"Freitag"-Vize Michael Angele über Zeitungssterben: "Journalismus terrorisiert, wenn er ins Aktivistische geht"

 

In seinem essayistischen Band "Der letzte Zeitungsleser" nimmt Michael Angele Abschied von der Tageszeitung. Er sagt ihr Aussterben voraus. Das Buch ist gerade dennoch eine Liebeserklärung an die gedruckte Zeitung. Im kress-Interview spart das Mitglied der Chefredaktion des "Freitag" aber auch nicht mit Kritik an der Branche. 

Viele Zeitungen verkauften ihre Leser für dumm. Und der 51-Jährige beklagt, dass Meinung und Information auf niedrigem Niveau einhergehen; die Intelligenz der Leser werde beleidigt. Gerade jüngere Kollegen steigerten sich oft ins Aktivistische.

kress.deAls stellvertretender Chefredakteur einer linksgerichteten Wochenzeitung haben Sie ein sehr konservatives Buch über die Tageszeitung geschrieben. Sind Sie sich dessen bewusst?

Michael Angele: Absolut. Ich verantworte ja das Feuilleton beim "Freitag". Und wenn der Politik-Teil dezidiert links ist, dann sollte der Kulturteil konservativ, ich präzisiere, wertkonservativ aufgebaut sein. Sonst gibt es keinen Spannungsbogen innerhalb der Zeitung. Die "FAZ", bei der es genau umgekehrt läuft, hält diesen fruchtbaren Kontrast seit Jahrzehnten aufrecht. 

Sie ziehen das Konservative in Ihrem Buch konsequent durch, von der sehr bibliophilen Aufmachung und der Frakturschrift im Titel angefangen. Dann klagen Sie über Anglizismen wie "concept mall" und die Globalisierung, die die Milieus zerstöre und natürlich über das Ende einer ganzen Kultur mit dem Untergang der Tageszeitung. Also ist Ihr Buch sowohl äußerlich als auch innerlich konservativ?

Michael Angele: Die Aufmachung hat viele überrascht und ist erst einmal auf Skepsis gestoßen. Aber sie hat bei den Lesern offenbar ins Schwarze getroffen. Der Fraktur-Titel haben wir an die "FAZ" angelehnt. Den Buchvertretern hatte der Galiani-Verlag zwei verschiedene Varianten vorgelegt, und diese wichtigen Leute, die dann zu den Buchhandlungen gehen, und das Buch vorstellen, haben sich in großer Mehrheit für die konservative Aufmachung entschieden.

Wenn Sie schon den Titel an die "Frankfurter Allgemeine" anlehnen, heißt das dann, dass Sie diese Zeitung als eine der ersten untergehen sehen?

Michael Angele: Die "FAZ" verliert an Auflage, sogar noch ein wenig stärker als andere. Aber: Sie steht für mich exemplarisch für eine gut gemachte deutschsprachige Zeitung. Ich liebe sie. Andererseits hasse ich sie manchmal auch. Sie löst also heftige Emotionen aus, und das sollte eine Zeitung tun, ich versuche das in meinem Buch zu beschreiben. Bei der "Süddeutschen", die ich ebenfalls schätze, fühle ich so etwas übrigens nicht.

Sie sagen, dass die Tageszeitungen verschwinden werden. Wann wird es soweit sein?

Michael Angele: 2027!

Warum?

Michael Angele: Ich kann Ihnen sogar das genaue Datum nennen: am 5. Februar.

Sie scherzen.

Michael Angele: Das hat mir der Schirrmachersche Algorithmus aus dem Jenseits mitgeteilt. Ja, ich scherze. Aber im Ernst: Der Markt wird bereinigt. Es werden vielleicht zwei Qualitätstitel übrig bleiben. Diese Zeitungen werden sich stabilisieren und die Nachfrage bedienen, die es immer geben wird. Leider wird auch das noch sehr vielseitige Segment der Lokalzeitungen, die eine wichtige Funktion haben und unsere Zeitungslandschaft so bereichern, schrumpfen.

