Alf Frommer: Liebe ist am Ende stärker als Hass

09.10.2016
 
 

Wer im Netz in den Sozialen Netzwerken unterwegs ist und Haltung beweist, wird regelmäßig selbst Zeuge oder auch Opfer von Beleidigungen. In seinem Einwurf für kress.de warnt Alf Frommer davor, diese Wutausbrüche im Netz oder auf der Straße ebenfalls mit Hass zu beantworten: "Wir müssen wieder lernen, Diskussionen zu führen, ohne Menschen aufs Übelste zu beleidigen. Lassen wir uns nicht provozieren."

"Fotze". Ehrlich gesagt hätte ich nie gedacht, einmal so ein Wort in einem Text zu verwenden. Doch am Tag der deutschen Einheit war dies nur eine der vielen Beleidigungen, die Politikern wie Angela Merkel und vielen anderen Ehrengästen entgegen geschmettert wurden. Daneben natürlich weitere Begriffe wie "Volksverräter", "Lügenpack" oder Affenlaute gegen dunkelhäutige Besucher des Festakts zur Einheitsfeier in der sächsischen Hauptstadt. Beschämend, dass es der Polizei Sachsen nicht gelang, diese Störer von der Veranstaltung fernzuhalten. Vielleicht wollte sie es auch nicht. Zumindest scheinen die Behörden dort auf dem rechten Ohr gehörlos zu sein.

An das Wutbürger-Deutsch haben wir uns gewöhnt

An das Wutbürger-Deutsch, das voller Beleidigungen steckt, hat man sich in den vergangenen Jahren - leider - gewöhnt. Es ist der Ausdruck der Verzweiflung von Menschen, die meinen nicht mehr gehört zu werden. Sie greifen zu immer drastischeren Narrativen - on- wie offline - um Aufmerksamkeit zu bekommen. Im Netz nennt man das Hatespeech. Der Hass hat ein solches Ausmaß angenommen, dass die Politik Maßnahmen gegen den Hatespeech im Netz gestartet hat. Das Justizministerium unterstützt deswegen die kürzlich gestartete #NoHateSpeech Initiative im Netz. Wirkung: kaum vorhanden. US-Internetunternehmen machen sich ihre eigenen Gesetze - mit Duldung der Politik. Solange sich dies nicht ändert, verstoßen scheinbar selbst Morddrohungen nicht gegen die Nutzungsstandards von Facebook oder Twitter.

Dabei ist Hatespeech nicht nur ein Problem rechter Spinner, Verschwörungstheoretiker oder von wirren Trollen. In der zunehmend aufgeheizten Stimmung in der Gesellschaft, verlieren auch die Personen die Contenance, die für eine offene, tolerante Gesellschaft stehen. Das öffentlich bekannteste Beispiel dafür war im Sommer 2015 Vize-Kanzler Sigmar Gabriel. Er bezeichnete die fremdenfeindlichen Randalierer in Heidenau als "Pack". Es ist ein Grundfehler, wenn man den Ausgrenzungs-Jargon von Neo-Nazis und deren Sympathisanten übernimmt. Man fällt genau auf die Mechanismen dieser Menschen herein. Gabriel hätte viele andere Worte finden können, die besser gepasst hätten. Vor allem für einen herausgehobenen Repräsentanten dies deutschen Staates.

Ton ist rauer geworden

Ich beobachte schon seit längerem in meinen Social-Media-Timelines, dass der Ton insgesamt rauer geworden ist. Auch von den Menschen, die aus ihrer Sicht für das Gute einstehen: für #RefugeesWelcome, gegen Fremdenfeindlichkeit. Hier werden Politiker der AfD oder Kritiker der Flüchtlingspolitik auch gerne als "rechte Arschlöcher", "Nazi-Schweine" oder einfach auch nur als "Wichser" bezeichnet. Der Diskurs bewegt sich also auch gerne auf dem Niveau von "Fotze". Wenn man dann anmerkt, dass man durchaus andere Begriffe als Beleidigungen für Pegida-Demonstranten finden kann, wird man auch gerne aggressiv belehrt, dass es für solche Leute einfach keine anderen Bezeichnungen geben kann.

Aber gibt es wirklich keine Alternativen? Sollten nicht gerade wir, die für Weltoffenheit und Toleranz einstehen, andere Worte finden? Fallen wir nicht genau auf das Weltbild von AfD und Co. herein, wenn wir beginnen andere zu Entmenschen und sie allesamt über einen Kamm zu scheren? Ich denke ja. Die stärkste Waffe gegen verbale Gewalt ist nicht Gegengewalt. Bleiben wir standhaft und aufrecht gegen Ausgrenzung und Xenophobie, aber dabei auch immer niveauvoll in der Wortwahl. Ansonsten schreien wir nur herum. Ziehen die gesamte Diskussion um die Zukunft unserer Gesellschaft auf eine vollkommen emotionale Ebene, die niemals Probleme lösen kann.

"Lassen wir uns nicht provozieren"

#NoHateSpeech richtet sich eben auch an uns. Oder besser gesagt: besonders an uns. Lassen wir uns nicht provozieren, lassen wir uns die Diskussionskultur nicht oktroyieren und okkupieren von Menschen, die an allem interessiert sind - nur nicht an einem Gespräch. Letztlich wird niemand von uns deren Meinung ändern können, sondern nur Fakten. Das Kalkül der AfD ein Deutschland am Abgrund zu phantasieren (dem es gleichzeitig wirtschaftlich so gut wie lange nicht geht), wird irgendwann nicht mehr aufgehen können. Das wird richtige Nazis nicht überzeugen anders zu denken, aber die vielen Mitläufer und Mithetzer.

Worte können Waffen sein, Sprache ein Mittel der Gewalt und Verschleierung. Wer weiß das besser, als wir Deutschen? Lassen wir uns nicht auf einen Rüstungswortlauf ein. Brechen wir aus dem Kreislauf aus Hass und Gegenhass hinaus. Einfach in der Erkenntnis, dass am Ende Liebe stärker ist. Hört sich nach Poesiealbum an - erinnert einen aber auch daran, wie viele schönere Worte es gibt als "Fotze".


Alf Frommer

 

Ihre Kommentare
Kopf

Lothar

09.10.2016
!

Leider bleibt Fr. oberflächlich. Er will "gegen Ausgrenzung/Xenophobie" vorgehen; Kritik an unkoordinierten Alleingängen Dame Merkels in der "Flüchtlingspolitik" ist aber nicht per se "xenophob"; ebenso werden Menschen, welche die Inhalte des Qur´an und des Islam erkennen und davor eindringlich warnen, als "islamophob" - = nicht rationaler Diskussion fähig - diffamiert, und: ausgegrenzt; also sind arabische Islam-Kritiker "rassistisch"(gegen sich selbst)? SO fängt Diskussionsverweigerung an ...!


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