Ulrike Bartholomäus im kress.de-Gespräch: Mehr wirkliche Kommunikation im Journalismus

 

In Zeiten knappen Personals bleibt auch im Journalismus immer weniger Zeit für gute Hintergrundgespräche und Kontaktpflege. Die langjährige "Focus"-Redakteurin Ulrike Bartholomäus hat das Thema Kommunikation im viel weiteren Sinne aufgearbeitet. Ihr Buch heißt: "Die Kunst, gute Gespräche zu führen". kress.de sprach mit der 50-Jährigen auch über die Kommunikation von Redakteuren: Sind Journalisten automatisch gute Gesprächsführer?

kress.de: Wie gut waren die Gespräche mit den Kollegen in der "Focus"-Redaktion?

Ulrike Bartholomäus: Die überwiegende Zeit bei "Focus" war geprägt von Vertrauen, Wertschätzung, Aufmerksamkeit, Empathie und Interesse an meiner Arbeit sowie meinen Themen, der Medizin und Wissenschaft. Diese Elemente sind ja die Grundlagen von guten Gesprächen. Wir Kollegen, die nicht mehr bei "Focus" arbeiten, pflegen ein aktives Ehemaligen-Netzwerk über eine Facebook-Gruppe. Wenn wir uns heute treffen, uns bei der Arbeit helfen, Aufträge vermitteln, ist da immer wieder diese gute Kommunikationskultur.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich der "Kunst, gute Gespräche zu führen" zu widmen?

Ulrike Bartholomäus: Ich habe meine Diplomarbeit in Linguistik geschrieben, in der es um Kommunikation geht, genauer gesagt um Politik und Sprache. Bei diesem Buch habe ich da wieder angeknüpft. Wie Menschen miteinander reden, hat mich schon immer interessiert. Wer tickt wie, warum gibt es große Unterschiede in der kommunikativen Kompetenz. Wie erreiche ich den anderen?

Kommunikation ist unser Beruf. Sind Journalisten automatisch gute Gesprächsführer? Oder andersherum gefragt: Haben wir durch unseren Beruf bei privaten Gesprächen einen Vorteil?

Ulrike Bartholomäus: Nicht zwangsläufig, es gibt Journalisten, die lausige Gesprächsführer sind. Hier kommt es darauf an, wie gut jemand zuhört, sich in den anderen hineindenken kann, mit welchem Fingerspitzengefühl jemand an heikle Themen herangeht.

Noch nie gab es so viel Kommunikation. Ständig bimmelt ein Handy, kommen Mails und WhatsApp-Nachrichten. Wäre weniger mehr?

Ulrike Bartholomäus: Jeder hat schon erlebt, wie erholsam es ist, im Urlaub den Nachrichtenstrom abzustellen und die Zeit für andere Dinge zu nutzen. Die digitale Kommunikation zwingt uns viele Stunden in eine passive Rolle, wir müssen ständig etwas rezipieren. Das können nicht alle gleich gut verarbeiten.

Vertrauen, schreiben Sie, sei die Grundlage jedes guten Gespräches. Wie spreche ich mit Menschen, denen ich nicht vertraue?

Ulrike Bartholomäus: Es kommt darauf an, worüber man spricht. Sind es nur oberflächliche Themen, kann das ohne Weiteres gut gehen. Ohne Vertrauen ist ein tiefes Verständnis in einer Arbeitsbeziehung allerdings nicht möglich. Misstrauen ist Sand im Getriebe des Betriebs.

Durch das Überangebot an Informationen im Netz kommt es auch im Journalismus zu immer weniger persönlicher Kontaktpflege mit Informanten. Ein Problem?

