Umfrage unter deutschen Volontären: "Wir möchten bitte ausgebildet werden"

 

Sie steigen mit dem Wissen in ihren Beruf ein, dass nichts so bleibt, wie es ist. Sie sollen von erfahrenen Redakteuren Journalismus lernen und gleichzeitig denselben Redakteuren moderne Kommunikation beibringen. Wie ticken eigentlich Menschen, die jetzt ihr Volontariat machen? Eine aktuelle Umfrage gibt Auskunft.

In einer Umfrage unter rund 400 Volontärinnen und Volontären hat die Initiative Qualität im Journalismus (IQ) sich nach der Situation der Auszubildenden, nach ihrer Kritik und Verbesserungsvorschlägen erkundigt – und teilweise Erschreckendes herausgefunden.

Die Zukunft des Journalismus ist etwas unter 27 Jahre alt, zu knapp zwei Dritteln weiblich und hat zu über 90 Prozent einen Studienabschluss. Dieser Durchschnitt ergibt sich aus der Volontärsbefragung der Initiative Qualität im Journalismus (IQ). 390 Kursteilnehmer an sieben deutschen Ausbildungsinstituten haben sich im ersten Halbjahr 2016 an der anonymisierten Umfrage beteiligt. Wobei der Schwerpunkt klar auf den Printmedien liegt: Die meisten (62 Prozent) arbeiten für Tageszeitungen, weitere 24 Prozent für Zeitschriften, der Rest verteilt sich auf Öffentlichkeitsarbeit, Onlineredaktionen, Anzeigenblätter und sonstiges. Die auf dieser Basis erzielten Ergebnisse dürften sehr repräsentabel, wenn nicht gar repräsentativ sein, wie es IQ-Sprecherin Ulrike Kaiser auf einer Ausbildungskonferenz Mitte September in Bonn formulierte.

"Weiblich, gebildet, erfahren", fasst Kaiser die Ergebnisse zusammen. "Unzufrieden", hätte man noch ergänzen können, denn die viele Befragte klagen über krasse Missstände in den Redaktionen. Die Haupterkenntnisse:

Mehr Struktur!

Die angehenden Journalistinnen und Journalisten vermissen vor allem eins: Systematik. Nach den Aussagen der Umfrageteilnehmer empfinden viele ihre Ausbildung als "unorganisiert", wünschen sich "bessere Planung" und "mehr Struktur". Ausbildungspläne sind offenbar keine Selbstverständlichkeit. Anstatt verbindlichen Abläufen zu folgen, so klagt ein Volontär, müsse man "ständig als Notstopfen herhalten". Eigentlich zur Orientierung für den eigenen Karriereweg gedacht, wird das Durchlaufen verschiedener redaktioneller Stationen so zu einer Art Redaktionsfeuerwehr. Volontäre dienten als spontaner Behelf bei Krankheitsausfällen, berichtet eine Nachwuchsjournalistin. "Ich möchte etwas lernen, mich ordentlich einbringen und nicht im Zwei-Wochen-Takt Lücken füllen." Ein anderer Volontär erlebt gerade das Gegenteil: "Ich wurde als Ersatz für einen Redakteur eingestellt und bewege mich seit 15 Monaten im gleichen Ressort."

Mehr Feedback!

"Ein Ausbildungsredakteur wäre ganz schön, oder zumindest jemand, der über meine Texte liest." Der Wunsch nach Feedback, Ansprechpartnern und Kritik zieht sich wie ein roter Faden durch die IQ-Umfrage – und nicht immer ist er so bescheiden formuliert wie von dieser Volontärin. "Es fehlen Erklärungen, Anleitungen und Einarbeitung. Und wenn mal etwas schief läuft, fehlt das Verständnis", äußert eine Nachwuchskraft. Vom reinen "einfach machen" und "learning by doing" halten viele Befragte eher wenig, sie wünschen sich mehr Anleitung und Unterstützung. Dass vor allem Zeitmangel die Redakteure daran hindert, die Beiträge der Volontäre gemeinsam mit ihnen durchzugehen, ist den meisten Jungjournalisten wohl bewusst. Daher halten sich die Ansprüche auch in Grenzen. "Vielleicht im Monatsturnus", schlägt einer vor.

