Friendly fire bei der VG Wort: Wie Ulf J. Froitzheim die Situation bewertet

16.09.2016
 
 

Die meisten Autoren verstehen nicht so genau, wie Verwertungsgesellschaften funktionieren. Hauptsache, es fließen Tantiemen. Problematisch wird das Halbwissen, wenn dadurch notwendige Entscheidungen verhindert werden, findet Ulf J. Froitzheim in einem Gastbeitrag für kress.de.

Viele Journalisten sind Martin Vogel dankbar. Er hat einen Prozess bis zum BGH geführt, dessen Folgen sie irgendwann auf der Habenseite ihres Kontoauszugs sehen werden; mehr wollen sie gar nicht wissen. Die Freischreiber waren von der Aussicht auf einen warmen Regen so begeistert, dass sie dem Münchner Juristen prompt ihren "Himmel-Preis" verliehen, der eigentlich für Redaktionen reserviert war, die besonders fair zu ihren Autoren sind. Aber auch in meinem Verband, dem BJV, war der Herr einst Persona grata. Vogel durfte sogar Mitglied werden, obwohl er nicht hauptberuflich für die Medien schrieb. Sein Verdienst: Er war Mit-Urheber jener autorenfreundlichen Paragrafen, die als "Professorenentwurf zum Urhebervertragsrecht" bekannt wurden. Was auf dem Weg ins Bundesgesetzblatt daraus wurde, war zu seinem Verdruss viel zu verlegerfreundlich.

Während Vogel doch noch einen Weg gefunden hat, mit der aktuellen Version seines Lieblingsparagrafen 63a den Gegner zu schlagen, mutiert "verlegerfreundlich" zu einem Stempel, mit dem Autoren einander brandmarken. Wer so genannt wird, weiß: Er wird nicht mehr als Kollege respektiert, sondern als Verräter behandelt. Um das Stigma aufgedrückt zu bekommen, muss man niemand sein, der leugnet, dass viele Verleger unfair mit ihren Autoren umgehen. Es reicht, sich hierzu differenziert zu äußern oder gar in der VG Wort zu engagieren. Deren Gremien haben sich einstimmig zur Fortsetzung der seit 1958 praktizierten "Gemeinsamen Rechtewahrnehmung" bekannt, möchten also nicht, dass Autoren und Verleger in zwei separaten Verwertungsgesellschaften landen, die getrennt mit Geräteherstellern oder Bibliotheken verhandeln müssten. Wir wollen auch Metis erhalten, das millionenschwere Meldesystem für Onlinetexte, das ohne die Verleger nicht funktioniert. Wenn die Freischreiber konsequent sind, verleihen sie der VG Wort ob dieser unserer unmoralischen Kollaboration nächstes Jahr den Hölle-Preis.

Polemik? Nur ein kleines bisschen. Auf der Mitgliederversammlung am Samstag zeigte sich, wie sehr sich einzelne Vertreter der Freischreiber in diese Polarisierung hineingesteigert haben. Ihr Misstrauen uns Ehrenamtlichen und der Verwaltung der VG Wort gegenüber war so groß, dass sie uns am Ende daran hinderten, "unverzüglich" die Folgen des Vogel-Urteils aufzuarbeiten, obwohl sie just dies selbst beantragt hatten. Ihre hauchdünne Sperrminorität in der Berufsgruppe 2 reichte gemäß Satzung aus, gegen den Willen der überwältigenden Mehrheit im Saal ein Veto zu erzwingen und das nachgebesserte Antragspaket von Vorstand und Verwaltungsrat scheitern zu lassen, das alles geregelt hätte. Ein einziger Abweichler mit zwei Vollmachten hätte das Desaster noch verhindern können. Statt 67 zu 37 wäre es dann 70 zu 34 ausgegangen. So aber gibt es bis auf Weiteres keinen gültigen Verteilungsplan. Die Verwaltung der VG kann monatelang die Startlöcher nicht verlassen, sie ist wie gelähmt. Wir Mitglieder dürfen am 26. November noch mal von vorn anfangen mit der Bewältigung der Vergangenheit, statt uns plangemäß mit der Zukunft der VG Wort zu befassen. Und Abertausende von uns warten länger auf ihr Geld.

