschen über eine angebliche "Lügenpresse" - ob zurecht oder nicht - hat also offensichtlich durchaus seine Wirkung nicht verfehlt. Denn immerhin war das Nachdenken erfolgreich: "Der Vorwurf der Lügenpresse ist eigentlich fast vollständig verschwunden", so Ebel.

Eine Erfahrung, die Heike Groll in Sachsen-Anhalt, wo die AfD ja mit 24,3 Prozent im März noch stärker abschnitt als im Nordosten, noch nicht teilen kann: "Meine Kollegen sind diesem Vorwurf noch immer stark ausgesetzt, auch auf lokaler Ebene". Viele Journalisten in Deutschland hätten eine stark AfD-kritische Haltung und da müsse man sehr aufpassen, dass sich dies nicht in der reinen Berichterstattung wiederfinde. "Dafür sind die Kommentare da".

Dass lokaler Journalismus einen großen Einfluss auf die Wahlentscheidungen der Wähler hat, glauben weder Groll noch Ebel. Aus einem ganz einfachen Grund: "Die AfD hat kaum lokale Themen. Selbst in der Landespolitik steht sie auf sehr schwachen Beinen. Die Leute wählen sie fast ausschließlich, wegen der bundespolitischen Themen", so Ebels Erfahrung.

Immerhin einen Grund, der auf landes- und lokaler Ebene wichtig für einen Teil der AfD-Wähler war, gab es gerade in Mecklenburg-Vorpommern: der Rückzug von Staat und Gesellschaft aus der ländlichen Fläche. Überall schließen Behörden, Krankenhäuser oder kulturelle Einrichtungen. Viele Menschen müssen danach viel weiter fahren, um sie zu erreichen - mit der Folge, dass sich viele einfach abgehängt fühlen. Das schürt Frust, von dem die AfD profitiert. Auch viele regionale Zeitungen kommen nur noch zum Teil aus ihrer Region. Wie die Ostsee-Zeitung, deren Mantel bei Madsack in Hannover hergestellt wird.

Eine Entbindung der Redaktion mit den Lesern sieht Andreas Ebel deshalb aber nicht. "Wir heben viele regionale Themen in den Mantel und die werden von unseren lokalen Redaktionen gemacht". Von außen kämen nur wenige Seiten komplett: Die Politik und das Panorama. Und daran, die lokalen Büros der "Ostsee-Zeitung" abzubauen, denke niemand. "Die Theorie, es gäbe einen Zusammenhang zwischen dem Aufstieg der AfD und der lokalen oder regionalen Berichterstattung halte ich für sehr gewagt", ergänzt Groll.

AfD normal behandeln, aber genau hinschauen

In einem weitern Punkt sind sich der Zeitungsmann aus Rostock und die Zeitungsfrau aus Magdeburg einig: Die AfD müsse behandelt werden wie jede andere Partei auch. Das erwarteten die Leser, alles andere würde sie nur in die Arme der Partei treiben - oder zu irgendwelchen merkwürdigen verschwörungstheoretischen Medien. Aber Andreas Ebel sagt auch: "Wir werden uns jetzt natürlich besonders genau anschauen, was die AfD im Landtag macht. Das sind die Neuen, und wir wollen wissen, was die machen". Ein Beispiel: Die AfD habe angekündigt, sich für mehr Bürgerbeteiligung einzusetzen. "Wir werden beobachten und darüber berichten, ob sie diese Forderung aus dem Wahlkampf jetzt umsetzt".

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