Die Paul-Josef-Raue-Kolumne: Intellektuelle Spießer, Bevormundung und Bespitzelung

 

26 Jahre nach Revolution und Einheit haben nur wenige Zeitungen im Osten ihre DDR-Geschichte erforscht und ihren Lesern vorgelegt. In seiner Kolumne JOURNALISMUS! berichtet Paul-Josef Raue von zwei Zeitungen, die eine unabhängige Wissenschaftlerin zur Recherche beauftragten.

Die Tageszeitungen in der DDR waren modern: Sie hatten schon Leser-Reporter und von Hunderttausenden besuchte Presse-Feste, die eine halbe Million Mark kosteten; sie bekamen Leserbriefe, die aufmerksam von den Politikern gelesen wurden; und sie hatten Redakteure, die verpflichtet waren, aufs Volk zu hören. Im Artikel 27 der Verfassung von 1968 stand: "Die Freiheit der Presse, des Rundfunks und des Fernsehens ist gewährleistet."

Aber die Unabhängigkeit für Redaktionen stand nur auf dem Papier. Die Journalisten, fast alle Parteimitglieder, waren nur Teil eines gigantischen Propaganda-Apparats.  Auch zur Überwachung ihrer Leser spannte die Stasi die Redakteure ein. Doch was genau in den Redaktionen geschah, haben die Leser auch nach der Revolution nicht erfahren – bis vor vier Jahren der Nordkurier in Neubrandenburg das Tabu brach.

Die Germanistin Christiane Baumann bekam vom Verlag den Auftrag zur Recherche und stellte fest: In der Zentralredaktion der Parteizeitung war jeder vierte Redakteur ein IM  – aber nur beiläufig als Horchposten in die Redaktion hinein, wo außereheliche Seitensprünge ein beliebter Stoff für die IM waren. Die Redakteure horchten vor allem die Leser aus; Gabriele Baumann schreibt von einer "doppelten Instrumentalisierung von Journalisten":

"Das wirft ein Licht auf die Kommunikationswege der SED: Bei maximaler Einschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit wollte die herrschende Partei dennoch Volkes Meinung kennen. Was die Werktätigen dachten, konnte man nicht in der Zeitung lesen. Journalisten erfuhren es aber regelmäßig und leiteten es dann an diejenigen weiter, die in führender Position für diese Unterdrückung einer Öffentlichkeit verantwortlich waren."

Christiane Baumann erzählt Beispiele, nennt auch Namen wie den des Redakteurs mit dem Pseudonym Hugin in Neustrelitz: Er war Führungs-IM, beobachtete für die Stasi das Folklore-Ensemble, hatte Zuträger im Ensemble, begleitete die Künstler auf Auslands-Tourneen und erstattete Bericht – für die Stasi.

Der "Nordkurier" veröffentlichte die Recherche als Serie, die zum Abschluss in einem schmalen Buch komplett erschien, aber sie bekam wenige Reaktionen von den Lesern, also wenig Ablehnung, wenig Zustimmung. Ähnlich war die Resonanz in Thüringen, als eine der großen Zeitungen im Osten, die "Thüringer Allgemeine", auch von Christiane Baumann ihre DDR-Geschichte recherchieren ließ, als die Zeitung "Das Volk" hieß.

Bei ihren Berichten für den "Nordkurier" wie für die "Thüringer Allgemeine" reduziert Baumann die DDR nicht auf Stasi und Bevormundung, sondern erzählt die vierzigjährige Geschichte der Zeitung – wie ein Gegenstück zu Günter Raues "Geschichte des Journalismus in der DDR", die der Direktor der Sektion Journalistik an der Leipziger Universität 1986 gegen westdeutsche Historiker und ihre vermeintlichen Verfälschungen geschrieben hatte. Raue wollte "die historische Wahrheit der Eroberung der sozialistischen Pressefreiheit durch die Arbeiterklasse" herausfinden.

"Ein KZ-Überlebender, ein Moskau-Emigrant, ein untergetaucht lebender Sozialdemokrat und ein in der NS-Zeit aktiver Wirtschaftsjournalist" bilden nach dem Krieg die Chefredaktion beim "Thüringer Volk", wie die nach dem Krieg in Weimar erscheinende Zeitung zuerst hieß. Noch teilen sich Mitglieder der KPD die leitenden Positionen mit denen der SPD, die damals in Thüringen 75.000 Mitglieder hat.