Ulrike Bartholomäus: Durch den direkten Kontakt erfährt ein Journalist viel mehr von einem Ansprechpartner, denn wir haben nicht nur die Worte, die jemand spricht, sondern dazu eine Stimme, den Augenkontakt, die Körpersprache und die Mimik, welche die Interpretation des Gesagten ermöglichen. Wir können bewerten, ob jemand die Wahrheit sagt, an welcher Stelle jemand etwas verbirgt, wann er lügt.

Wie können wir verlorenes Vertrauen zurückgewinnen?

Ulrike Bartholomäus: Indem wir die Wahrheit sagen, das Problem klären und uns um den anderen bemühen. Wir müssen der Person zeigen, dass wir sie schätzen und sie uns wichtig ist, und zwar durch Taten. Worte alleine reichen da nicht.

Sie sprechen davon, unsere "Gefühlsmuskeln im Kopf zu trainieren". Bitte in wenigen Sätzen: Wie geht das?

Ulrike Bartholomäus: Empathie lässt sich trainieren, dies ist inzwischen wissenschaftlich gut nachgewiesen. Jedoch geschah dies in den Studien unter Anleitung einer erfahrenen Person. Im Prinzip handelt es sich bei dem Training um geführte Meditationsübungen.

Männern stünde Ihre "Intelligenz ins Gesicht geschrieben, Frauen nicht", steht in Ihrem Buch. Ist das nicht etwas übertrieben?

Ulrike Bartholomäus: Wenn wir jemanden Fremdes sehen, verschafft sich unser Gehirn innerhalb von 100 Millisekunden einen ersten Eindruck. Dabei erfassen wir die Vertrauenswürdigkeit einer Person, die Attraktivität und deren Dominanz. Dies waren die Faktoren, die unsere Vorfahren benötigten, um zu beurteilen, ob sie fliehen, kämpfen mussten oder ob ein Fremder ihnen wohlgesonnen war. Bei Männern erkennen wir auch deren Intelligenz, denn dies war in der Evolution von Vorteil.

Warum sieht man Frauen denn ihre Intelligenz nun nicht an?

Ulrike Bartholomäus: Dazu gibt es noch keine ausreichende Erklärung. Frauen waren in der Evolution in erster Linie Versorgerinnen, verantwortlich für das Zusammenleben der Clans. Attraktivität, Gesundheit und Weiblichkeit spielte bei der Partnerwahl eine größere Rolle als Intelligenz.

Und warum kommunizieren die Geschlechter so unterschiedlich?

Ulrike Bartholomäus: Das geht auch auf die jahrtausendelange evolutionäre Prägung zurück. Bei der Versorgung der Familien benötigten Frauen differenzierte Kommunikationsfähigkeiten, Empathie, Verständnis, die Fähigkeit, gut zuzuhören und mit Worten Streit zu schlichten. Männer hatten eine ganz andere Rolle. Wenn ein Mann im Wald einem Bären oder einem Wolf begegnete, hat er nicht gesagt, "Wir müssen reden". Unsere Gehirne verändern sich nicht so schnell wie die Gesellschaft.  

Sie sprechen von der Macht unserer Worte und dem "Kampf um Wörter in der Politik". Wie groß ist die Gefahr, dass sich Journalisten in diesen Fragen zu Papageien machen und damit – auch ungewollt – Politiker unterstützen? Müssen wir unsere Worte genauer abwägen?

Ulrike Bartholomäus: Die Verwendung bestimmter Begriffe in der Politik ist keine Nebensache. Worte können Waffen sein oder ein Instrument des Wahlkampfs. Ein gutes Beispiel ist zurzeit der Erfolg von Donald Trump in den USA. Er beleidigt, pöbelt, lügt, verspricht Unmögliches, schreit und erntet Zustimmung. Selbstverständlich müssen Journalisten da genau die Worte abwägen.

kress.de-Tipp: Ulrike Bartholomäus, Die Kunst, gute Gespräche zu führen - Kommunikation ist mehr als Sprache, ISBN: 978-3442392827, 304 Seiten, Hardcover, Mosaik Verlag / Random House

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