Krise der Kreativen: "ARD und ZDF werden ihrer Verantwortung nicht gerecht"

 

Die wirtschaftliche Lage der Beschäftigten in der Kultur- und Kreativwirtschaft hat Lisa Basten untersucht. Besonderes Augenmerk legt die 32-Jährige dabei auf die Film- und Fernsehbranche. Sie beschreibt in ihrem Buch "Wir Kreative!" zum Teil verheerende Arbeitsbedingungen, gleichzeitig aber auch die Freude an den Tätigkeiten. Die Masterabsolventin der Hochschule für Film und Fernsehen hat umfangreiche Zahlenwerke und Umfragen ausgewertet. Mit kress.de sprach sie über die Gegenwart und Zukunft der Branche.

kress.de: Sie haben für Ihr Buch auch 20 Interviews mit Beschäftigten in der Kultur- und Kreativwirtschaft geführt. Ist die Stimmung tatsächlich so schlecht, wie immer gesagt wird?

Lisa Basten: Wird denn das immer gesagt?

Über die miserable Bezahlung klagte zuletzt der frühere Kameramann Stefan Nowak sehr fundiert in einem Interview mit uns. Und er erhielt dafür sehr viel Zuspruch aus der Branche.

Lisa Basten: Das Interview habe ich in meinem Buch berücksichtigt. Aber: Bei der Stimmung müssen wir zwei Aspekte berücksichtigen. Der erste ist: Es gibt nichts Besseres als in der Kreativwirtschaft zu arbeiten. Auch in meinen Interviews, auf die Sie anspielen, wird immer wieder die "Labour of Lust" betont. Ich habe sogar ein Kapitel so benannt.

Und der zweite Aspekt?

Lisa Basten: Das ist die Abwärtsspirale bei den Löhnen und Gagen, das ist das Lohndumping, die Selbstausbeutung und die Tatsache, dass der Markt immer enger wird - also das, was Nowak völlig zurecht angesprochen hat. Es haben sich Arbeitsverhältnisse etabliert, die in einer sozialen Marktwirtschaft in einem der reichsten Länder der Welt nichts zu suchen haben. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ja, das drückt die Stimmung enorm. Es entsteht ein Gefühl der Handlungsunfähigkeit, und das ist in einer Branche, die wie kaum eine andere mit einem Lebensentwurf verknüpft ist, fatal. Ebenso belastend ist, dass keine Strukturen solidarischen Handelns entstehen, sondern jeder nur für sich agiert.

Gerade bei Film- und Fernsehproduktionen verdienen Mitarbeiter aus den unteren und mittleren Ebenen bescheiden, arbeiten aber sehr viel. Ist hier Besserung in Sicht?

Lisa Basten: Nur, wenn geltende Regeln umgesetzt werden. Anders als in anderen Bereichen der Kultur- und Kreativwirtschaft gibt es die nämlich bei den Film- und Fernsehschaffenden. Dort existieren Tarifverträge, urheberrechtliche Regelungen und nicht zuletzt ein gebührenfinanziertes System. Das Problem: All das schlägt sich nicht auf die Bezahlung nieder, auch weil Berufseinsteiger vor allem mit der Umgehung geltender Honorarregelungen punkten können. Wir befinden uns in einer Endlosspirale nach unten.

Stichwort gebührenfinanziertes System: Als von allen Haushalten mit jährlich acht Milliarden Euro getragene Anstalten tragen gerade die Öffentlich-Rechtlichen eine besondere Verantwortung auch für die sozialen Verhältnisse derer, die ihr Programm gestalten. Werden ARD und ZDF dieser Verantwortung gerecht?

Lisa Basten: Nein, absolut nicht. Dabei wäre das so wichtig. Denn die Meisten der Film- und Fernsehschaffenden verdienen ihr Geld zumindest zum Teil in Produktionen für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Wenn man hier eine Festanstellung hat, sind die Bedingungen gut. Bei Auftragsproduktionen fließen die Gebührengelder aber an Produzenten. So bestimmen die Sender zwar, was für wieviel produziert wird, lagern aber die soziale Verantwortung für die Filmschaffenden aus, und das ist ein Skandal.

Skandal, das ist ein scharfes Wort.