1946 lebt in Thüringen mehr als eine halbe Million Flüchtlinge, doch in einem SPD-Aufruf wird das Land als "blühende Oase inmitten eines schwer um seine Existenz ringenden Deutschland" beschrieben. Der Friede zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten hält nur kurze Zeit, wie das Schicksal von Karl Doerr belegt:

Doerr, vor der Nazi-Machtübernahme Chefredakteur einer SPD-Zeitung, wird Chefredakteur des "Thüringer Volk" zusammen mit dem Kommunisten Fritz Heilmann, der bis 1933 Chefredakteur einer KPD-Zeitung in Gotha war und im Krieg Chef vom "Freien Wort" in Moskau, der Zeitung für deutsche Kriegsgefangene.

KPD und SPD waren längst zur SED verschmolzen, als der Sozialdemokrat Doerr 1949 gehen muss, es ist ein "entwürdigender" Rauswurf. Seine offenbar erzwungene Selbstkritik veröffentlicht die Zeitung:

"Die Landesparteischule hat mir die Möglichkeit gegeben, mich theoretisch-wissenschaftlich und ideologisch so zu festigen, dass meine schädliche sozialdemokratische Denkweise endgültig überwunden ist und ich, frei von Sozialdemokratismus, mich der Entwicklung der Partei neuen Typus ohne innere und äußere Schwankungen widmen kann."

Karl Doerr flieht nach Düsseldorf,  um seiner Verhaftung zu entgehen, und stirbt im Jahr darauf, nur 53 Jahre alt.

Kommunistische Parteiführer leiten in den ersten Jahren der DDR die Zeitung – nicht immer zur Zufriedenheit der Partei. Der im Politbüro für Agitation zuständige Professor Norden kritisiert die Redakteure und nennt beispielhaft "Das Volk": Sie haben "keine feste und dauerhafte Verbindung zur Arbeiterklasse und sind zu intellektuellen Spießern entartet". Prompt wird der Chefredakteur degradiert und als Chef ins Funkhaus Leipzig abgeschoben.

In den siebziger und achtziger Jahren kommt eine neue Generation in die Redaktion, linientreu, aber auch gleichgültig und resigniert. "Die ließen die Ideologie über sich ergehen – was man halt auch den Zeitungen anmerkte, in denen allerdings auch keine Freiräume für klassischen Journalismus existierten", schreibt Baumann, "weshalb sich dann auch in der Wendezeit die allermeisten SED-Journalisten nicht als kritische Federn hervorgetan haben."

Als viele Sozialdemokraten in den Gründungsjahren der DDR die Zeitungen verlassen müssen, ändert die Partei auch den Namen ihrer Zeitung: Aus dem "Thüringer Volk" wird "Das Volk". Chefredakteur Otto Trillitzsch begründet dies mit dem Traum von der Einheit:

"Es gibt nur ein Volk, das deutsche Volk und kein thüringisches, sächsisches, brandenburgisches, hessisches oder bayerisches." Mit der damals in der DDR immer wieder geforderten Einheit schreibt der Chefredakteur weiter:

"Mit den fortschreitenden politischen Erkenntnissen unseres Kampfes um die deutsche Einheit musste auch der Name Thüringer Volk fallen und an seine Stelle der kraftvollere, geschichtlich echtere Das Volk treten. Das ist ein Name, der noch stärker gegenüber den Arbeitern und Bauern verpflichtet."

In Erfurt organisiert die Redaktion 1949 den ersten Kongress der Volkskorrespondenten, der DDR-Variante des Freien Mitarbeiters, der ehrenamtlich aus den Dörfern und städtischen Quartieren, später den Plattenbauten berichtet. Die Volkskorrespondenten werden zur einmaligen journalistischen Massenbewegung, werden als "Presse neuen Typus" gepriesen; schon 1949 kommen sechshundert zum Kongress.

"Wer allein wohl wäre in der Lage, in dieser Zeitung die wahre Meinung des Volkes zum Ausdruck zu bringen, als der Mann der Arbeit selbst. Klar und einfach ist seine Sprache, ungeschminkt spricht er das aus, was seine Umwelt bewegt." So begrüßt zu Neujahr die Redaktion die Volkskorrespondenten in einer Mischung aus – wie wir heute schreiben würden: Pegida und Luther. Einige Volkskorrespondenten werden später bekannte Journalisten oder Schriftsteller.

