ZDFinfo-Chef Robert Bachem bekennt: "Wir sind als Sender noch nicht bekannt genug"

 

Der Spartenkanal ZDFinfo wird fünf Jahre alt. Privatsender und Verband VRPT waren nicht gerade glücklich, als sich die Senderfamilie der Öffentlich-Rechtlichen vergrößerte. Zugleich erlauben sich ARD und ZDF drei gleichartige Sender in der Info-Nische: ZDFinfo, tagesschau24 und nicht zuletzt Phoenix. Zeit für Fragen an ZDFinfo-Chef Robert Bachem.

kress.de: Die Privatsender haben die Vergrößerung der öffentlich-rechtlichen Senderfamilien mit Misstrauen begleitet. Gibt es jetzt, fünf Jahre nach Sender-Start, so etwas wie Frieden?

Robert Bachem: Ich mache ja keine Medienpolitik, sondern Programm. Ich habe aber den Eindruck, dass die ZDF-Digitalstrategie beim Zuschauer zumindest gut angekommen ist.

Fünf Jahre ZDFinfo - was ist Ihnen geglückt, wo sehen Sie Baustellen?

Robert Bachem: Wir haben vielen Zuschauern tolle Dokumentationen zeigen können - darüber freuen wir uns fast jeden Tag. Geglückt ist uns, dass wir konsequent von festen Sendeplätzen und klassischer Programmierung abgesehen haben, um uns als themengetriebener Doku-Sender zu etablieren und in unserem Wissensangebot eindeutig zu werden. Eine Baustelle, an der wir verstärkt arbeiten müssen: Wir sind als Sender noch nicht bekannt genug.

Wie hat sich das Sender-Profil in den vergangenen fünf Jahren verändert?

Robert Bachem: Anfangs waren wir uns nicht sicher, ob wir uns wirklich allein als ein Sender nur für Dokumentationen profilieren wollen. Im Laufe der vergangenen fünf Jahre hat sich aber herausgestellt, dass der Zuschauer genau das von uns haben möchte: Dokumentationen rund um die Uhr.

Die kleinen Sender werden als Piranhas gesehen, die den Großsendern Marktanteile abknabbern. Aber richten wir den Blick auf die Kleinen: Wie groß ist die Gefahr, dass sich ähnlich geartete Piranhas wie ZDFinfo, tagesschau24 und Phoenix sich gegenseitig kannibalisieren?

Robert Bachem: Die Gefahr ist gar nicht so groß - keiner der kleinen Sender mit viel Information hat zuletzt verloren. tagesschau 24 hat gerade in diesem Jahr zugelegt. Phoenix profiliert sich in diesen turbulenten Zeiten mit Ereignisberichterstattung. Außerdem liefern wir Phoenix auch interessante, neue Programme zu. 

Reden wir nicht nur über Marktanteile - reden wir über Inhalte. Wie setzt sich ZDFinfo gegen die öffentlich-rechtlichen Mitbewerber ab?

Robert Bachem: In dem wir klar und eindeutig auf Wissensdokumentationen setzen. Unsere Zuschauer wollen einen Mehrwert aus den Bereichen Geschichte, Politik, Wissenschaft, Gesellschaft und Service und den liefern wir ihnen. 

Sie sind nicht nur ZDFinfo-Chef, sondern verantworten auch Inhalte fürs Hauptprogramm. Wie unterscheiden sich die Publika für identische Sendungen?

Robert Bachem: Die "ZDFzeit"-Dokumentationen und die "ZDF.reportagen" passen oft gleichermaßen zum ZDF-Informationsprogramm wie zum ZDFinfo-Programm. Der Unterschied: Bei ZDFinfo können wir die XXL-Version bieten: Was als 45-Minüter für die "ZDFzeit" funktioniert, ist bei ZDFinfo als 90-minütiger Doku-Zweiteiler präsent - zum Beispiel die Doku "Früher war alles besser! Oder?" über die Sehnsucht Nostalgie und über die 50er, 60er, 70er und 80er Jahre. In Verbindung mit dem Hauptprogramm können wir Dokus produzieren, die wir für ZDFinfo erweitern.

Die beiden großen Öffentlich-Rechtlichen haben bei der Rundfunkgebühr ein Legitimationsproblem. Sie verlangen Geld von allen, machen aber vorwiegend Programm für Ältere. Wie steuert ZDFinfo gegen?

Robert Bachem: Wir werden ja gerade von den Jüngeren verstärkt wahrgenommen, haben in der Gruppe der 14- bis 49-Jährigen einen höheren Marktanteil als bei den Zuschauern gesamt. Und deswegen arbeiten wir genau an den Angeboten, die von den Jüngeren besonders bei uns gesucht werden.

Junge Leute nehmen bewegte Bilder anders wahr als ältere. Müssen ZDF-Inhalte für den Info-Kanal anders aufbereitet werden - und wenn ja, wie?

Robert Bachem: Wir arbeiten für ZDFinfo bereits mit Anbietern neuer Reportage- und Dokuformate zusammen, die permanent die Bildsprache für die jüngere Zielgruppe optimieren. Aber vor allem schätzen es die Jüngeren, wenn wir Themen in Reihe anbieten, wenn wir inhaltliche Themenblöcke schaffen - da ertragen die Jungen fast jedes Format. Das ist ja gerade die Entdeckung: Junge Menschen suchen nicht nur Unterhaltung, sondern wollen sich auch informieren.

Welche Rolle spielen Mediathek und Livestream, um ein jüngeres Publikum zu erreichen?

Robert Bachem: Wir müssen das jüngere Publikum auf allen Plattformen erreichen. Bei rund 50 neuen Dokumentationen jeden Monat spielt die ZDFmediathek natürlich eine große Rolle. Aber wir haben unsere Social-Media-Aktivitäten verstärkt und schaffen mit Gifs, grafischen Infovideos, Experten-Gesprächen, User-Polls und Themenkarussellen in 100 Tweets und 20 Postings pro Woche in den sozialen Medien einen Mehrwert zum umfangreichen Programmangebot.

Auch wenn Netflix und Amazon durchweg auf Unterhaltung setzen: Welche Folgen der Streaming-Dienste sehen Sie für Sender wie ZDFinfo - und wie wollen Sie den Prozess der Veränderung mitgestalten?

Robert Bachem: Ich glaube an die Dokumentation - und  mittlerweile haben ja auch die neuen Herausforderer Netflix und Amazon ambitionierte Doku-Projekte in Auftrag gegeben. Wir werden daran arbeiten, den Zuspruch zu unserem Angebot weiter zu steigern, und dabei immer offen sein für Veränderungen und neue Impulse. 

Zur Person

Robert Bachem (50) stammt aus Troisdorf. Seit 1993 ist er in verschiedenen Funktionen beim ZDF. Seit Juli 2011 Programmchef von ZDFinfo. Seit 2014 Leiter des Programmbereichs "ZDFinfo, Gesellschaft und Leben" (Zusammenführung von ZDFinfo mit den Redaktionen ZDFzeit und ZDF.reportage).

Zum Sender-Profil

ZDFinfo ist ein Fernsehsender und Teil des digitalen Programmangebots des ZDF. Er ging am 5. September 2011 aus dem ZDFinfokanal hervor, der den Sendebetrieb am 27. August 1997 aufnahm. ZDFinfo gehört zu den Kleinsendern mit einem Marktanteil von etwas über einem Prozent.

Das Interview mit Robert Bachem führte kress.de-Autor Jürgen Overkott.

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