Radiomacher Ulf Pohlmeier: "Ich fand den Schritt von 1Live zu WDR4 gar nicht so weit"

 

WDR-4-Redakteur Ulf Pohlmeier (45) hat lange für die junge WDR-Welle 1Live gearbeitet. Jetzt ist er Comedy-Experte für die 70er. Der Radiosender sendet seit Kurzem kleine Zeitreisen in die 70er Jahre an. "Heute vor 45 Jahren..." ist das Prinzip der neuen Hörspiel-Comedyserie "45 Umdrehungen". Jede Folge spielt auf den Tag genau vor 45 Jahren. Im Interview erklärt der stellvertretende WDR-4-Programmchef sein Konzept.

kress.de: Herr Pohlmeier, Sie waren junger Wilder bei 1Live und machen jetzt Programm bei WDR 4 für die Generation Silberlocke. Sind Sie beim DVD-Spieler Ihres Lebens versehentlich auf die Vorspultaste gekommen?

Ulf Pohlmeier: Bei mir ist der digitale Wandel schon so weit fortgeschritten, ich habe gar keinen DVD-Player mehr. Abgesehen davon fand ich den Schritt von 1Live zu WDR 4 gar nicht so weit. Unter den  Hörfunkprogrammen des WDR stehen sich die beiden Wellen in meinen Augen sogar auf eine gewisse Art am nächsten. Beide Programme leben sehr stark von ihrer sehr persönlichen Ansprache und der engen Bindung an die Hörerinnen und Hörer. Genau wie bei 1Live verstehe ich auch bei WDR 4 Radio in erster Linie als sinnliches Medium. Wir wollen bei unseren Hörerinnen und Hörern eine emotionale Reaktion erzeugen. Und das passiert über die Musik, durch unsere Moderatoren oder eben unsere anderen Programminhalte wie Comedys und besondere Programm-Aktionen.

Ihre neueste Idee heißt "45 Umdrehungen". Wie groß ist Ihre Single-Sammlung?

Ulf Pohlmeier:Ich gebe zu, ich habe kein einzige mehr. Bei mir hat die CD Einzug gehalten, als ich etwa 14 Jahre alt war. Bis dahin hatte ich noch keine nennenswerte Musiksammlung auf Vinyl.  

"Ich habe die Kindheit in den 70ern erlebt"

Ihr neues Format feiert die 70er. Sie selbst sind 45. Welche Erinnerungen haben Sie an die 70er?

Ulf Pohlmeier: Ich bin 1971 geboren, ich habe also die Kindheit in den 70ern erlebt. Anders also als die Jugendlichen in der Serie, die mitten in ihrer popkulturellen Sozialisation stecken. Aber für mich verbindet sich das mit den frühesten Kindheitserinnerungen: Der "Rumble in the Jungle", für den ich mitten in der Nacht aus dem Bett geholt wurde, mit der Familie im himmelblauen VW Käfer in den Urlaub fahren, ohne Sicherheitsgurt auf dem Rücksitz und während Papa vorne HB rauchte, die RAF-Fahndungsplakate in der Postfiliale, Kalle Del’Haye, Kevin Keegan - ist alles da.

Die Retro-Welle feiert bei Alt und Jung Erfolge. Was macht den Charme von "Zurück in die Zukunft" aus?

Ulf Pohlmeier: Ich merke, dass eigentlich kein anderes Jahrzehnt mit so viel Leidenschaft belegt ist wie die 70er. Der Musikgeschmack war fast schon eine Frage von Leben und Tod. Die Abgrenzungen waren damals extremer und verbanden sich auch viel mehr mit der gesamten persönlichen Haltung. Schon in den 80ern begannen dann die Grenzen in der Musik zu zerfließen. Da fiel es schon nicht mehr auf, wenn man gleichzeitig Guns N‘ Roses und Michael Jackson hörte. Die Gesellschaft war in den 70ern politisch aufgeladener, und das was in der Welt passierte, wurde noch viel stärker direkt zum Generationenkonflikt in den Familien. Auf all das blickt man entsprechend emotional zurück.

Wie fühlt es sich an, Programm für die Eltern-Generation zu machen?

Ulf Pohlmeier: Es fühlt sich toll an, weil hier ein sehr engagiertes Team mit großer Motivation daran arbeitet, das Programm täglich weiter zu entwickeln. Und wir machen Radio für eine Zielgruppe, die noch mit diesem Medium groß geworden ist. Deshalb spüren wir eine große positive Resonanz von vielen Menschen, die in den letzten Monaten zu uns gewechselt sind und bei uns vielleicht etwas finden, was das Radio ihnen schon länger nicht geboten hat. Ich spüre hier jeden Tag, dass die Kolleginnen und Kollegen brennen und wir alle das Gefühl haben, in den nächsten Jahren richtig viel bewegen zu können.  

"Ich wollte, dass sich die Autoren in eine Situation hineinversetzen"

Natürlich weiß ich, dass Ihnen das Stichwort "Retro" Unrecht tut. Ihr Radio-Format huldigt zwar den 70ern, und dennoch kündigt der WDR innovative Elemente an. Was ist neu an "45 Umdrehungen"?