Christiane Baumann schildert das Treiben eines dieser "Journalisten der Arbeit", wie sie auch genannt werden, Ende der siebziger Jahre:

"Invalidenrentner P., ein ehemaliger Widerstandskämpfer und SED-Funktionär, der schon eine Karriere in verschiedenen Kontrollfunktionen hinter sich hatte, korrespondierte hauptsächlich mit der Stasi. Als die in einem neuen Wohngebiet nicht genügend Zuträger hatte, sprach man 1969 den Parteiveteranen an, verpflichtete ihn als IM 'Helmut' und machte ihn kurzerhand zum 'konspirativen Wohngebietsermittler'. Zur Legendierung wurde 'Helmut' Volkskorrespondent. Ein leitender Journalist führte ihn in der Redaktion ein. Ab und an erschienen Beiträge von ihm auf der Erfurter Kreisseite. Ausgestattet mit einem Ausweis als ehrenamtlicher Mitarbeiter des 'Volkes', führte 'Helmut' gezielte Vorort-Recherchen zu einzelnen Erfurtern durch, wann immer die Stasi Informationsbedarf hatte und dabei nicht offiziell in Erscheinung treten wollte … 'Helmut' ließ die von ihm Befragten dabei im Glauben, er arbeite an einem Zeitungsartikel."

In der Redaktion hat IM Helmut einen Beschützer, den Redakteur P., der selber IM ist mit dem Decknamen "Dicker".

Wer als Redakteur nicht auffallen will, wer vorsichtig agiert wie ein Kulturredakteur, kann fallen, tief fallen – so wie Heinz Stade. Christiane Baumann recherchierte den Fall:

"Im Sommer 1983 erschien im 'Volk' ein Artikel über ein Urlauberehepaar auf einem Thüringer Campingplatz. Der porträtierte Mann, ein Dachdecker, war dem Redakteur empfohlen worden – vom Parteisekretär des Campingplatzes. Trotz dieser Vorauswahl wurde der unauffällige Artikel über Werktätige in der Sommeridylle zum Problem. Zwar hatten die Interviewten in obligatorischer Weise die Friedenspolitik des Staates erwähnt, doch etwas hatten sie für sich behalten. Etwas, das jedes Gespräch für die SED-Zeitung von vornherein überflüssig gemacht hätte: Das Ehepaar hatte seit Längerem einen sogenannten Ausreiseantrag gestellt."

Die Erfurter SED-Bezirksleitung will ein Exempel statuieren: Tribunal, Ausschluss  und offene Distanzierung aller Redakteure. Der Redakteur Stade kommt mit Briefen an im Westen lebende Geschwister in die Mühlen der Partei. Wer das Protokoll der entscheidenden Redakteurs-Versammlung liest, wähnt sich in einem Propagandafilm aus den Fünfzigern, schreibt Christiane Baumann:

"Nacheinander meldeten sich Genossen (teilweise Freunde) zu Wort und erklärten den Redakteur Stade schließlich zu einem Abtrünnigen, mit dem es keine Gemeinsamkeit mehr geben könne." Nur eine Gegenstimme gibt es: Eine befreundete Redakteurin, verheiratet mit einem NVA-Offizier, ist gerade aus Moskau zurückgekommen und hebt nicht die Hand – zum Schrecken der Funktionäre. Die Redakteurin erzählt: "Andere Kolleginnen waren danach weinend zu mir gekommen, bedrückt von der eigenen Feigheit: Wenn ich jünger wäre, hätte ich wie Du gestimmt. Ich habe aber Rücksichten zu nehmen."

Der Vize-Chefredakteur brüllt die Nein-Redakteurin brüllt an: "Schäm Dich zu Tode!", die Parteileitung droht Konsequenzen für die Karriere ihres Mannes an. Die Redakteurin rettet sich in den Konjunktiv: Falls Stade dem Staat geschadet haben sollte, ziehe ich meine Gegenstimme zurück.

