SpOn-Russland-Experte Bidder: "Westliche Medien müssen Fehler minimieren"

 

Sieben Jahre hat Benjamin Bidder als Moskau-Korrespondent für "Spiegel Online" gearbeitet, bis er in diesem Monat nach Deutschland zurückkehrte. kress.de sprach mit dem Volkswirt, der jetzt für die "Spiegel Online"-Wirtschaftsredaktion tätig ist, über Journalismus in Russland und den Einfluss der "Generation Putin" auf den dort stattfindenden Medienwandel.

Der 34-Jährige widmet sich in seinem soeben erschienenen Buch den Kindern der Wendezeit, die er "Generation Putin" nennt, weil sie von seinem System geprägt seien. Der Untertitel lautet: "Das neue Russland verstehen". 

kress.de: Sind Sie ein Russland-Versteher, Herr Bidder?

Benjamin Bidder: Nicht in dem Sinne, wie es viele im Munde führen. Für mich ist Russland seit 2001 eine zweite Heimat geworden, meine Kinder sind dort geboren. Mich lässt dieses Land nicht mehr los. Ich bin Russland-Versteher, wenn es darum geht, als Journalist etwas zu erklären. Denn nur wer verstehen will, kann auch etwas erklären. Verstehen heißt nicht: alles gutheißen. Auch wer fundiert kritisieren will, muss vorher erstmal verstehen wollen.

Sie beklagen in Ihrem Buch, dass dieses Wort in Verruf geraten sei. Denn wir müssten unseren großen Nachbarn besser verstehen. Warum grenzen sich die deutschen Eliten, auch die Journalisten, so scharf von dem Land bzw. dessen Führung ab?

Benjamin Bidder: Die Differenzierung zwischen dem Land und der Führung ist wichtig. Im Journalismus gibt es leider die Tendenz zur Vereinfachung. Das ist in Teilen auch der Tatsache geschuldet, dass zu wenige Leute in Redaktionen arbeiten, die sich im Osten auskennen. Oft wird Russland reduziert auf Putin. Was nichts mit ihm zu tun hat, ist dann schwierig einzuordnen. Das fängt bei der Überschrift kann: Wie kann man Putin da hineinpacken?

Und das Wort Russland-Versteher wird dann negativ verwendet?

Benjamin Bidder: Diese Entwicklung ist fatal. Das Wort ist als Beleidigung gemeint. Dann gibt es ja jetzt neuerdings noch den "Russland-Knutscher" und den "Putin-Knutscher". Das bin ich nun wirklich nicht. Russland bewegt sich in eine innenpolitische Sackgasse. Die progressive städtische Mittelschicht, die wichtig für die Modernisierung des Landes wäre, wird politisch kaltgestellt, hat keinerlei politische Repräsentanz. Wer aber Russland nicht verstehen will, dessen Urteil bleibt oberflächlich, naiv, dumm – und wird ständig unangenehme Überraschungen erleben, weil er ein falsches Bild davon hat, was jenseits seines Horizonts vor sich geht. Man kann das vielleicht mit einem Nachbarschaftsstreit vergleichen: Nur wer seinen Nachbarn gut kennt, kann auch erkennen, dass eine höhere Mauer zu bauen vielleicht nicht die beste Lösung ist, sondern man mit gemeinsamen Projekten weiterkommen würde.

Sechs zum Teil sehr unterschiedlich junge Russen haben Sie portraitiert, die 1991 – im Jahr des Untergangs der Sowjetunion – geboren wurden und seit 16 Jahren nur Putins Russland kennen. Was verbindet sie?

Benjamin Bidder: Eigentlich verbindet sie, dass sie nicht viel miteinander verbindet. Die Jugend ist wie im Westen sehr facettenreich. Es gibt Hipster, Punks usw. Was sie aber auf jeden Fall gemein haben, ist, dass sich alle von der Generation ihrer Eltern unterscheiden. Sie können selbst bestimmen, was sie lesen, was sie glauben, ja auch, was sie anziehen. Am deutlichsten bringt das eine Umfrage zum Stellenwert der Freiheit auf den Punkt. Während sie bei den unter 34-Jährigen weit oben steht, rangiert es bei den Älteren weit hinten. Dafür stehen dort Stabilität und Sicherheit ganz vorn. Was die Jungen mit Freiheit meinen, ist aber weniger die politische Selbstbestimmung. Es geht um ihren Alltag, um das, was sie machen können. Das ist übrigens nicht anders als im Westen.

Was trennt sie? Polarisiert Putin die "Generation Putin"?

