Die Kolumne von Paul-Josef Raue: Wahlempfehlungen der Redaktion: Bevormundung oder Streitkultur?

 

Das erste TV-Duell der Präsidentschafts-Kandidaten brach in den Staaten alle Einschalt-Rekorde. Die beiden nächsten Duelle stehen an. Die Medien mischen in der USA eifrig mit: Die Zeitungen geben ihren Leser sogar eine Empfehlung, wen sie wählen sollen. In seiner JOURNALISMUS!-Kolumne fragt Paul-Josef Raue: Warum tun sich deutsche Zeitungen so schwer, einen Kanzler zu empfehlen?

Die Leser waren wütend: Alle zehn Minuten kündigte einer das Abo; einer drohte sogar mit Mord.

Phil Baas erzählt davon, der Chef-Editor der "Arizona Republic". Was hat die Redaktion angezettelt? Einen Relaunch, der das Blatt umkrempelte? Die Sudokus und Comics aus dem Blatt geworfen? Nein, die Redaktion hat ihren Lesern empfohlen, Hillary Clinton zu wählen.

Eine Wahlempfehlung geben in den USA viele Redaktionen. Aber zum ersten Mal in der 126-jährigen Republic-Geschichte empfiehlt die Zeitung die Kandidatin der Demokraten - weil Trump, der Republikaner, "mit seinen tiefen Charakterschwächen", so der Leitartikel, unter "unserer nationalen Würde" sei.

Arizonas größte Zeitung mit knapp einer halben Million Auflage ist nicht die einzige, die von jahrzehntelanger Unterstützung des republikanischen Kandidaten abrückt: Der "Houston Chronicle", bislang stets den Republikanern gewogen, lehnt Trump ab wegen seiner "Verachtung für den Rechtsstaat"; die "Dallas Morning News" riskieren sogar sehenden Auges den Verlust von Abonnenten: "Natürlich haben wir einen Preis für die Empfehlung bezahlt", sagt Herausgeber Mike Wilson.

Die Geschichte der redaktionellen Wahlempfehlungen ist so alt wie die USA. Die "New York Times" empfiehlt 1860 Abraham Lincoln als Präsidenten und bleibt in ihrer Geschichte dabei, ihre Wahlempfehlungen auf die Qualifikation der Kandidaten und nicht auf das Parteibuch zu stützen: Ein Dutzend Mal empfiehlt sie Republikaner, ein Dutzend Mal Demokraten - bis 1960, als sie John F. Kennedy auswählt und danach nur noch auf Demokraten setzt.

Vor einer Woche stimmt die "New York Times" für Hillary Clinton mit der Begründung "Unsere Empfehlung gründet im Respekt vor ihrem Intellekt, ihrer Erfahrung und ihrem Mut." Das ist die Empfehlung der Zeitung, nicht die Empfehlung der Redakteure - die sich laut Arbeitsvertrag gar nicht politisch engagieren dürfen: "Journalists do not take part in politics." Sogar ein Auto-Aufkleber ist nach den Ethik-Regeln der "New York Times" verboten:

"Journalisten haben keinen Platz auf den Spielfeldern der Politik. Sie dürfen keine Kampagnenknöpfe tragen und sollten einsehen, dass ein Autoaufkleber falsch interpretiert werden kann - unabhängig davon, wer in Ihrem Haushalt tatsächlich den Aufkleber angebracht hat."

Warum folgen deutsche Zeitungen nicht dem Vorbild der amerikanischen? Ist es die Furcht vor Abbestellungen und Morddrohungen wie in Arizona? Eine Zeitung, gerade mal eine Zeitung, hat in Deutschland das Tabu gebrochen: Die auf rosa Papier gedruckte "Financial Times Deutschland" (FTD), mittlerweile eingestellt, gab eine eigene Wahlempfehlung: 2002 für die CDU/CSU und ihrem Kandidaten Stoiber und 2006 für die FDP.

Sechs Stunden hat die Redaktion 2002 debattiert, berichtete der "Spiegel" - ohne Einigung. FDP und Grüne standen hoch im Kurs der Redakteure. Chefredakteur Christoph Keese entschied anders und provozierte über 1300 Leserbriefe.

"Warum um Himmels Willen sollten Redakteure einer Zeitung so tun, als hätten sie im letztlich entscheidenden Punkt keine Meinung?", schreibt Sebastian Lange, 2009 Chefredakteur der Berliner Zeitschrift "Politik & Kommunikation", und argumentiert:

"Meinungspluralismus ist einer der Grundpfeiler unserer Demokratie. Sofern die Redaktion die Grundregel beachtet, zwischen Nachricht und Meinung zu trennen, stellt sich die Frage, warum es zulässig sein soll, die Politik einer Partei zu kommentieren und zu bewerten - unzulässig aber, dann konsequenterweise auch ihre Wahl zu empfehlen oder davon abzuraten. Nur Mut zur Offenheit, Zeitungsmacher! Die Leser werden kaum glauben, sie hielten nun ein Parteiblatt in den Händen."

Dagegen hält der Hamburger Medienwissenschaftler Siegfried Weischenberg: "Journalisten sollen informieren, kritisieren, kontrollieren und orientieren - nicht aber missionieren" und warf der "FTD" vor, ihre Leser zu bevormunden.