Der Witz daran ist, dass der Unterschied zwischen der mit der Einladung vorab verschickten Version und der zur Abstimmung gestellten Tischvorlage in Änderungen bestand, die den Vorstellungen der Blockierer entgegenkamen. Neu war zum einen eine Rückforderung an die Presseverleger, die bisher 30 Prozent der Presserepro-Gelder für ihre Bildungswerke erhalten hatten; dieser Abschnitt war beim Versand der ersten Version noch nicht spruchreif gewesen. Zum anderen hatte der Vorstand eine Regelung nachgeschoben, die das Problem der nachträglichen Abtretung von Tantiemen elegant lösen würde: Aufgrund des BGH-Urteils hätten die Verleger ihre Autoren mit dem Ansinnen konfrontieren können, zum Beweis ihres Willens zur weiteren Zusammenarbeit auf das Geld zu verzichten, das Martin Vogel eigentlich indirekt auch für sie erstritten hatte.

Hier wollte sich die VG Wort als Sichtschutz dazwischenschieben und Nötigung verhindern: Autoren erklären nur gegenüber der Verwertungsgesellschaft, ob sie dem Verlag seinen bisherigen Anteil lassen wollen oder nicht. Welcher Urheber sich wie entscheidet, erfährt der Verleger nicht. Nicht dass die Freischreiber an dieser Anonymisierung etwas Schlechtes gefunden hätten. Die Mitglieder des Journalistenvereins, dem es erst gar nicht schnell genug gehen konnte, dass die Millionen von den Konten der Verlage an die Urheber zurückfließen, stimmten allein aus dem Grund mit Nein, dass es ihren Wortführern plötzlich zu schnell ging. Sie könnten Änderungen nicht zustimmen, sprach der Vorsitzende für seine Gruppe, solange sie keine Gelegenheit hatten, sie anwaltlich überprüfen zu lassen; dabei hat kein Verein ein Mandat in der Versammlung. Ein besonders cholerisches Mitglied hatte mich schon zur Begrüßung angebrüllt, weil die Austeilung einer Tischvorlage mit geänderten Anträgen eine Unverschämtheit sei.

Ernsthaft? Dass es Änderungsanträge geben könnte, war absehbar. Dass Vorstand und Verwaltungsrat vor der Versammlung tagen, war bekannt. Dass wir uns konstruktiv Gedanken machen, durfte (und sollte) man von uns erwarten. Wer sich traut, seine Zeitgenossen in den Himmel zu loben oder zur Hölle zu schicken, sollte auch den Mut und die Bereitschaft besitzen, sich binnen zwei Stunden eine Meinung über ein paar neu gefasste Absätze zu bilden.

Es wäre nicht fair, das Resultat dieser Ängstlichkeit als verlegerfreundlich zu schmähen. Aber autorenfreundlich war es auf gar keinen Fall.

Ulf J. Froitzheim

Zum Autor: Ulf J. Froitzheim (57) ist freier Wirtschaftsjournalist, Kolumnist und Gelegenheitsblogger (Froitzheims Wortpresse). 2015 wurde er von den Mitgliedern der Berufsgruppe 2 (Journalisten, Autoren und Übersetzer von Sachbüchern) zum dritten Mal in den Verwaltungsrat der VG Wort wiedergewählt. Froitzheim legt Wert auf die Feststellung, dass er zwar Mitglied des Bayerischen Journalisten-Verbandes ist, aber keinerlei Mandat im DJV innehat.

kress.de-Hinweis: Anderer Meinung als Ulf. J Froitzheim sind die Freischreiber. "Nur weil der Vorstand befürchten musste, mit seinem ursprünglichen, unzureichenden Verteilungsplan baden zu gehen, hat er kurz vor der Eröffnung der Sitzung eine geänderte Vorlage präsentiert", sagt "Freischreiber"-Vorsitzender Benno Stieber in einer Stellungnahme.

 

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Ulf J. Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

Redaktionsbüro UJF.biz
Freier Journalist

23.09.2016
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Anmerkung zum kress.de-Hinweis:
Lieber Benno, Respekt.
Du scheinst aus der Ferne Dinge zu erkennen, von denen man aus Innensicht nichts mitbekommt. Jedenfalls bedurfte die Nachbesserung keines Einschreitens des Verwaltungsrats. Wir hätten sonst intensiv darüber diskutieren müssen, wie sich die vom BGH legitimierten Abtretungen autorenfreundlich regeln lassen. Ich frage mich allerdings schon, warum Ihr keinen Änderungsantrag dazu gestellt habt. Dieses Recht haben doch alle Mitglieder.


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