Mehr Gehalt!

Wie ausgebeutet sich der Redaktionsnachwuchs fühlt, zeigt sich an der deutlich geäußerten Unzufriedenheit mit dem Gehalt. "Bezahlt uns ordentlich, mit Kürzungen beim Personal wird das Zeitungssterben auch nicht aufgehalten", fordert eine Volontärin. Eine andere empört sich: "Zu viele Überstunden ohne Ausgleich bei einem Bruttogehalt von 1.500 Euro für Menschen, die ein Studium absolviert haben!" Neun von zehn Volontären starten mit einem Studienabschluss in den Beruf. Ihre Bezahlung entspricht in vielen Fällen nicht einmal dem Tarifniveau: Lediglich 46 Prozent der Befragten gaben an, nach Tarif bezahlt zu werden, das entspricht im Erhebungszeitraum bei Tageszeitungen einem Monatsgehalt von rund 1.850 Euro im ersten Jahr und 2.150 Euro im zweiten Jahr. Fast genauso groß (45 Prozent) ist der Anteil derer, die untertariflich bezahlt werden. Einer hat die Differenz ausgerechnet: "Das kostet über die komplette Zeit des Volontariats etwa 5.000 Euro. Das ist nicht schön." Ein 35-jähriger merkte an, nach 15 Jahren freier Mitarbeit und einem abgeschlossenen Studium mit 1.100 Euro monatlich abgespeist zu werden. Die niedrigste Gehaltsangabe lag bei 780 Euro für ein Volontariat bei einer Tageszeitung. Ausreißer nach oben bilden in dieser Erhebung die Zeitschriftenvolontäre: Sie verdienen zwischen 2.000 und 2.750 Euro im Monat.

Mehr Crossmedia!

Fast wie eine Redaktionsberatung lesen sich die Kommentare der jungen Journalistinnen und Journalisten zum Thema Online und Crossmedia. Hier, da sind sich alle einig, muss mehr passieren. Die Wünsche reichen von einem "größeren Schwerpunkt auf multimedialen Darstellungsformen" über "Online als verbindliche Ausbildungsstation" bis zu "Webseitenpflege und Facebook wichtiger nehmen". Viele Volontäre sind offensichtlich befremdet darüber, wie weit ihre Redaktionen digital zurückhängen – zumal die Hochschulen, von denen sie kommen, inzwischen meist großen Wert auf multimediales Arbeiten legen. "Die Ausbildung im Bereich Online findet bei uns praktisch nicht statt", stellt eine Zeitungsvolontärin fest. Eine andere warnt, die Verlage sollten "die Zukunft nicht aufgrund von Tradition ausblenden". Doch anstatt etwas zu ändern, so eine weitere Stimme, würden viele Redaktionen "alte Fehler lieber weitermachen". Diese Meinungen decken sich mit den Angaben zum eigenen Volontariat: Befragt nach ihren Stationen gaben nur 44 Prozent der Volontäre an, auch online oder mehrmedial ausgebildet zu werden.

Mehr Struktur, mehr Feedback, mehr Crossmedia – geht es nach den Volontärinnen und Volontären dieser Umfrage, hat die Printbranche noch einiges vor sich, möchte sie zukunftsfähig und interessant bleiben. Vielleicht wäre es eine gute Idee, auf die jungen Leute zu hören und in eine hochwertige, planvolle Ausbildung zu investieren anstatt die Redaktionen mit immer neuen Anforderungen zu überfrachten. Oder wie es eine Teilnehmerin zusammenfasst: "Wir möchten bitte ausgebildet werden. Danke :-)"

Info: Die Ergebnisse der IQ-Umfrage zur Journalistenausbildung finden Sie in PDF-Form hier.

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