ARD-Korrespondentin Ina Ruck: "Wir unterdrücken keine Nachrichten"

 

Schwere Vorwürfe hat der Journalist und Buchautor Prof. Dr. Ulrich Teusch in einem Interview mit kress.de gegen ARD-Korrespondentin Ina Ruck erhoben. Er nannte einen ihrer Beiträge über Schusswaffengewalt in den USA als ein Beispiel für das Messen mit zweierlei Maß in den "Mainstreammedien". Im Gespräch mit kress.de wehrt sich Ruck gegen den Vorwurf, angeblich einseitig zu berichten. Die 53-Jährige, derzeit Leiterin des ARD-Studios in Washington, macht zudem deutlich, dass sie die steigende Kritik an den öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen nicht nachvollziehen kann.

kress.de: Ulrich Teusch sagt, Sie hätten in dem erwähnten Beitrag politische Verantwortung nicht thematisiert. Er vermutet dagegen, dass Sie dies wohl in einem vergleichbaren Fall getan hätten, als Sie noch Moskau-Korrespondentin waren - nach dem Motto, wie lange könne sich Putin bei 1000 Toten noch halten. Hand aufs Herz: Messen Sie bei solchen Fragen mit zweierlei Maß?

Ina Ruck: Nein. Ich finde auch den Vergleich mit Putin in diesem Zusammenhang problematisch. Es geht um zwei Staaten mit völlig unterschiedlichen Machtverhältnissen. Das wird bei den Vorwürfen, wir gingen härter mit Putin ins Gericht als mit Obama, stets vergessen. In Russland, formal eine Demokratie mit Gewaltenteilung, ist de facto alle Macht in Putins Händen konzentriert. Gäbe es dort etwa ein Waffengesetz wie in den USA, könnte er es, wenn er wollte, ändern. Im politischen Machtgefüge der USA sieht das anders aus: Hier sind das Parlament, auch das Oberste Gericht sehr viel mächtiger als in Russland. Obama fordert seit langem schärfere Waffengesetze und scheitert damit am Kongress. Die politische Verantwortung dafür, dass die Gesetze nicht geändert werden, liegt dort - und bei der mächtigen Waffenlobby, die über Geldspenden auf Abgeordnete Einfluss nimmt. Darüber haben wir berichtet. Auch was die skandalös hohe Polizeigewalt gegen Schwarze betrifft, sind Obamas machtpolitische Möglichkeiten an Gesetze gebunden. Es gab Entlassungen von Polizeichefs, es gab Untersuchungskommissionen. Es gibt aber auch viel zu viele Freisprüche gewalttätiger Polizisten. Nicht einer ist bislang verurteilt worden. Und: Es gibt den tief sitzenden Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft. Dies alles thematisieren und benennen wir in unseren Berichten.

Was meinen Sie, wie kann es zu einem solchen Eindruck, wie ihn Professor Teusch ausspricht, kommen?

Ina Ruck: Das weiß ich nicht. Ich glaube nicht, dass ich mit zweierlei Maßstab messe. Ich kenne beide Länder gut, in Russland habe ich 15 Jahre gelebt. Das Land ist für mich eine zweite Heimat. Ich weiß, wovon ich rede, wenn ich Kritik an Russland übe.

Können Sie denn die zunehmende Kritik an den öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen in gewisser Weise nachvollziehen?

Ina Ruck: Nein, das kann ich nicht. Ich finde die "Tagesschau" und auch die "Tagesthemen" richtig gut. Und ich weiß, wie schwierig es ist, einen "Welt-Tag" in 15 Minuten zu pressen. Wenn man wie ich jetzt fast 20 Jahre im Ausland gelebt hat, dann weiß man, was man an der öffentlich-rechtlichen "Tagesschau" oder auch dem "Weltspiegel" hat. Versuchen Sie mal, hier in den USA eine Sendung zu finden, die Ihnen in einer Viertelstunde die internationalen und nationalen Nachrichten des Tages zusammenfasst - oder, noch aussichtsloser, eine, die Ihnen jede Woche Hintergründe zu den internationalen Themen liefert. Auch in Russland finden Sie das nicht. In den 1990er Jahren gab es dort eine Zeit lang gute News-Sendungen, aber das ist lange vorbei.

Wie unterscheidet sich Ihr Arbeiten in den USA von dem in Russland?

Ina Ruck: Im Prinzip wenig: Wer über ein Land berichtet, muss viel reisen, muss aber auch in der Hauptstadt Kontakte knüpfen, die richtigen Leute kennen. So etwas braucht Zeit. In Russland war ich nach all den Jahren sehr gut vernetzt. Dort ist das, scheint mir, noch viel wichtiger als hier. Auch hier braucht man Kontakte - aber es ist grundsätzlich erstmal einfacher, an Informationen und vor allem an Stellungnahmen zu kommen. Die wichtigsten Ministerien und das Weiße Haus machen täglich Pressekonferenzen. Man bekommt nicht immer auf alles eine Antwort, man muss wissen, dass auch bei den Briefings immer Interessen im Spiel sind - aber die Sprecher sind zugänglich. Das war in Russland anders.

Wie sehen Einschränkungen der Pressefreiheit in Russland aus?