Welche beiden Zeitungen werden denn überleben?

Michael Angele: Die "FAZ" und die "Süddeutsche". Eine neue wird nicht hinzukommen – bei den großen Apparaten, die hinter den Verlagen stehen, ist das vermutlich nicht möglich. Das wäre vielleicht das Projekt für einen Mäzen, aber den sehe ich nicht. Kaffeesatzleserei wollte ich in meinem Buch allerdings nicht betreiben.

Dafür schreiben Sie nicht zuletzt über Zeitungssucht. Wie äußert sich die?

Michael Angele: Jede Sucht äußert sich dann, wenn ihr Gegenstand nicht vorhanden ist. Als ich die "FAS" im Urlaub einmal nicht bekam, äußerte sich das bei mir als eine Art Entzug, der so heftig war, dass ich sogar bereit gewesen wäre, die "Bild am Sonntag" zu kaufen. Aber auch die "BamS" gab es nicht. Es war schrecklich. Diese Art Sucht wird abnehmen. Denn die Leser switchen auf die digitale Fassung um. Was bestenfalls bleiben wird, ist die starke Bindung an die Zeitung.

Sind Sie ein Zeitungssüchtiger – so wie Thomas Bernhard?

Michael Angele: Ich war das einmal. Deswegen habe ich das Buch geschrieben. Darin nehme ich Abschied von der Zeitung, genauer, vom Zeitungslesen im emphatischen Sinn. Ich sehe es nüchtern und bin doch auch ein wenig traurig darüber, dass diese Zeiten vorbei sind. Vielleicht kann ich es so verdeutlichen: Im Buch gibt es eine Szene, wie ich in Istanbul eine "FAZ" kaufen wollte und sie dann aber zunächst liegen ließ, weil sie acht Euro kostete. Als ich auf dem Rückweg wieder an dem Kiosk vorbeikam, war mir jemand anders zuvorgekommen. Ich war also nicht mehr süchtig genug, aber eben doch betrübt, als ich meine Entscheidung überdacht hatte und sie nicht mehr rückgängig machen konnte. Allerdings gab es ja offenbar noch einen anderen Süchtigen. Leuten wie diesem unbekannten Zeitungssüchtigen ist mein Buch gewidmet, wenn man so will.

Was ist nun mit Thomas Bernhard, auf den Sie ja Bezug nehmen?

Michael Angele: Ja, er bildet die Klammer des Buchs. Die "Basler Zeitung" hat mein Buch verrissen, weil Bernhard sich angeblich nur als Zeitungsleser stilisiert habe. Genau das deute ich aber selbst an. Ich imaginäre ihn als leidenschaftlichen Zeitungsleser, der auch seinen Hass auf das Objekt der Begierde pflegt. Andererseits macht er die Zeitung ausgesprochen produktiv, denn Bernhard nutzt das dort Dargestellte für seine Literatur. Zeitung bereichert also das literarische Universum. Das ist mir sehr wichtig: Zeitungen erschaffen eine eigene Welt.

Sie zitieren Bernhard mit den Worten: "Je scheußlicher die Zeitung, desto mehr Gewinn ziehe ich daraus." Trifft das auch auf Sie zu?

Michael Angele: Jein! Wenn ich Ihre Frage auf den Boulevard beziehe, muss ich sie allerdings bejahen. Thomas Bernhard las anders als von ihm dargestellt sicher nicht primär "El Pais", sondern viel öfter die "Kronenzeitung". Ich hatte auch immer ein Faible für das Boulevardeske. Daher kann ich Bernhard so gut verstehen. Anders als viele Gesinnungsgenossen habe ich Boulevardzeitungen immer als das gesehen, was sie sind: Geschichten-Maschinen.

