Paul-Josef Raues Besuch beim "Süderländer Tageblatt": Liebeserklärung an die Heimatzeitung

 

Ein "Tatort", der im Sauerland spielt? Der Bürgermeister aus Menden träumt davon, der Regisseur Winkelmann findet das eine gute Idee, kress.de berichtete davon. Wie wäre es mit Süderland? Paul-Josef Raue fuhr dorthin und erzählt in seiner Kolumne "JOURNALISMUS!" von einer kleinen, aber beeindruckenden Tageszeitung in Deutschland: Das "Süderländer Tageblatt".

Plettenberg liegt im Sauerland, hat 26.000 Einwohner, vier Täler und doppelt so viele Berge, einen verregneten Sommer, Automobil-Zulieferer, Metallverarbeiter und kaum Arbeitslose, viele Ausländer und einen AfD-Abgeordneten, der seine Partei verlassen hat, einen SPD-Bürgermeister, keinen Autobahn-Anschluss, aber eine eigene Zeitung: Das "Süderländer Tageblatt".

Die Lokalzeitung im Familienbesitz verkauft täglich 5.300 Exemplare - mehr als vor sieben Jahren. Von einer solch stabilen Auflage träumen große Verlage, denen die Leser verloren gehen bei der Suche nach Kaufobjekten und  Synergien. Es läuft gut bei Heimatzeitungen, wenn die Leser merken: Die Redakteure mögen ihre Heimat, wenn die Verleger standhaft bleiben, und das ist wörtlich zu nehmen.

Heimatzeitung klingt nach heiler Welt, nach einer Mischung aus Spießbürgertum und Weltferne, nach Blutspende-Terminen, Streichelzoo und Kirchweih. Wer aus den großen Städten zum Schützenfest in die sauerländischen Täler fährt, sieht all seine Vorurteile bestätigt: Seitenweise halbtrunkene und schießfreudige Zeitgenossen.

Als die "Süderländer Redaktion" den renommierten Ralf-Dahrendorf-Preis der "Badischen Zeitung" bekam, reiste nur der Chef an, und die Laudatorin Annette Hillebrand bemerkte: "In Plettenberg ist nämlich jetzt Schützenfest, da kann die Redaktion nur den Chef entbehren." Die Urkunde des Dahrendorf-Preises, der Einsatz für die Demokratie ehrt, ist nur eine von einem guten Dutzend, die an einer Wand in der Redaktion hängen - eine Hall of Fame, auf die manche Großstadt-Redaktion stolz wäre.

Die neunköpfige Redaktion verwirklicht schon, was Optimisten als das Modell der Zeitungs-Zukunft sehen: Der süße Duft der Heimat und das leichte Gift der Kritik, eben Jubelarien zum Schützenfest und investigative Recherche übers neue Einkaufszentrum. Das geht - und das funktioniert. Wer mit Stefan Aschauer-Hundt, dem Chef, durchs alte Verlagshaus geht, hört einem Journalisten zu, der ein wenig stolz ist und ein wenig verbittert, der ein wenig Promi ist in einer wohlhabenden Region, aber auch ein wenig Prophet, verkannt im eigenen Land, und sogar ein wenig Märtyrer,  der sich für die gute Sache - eben die klare und tiefe Recherche - einsetzt und dafür attackiert wird.

Immer wenn etwas schief läuft in den Tälern, vermeintlich schief läuft, ist die Zeitung schuld, sagt Stefan Aschauer-Hundt. Die Zeitung ist oft der Sündenbock: Wenn sich eine Redaktion oft zwischen die Stühle setzt, wird sie nicht geliebt, aber unverzichtbar.

Stefan Aschauer-Hundt ist der Chef, der sich nicht den Titel "Chefredakteur" gönnt: Alle in der Redaktion haben eine Stimme, alle reden mit, sagt er. Wenn seine Haare grauer wären, könnte man ihn für einen Achtundsechziger halten, in die Jahre gekommen. Aber die mögen keine Schützenfeste.

"Suchet der Stadt Bestes", so übersetzte Luther einen Text des Propheten Jeremias. Der passte zur Zeitung in der protestantisch geprägten Stadt. Wenn es sein muss, dann kämpft die Redaktion nicht nur, sondern sie führt den Kampf an, beispielsweise gegen die Landesregierung in Düsseldorf, die vor zwei Jahren die Förderschule in Plettenberg schließen wollte - "mit der Brechstange", wie Bürger meinten.

So begann's: Eine Mutter mailt der Redaktion, schildert kurz ihre Sorgen und macht klar, welch gute Arbeit eine Schule macht, in der behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Die Redaktion merkte, dass ein Bericht nicht reicht, sie entschloss sich zu einer Serie - "zu etwas zu Herzen Gehendes", um "Inklusion" den Lesern erklären zu können. Die Redakteure schilderten aus Sicht der Kinder, wie die Schule arbeitet: "Ich lerne hier. Es dauert nur", lautete eine der Schlagzeilen.

"Süderland"-Redakteur Sebastian Schulz erzählt: "Wir mussten unbedingt vermeiden, dass unsere Berichterstattung das Gegenteil von dem bewirkt, was wir erreichen wollten. Niemand sollte am Ende mit dem Finger auf die Förderschulkinder zeigen und sagen: Guck mal, das ist der Idiot von der Klötzchenschule." Das 'Tageblatt' fuhr also keine platte Kampagne, sondern gab den politischen Lagern gleich viel Raum, lud Elternvertreter zu Interviews mit den Landtagsabgeordneten.