Ina Ruck: Wir Korrespondenten haben zumindest bis 2014 - nur bis dahin kann ich es beurteilen - wenig wirkliche Einschränkungen von staatlicher Seite gespürt. Mit Ausnahme dreier mir bekannter Fälle, in denen westlichen Journalisten das Arbeitsvisum gesperrt wurde. Viel schlechter sieht es für die einheimischen Kollegen aus. Ich habe immer bewundert, wie mutig manche, vor allem in der Provinz, dennoch berichten. Denn Journalismus in Russland ist lebensgefährlich. So viele Kollegen und Kolleginnen sind ermordet worden. Einige von ihnen kannte ich, und ich kenne etliche, die das Land verlassen haben. Kaum einer der Morde ist wirklich aufgeklärt. In den vergangenen Jahren hat sich das Klima gegenüber den ausländischen Korrespondenten in Russland jedoch sehr verschlechtert, das höre ich von vielen Kollegen dort.

Können Sie in den USA völlig frei bzw. unabhängig vom Druck der Politik bzw. von Hobbyverbänden arbeiten?

Ina Ruck: Ja. Wir ausländischen Korrespondenten spielen für die Politik hier kaum eine Rolle. Druck aus Deutschland, von Seiten der deutschen Politik - falls Sie das meinen - spüre ich auch nicht. In Russland gab es Situationen, in denen Vertreter der deutschen Wirtschaft sich beschwerten, dass wir "so negativ berichten" - aber das muss man aushalten.

Gibt es tatsächlich keine Versuche der Einflussnahme?

Ina Ruck: Nicht dass ich wüsste. Wenn man so will, sind natürlich auch die täglichen Briefings der Sprecher von Weißem Haus oder Pentagon eine Art Versuch, Berichterstattung zu beeinflussen. Die Regierung setzt damit früh ihre Interpretation aktueller Ereignisse. Interviews mit Entscheidungsträgern bekommen wir nur dann, wenn sie ein Interesse daran haben, in Deutschland zitiert zu werden. Wir vertrauen deshalb auf unsere eigenen Recherchen.

Wenn Sie mal von Ihrer eigenen Arbeit und der Ihrer ARD-Kollegen absehen: Kommt Hillary Clinton in den Berichten über den US-Präsidentschaftswahlkampf deutscher Medien besser weg als ihr Gegner Donald Trump? Wird sie mit mehr Nachsicht behandelt?

Ina Ruck: Das ist eine Frage, die wir uns auch selbst gestellt haben. Vielmehr die Frage, ob wir an beide denselben kritischen Maßstab anlegen. Ich glaube, dass wir das tun. Wir berichten kritisch über beide, allerdings haben wir über Trump häufiger berichtet als über Clinton. Er ist Meister im Aufmerksamkeit-Erregen und deshalb ständig in den Schlagzeilen.

Sie sind jetzt 26 Jahre für die ARD tätig. Können Sie sich an einen Fall erinnern, in dem es Versuche gab, Sie in der Freiheit Ihrer Berichterstattung einzuschränken?

Ina Ruck: Nur wenige Male. In Weißrussland hat der Geheimdienst vor Jahren mal versucht, uns unser Drehmaterial abzunehmen. Wir haben es aber rechtzeitig außer Landes schaffen können. In Tschetschenien gab es eine ähnliche Situation - da haben wir den Dreh abgebrochen, weil die Gefährdung der Gesprächspartner zu groß war. Eine Einschränkung anderer Art sind die rigiden Regeln bei Donald Trumps Wahlkampfveranstaltungen: lange Zeit waren ausländische Kamerateams gar nicht zugelassen. Die einheimischen Kollegen durften nur in einem umzäunten Eck der Halle arbeiten - da drängten sich dann alle und wurden von der Bühne immer mal wieder von Trump beschimpft.

Hatten Sie jemals den Eindruck, die Leitmedien würden - wie Professor Teusch meint - Nachrichten bewusst einseitig auswählen oder sogar unterdrücken?

Ina Ruck: Nein. Ich bin lange genug im Geschäft um zu wissen, dass es Tage gibt, an denen so viel los ist, dass manche wichtige Nachricht zu kurz kommt. Oder Situationen, in denen man im Nachhinein anders entschieden hätte. Aber: Eine bewusste oder gar gesteuerte Unterdrückung von Nachrichten habe ich noch nicht erlebt. Ich hatte auch nicht einen solchen Eindruck. Im russischen Außenministerium waren sie stets überzeugt, wir hätten eine "Vorgabe", wie wir zu berichten hätten. Vielleicht, weil der Kreml genau so arbeitet: seit Jahren schon holt Putin ganz offiziell jede Woche die Chefredakteure der großen Sender in den Kreml, um die Richtung anzusagen.

Ihre Kommentare
Kopf
Bernd Nohse
14.09.2016
!

Die Propaganda-Schau der ARD war dem Tagesspiegel schon vor zwei Jahren ein Artikel wert...
http://www.tagesspiegel.de/medien/falsche-bilder-bei-der-ard-zum-ukraine-konflikt-propagandatricks-oder-pannen-in-serie/10637680.html


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