Lisa Basten: Ja, und ich nenne Ihnen gleich noch einen: In dieselbe Kategorie gehört die Auslagerung der Dienstleistungstöchter der Öffentlich-Rechtlichen. Hier ist eine solche intransparente Struktur entstanden, in der sich alle gegenseitig das Geld zuschieben, aber niemand erfährt, wer was und wieviel bekommt. Die Leidtragenden sind die Kreativen.

Trotz all dem drängen immer mehr Menschen in diese Branche. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?

Lisa Basten: Das ist die Ausgangsfrage - nicht nur für mein Buch, sondern auch für mich und alle anderen, die so arbeiten möchten. Ich antworte mal so: Kreativität ist heute ein gesellschaftlicher Imperativ. Der Soziologe Andreas Reckwitz hat es etwas anders formuliert: Nicht kreativ sein zu wollen "erscheint als ein absurder Wunsch, so wie es zu anderen Zeiten die Absicht gewesen sein mag, nicht moralisch, nicht normal oder nicht autonom zu sein." Allensbach hat dazu Zahlen erhoben: 30 Prozent der Deutschen legen Wert darauf kreativ zu sein. Dieser Anteil liegt auf einer Ebene mit materiellem Wohlstand und weit vor Religion, Sinnstiftung und sogar politischer Teilhabe. Selbst Pricewaterhouse Coopers, das nun wirklich nicht im Verdacht steht, links zu sein, hat festgestellt, dass 65 Prozent der Berufseinsteiger die Möglichkeit an persönlicher Entfaltung am Arbeitsplatz als Hauptgrund für die Annahme ihres Jobs angeben. Hinzu kommt die wirtschaftliche Notwendigkeit.

Wird die denn erfüllt?

Lisa Basten: Ja, in einer Zeit, da Maschinen immer mehr Arbeit übernehmen, weist der Mediencontent das größte Wachstum auf. Beide Faktoren, also die Labour of Lust und die wachsende Bedeutung, kommen zusammen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr Menschen in die Kreativwirtschaft drängen. Bedenken Sie bitte auch, dass mit öffentlichen Geldern zunehmend Arbeitslose von den Jobcentern umgeschult werden, um in kreativen Berufen arbeiten zu können.

Sie haben auch die Altersvorsorge untersucht. Werden viele Kreative von heute später in die Altersarmut fallen?

Lisa Basten: Es gibt keine Studie über die soziale Lage von allen Kreativen. Eine aktuelle Untersuchung zeigt aber, dass nur einer von zehn Film- und Fernsehschaffenden ausreichend für das Alter vorsorgen kann. Und acht von zehn Beschäftigten in der Musik- und Theaterszene sind von Altersarmut bedroht.

Kann man nicht von diesen Zahlen auf alle Kreativen schließen?

Lisa Basten: Insofern, als dass es was mit sogenannten atypischen Arbeitsverhältnissen zu tun hat. Nur ganz wenige Kreative befinden sich in unbefristeter Anstellung. 97 Prozent sind Kleinstunternehmer. Den Bereich Werbung können wir vielleicht herausnehmen. Hier verdienen die Menschen nach dem wenigen, das wir hierzu aus vertrauenswürdigen Quellen wissen, adäquat. Insgesamt aber steuern wir auf ein riesiges Problem zu, wenn die Politik keine Anpassungen vornimmt.

Die sozialen Schieflagen sind offensichtlich. Sie aber schreiben kein Untergangsszenario, sondern eher ein optimistisches Buch. Wieso?

Lisa Basten: Ich hoffe, dass es optimistisch wahrgenommen wird. Denn wir Kreative können etwas gestalten. Wenn wir uns unserer wirtschaftlichen Relevanz und unserer Bedeutung als gesellschaftliche Vorbilder bewusst werden, scheint der Schritt zum solidarischen Handeln gar nicht so unmöglich. Wir müssen gemeinsam Lobbyismus betreiben um auch politisch gehört zu werden. Ich habe vor diesem Wort keine Angst, denn die Anderen haben sich längst formiert. Also: Das Thema ist da, und deswegen bin ich optimistisch. Jetzt ist unser Moment.

Vielfach diskutiert wird die Frage, ob man sich als Kreativer überhaupt Kinder leisten könne. Sie selbst sind zweifache Mutter. Wird diese Diskussion überhöht?