"In der Wendezeit haben sich die allermeisten SED-Journalisten nicht als kritische Federn hervorgetan", schließt Christiane Baumann ihre Recherche durch die Jahrzehnte des DDR-Journalismus. Auch Jahrzehnte danach hatte sie in Neubrandenburg eine Distanz bei Redakteuren erlebt, wie sie TA-Redakteur Hanno Müller in einem Interview erzählt:

"Nicht allen gefällt, was sie da lesen. Besonders was die achtziger Jahre betrifft, so ist es natürlich auch nicht sehr schmeichelhaft für Journalisten, wie Zeitungen ausgesehen haben. Bei der Zeitung in Neubrandenburg hat die enorme Stasidurchdringung auch das Klima unter den Kollegen mitbestimmt und eine geradezu zwanghaft unoffene Stimmung kreiert. Und das war letztlich typisch für die gesamte DDR."

Redakteure der "Thüringer Allgemeine" stellen sich ihren Lesern – buchstäblich – zum 25-Jahr-Jubiläum der Abnabelung vom "Volk" und erzählen wie Angelika Reiser-Fischer ihre DDR-Geschichten, aufgeschrieben in dem Buch "Die Unabhängige":

"1978 begann ich in der Redaktion 'Das Volk'. Und lernte die Spielregeln. Hatte bald die Schere im Kopf. Fragte Dinge erst gar nicht, überhörte Bemerkungen. Meine Gesprächspartner wussten meist auch selbst, dass ich manches gar nicht schreiben würde: fehlendes Gemüse, verbotene Bücher, nicht genehmigte Westreisen. In der sozialistischen Presse hatte so etwas nichts zu suchen .Es waren peinliche Momente ... Wenn manche heute meinen, sie hätten Widerstand geleistet - ich nicht."

Paul-Josef Raue (66) war oft in der DDR, begleitete als Chefredakteur der "Oberhessischen Presse" die Städtepartnerschaft von Eisenach und Marburg, hatte mehrere IM und eine Akte, gründete im Januar 1990 mit der "Eisenacher Presse" die erste deutsch-deutsche Zeitung, war bis 1994 Chefredakteur in Eisenach, später drei Jahre Chefredakteur der "Volksstimme" in Magdeburg und sechs Jahre der "Thüringer Allgemeine". Er schrieb das Buch "Die unvollendete Revolution. Ost und West – Die Geschichte einer schwierigen Beziehung" und gab eine Reihe von Büchern über den Osten nach der Revolution heraus wie "Die Wende", "Thüringer Grenz-Wege", "Treuhand in Thüringen" und "Die Unabhängige – 25 Jahre Thüringer Allgemeine. Wie Journalisten die Freiheit erobert haben und die Zukunft gewinnen wollen" (alle Klartext Verlag).

Heute berät Raue Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Auf kress.de erschien die 20-teilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de

Info:

Die Germanistin Christiane Baumann (Jg. 1963) studierte Germanistik. Sie recherchierte über das Schweriner Theater in der DDR, über den SPD-Politiker Ibrahim Böhme, der als IM enttarnt wurde, und über die Geschichte der "Freien Erde", Neubrandenburg. Baumann über sich selbst:

"Meine persönlichen Erfahrungen unterscheiden sich vermutlich nicht von denen anderer, die in den achtziger Jahren mit einem gewissen kritischen Blick lebten. Ich gehörte zu keiner Partei, auch nicht zu Oppositionsgruppen, kam zum Ende der DDR in die Nähe des Neuen Forums und dann als Quereinsteigerin in den Journalismus. Das Thema Ideologiekritik als solches hat mich aber seit dem Studium schon beschäftigt."

Das Buch: "Die Zeitung 'Freie Erde'. Kader, Themen, Hintergründe – Beschreibung eines SED-Bezirksorgans“, wird herausgegeben von der Landesbeauftragen für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (Schwerin 2013, 179 Seiten, zu beziehen über die Landesbeauftragte für 6 Euro)

Über "Das Volk" und seine Stasi-Instrumentierung wird laut OTZ-Bericht demnächst auch ein Buch herauskommen, Klarnamen von IM inklusive.

Die "Ostsee-Zeitung" in Rostock und die "Berliner Zeitung" haben auch ihre Geschichte recherchieren lassen. Christiane Baumann im "TA"-Interview: "Die Berliner Zeitung hat zur Stasibelastung ihrer Mitarbeiter eine Studie erstellt, deren Ergebnisse aber nur teilweise veröffentlicht. Die Ostsee-Zeitung in Rostock riss in einer Serie zum 50. Jubiläum DDR-Themen zwar an, sparte aber Heikles wie die Stasi-Anbindung ihrer Redakteure aus."