Benjamin Bidder: Nur an den Rändern. Mein Eindruck ist: Vielleicht fünf Prozent sind aktive Kreml-Gegner und zehn bis 15 Prozent extreme Putin-Fans, keine bloßen Anhänger. Die große Mehrheit unterstützt Putin, weil sie zum einen richtig finden, was er tut und zum anderen, weil es keine Alternative gibt. Was die Polarisierung angeht, so ist sehr wichtig, dass die Schule stärker in den Fokus der Politik geraten ist. Ich habe mit einem Schulleiter gesprochen, der seit 40 Jahren im Dienst ist, also auch schon zu Sowjetzeiten. Er berichtet davon, dass es nach der Wende zunächst große Freiheit gab, die Kinder sollten zu selbstbestimmen Individuen erzogen werden. Jetzt versucht der Staat wieder, ideologischen Zugriff zu bekommen. Die Schulen sollen eine unkritische Loyalität zum Staat und dessen Führung vermitteln. Das halte ich für ein Problem – wie der Schuldirektor auch.

Über die heute Mittzwanziger schreiben sie: "Nie zuvor ist eine Generation Russen so frei aufgewachsen wie diese." Gibt Putin den Menschen mehr Freiheit, als es westliche Leitmedien berichten?

Benjamin Bidder: Ja und Nein. Es ist eine relative Freiheit, wenn wir sie auf die 70 Jahre Sozialismus und die vorhergehende Zarenzeit beziehen. Von 1985, also schon unter Gorbatschow, bis 2012/2013 war sehr viel möglich. Seitdem erleben wir eine stärkere Repression. Viele Chefredakteure werden ausgewechselt und Online-Medien an der kurzen Leine gehalten. Aber: Russland ist nicht China! Es gibt eine große Anzahl Kreml-kritischer Zeitungen. Die werden aber nur von einer kleinen Minderheit gelesen. In den vergangenen drei Jahren hat hier aber auch eine stärkere Zensur eingesetzt. 

Putin könnte doch aber die sozialen Medien begrenzen oder ganz abschalten, wie es selbst Erdogan zuweilen macht?

Benjamin Bidder: Die russische Führung agiert bei der Verfolgung ihrer Ziele sehr klug. Sie geht schrittweise und nicht drastisch vor. Die Folgen für die Bevölkerung halten sich in Grenzen. Keine Nation ist so viel in sozialen Medien unterwegs wie die Russen. Dass der Chef des russischen Facebook-Klons VK.com, ein sehr libertärer Mann, aus dem Unternehmen gedrängt wurde, nachdem er sich weigerte, Gruppen von Oppositionellen zu schließen, ist ein Beispiel dafür. Ein anderes Beispiel für die zunehmende Zensur ist die Schießung von Blogs.

Ein Beispiel, bitte.

Benjamin Bidder: Der Blog eines Historikers, der sich auch kritisch mit der Rolle sowjetischer Partisanen im Zweiten Weltkrieg auseinandersetzte, wurde vom Netz genommen. Er hatte auch deren Verbrechen und Übertreibungen benannt. Nun steht er auf derselben Liste der verbotenen Medien wie die Werke Benito Mussolinis – und das ist absurd. Die Partisanen hatten sich damit gebrüstet, den deutschen General Bornemann getötet zu haben. In Wirklichkeit ist er in den 1970er Jahre friedlich in Wien verstorben. Der Blogger hatte das berichtet. Für die Führung erfüllte er damit den Vorwurf, die russische Geschichte zu fälschen.

Manipulation durch vom Kreml beeinflusste oder gleichgeschaltete Medien funktioniert aber offenbar nur noch bedingt. "Ein einfacher Blogger kann dort mehr Menschen erreichen als ein großer Verlag oder sogar ein Fernsehsender", schreiben Sie. Ist die veröffentlichte Meinung, also auch der Journalismus, vielfältiger als viele Deutsche annehmen?

Benjamin Bidder: Ja, sie ist sogar extrem vielfältig. Es gibt nicht nur die Kreml-kritischen Blogs, sondern auch ein breites Spektrum an Presseorganen. Das unterstreicht allerdings auch, dass der Erfolg russischer Staatsmedien ein komplexes Phänomen ist. Nicht nur die staatliche Kontrolle über das Fernsehen ist entscheidend, sondern auch das Medienverhalten der Russen. Die große Mehrheit hat heute Zugang zu kritischen Medien, gerade über das Internet. Wenn die Menschen auswählen können, was sie glauben wollen, dann landen sie aber doch oft bei den Medien, die die Kreml-Lesart verbreiten.

Kann der Westen da etwas tun?

Benjamin Bidder: Gute Frage. Die Idee der EU-Kommission, im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise dort einen russischsprachigen Kanal einzurichten, verkennt die tatsächliche Nachrichtennutzung. Die Russen sagen, es lügen doch alle Medien, und dann suchen sie sich ein Medium, das ihnen am nächsten liegt. Die westlichen Medien müssen noch gewissenhafter arbeiten und Fehler minimieren. Nur dann erreichen sie Glaubwürdigkeit. Jeder Russe kann ihnen ein, zwei Beispiele nennen, wo westliche Berichterstatter falsch lagen – und leider haben sie damit auch Recht.

