RB-Programmdirektor Jan Weyrauch zur Jugendsprache auf Bremen Next: "Man kann dahinterstehen, auch wenn es manchmal weh tut"

 

Eins kann man Bremen Next nicht vorwerfen: brav zu sein. Es kracht, es rüpelt, es flimmert. Und wenn nicht gerade - wie meistens - "fette Bassmusik", Urban, Black, Hip Hop oder Electro läuft, moderieren Hosts wie Stunnah, June oder Joka frei Schnauze. "Next ist dein abgefuckter, ausgeschlafener Mitbewohner, der dich wach macht, dich updated und nach vorne geht" - so beschreibt das Team des neuen Radio-Bremen-Angebots für 15- bis 25-Jährige seine Morgenschiene.

Derbe Sprache und Anglizismen gehören zur Programmfarbe. Manchmal driftet der Jargon aber auch ins unfreiwillig Komische ab - zumindest für Hörer Ü30. So lobte Moderatorin June die Stadtverwaltung, nachdem diese Lärmbeschwerden über einen Kulturtreff zurückgewiesen hatte: "Die Boys and Girls von der Stadt stehen hinter den Boys und Girls, die dort dancen. Danke für euren Support." Auch mit Kraftausdrücken geht das Next-Team nicht zimperlich um: Interviewpartner sind "fucking nett", gespielte Songs "richtig fette Bumsmucke". Für öffentlich-rechtliches Radio ziemlich ungewöhnlich. "In der Tat", räumt Radio-Bremen-Programmdirektor Jan Weyrauch gegenüber kress.de ein, "mit erwachsenen Ohren gehört, klingt das manchmal grenzwertig". Viel wichtiger sei aber, was ausgedrückt werden solle. "Wenn der Inhalt stimmt, dann kann man als Radio Bremen dahinterstehen, auch wenn es manchmal ein wenig weh tut."

Für die erste Generation, die mit digitaler Technologie aufgewachsen ist

Fest steht: Bremen Next hat viele inspirierende Ansätze. Das Team, zum großen Teil aus Freien bestehend, geht mit echtem Enthusiasmus an die Sache. Vor einigen Jahren als reiner Web-Ableger des erwachsen gewordenen Radio Bremen Vier gestartet, sendet Next seit Mitte August als eigenständige Marke im Digitalradio und in Bremen und Bremerhaven auch auf UKW. Die Herausforderung: Die anvisierte Zielgruppe ist die erste Generation, die von Geburt an mit der digitalen Technologie aufgewachsen ist. Um sie zu erreichen, werden neben dem linearen Radioprogramm auch alle gängigen Social-Media-Kanäle bedient - mit Streams, Videos, Bildergalerien, Snaps, Tweets und Postings.

Fast alles bei Bremen Next dreht sich um Musik. Jan Weyrauch möchte den "Soundtrack zum Lebensgefühl der 15- bis 25-Jährigen in unserem Bundesland" liefern - das sind immerhin rund 90.000 potenzielle Hörer. Der Musikanteil im Programm liegt bei etwa 80 Prozent. Nicht alle Strecken werden moderiert: Je vier Stunden morgens und nachmittags leistet sich der Sender. Zusätzlich gibt es an vier Abenden pro Woche DJ-Shows, bei denen Bremer Szenegrößen während der Sendung über die sozialen Netzwerke live mit ihren Hörern in Kontakt stehen. "Manchmal", so Weyrauch, werde Bremen Next "auch selbst zum Musikproduzenten" - etwa bei einem Jogi-Löw-Rap auf YouTube.

Bei Reportagevideos und Hintergrundberichten noch Nachholbedarf

Zum Auftrag des Programms, das einen aufwändigen Drei-Stufen-Test durchlaufen musste, gehören auch journalistische Inhalte. Das im Telemedienkonzept beschriebene Spektrum umfasst etwa das politische Weltgeschehen, Sozialpolitik, "Menschenrechte" sowie "Umwelt, Natur und Klima". Auf der Website soll es Reportagevideos und Hintergrundberichte geben. Hier ist das Angebot vier Wochen nach dem Warmstart noch übersichtlich - viel Neues ist nicht dabei. Eine sehenswerte zehnminütige Reportage beschäftigt sich mit dem Leben in der Grohner Düne, einer Bremer Hochhaussiedlung. Von solchen "Next-Streets-Dokus" soll es laut Jan Weyrauch "definitiv" mehr geben. Ein anderes Video über einen Streit im Studentenwohnheim wegen einer Deutschlandfahne, das merkwürdigerweise nicht auf der Website verlinkt ist, hat dem Programmdirektor zufolge bei Facebook "inzwischen über 500.000 Nutzer erreicht und eine große und sehr kontroverse Diskussion ausgelöst".

"Einzelne Like- und Fanzahlen sagen wenig aus"

Betrachtet man die reinen Freunde- und Followerzahlen, hat Bremen Next jedoch noch Luft nach oben: Auf Facebook, der aktivsten Plattform der Marke, haben sich knapp 10.900 Freunde eingefunden, bei Instagram 1.800, auf Twitter knapp 460 Follower. Auch die Downloadzahlen der App sind ausbaufähig. Redaktionsleiterin Felicia Reinstädt, der auf der Next-Website die Eigenschaft "gestählt im Einsatz gegen Sesselfurzer und Langweiler" zugeschrieben wird, lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. "Wichtig ist, dass man all diese Statistiken in ihrer Gesamtheit betrachtet. Einzelne Like- und Fanzahlen sagen wenig aus", meint sie gegenüber kress.de und hält dagegen: "Seit dem Start haben wir auf Facebook über zwei Millionen Menschen mit unseren Beiträgen erreicht, allein unsere Videos wurden über eine halbe Million Mal aufgerufen." Auch auf den anderen Kanälen würde die Community wachsen, so Reinstädt. "Unsere durchweg hohen Interaktionsraten zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind." Eins hat Bremen Next mit seiner ganz eigenen Klangfarbe und den rotzig-entspannten Hosts auf jeden Fall schon geschafft: Bei Radio Bremen geht was.

Hintergrund

Bremen Next ist zu erreichen über: www.bremennext.de, www.youtube.com/bremennext, www.facebook.com/bremennext, www.instagram.com/bremennext, Snapchat => bremennext, UKW Bremen 95,6 MHz, im Digitalradio DAB+ Bremen,als Live-Stream unter www.bremennext.de 

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