Die Paul-Josef-Raue-Kolumne "JOURNALISMUS!": Eintauchen in den "Kontext"

 

"Wir brauchen mehr Frauen, die gründen. Da ist noch super viel Potenzial", sagt Julia Bösch von "outfittery.de" in einem Netzwirtschaft-Interview. Und sie gründen, die Frauen: Außerhalb der großen Verlage haben in diesem Jahr zwei den Versuch gestartet, den Journalismus zu retten - beide mit einem erfolgreichen Crowdfunding. Nach Maren Urners "Perspective Daily" ging Julia Köberlein an den Start: Paul-Josef Raue schaut in seiner Kolumne JOURNALISMUS! in die ersten beiden Ausgaben von "Der Kontext".

Der Saal war voll, der Beifall groß, die Zustimmung allseitig - als Julia Köberlein mit ihrem großen schwarz-weißen Schal beim European Newspaper Kongress in Wien sprach und ihr Online-Projekt "Der Kontext" vorstellte. Die Branche sehnt sich nach Ideen und nach neugierigen Menschen, die in den Mühlen der Konzerne und Redaktionen noch nicht zerrieben sind.

Julia Köberlein, Jahrgang 1981, studierte Mediendesign in Augsburg und Zürich und begann ihre Karriere mit der Masterarbeit: Sie produzierte ein Magazin, das ihr 2011 den "European Newspaper Award" brachte. Sie gründete ein Startup, übertrug mit zwei Mitstreitern, Bernhard Scholz und Erich Seifert, ihr Magazin ins Digitale, sammelte Geld ein, etwa mit einem Exist-Gründerstipendium, und begann, das große Rad zu drehen: Mit einer Beta-Version von "Der Kontext" startete sie ein Crowdfunding, holte damit genug Geld, um Ende Mai 2016 die erste Ausgabe, mit dem Thema TTIP, ins Netz zu stellen; gerade ist die zweite Ausgabe zu Syrien erschienen. Es geht weiter: Die Mitgliedschaft kostet 80 Euro im Jahr, Studenten bezahlen 60.

Der Ansatz von "Kontext" ist ein bekannter: "Im Mediendauerfeuer haben wir irgendwann den Durchblick verloren. Aber was in der Welt passiert wollen wir wissen und verstehen!" Also müssen Journalisten die Welt transparent machen. Das erledigt - nach einem Zwei-Minuten-Film über Syrien - zunächst eine Karte mit den zentralen Themen, in die man nach Herzenslust klicken kann: Krieg, Politik, Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft und Geschichte (ähnlich bei TTIP, aber ohne Krieg und Kultur).

Dann wird geklickt und gezoomt bis zur Erschöpfung: "Auf der Karte befinden sich Zusatzinfos zum jeweiligen Thema. Die Knotenpunkte werden mit Popups veranschaulicht, und ein Glossar klärt Fachbegriffe." Die "Kontext"-Macher sprechen von einem "nichtlinearen Storytelling", bedienbar "wie ein Online-Navigationssystem".

"Nichtlinear" ist das Zauberwort: Die Redakteure erzählen keine Geschichte entlang einer Linie, sie fordern den Leser auf, selbst ein Puzzle zusammenzusetzen - und liefern die Teile. So "wollen wir die sehr schweren Inhalte auf spielerische Weise erkundbar machen", begründen sie ihren Plan. Der Vergleich mit dem Navigationssystem hinkt allerdings und zeigt die Schwachstelle des Projekts: Wer in sein Navi ein Ziel eingibt, wird geführt - entlang einer Route, einer Linie; er kann noch entscheiden, ob er sein Ziel schnell oder gemütlich erreichen will, das war's.

"Wir nehmen die natürlich gewachsene Struktur eines Themas und stecken die in eine interaktive Plattform", schreiben die Macher. Themen wachsen nicht natürlich, sie sind immer das Konstrukt einer Redaktion, sie sind das Ergebnis einer Recherche. So drängen sich Fragen auf:

- Gibt es ein Storytelling, das nicht linear ist? Wollen Leser im Netz keine zusammenhängende Geschichte oder Analyse mehr lesen, sondern sich aus kurzen Brocken selber "ihre" Geschichte zusammenstellen?

- Sind Lexikon-ähnliche Kurzbeiträge reizvoller als eine Langstrecke, aus der man durch Links aussteigen kann, oder als ein Snowfall, bei dem die Redaktion den Leser an die Hand nimmt?

Die Recherchen zu TTIP sind beeindruckend bis hin zu den Rändern, etwa wenn die "Berichterstattung" der Medien unter dem Stichwort Wirtschaft beleuchtet wird:

"Auch der Journalismus und die Berichterstattung über TTIP trägt eine Mitschuld an der Hysterie, dem Halbwissen und den Mythen um TTIP. Manche Überschriften vereinfachen zu stark, sind polemisch, überspitzen die Realität und schüren so Ängste. So titelte die BILD 2014 'Schmeckt Chlorhühnchen nach Schwimmbad?', um dann im Artikel festzustellen: Nein, tut es nicht. Ein anderer Artikel war übertitelt mit 'Chlorhühnchen-Streit bei Anne Will', dabei ging es in der Sendung um weit mehr als Chlorhühnchen. Aber auch andere Medien setzen Chlorhuhn mit TTIP gleich. So titelte etwa die "FAZ" 'Über das Chlorhühnchen ist noch nicht entschieden', und auch "Focus" schrieb 'TTIP macht's möglich - Chlorhähnchen, Klonfleisch und Genmais'."