Ulf Pohlmeier: Neu ist in meinen Augen die Herangehensweise beim Schreiben. Wenn man retrospektiv ein fiktives Format schreibt, würde man üblicherweise alle Themen sammeln, die einem dazu einfallen. Da hätten wir zum Thema 70er innerhalb von einer Minute ganz viele Motive, politisch, gesellschaftlich, popkulturell, Sport. Ich wollte, dass sich die Autoren in eine Situation hineinversetzen wie jemand, der im Hier und Jetzt aktuell schreibt und sich von dem leiten lässt, was gerade Tagesgespräch ist. Deshalb arbeiten wir mit dem WDR-Archiv zusammen, das den Autoren für jede Woche einen 150-seitigen Pressespiegel zur Verfügung stellt. Die schreiben dann anhand dieses Materials und suchen die passenden Tondokumente. Wenn also in der Serie im Hintergrund der Internationale Frühschoppen läuft, dann lief der auch tatsächlich genau an dem Tag im Fernsehen. Die Serie hangelt sich also nicht nur im "RAF-Brandt-Schlaghosen-Beckenbauer"-Stil an den großen Themen der 70er entlang, sondern weckt zum Teil Erinnerungen an ganz kleine Sachen, von denen man gar nicht mehr wusste, dass die mal passiert sind.  

Wie schwer ist es, das Klang-Design der 70er wieder auferstehen zu lassen?

Ulf Pohlmeier: Die Frage nach dem Sound war eine sehr spannende, die wir im Vorfeld sehr lange diskutiert haben. Es gab auch die Idee, die Serie als solches wie eine Originalaufnahme aus den 70ern klingen zu lassen. Das haben wir dann aber doch verworfen. Jetzt freue ich mich, wie dieser Klangkosmos Gestalt angenommen hat. Das ist einerseits ein Verdienst der Produzenten, die die O-Töne aus dem WDR-Archiv meisterhaft mit unserer fiktiven Geschichte und den entsprechenden Soundeffekten verwoben haben. Und andererseits liegt es an den Autoren und unserem tollen Cast um Nina Vorbrodt und Thiemo Schwarz, die zusammen mit mir unsere Familie Vogt ersonnen und geschrieben haben beziehungsweise diese Figuren jetzt spielen und sie mit Leben füllen. 

Pril-Blume hin, Esso-Tiger her – wie haben Sie sich selbst in 70er-Stimmung gebracht?

Ulf Pohlmeier: Das war für mich gar nicht schwer, wir haben im Januar und zuletzt im Juli zwei große 70er-Themenwochenenden gemacht. Deshalb war ich eigentlich während der gesamten Entwicklungsphase von "45 Umdrehungen" mit diesen Themen beschäftigt und permanent im richtigen Modus. Gelegentlich muss ich mich schon vergewissern, ob mir inzwischen nicht heimlich Koteletten gewachsen sind. 

Einst galt das Konzept von WDR 4 als betreutes Hören. Inzwischen finden dort viele Innovationen statt. Ist WDR 4 das neue 1Live?

Ulf Pohlmeier: Mir gefällt der Begriff vom betreuten Hören nicht. WDR 4 hat früher sehr erfolgreich Programm für eine Zielgruppe gemacht, die es so heute einfach nicht mehr gibt. Diesem Wandel muss man sich stellen und deshalb auch hinterfragen, ob das, was man macht noch richtig ist, oder ob es nicht einer Veränderung bedarf. Diese Frage haben wir mit Ja beantwortet, das stellt aber nicht die Vergangenheit in Frage. Wenn es also um die Fähigkeit geht, sich selbst zu hinterfragen und Veränderungen mit großer Lust anzugehen, dann sehe ich die Parallelen zu 1Live. Trotzdem dürfen wir uns aber größere Innovationsintervalle erlauben als die jungen Kollegen. 

"Die Menschen sind popkulturell ganz anders groß geworden"

Aus den 68ern werden jetzt Rock-Opas. Welche Konsequenzen hat der Wandel im Publikum fürs Programm?

Ulf Pohlmeier: Man kann die 50-Jährigen von heute nicht mit denen von vor 30 oder 40 Jahren vergleichen. Die Menschen sind popkulturell ganz anders groß geworden, da erschreckt man sich nicht mehr vor einem Gitarrenriff. Für uns bedeutet das nicht nur den Wandel im Musikprogramm, auch die generelle Ansprechhaltung im Programm hat sich verändert. Wir sind deutlich aktueller als früher, unsere Moderatorinnen und Moderatoren sollen auch mehr Persönlichkeit zeigen und dürfen durchaus ein wenig frecher sein.

Hintergrund "45 Umdrehungen":

Die Radio-Serie (täglich um 11.45 Uhr) erzählt die Geschichte der Familie Vogt, die sich den üblichen Turbulenzen der 70er Jahre stellt: Frauen emanzipieren sich und Söhne rebellieren gegen die Väter, die Wahl des Musikgeschmacks ist eine Frage von Leben und Tod, und eine ganz normale Durchschnittsfamilie wird vom Strom der Moden mitgerissen. 

Hinter der Familie Vogt stehen namhafte Schauspieler wie Nina Vorbrodt, Thiemo Schwarz oder Nachwuchsstar Jamie Bick, bekannt aus der Vampirschwestern-Reihe und "Das Tagebuch der Anne Frank". Unter den Autoren tummeln sich einige der renommiertesten deutschsprachigen Comedy- und Hörspielschaffenden, wie zum Beispiel der "Dittsche"-Autor Albrecht Koch oder der Ingeborg Bachmann-Preisträger Guy Helminger.

Die größte Nebenrolle bei "45 Umdrehungen" spielt das zeitgeschichtliche Archiv des WDR. Die Autoren der Serie erhalten einen rund 150-seitigen Pressespiegel für die jeweilige Woche, in der die Serie spielt. Sämtliche Einblendungen, egal ob aus Fernsehsendungen wie "Der Internationale Frühschoppen", Oswalt Kolles berüchtigten Aufklärungsfilmen oder Bundestagsdebatten mit Kanzler Willy Brandt, sind originale Tondokumente aus den Schätzen des WDR-Archivs und setzen die Serie in ihren zeitgeschichtlichen Kontext. Alles, was in der Folge zu hören ist, ist auch genau an jenem Tag vor 45 Jahren passiert. 

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