Ich muss noch einmal auf das Wort "scheußlich" zurückkommen.

Michael Angele: Das ist ein stilisierter Affekt. Bernhard findet ja grundsätzlich alles scheußlich. Ich selbst meine damit auch, dass Zeitungen sich nicht so wichtig nehmen sollten. Denn letztlich sind sie eben doch ein triviales Produkt, oder sagen wir besser, ein Gebrauchsgegenstand. Vor allem die Macher vergessen das manchmal, wenn sie ihrer Rede vom "Qualitätsjournalismus" eine geradezu heilsgeschichtliche Bedeutung zukommen lassen. Mein Buch ist allerdings nicht aus der Perspektive des Zeitungsmachers geschrieben, sondern aus der des Lesers. Und der will natürlich schon auch eine gute Zeitung.

Den Zeitungsbetrieb beschreiben Sie mit Bezug auf Balzacs Journalistenroman Die verlorenen Illusionen auch heute noch als "korrupt und verlogen". Wie korrupt und verlogen ist denn Ihre Zeitung?

Michael Angele: Ein bisschen, aber es hält sich wirklich in Grenzen. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu unserem Anzeigenchef. Den frage ich auch schon mal: Müssen wir wirklich diese oder jene Verlagsbeilage machen? Manchmal versuche ich panisch den Verdacht der Mauschelei von mir zu weisen. Jetzt etwa bin ich versucht, erst einmal gar keine Bücher mehr von Galiani besprechen zu lassen, weil dort mein Buch erschienen ist. Aber das wäre ja auch ungerecht. Um auf Balzac zurückzukommen: Seine Hauptfigur Lucien schreibt keinen einzigen Text, damit er gelesen wird. Lucien ist hochkorrupt, ja. Aber das werfe ich ihm gar nicht vor – sondern, dass er nicht ein bisschen an seine Leser denkt.

Früher habe man eine Zeitung gelesen, um sich zu informieren; das sei heute nicht mehr nötig, schreiben Sie. Welche Aufgabe könnte dann eine Tageszeitung haben?

Michael Angele: Sie muss Abstand nehmen von unmittelbarer Berichterstattung. Ihre Aufgabe sollte es sein, hintergründiger und analytischer zu sein. Kurz gesagt: Sie muss entschleunigen. Das ist bekannt, und die Tendenz geht ja auch dahin, also weg von der Tages- zur Wochenzeitung.

Selbst im Urlaub, wo man sich noch anspruchsvolle Zeitungen kaufe, weil man sich "unzeitgemäß" verhalte, lese man nur zwei Artikel. Ist dann Zeitung nicht wirklich überflüssig?

Michael Angele: Nein! Denn es geht nicht darum, ob ich wirklich alles lese, sondern darum, dass ich es lesen könnte. Das ist mir ganz wichtig: Die Zeitung als Möglichkeitsraum. Wenn es etwa im Angesicht der dicken "Zeit" heißt: Wer will denn das alles lesen, muss ich sagen, ganz falscher Vorwurf!

Ein guter Zeitungsleser sei nicht der, "der eine Meinung wiederkäut, sondern der, der sie sich durch Lektüre selbst bildet". Geht das heute noch, wo es doch fast gar keine Trennung mehr zwischen Meinung und Bericht gibt?

Michael Angele: Wahrscheinlich haben Sie Recht. Meinung und Information fließen immer stärker ineinander und mich bedrückt das – einerseits. Denn es zerstört das Bildungsideal, das wir mit einer guten Zeitung verbinden und das es so leider nicht mehr häufig gibt. Wenn wir aber zurückgehen in die Zeitungsgeschichte, waren Zeitungen früher natürlich parteiisch. Denn sie waren Parteizeitungen und habe ihre Leser eingeschworen auf eine bestimmte Linie. Um wirklich in einen Meinungsbildungsprozess zu treten, wie Habermas die Zeitungsöffentlichkeit gedacht hat, sollte man viele gute Zeitungen lesen.