"Berliner Zeitung" - "Sächsische Zeitung" - "Neuer Tag" sind Thema im 1997 erschienenen Buch "Willfährige Propagandisten. MfS und SED-Bezirksparteizeitungen" von Ulrich Kluge, Steffen Birkefeld und Silvia Müller.

Die "Lausitzer Rundschau" in Cottbus haben die Professoren Michael Heghmanns  und Wolff Heintschel von Heinegg im Auftrag des Verlags untersucht; ihre Recherche veröffentlichten sie in Band 18 der Schriftenreihe des Berliner Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR; sie nennen sämtliche Namen der IM. Das Buch ist vergriffen, aber kann als Datei komplett heruntergeladen werden: "Der Staatssicherheitsdienst in der Lausitzer Rundschau. Absicherung der Berichterstattung der SED-Bezirkszeitung Lausitzer Rundschau durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR." Die Autoren kommen zu dem Schluss:

"Der  Einfluss des Ministeriums für Staatssicherheit auf die Berichterstattung der Lausitzer Rundschau war äußerst gering. Soweit von einer inhaltlichen Kontrolle die Rede sein kann, ging diese nicht über die allseits bekannten Formen der direkten oder indirekten Einflussnahme hinaus. Dies bedeutet, dass zum einen die Vorgaben der SED selbstverständlich Beachtung fanden und zum anderen die Mitarbeiter der Redaktionen hinreichend 'sensibilisiert' waren, so dass sie bereits im Wege der Selbstkontrolle alles vermieden, was zu einem Widerspruch zu den genannten Vorgaben hätte führen können."

Diese Einschätzung teilt auch Christiane Baumann nach ihren Recherchen in Neubrandenburg und Erfurt: "Es wäre völlig irrwitzig, wenn man davon ausginge, dass die Stasi das Sagen in der Zeitung hatte. Zeitungen wurden straff kontrolliert durch die Partei selbst, da war sowieso wenig Spielraum. Die Stasi schaffte darüber hinaus eine Art Parallelkontrolle. Es gab die Kontrolle nach Innen, aber es gab auch den Redakteur, der bei Künstlern, Sportlern oder in Betrieben Informationen einholte und weitergab."

Zwei Drittel der 15 ehemaligen DDR-Bezirkszeitungen hat sich laut Baumann nicht öffentlich mit ihrer Vergangenheit beschäftigt.

Literatur zum Thema (bis auf Marons Buch nur antiquarisch erhältlich):

-  Monika Marons Roman "Flugasche" spielt in Bitterfeld, dem großen Chemie-Standort der DDR, er gründet in Marons Erfahrungen als Redakteurin für die Ost-Berliner Wochenpost im Chemierevier der DDR: Die Redakteurin soll ein Porträt eines "Helden der Arbeit" schreiben, will die Wahrheit schreiben, aber scheitert damit in der Redaktion und der Partei. Das Buch erschien 1981 nur im Westen.

-  Brigitte Klumps "Das rote Kloster. Als Zögling in der Kaderschmiede des Stasi". Die Ex-Studentin in der Journalistenschule der DDR schrieb 1978 den Bericht, der nur im Westen erschien.

-  Gunter Holzweißig: Zensur ohne Zensor. DIE SED-Informationsdiktatur (1997). Überblick mit vielen Beispielen

-  Stefan Panne: Die Weiterleiten. Funktion und Selbstverständnis ostdeutscher Journalisten (1992). Befragung von 22 ostdeutschen Journalisten und Auswertung von 110 DDR-Romanen, in denen Journalisten eine Rolle spielen

-  Ilona Wuschig: Anspruch ohne Wirklichkeit. 15 Jahre Medien in Ostdeutschland (2005). Die Dissertation geht der – immer noch aktuellen – Frage nach, "warum ostdeutsche Journalisten seltener als ihre westdeutschen Kollegen das Gefühl haben, dass dieser 'Staat auch ihr Staat' sei" und "warum große Teile der ostdeutschen Bevölkerung kein Vertrauen in die Politik entwickelt haben und was dies für Medien bedeutet".

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