Weil das Leid in Aleppo sprachlos macht: Nachrichtenportal stern.de verstummt für einen Tag

 

Wer heute wie jeden Morgen auf die Startseite von stern.de klickt, wird seinen üblichen Nachrichtenmix nicht finden. "Wir schweigen heute" lautet die Überschrift von einem Kommentar, weiße Schrift auf schwarzem Grund, der von der Redaktion von stern.de gezeichnet ist. Ein außergewöhnliches Statement, das auf das Leid der Menschen in Aleppo und Syrien hinweist.

Es ist ein ehrlicher Text, der den Leser wütend hinterlässt, den die Redaktion für die Aktion "Wir schweigen heute" geschrieben hat. Weil der interessierte Leser direkt versteht, was die Redaktion da meint - wir sehen, welche Gräueltaten in Aleppo passieren, können es aber immer noch nicht begreifen. Und wenn wir es verstehen, können wir nichts ändern. So heißt es direkt am Anfang: "Wir Journalisten dürfen nicht sprachlos sein. Wir sollen beschreiben. Berichten. Analysieren. Doch je mehr wir unsere Pflicht ernst nehmen, umso mehr macht uns das Leid der Menschen in Aleppo und ganz Syrien sprachlos. Statt Antworten haben wir immer mehr Fragen."

Und es sind Fragen, die unter die Haut gehen, die zeigen, dass es Menschen mit Gefühlen sind, Profis durch und durch, für die es jetzt reicht, die ein starkes Zeichen setzen: "Wir scheitern täglich daran, das Leid zu fassen, das in Syrien jeden Tag passiert. Weil es buchstäblich unfassbar ist. Dennoch versuchen wir es. Jeden Tag wieder. Das ist unser Job. Doch heute wollen wir das einmal ganz anders machen. Uns von den normalen journalistischen Reflexen lossagen. Nicht lauter, schneller und mehr berichten. Sondern schweigen."

"Keine Nachrichten, keine Werbung, keine Breaking News" - nur Bilder soll es heute auf stern.de geben, aber keine Schockfotos, "keine blutverschmierten Kinder", sondern Motive, die den schrecklichen Alltag der Menschen vor Ort zeigen. Zum Abschluss schreibt die Redaktion: "Heute geht es nicht um Reichweite, Klicks und effiziente Vermarktung. Heute geht es uns darum, ein Zeichen zu setzen. Stumm. Und so der unerträglichen Sprachlosigkeit entgegenzubrüllen - indem wir sie einfach einmal zulassen."

Auf der Facebook-Seite vom "stern" wird bereits heftig über die Aktion diskutiert, die heute Morgen gestartet sein muss: "Kompliment für so ein Statement, für die Selbstkritik, die offene Haltung und den Blick auf das Wesentliche", schreibt eine Nutzerin.

Ein Nachrichtenportal, das für einen Tag schweigt, hat es in dieser Form wohl noch nicht gegeben. "Stern.de"-Chefredakteur Philipp Jessen und sein Team zeigen ebenso wie Gruner + Jahr, der auf sicherlich mindestens fünfstellige Werbeeinnahmen verzichtet, dass Menschen auch in einer sich immer schneller drehenden Welt Momente des Innehaltens benötigen, um durchzuatmen, um zu verstehen, um Kraft zu tanken. Ein wichtigstes Statement in einer sich immer schneller drehenden Welt, in der Themen sich im Minutentakt ablösen.

Ihre Kommentare
Kopf

Isabell Flohr

07.10.2016
!

Kompliment an die Kollegen!
Mit dem normalen Menschenverstand ist der furchtbare Krieg in Aleppo nicht mehr zu erfassen, es ist wohl alles gesagt und geschrieben, aber gehandelt wird nicht - so sad, so sad!!!!


wunderhaft

07.10.2016
!

Das paßt ja wie die Faust auf´s Auge.
Gerade eben habe ich eine Übersetzung von Max Blumenthals Artikel, <a href="http://www.alternet.org/world/inside-shadowy-pr-firm-thats-driving-western-opinion-towards-regime-change-syria" target="_blank>Inside the Shadowy PR Firm That’s Lobbying for Regime Change in Syria</a> fertiggestellt, der sich mit der zweifelhaften Organisation beschäftigt, die als Hauptquelle für die Syrien-Berichterstattung der westlichen Leitmedien gilt, "Die Syrien-Kampagne".


Bitte...

07.10.2016
!

Bitte, bitte schweigt einfach länger - am besten für immer. Diese Heuchelei und tränendrüsen-Propaganda der niedrigsten Art ist absolut unerträglich.


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