Lisa Basten: Ich persönlich empfand es als schwierig, Projektarbeit mit dem Umgang mit meinen noch sehr kleinen Kindern in Einklang zu bringen. Bei meiner Recherche stellte sich das komplexer dar. 80 Prozent der Film- und Fernsehschaffenden sagen, ihr Job sei nicht oder nur schwer mit einem Familienleben zu vereinbaren. Da spielen Arbeitszeiten und Gagen gleichermaßen hinein. Gerade auch die fehlende Absicherung im Alter lässt Kinderkriegen als riskant erscheinen. Übrigens gilt das für beide Geschlechter, auch wenn Frauen immer noch rund 30 Prozent weniger verdienen.

Es wird doch aber viel über Kinderbetreuung debattiert und auch geändert.

Lisa Basten: Das ist der nächste Punkt. Die Arbeit für mein Buch zeigte mir, dass die ganze Kita-Diskussion an der Zukunft der Arbeitswelt, für die die Kreativbranche steht, vorbeigeht. Meine Interview-Partner fragten, was ihnen das nütze. Es gebe doch keine Kitas, die zu einem Dreh mitreisen oder die übernachten, wenn eine Deadline ansteht.

Oft wird über die Branche gelächelt, weil sie angeblich nichts Produktives leiste. Sie haben mit diesem Vorurteil aufgeräumt. Wie ist es wirklich?

Lisa Basten: Wer über uns lächelt, sollte sich mal folgende Zahlen anschauen: 2013 machte die Branche 145 Milliarden Euro Umsatz - 20 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Und da sind die öffentlichen Gelder nicht einmal enthalten. Im Vergleich der Bruttowertschöpfung liegen wir vor dem Automobilbau, dem Baugewerbe und sogar dem Finanzsektor. Handwerker können gern über uns lächeln, wie wir uns gegenseitig runterdumpen, nicht aber über unsere wirtschaftliche Relevanz.

Letztlich geht es ja nicht nur um die Kreativbranche, sondern - wie Sie schreiben - um die Zukunft unserer Arbeitswelt, denn das normale Beschäftigungsverhältnis befindet sich auf dem Rückzug. Ist das schlimm?

Lisa Basten: Nein. Es ist sogar großartig, denn es bedeutet mehr Freiheit, nicht in unbefristeter Festanstellung zu arbeiten. Das Bedürfnis nach individueller Zeiteinteilung bei der Arbeit ist da. Und unsere Gesellschaft kann sich das leisten. Wir als Kreative müssen diesen Wandel gestalten, bevor der freie Markt das tut.

Wie wird es um die Menschen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft in zehn, 15 Jahren bestellt sein?

Lisa Basten: Eine Prognose ist schwer, da sich unterschiedliche Tendenzen beobachten lassen. Einerseits ist unser Produkt in Bezug auf die fortschreitende Digitalisierung relativ krisensicher. Andererseits gibt es nur wenig Versuche, die Bedingungen für kreative Projektarbeit zu verbessern. Wir befinden uns wirklich an einem Scheideweg. Aber es liegt in unserer Hand. Ich würde mir so sehr wünschen, dass wir Kreativen die Richtung selbst gestalten. Ich habe mal einen Lobbyisten gefragt, warum das bei uns nicht funktioniert. Und er hat geantwortet: Ihr versucht, uns nachzumachen, statt Eure Stärken auszuspielen; macht kreativen Lobbyismus. Der Mann hat Recht. Wir brauchen Thinktanks, die sich jenseits von Umsatzsteigerung und Coolness mit unserer Zukunft beschäftigten, denn sie ist die Zukunft der gesamten Arbeitswelt und damit eine der wichtigsten Fragen.

Dennoch: Was muss sich ändern, damit die Verhältnisse weniger prekär werden?

Lisa Basten: Das ist ein ganzes Paket an Forderungen an die Politik, die Gewerkschaften und an uns Kreative selbst - vor allem an uns selbst.

kress.de-Tipp: Lisa Basten: Wir Kreative! Das Selbstverständnis einer Branche, ISBN 978-3-7329-0263-7, 162 Seiten, kart., Verlag Frank & Timme

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