Ist Ihre Klage über die Vermengung von Information und Meinung nicht ein Widerspruch dazu, dass Sie sagen, Zeitungen sollten von der unmittelbaren Berichterstattung Abstand nehmen und mehr Hintergründiges liefern?

Michael Angele: Es gibt ja, grob gesagt, zwei Schulen des Journalismus; die angelsächsische mit der klassischen Trennung von Kommentar und Bericht sowie die im allerweitesten Sinne popkulturelle, die sagt, der Standpunkt des Autors sollte einfließen in seinen Bericht. Ich bin sogar Anhänger der zweiten.

Das müssen Sie jetzt aber erklären.

Michael Angele: Ja, jetzt kommt nämlich das große Aber: Es ist eine Frage des Niveaus. Wer sich für die zweite Schule entscheidet, muss es auf eine Weise machen, dass der Leser mitgehen kann, dass er – ich bin gelernter Literaturwissenschaftler, deshalb verzeihen Sie mir hier meine vielleicht etwas gespreizte Rede – zum Mitproduzenten am Text wird. Am besten gelingt das natürlich im Genre der Reportage. Also jetzt fällt mir gerade ein: Das Königsgenre der Zeitung war und muss es unbedingt wieder werden – die Reportage. Aber so läuft es leider oft nicht. Gerade jüngere Kollegen machen sich leider nicht selten auf unangenehme, niveaulose Art mit dem Objekt ihrer Artikel gemein. Das ist eine ganz furchtbare Tendenz. Journalismus terrorisiert, wenn er ins Aktivistische geht.

Zeitungen hielten ihre Leser für dumm, schreiben Sie. Ist das auch ein Grund für ihr nahendes Ende?

Michael Angele: Ja, viele Zeitungen verkaufen ihre Leser für dumm. Ich bringe in dem Buch ja auch meine Eltern ins Spiel, und die regen sich wirklich auf, weil sie sich für dumm verkauft fühlen, sie haben deshalb sogar ihre Lokalzeitung abbestellt. Aber jetzt haben sie ein Problem, denn sie fühlen sich oft nicht mehr gut im Bild, wissen nicht mehr, was in der Gegend läuft. Soviel zur enormen Bedeutung von Lokalzeitungen. Auch Claus Peymann sagt in meinem Buch, Zeitungen nähmen ihre Leser nicht mehr ernst. Und wenn das so leidenschaftliche Zeitungsfans sagen, sollten wir das nicht abtun. Intelligenz drückt sich auch im Zeitungslesen aus. Diese Intelligenz sollte nicht beleidigt werden. Ein gutes Gegenbeispiel aus jüngster Zeit ist übrigens die "BZ", die ihren Leser wirklich einiges zumutet, mit vielen Regeln bricht und bei der man merkt, wie sie auf die Intelligenz ihrer Leser vertraut. Ich weiß aber nicht, ob sie damit Erfolg haben.

Obwohl Zeitungsleser immer älter würden, versuchten die meisten Zeitungsmacher "in kompletter Verdrehung dieser Tatsache" ihre Zeitungen immer jünger zu machen. Vergraulen sie so die letzten Getreuen? Schreiben Sie am Leser vorbei?

Michael Angele: Richtig. Genauso ist es!

Hintergrund: Chefredakteur von "Freitag" sind Jakob Augstein (verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes) sowie Philipp Grassmann und Katja Kullmann. Seit Januar 2015 ist Michael Angele als Nachfolger von Jana Hensel stellvertretender Chefredakteur. Verlagsleiterin ist Nina Mayrhofer, Geschäftsführer sind Jakob Augstein und Christiane Düts. 

kress.de-Tipp: Michael Angele: Der letzte Zeitungsleser. ISBN: 978-3-86971-128-7, 160 Seiten, Verlag Galiani Berlin

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