Angefügt sind vier Links zu Artikeln von "Bild", "Focus" und "FAZ", aber eine umfassende Medien-Kritik fehlt, "Kontext" bleibt bei Einzelfällen, ordnet nicht ein.

"Spielerisch" ist das zweite Zauberwort. Aber wollen Leser wirklich spielen, wenn es um solch schwere Stücke geht wie ein Freihandelsabkommen, das die halbe Welt aus den Angeln heben wird, und einen Krieg, der Europa aus den Angeln hebt? Vielleicht meinen die "Kontext"-Redakteure mit "spielerisch" nur "spielerisch leicht": Ist es wirklich leicht, unentwegt hin und zu springen und sich zu fragen, was als nächstes interessiert? Geht der Zusammenhang, der sich beim Spielen entfalten soll, nicht eher verloren?

Das "Kontext"-Problem ist das vieler Online-Projekte: Die Macher spielen, sind überwältigt von ihrer Kreativität und verliebt in ihre Werkzeuge und Möglichkeiten, von denen sie alle ausprobieren wollen; überwältigt von ihrem Spieltrieb vergessen sie, dass die meisten Leser wenig Zeit haben und wenig Geduld. So bleibt die Frage: Muss der Leser zum Lesen und Verstehen verführt werden? Endet mit dem Journalismus im Internet eine Ära, in der Dichter seit Jahrhunderten und Journalisten seit Jahrzehnten handeln nach dem Grundsatz: Je schwieriger das Thema, umso leichter der Stoff?

"Eintauchen in das Thema durch Zoomen und Verschieben", versprechen die Redakteure. Nur, um im Bild zu bleiben: Beim Eintauchen kann der Leser auch schnell versinken und ertrinken.

Julia Köberlein wird als "konzeptionsstark" beschrieben. Wie wäre es, wenn sie den "Kontext" so aufsetzte, dass ein komplexes Thema linear und nicht-linear gleichzeitig erzählt wird? Also ein Thema erzählen, schön der Reihe nach - und all die nützlichen Elemente wie das sinnvolle Glossar, wie Filme, Grafiken und Links so einweben, dass Leser weder die Lust am Lesen noch am Mitdenken verlieren?

Bis zum Beweis des Gegenteils: Ohne Erzählen, ohne den Urstoff aller Kommunikation, funktioniert auch das Netz nicht.

Die "Kontext"-Redaktion hat mit ihrer TTIP-Recherche auch ein kleine Magazin drucken lassen, das sie ein "Plakat zum interaktiven Hintergrundmagazin nennt". Da gehen die Macher linear vor und zeigen die Stärke des linearen Erzählens: Wenn ein Text grafisch gut geordnet ist, kann der Leser das überschlagen, was ihn nicht interessiert, und zu dem springen, was ihn interessiert. Der Leser ist in der Tat nicht-linear, er ist sprunghaft - aber er mag lineare Vorlagen.

"Into the wild" will "Der Kontext" seine Leser führen. Aber wer erfolgreich sein will, sollte beachten: Je wilder das Thema, desto ruhiger der Ton der Erzählung.

Es gibt im Netz reichlich Konkurrenz, auch kostenlose, mit guten und ausführlichen Online-Projekten zu wichtigen Themen unserer Zeit, nicht nur bei den nationalen Zeitungen, Wochenzeitungen und Magazinen. Zu Syrien bietet beispielsweise die Bundeszentrale für politische Bildung ein umfangreiches Dossier an, schildert die aktuelle Situation, die Ursache des Krieges, die Geschichte des Konflikts und mögliche Lösungen; zudem ist in das Dossier ein 12-Minuten-Arte-Film über die Geschichte Syriens eingeflochten, der im Zeitraffer das Land "am Kreuzweg der Kulturen" zeigt von der Pharaonen-Herrschaft über die Osmanen bis zum Siegeszug des Islam.

Das Dossier der Bundeszentrale erzählt "linear", also Schritt für Schritt - ohne dass sich der Leser selber einen Weg bahnen muss. Wer beide Projekte, der konventionelle der politischen Bildung und der ambitionierte von "Kontext", vergleicht, der fragt und zweifelt:

Überfordern wir den Leser, wenn wir ihn in die Lage versetzen, nach seinen Vorlieben selber ein Dossier zusammenzustellen? Oder machen wir es ihm zu einfach, wenn wir ihm ein einziges Erzählstück liefern? Wie viel Arbeit dürfen Journalisten ihren Leser zumuten? Wie viel Arbeit müssen sie selber leisten?

Ein ähnlich ambitioniertes Projekt ist Correctiv, von David Schraven gegründet. Es bietet auch ein umfangreiches Paket zu TTIP an - von zwei Reportern erstellt ohne multimedialen Schnickschnack, dafür mit allen Dokumenten und Unterlagen, einem ausführlichen Liveticker, wenn die Verhandlungsrunden laufen, einem linear aufgebauten Dossier, das den Freihandel in 17 Schritten verstehbar macht, und mit aktuellen Artikeln wie zu Gabriels Ankündigung, TTIP sei gescheitert (aber auch mit dem Problem, dass der Autor im Text "Das ist ein politischer Trick" von der Analyse in den Kommentar abdriftet). Im Gegensatz zum Kontext wird das Dossier ständig aktualisiert.

Doch der Vergleich hinkt: Schravens Correctiv-Projekt, mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet, bekommt jedes Jahr eine Million Euro von Bodo Hombachs Brost-Stiftung; der "Kontext" muss mit einer niedrigen fünfstelligen Summe auskommen.

Paul-Josef Raue (66) berät Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg. Er gründete in der Revolution mit der "Eisenacher Presse" die erste deutsch- deutsche Zeitung. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf kress.de erschien die 20-teilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de 

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