Twitter in der Kritik: Kein Hort der Basisdemokratie

07.10.2016
 

Wer noch den Traum von der digitalen Mitmachdemokratie hatte, kann aufwachen: Laut einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung wird Twitter von Journalisten überschätzt. Die hohen demokratietheoretischen Erwartungen kann das soziale Medium nicht erfüllen. Doch auch die Untersuchung hat ihre Grenzen.

Es ist gut, dass die Twitter-Studie der Otto-Brenner-Stiftung mit einem Datum versehen ist: Redaktionsschluss war der 9. September 2016.

Andernfalls könnte man beim Arbeitsheft "Mythos Twitter" schnell glauben, es stamme aus dem Jahr 2010. Aus einer Zeit also, in der der Stern des 140-Zeichen-Dienstes hell erstrahlte und erstmals ein Astronaut von der ISS twitterte. Es gab die naive Hoffnung, der Zwitscher-Dienst könne einmal ein basisdemokratisches Bürgermedium werden, eine weltumspannende Plattform, auf der es kein Machtgefälle mehr gibt. Twitter, ein US-Konzern als Hort von Partizipation?

Damals wäre das OBS-Heft sicher eine Neuigkeit gewesen.

Die Landauer Politikwissenschaftler Mathias König und Wolfgang König fragen nun sechs Jahre später, da um Twitter eine Übernahmeschlacht tobt und das Portal auch inhaltlich in die Kritik geraten ist, ob es den "Mythos der digitalen Demokratie" und der "herrschaftsfreien Kommunikation" tatsächlich einlöst. Sie machen aus den Prophezeiungen von damals Prämissen von heute - ein Trick von Sozialwissenschaftlern, Thesen zu bauen, die sie hinterher umso deutlicher falsifizieren können.

Das Ergebnis der OBS-Forscher ist wenig überraschend: Twitter sei weder gleich noch demokratisch. Die alten Machtstrukturen würden weiterhin gelten. Nur solche Hashtags, die von Medienprofis und Journalisten aufgegriffen werden, schaffen es in die Twitter-Trends, schreiben die beiden Autoren:"Der Erfolg von Hashtags scheint auch im Twitter-Universum nur in enger Kopplung mit den klassischen Gatekeepern möglich zu sein." Wenn Journalisten allerdings immer wieder Tweets in ihre Geschichten einbauen, halten sie den Mythos des Mitmachportals wach. Dabei sehe Chancengleichheit anders aus, "von herrschaftsfreiem Diskurs kann keine Rede sein".

Eine kühne Behauptung angesichts der Tatsache, dass die Forscher lediglich drei Twitter-Kampagnen analysiert haben. Den Hashtag #Klöckner wählten sie als Beispiel für eine Top-Down-Kommunikation. Ausgelöst hatten ihn FAZ und ZDF, nachdem die rheinland-pfälzische CDU-Chefin im Januar ihre Teilnahme an der SWR-Elefantenrunde abgesagt hatte. Der zweite Begriff #Flüchtlinge, ausgewählt nach den Silvester-Übergriffen, sollte für eine gesellschaftliche Konfliktlage stehen.

Die Wissenschaftler analysierten nur einen einzigen "Bottom-up"-Hashtag, der also von Bürgern selbst initiiert wurde: #landaulandunter. Das war ein Protest von Studenten der Universität Landau, der bei Twitter ein Erfolg wurde. Mit 656 Tweets von 119 Nutzern kam #landaulandunter ins Ranking - was dem Hashtag #Flüchtlinge mit 2303 Botschaften von 1254 Nutzern am 3. Januar noch nicht gelang. Erst am Montagmittag des 4. Januar, als auch klassische Medien das Thema aufgriffen, stieg der Begriff in die Trending-Topics auf.

Die Autoren machen geltend, dass auch der Erfolg von #landaulandunter durch die Tweets der Rheinpfalz zu erklären sei. "Hier zeigen sich die klassischen Wirkkräfte, bei denen Aufmerksamkeit letztlich über Journalist*innen hergestellt wird. Diese 'beleben' dann mit ihren crossmedialen Angeboten die Twitter-Publikationsstruktur." Dass aber genau das den Erfolg von Bottom-up-Kommunikation ausmacht, ließen die Autoren nicht gelten: "#landaulandunter weicht von der idealtypisch erwarteten Publikationsstruktur also etwas ab - weg vom alternativen Bottom-up-, hin zum herkömmlichen Top-down-Muster." Dabei waren unter den zehn viralsten Nutzern gerade mal zwei Medien, auf Platz vier und acht. Die Top-Plätze belegten Studentenvertreter.

Argumente, die eine bessere Teilhabe durch den Kurznachrichtendienst zumindest nahelegen, wie die leichtere Interaktion mit Meinungsführern oder die Rolle sozialer Medien in der arabischen Revolution, haben die Forscher nicht einmal erörtert. Interessant wäre auch die Frage gewesen, inwieweit Twitter und andere soziale Medien den Populismus begünstigen. Die AfD etwa musste irgendwo herkommen, bevor sie durchs Tor der "klassischen" Gatekeeper spazierte. Waren das nicht auch Bürger, die zunächst eine digitale Öffentlichkeit organisiert hatten? Und was ist mit Shitstorms, was mit Cyber-Mobbing? Sind das nicht Phänomene, die zumeist "von unten" entstehen?

Die Kritik von König und König ist da nachvollziehbar, wo sie die technischen Gegebenheiten von Twitter kritisieren. So setzt die Plattform für die Trending Topics und für die eigene Suchfunktion intransparente Filter ein. Ein Problem sind auch "Bots", fiktive Nutzer, die von einem Computer gesteuert werden. Das Forscherduo fand heraus, dass das Konto @cdu_Tweets bei den Hashtags #Klöckner und #Flüchtlinge solche unechten Retweets zur Aufmerksamkeitssteigerung nutzte. Bots verschärfen den Digital Divide noch, denn nur echte Kommunikationsprofis kennen sich damit aus.

Schließlich teilt auch Twitter selbst seine Nutzer in zwei Klassen ein. Prominente und Meinungsführer können sich "verifizieren" lassen und ihr Profil mit einem blauen Haken versehen. Für diesen Status kann man sich aber nicht bewerben. Die Autoren halten das für "fragwürdig".

Offenbar bilden sich in den sozialen Netzwerken ähnlich hierarchische Strukturen heraus wie in anderen gesellschaftlichen Subsystemen auch. So zeigten amerikanische Forscher, dass Twitter, Facebook und Co. Wissenslücken nicht verkleinern, sondern vergrößern. Zudem verbreiten nur die allerwenigsten Nutzer überhaupt eigene Informationen: Zehn Prozent der registrierten Profile produzieren 90 Prozent der Twitterinhalte.

Auch die US-Wahl zeigt, dass die sozialen Medien im Prinzip nicht anders funktionieren als die analogen: Top-Eliten ziehen die gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Wer trotzdem noch an Digital Utopia geglaubt hat, dem dürfte die OBS-Studie nun den Weg zurück in die Realität aufgezeigt haben.

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