Warum das Männermagazin "GQ" ganz ohne Männer erscheint: Eine Liebeserklärung an die Frauen

 

Wo es sonst um Autos und Uhren geht, um Best Dressed, Business Hotels und Brieftaschen, ist auf einmal männerfreie Zone. Heute kommt die neue "GQ" an den Kiosk - mit 100 Prozent Frauenquote. Für Chefredakteur José Redondo-Vega ist die außergewöhnliche "GQ"-Ausgabe eine Liebeserklärung an alle Frauen, hat er am kress.de-Telefon verraten.

Ein Männermagazin ohne Männer? "Bild der Frau" ist das Editorial der heute erschienenen GQ überschrieben. Auf dem daneben stehenden Foto: drei Frauen. Von José Redondo-Vega, seit 2010 Chefredakteur des Edel-Männermagazins aus dem Hause Condé Nast: keine Spur.

"Verneigung vor der Frau an sich"

Stattdessen begrüßen CvD Margit Teuteberg, Art Director Jana Meier-Roberts und Director of Photography Roya Norouzi die Leser - mit ihrer Idee eines "radikalen Hefts". Nicht nur den Chefredakteur, auch andere Kerle sucht man vergeblich. Weit und breit kein Elyas M'Barek, kein Christoph Waltz, kein Jérôme Boateng. Stopp. Stimmt nicht ganz. Boateng ist doch im Heft: als Autor. Ganz klein findet sich sein Name (ohne Bild) unter einer Liebeserklärung an Rihanna (ganzseitiges Bild). Damit gehört der Fußballer zu den 50 Gentlemen, die mit einer "Danksagung an je eine spezielle Frau" das Herzstück dieser Ausgabe formen. "Eine Verneigung vor der Frau an sich" nennen Teuteberg, Meier-Roberts und Norouzi das November-Heft, "mit all ihren Aspekten". In Klammern fügen sie hinzu: "(Nun gut, mit fast allen: Frauke Petry kommt hier nicht vor.)"

Dafür aber: Angela Merkel, Hella von Sinnen, Queen Elisabeth II und Alice Schwarzer. Eine erstaunliche Mischung für "Gentlemen's Quarterly". Und auch wenn Film- und Popikonen wie Jennifer Lawrence, Scarlett Johansson und Selena Gomez bei den Schwärmereien an die 50 "Gentlewomen" natürlich nicht fehlen, stammt die rührendste Liebeserklärung doch von dem mittlerweile 86-jährigen Kurt Biedenkopf an seine Frau Ingrid. "Wir kannten uns als Kinder. Gegen Kriegsende verloren wir uns aus den Augen. 30 Jahre später trafen wir uns wieder ... Wir stehen füreinander ein und wir lieben uns. Es gibt für mich kein größeres Glück." Wunderschöne Worte findet auch der französische Regisseur François Ozon für die Schauspielerin Charlotte Rampling: "Ich liebe es, Dir beim Denken zuzusehen. Wer glaubt, ohne Worte könne man nichts sagen, den belehrst Du eines Besseren."

Ein Denkmal für Maria Furtwängler

Unternehmer Florian Langenscheidt setzt Maria Furtwängler ein Denkmal, der frühere Berliner Innensenator Ehrhart Körting ehrt Bilkay Öney, erst Fernsehjournalistin, dann Integrationsministerin in Baden-Württemberg. ARD-Mann Ingo Zamperoni - der gerade aus Washington zurückkehrt, um Ende Oktober die Moderation der "Tagesthemen" zu übernehmen - verbeugt sich vor Michelle Obama. Und Jörg Thadeusz säuselt Anne Will zu: "Um Dein Lächeln, Deinen Blick zu besingen, bräuchte es einen leisen Popsong mit Hauchanteilen." Weniger gefühlsduselig ist die Hommage von Bild-Chefreporter Paul Ronzheimer an Fotoreporterin Lynsey Addario. "Du wurdest zweimal gekidnappt, bist in Feuergefechte geraten. Aber trotzdem bist Du immer weiter dorthin gereist, wo die Gefahr ist. Weil Du ehrlich vom Leben der Menschen im Krieg berichten willst."

Dank und Stärkung gehen auch an Dunja Hayali, Journalistin beim ZDF, die sich wegen ihrer klaren Haltung heftigen Anfeindungen ausgesetzt sieht. "Du bist der Hassmagnet jedes Sexisten, Rassisten und Rechtsradikalen im Land - und konterst, indem Du brillant bist, offen, smart und glitzernd gut gelaunt", schreibt GQ-Autor Michalis Pantelouris. Auch an anderer Stelle sorgt Pantelouris für den notwendigen Tiefgang des Frauen-Hefts. "Zahlungsaufforderung" heißt sein Beitrag, nein sein "Manifest". In dem lesenswerten Stück ruft er die Männer dazu auf, sich gegen die Benachteiligung von Frauen einzusetzen. Schlechtere Bezahlung für die gleiche Arbeit - das "kann nicht so bleiben". Weil es "unanständig ist - und nicht die gute Form von unanständig". Zur Unvereinbarkeit-von-Familie-und-Beruf-Debatte hat er eine wichtige Durchsage zu machen: "Das kleine 2016 möchte bitte aus den 50ern abgeholt werden."

Wer jetzt eine feministische Unterwanderung der "Gentlemen's Quarterly" befürchtet, kann wieder entspannen. Das "Manifest" befindet sich in durchaus charmanter Gesellschaft: In einer Fotostrecke trägt das Model Toni Garrn Herrenklamotten, Anke Engelke gibt ein Interview mit und über Humor, Marius Müller-Westernhagen vermisst Amy Winehouse. Und im Kulturteil geht es unter anderem um Autorinnen, die aus Männersicht schreiben. Ach und nicht zu vergessen: Auf Seite 64 trifft sich Editor-at-Large David Baum "Auf ein paar Gummibärchen mit Rita Süssmuth".

Chefredakteur Redondo-Vega: "Wir lieben Frauen"

"Als Männer-Lifestylemagazin gehört es zu einer unserer Hauptaufgaben über das Bild und die Selbstdefinition des Mannes in unserer Zeit nachzudenken", sagt "GQ"-Chefredakteur José Redondo-Vega am kress.de-Telefon. Und ergänzt: "Das geht natürlich nicht, ohne sich in gleichen Maßen über die Rolle der Frau Gedanken zu machen. Wir bei GQ sehen uns als moderne Männer, wir lieben Frauen und können uns keinen Gentlemen vorstellen, der ein Frau in irgendeiner Weise nicht auf Augenhöhe sehen möchte." Für José Redondo-Vega steht fest: "Deshalb hat unser Autor Michalis Pantelouris die Beseitigung des Gender Pay Gap als vordringliche Aufgabe von uns Männern definiert - ein mutiger und wichtiger Text, wie ich finde. Gleichzeitig finden wir, dass es möglich ist Vertreter des anderen und natürlich auch das eigenen Geschlechts sexy zu finden, ohne dass man jemanden damit auf etwas reduziert. Auch das gehört zu unserem Statement."

Im Gespräch über die besondere "GQ" weist José Redondo-Vega auf ein "redaktionsinternes Detail" hin, das ihm persönlich sehr wichtig sei: "GQ ist ein Männermagazin, das jeden Monat von einer Redaktion gemacht wird, die zu 50 Prozent aus Frauen besteht, ohne die GQ, wie wir es machen, einfach nicht denkbar wäre."

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