Die Furcht vor der Empörung der Leser und der Vorwurf der "gelenkten Presse" dürften in Regionalzeitungen die Chefredakteure davon abhalten, eine Wahlempfehlung zu drucken. Dazu kommt ein praktischer Grund: Die Empfehlung macht den Redakteuren in den Lokalredaktionen das Leben schwer; sie werden in Schubladen sortiert und als Parteigänger disqualifiziert.

Der deutsche Leser mag unabhängige Redaktionen, er mag keine Belehrung und würde am liebsten in jeden erhobenen Zeigefinger beißen. Eine Wahlempfehlung hört er nicht als einen Paukenschlag, mit dem eine Debatte eröffnet wird, sondern als Bevormundung, ganz im Weischenbergschen Sinne.

Nicht nur Pegida-Spaziergänger in Dresden und AfD-Wähler vermuten zu Recht, dass das politische Herz der Redakteure anders als ihres schlägt - vorzugsweise links. Die Weischenberg-Studie über Journalismus in Deutschland ist zwar gut zehn Jahre alt, aber eine Repräsentativbefragung von 1500 Journalisten dürfte heute kaum anders ausfallen. Die Frage nach der Partei-Neigung ergibt folgendes Ergebnis, nachzulesen in den Media-Perspektiven 7/2006:

1. Die Grünen (36 %) / Journalistinnen und Jüngere unter 45 Jahren lagen sogar deutlich über 40 %.

2. SPD (26%)

3. Wechselwähler / "Ich neige keiner Partei zu" (20%)

4. CDU (9%)

5. FDP (6 %)

Auf einer Skala von 1 (politisch weit links) bis 100 (politisch weit rechts) liegen die Journalisten mit 38 recht weit links; ihre eigenen Medien ordnen sie ziemlich genau in der Mitte ein.

Die "Bild"-Zeitung entdeckt im September 2013, kurz vor vergangenen Bundestagswahl, einen attraktiven Mittelweg: Sie zeigt 50 Reporter, die sagen, wen sie nicht wählen. Die unbeliebteste Partei bei den ausgewählten "Bild"-Reportern sind die Grünen und die Linken.

"Ich wähle auf keinen Fall Grün, weil mir gut verdienende Öko-Intellektuelle, die sich mit grünem Anstrich zum Gutmenschen stilisieren, stinken", schreibt Claudia von Duehren aus Berlin); Olaf Wehmann ahnt, was die Wähler dann auch exekutieren: "Ich wähle auf keinen Fall FDP, damit die weltfremden Liberalen endlich im Niemandsland der Politik verschwinden."

Zwei Reportern gelingt es sogar zu schreiben, wen sie wählen: "Ich wähle lieber ein Original und nicht die CDU, weil die nie von allein auf die Energiewende und die Homo-Ehe gekommen wären", schreibt Jörg Schallenberg aus dem Nachrichten-Ressort; und Stephanie Bilges aus der Politik: "Ich möchte, dass Angela Merkel Kanzlerin bleibt."

Redaktionen in Deutschland halten sich zurück mit Empfehlungen und Wertungen im Wahlkampf, wie auch eine Recherche in den Entscheidungen des Presserats zeigt: Kaum Beschwerden, Missbilligungen oder Rügen (abgesehen von der "Barschel Affäre"). 

Der Pressekodex fordert Objektivität und Fairness und bestimmt gleich in Ziffer 1, in der es um Menschenwürde und Wahrheit geht: "Zur wahrhaftigen Unterrichtung der Öffentlichkeit gehört, dass die Presse in der Wahlkampfberichterstattung auch über Auffassungen berichtet, die sie selbst nicht teilt."

Diese Richtlinie kann man auch so interpretieren: Es darf eine Auffassung der Redaktion geben, wem sie im Wahlkampf ihr Herz schnekt - aber sie lässt auch die anderen zu Wort kommen. 

Ein Beispiel aus Bayern zeigt, dass der Presserat durchaus deftige Wahlberichte schätzt:

Eine Lokalzeitung zitiert einen CSU-Landtagsabgeordneten, der ins Publikum gerufen hat: "Ich will Ihnen jetzt den Ehrenvorsitzenden des Trägervereins der Ganztagsschule vorstellen - halt, nein, das bin ja ich ...".

So funktioniere Wahlkampf, scheibt der Lokalredakteur: "Bauch raus zur Selbstbeweihräucherung"; er kritisiert: Dies Diskussion habe sich als reiner Wahlkampf entpuppt und endet mit dem Rat: "Trau den Burschen nicht, wenn sie dich einladen. Sie wollen nur deine Stimme, nicht den Verstand".

Der Abgeordnete beschwert sich beim Deutschen Presserat wegen der ironischen Anspielungen und massiven Beleidigungen: Es sei ehrverletzend, erfahrene Politiker in fortgeschrittenem Alter als "Burschen" zu titulieren und ihnen zu unterstellen, sie würden nicht mit dem Verstand arbeiten.

Der Presserat schmettert die Beschwerde ab: Unbegründet.

Paul-Josef Raue (66) berät Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg; er hat nie eine Wahlempfehlung gedruckt, aber gern und leidenschaftlich Debatten gerade vor der Wahl entfacht.

Mit der "Eisenacher Presse" gründete er die erste deutsch- deutsche Zeitung. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf kress.de erschien die 20-teilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de

JOURNALISMUS! erscheint jeden Dienstag auf kress.de. (Wegen Wartungsarbeiten am Vortag erscheint die Kolumne diesmal am Mittwoch.)

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