Eine Kraftprobe zwischen dem Regime und diesem neuen Russland stehe bevor, schreiben Sie und zitieren Julija Latynina, Star-Kommentatorin von Radio Echo Moskau: "Entweder das Internet vernichtet Putins Regime oder das Regime zerstört das Internet." Was meinen Sie, wie wird es kommen?

Benjamin Bidder: Dieses Zitat beschreibt die Lage in Russland vor 2012, vor Putins Rückkehr in den Kreml. Damals gab es im Westen und in Kreisen der russischen Opposition diese Erwartungshaltung: Der Siegeszug des Internet befeuert automatisch auch die Demokratisierung. Die Freiheit kommt mit dem Internet, dachten wir. Heute wissen wir, das ist kein Automatismus. Das Internet wird überschätzt. Das hat in Russland vor allem zwei Gründe. Erstens berücksichtigt diese These nicht das Medienverhalten der Menschen. Und zweitens geht die Führung sehr smart vor. Sie zerstört das Internet nicht, sondern versucht es zu kontrollieren und den Einfluss kritischer Stimmen zu minimieren.

Die Generation Putin habe mit "Gleichaltrigen im Westen mehr gemein als mit den eigenen Eltern". Dieser Wertewandel findet doch nicht im Sinne Putins statt oder setzt er vielleicht gerade auf die Digitalisierung?

Benjamin Bidder: Das können wir heute noch nicht wissen. Ich habe mein Buch deshalb ganz bewusst ohne ein Schlusswort enden lassen, relativ abrupt. In der russischen Gesellschaft gibt es eine Vielzahl von Entwicklungen und gegenläufige Strömungen. Welche sich durchsetzen wird, wie Russland in 20, 30 Jahren aussehen wird, kann seriös niemand abschätzen. Es gibt positive Ansätze, die Gesellschaft wandelt sich. Wir sehen aber auch den zunehmend autoritären Kurs, der Russland in die Sackgasse führt. Das Land braucht eine Modernisierung, aber die Führung misstraut den Kräften, die sie vorantreiben könnten. Putin hat das Internet als eine Erfindung der CIA gegeißelt und sogar den russischen Google-Konkurrenten Yandex als US-beeinflusst bezeichnet. Ob diese Rückfälle ins Autoritäre nachhaltige Wirkung entfalten, ist so nicht klar. Die Gesellschaft ist westlicher geworden. Aber die Führung entfremdet das Land gezielt vom Ausland, aus Gründen des Machterhalts.

Sie schreiben, Michail Gorbatschow verteidige Putins Krim-Annexion. Der eine wird von westlichen Medien verehrt wie ein Heiliger, der andere dämonisiert. Berichten wir immer ausgewogen über diesen Anschluss und auch über Putins Russland allgemein?

Benjamin Bidder: Das Problem ist wieder die Verkürzung. Es beginnt doch schon damit, dass aus Gorbatschow „Gorbi“, dass er zum Säulenheiligen wird. Die wenigsten in Deutschland wissen, welche Ziele Gorbatschow einst verfolgte – und welche nicht. Gorbatschow wollte den Kalten Krieg und das Wettrüsten beenden, jedoch nicht den Sozialismus und die Sowjetunion. Im Gegenteil: Unter Einschluss der Ukraine und Weißrusslands wollte er das Reich – reformiert zwar – retten. Wenn er sich nun unterstützend zu Putins Ukraine-Politik zu Wort meldet, ist die westliche Öffentlichkeit verwirrt. Bei Facebook heißt es, er sei "senil" geworden und "nicht mehr ganz klar im Kopf". Dabei ist er letztlich konsequent. Er hatte sich wie viele in Moskau nie abgefunden mit der Unabhängigkeit der Ukraine. Das schmälert aber nicht seine Verdienste um die Perestroika.

Warum lesen wir das so nur sehr selten?

Benjamin Bidder: Weil die Realität oft zu sperrig ist für den kurzen Nachrichtenüberblick, und weil viele Verlage zu wenigen Journalisten Zeit und Kapazitäten geben, um Experten auf ihrem Gebiet zu werden. Wo die fundierte Expertise fehlt, wird sie ersetzt vom griffigen Klischee. Das Gerede vom "Neuen Kalten Krieg" zum Beispiel macht in vielen Medien die Runde. Dabei ist völlig klar: Es stimmt nicht. Die Lage damals und heute unterscheidet sich fundamental. Es gibt keinen Systemwettbewerb. Aber das Wort passt so wundervoll in die Überschrift. Falsch ist es trotzdem.

Kress.de-Tipp: Benjamin Bidder, Generation Putin, Paperback, 336 Seiten, ISBN: 978-3-421-04744-1, € 16,99

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