"Welche Kraft Lokaljournalismus haben kann, der seine Leser mit ins Boot holt, bestätigt das Ergebnis: Die Schule besteht weiterhin." So formulierte Heike Groll in der Jury-Begründung des Deutschen Lokaljournalisten-Preises 2014 und fügte an: "Die Zeitung macht das Thema zum Stadtgespräch." Genauer und kürzer kann man das Geheimnis des Erfolgs nicht beschreiben.

Die Redaktion nutzt offenbar den Freiraum, den ein eigener Verlag bietet: Sie muss sich nicht in ein Konzern-Korsett pressen lassen, sie bestimmt, ob sie sechs Seiten Lokales fährt oder zwanzig - je nach Thema und Recherche-Stand. Als im Frühjahr 2012 ein Einkaufszentrum geplant wird, bilden fünf Redakteure eine schnelle Eingreiftruppe und recherchieren in allen Ecken, auch wenn Bürgermeister und Bauamts-Chef wenig begeistert sind. Die Redakteure fahren zum Investor, zum Einzelhandelsverband, zu Dienststellen und Gremien der Bezirksregierung, wühlen sich durch den Landesentwicklungsplan für NRW.

So viel Information und Transparenz ist selten: Was wäre in Stuttgart passiert, hätten die Redakteure so intensiv, so akribisch und so früh über den neuen Bahnhof recherchiert? So beschrieb Laudatorin Annette Hillebrand die Recherche bei der Verleihung des Dahrendorf-Preises: "Das Team liefert die Informationen, die die Bürger in Plettenberg brauchen, um mündig urteilen und entscheiden zu können." Und die Zeitung bleibt neutral dabei, lässt alle zu Wort kommen, sie "steht erkennbar neben den Fronten und zeigt ganz unmissverständlich, wie sie ihre Rolle sieht: Sie beschafft alle, wirklich alle notwendigen Informationen; sie bleibt wachsam, sie bleibt dran."

2009 gewann das "Süderländer Tageblatt" erstmals einen der Deutschen Lokaljournalistenpreise - für eine deutsch-deutsche Geschichte, die einmalig war und das hohe Selbstbewusstsein der Redaktion belegt: Eine "rollende Redaktion" besuchte vier Mal die Partnerstadt in Thüringen, um die Geschichte der Einheit mit Hilfe von Zeitzeugen zu erzählen. "Wir schufen aus Sicht der Neuen Forums eine Gegenöffentlichkeit zur örtlichen Monopolzeitung, die bis zum heutigen Tag die Anliegen der Bürgerrechtsbewegung sehr verhalten behandelt", erzählt Stefan Aschauer-Hundt. Sogar der Bürgermeister wurde überführt - "der Beschönigung seiner persönlichen Geschichte".

Die Chuzpe muss eine West-Redaktion, zumal eine kleine, erst einmal aufbringen: Einer ostdeutschen Redaktion samt Leserschaft zu zeigen, was investigative Recherche ist!

Zwei Jahre später bekam das "Süderländer Tageblatt" für die Serie "Höchst elektrisierend - die neue Mobilität" erneut den Deutschen Lokaljournalismus-Preis: Die Redaktion übersetzte lokale Wirtschaft in die große, wie die Jury rühmte:

"Wie die automobile Zukunft aussehen wird - ein großes Thema für eine kleine Zeitung, aber wichtig vor Ort, weil am Auto viele Arbeitsplätze hängen. Die Redaktion leuchtet das globale Thema konsequent aus, lässt die Leser wissen, was es für die Region, die Wirtschaft und sie selbst bedeutet, wenn das Elektroauto kommt."

Umgerechnet auf die Auflage dürfte keine Zeitung öfter den begehrten Deutschen-Lokaljournalismus-Preis gewonnen haben,  der als der wichtigste für Regional- und Lokalzeitungen gilt.

Professionell arbeiten in der Provinz - das ist also kein Widerspruch. Könnte kleinen Redaktionen und kleinen Verlagen die Zukunft gehören? Dafür müssen Redakteure wie Verlage auf einiges verzichten: Auf Geld, denn das Tageblatt zahlt keinen Tarif, auf Unabhängigkeit von Werbekunden, denn der Chef der Redaktion ist gleichzeitig Chef der Anzeigenabteilung, auf Selbständigkeit, denn die Zeitung wird nicht, wie noch vor einem Vierteljahrhundert, in Plettenberg gedruckt.

Die alte Druckmaschine, eine Vomag aus Plauen von 1911, wird in das Westfälische Freilichtmuseum nach Hagen geliefert.

Paul-Josef Raue (66) lernte das "Süderländer Tageblatt" kennen, als es Gastgeber des Ombudsleute-Treffens im Juli war. Er schätzt kleine Lokalredaktionen: Raue begann nach der Journalistenschule seine Laufbahn als Lokalchef in Vlotho, wo das "Tageblatt" eine Auflage von 600 hatte. An seinem ersten Arbeitstag, einem Sonntag in den Sommerferien, war er allein und musste ohne eine Zeile Stehsatz und ohne Zulieferung von Freien zwei Seiten füllen. Heute berät Raue Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standwerk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf kress.de erschien im Frühjahr und Sommer die 20-teilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de

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