Lokaljournalismus im Bürgerkrieg: Kein Nobelpreis für Journalisten

 

Wie recherchieren und schreiben Lokaljournalisten in einem Land, in dem der Krieg die Menschen und die Wahrheit niederdrückt? Paul-Josef Raue berichtet für seine Kolumne "JOURNALISMUS!" von einem Reporter in Kolumbien, dem Land des Friedensnobelpreises: Über zweihunderttausend Menschen starben schon in einem Krieg, der den Kindern die Zukunft raubt.

Ein Lokalreporter fährt in ein Dorf, um eine Reportage über einen Fußballverein zu recherchieren. Der Sportplatz liegt auf einer Anhöhe, gegenüber steht ein Gewächshaus.

Das Training für die Jugendmannschaft beginnt um drei Uhr nachmittags. Der Trainer ist froh, dass am Spielfeldrand nicht geschossen wird - mit echten Patronen und aus tödlichen Gewehren. Am Tag zuvor wäre das Training fast ausgefallen, weil sich Soldaten und Rebellen ein Gefecht geliefert hatten - nicht einmal hundert Meter vom Sportplatz entfernt.

Der Trainer verhandelte mit einem der Guerilla-Kommandanten: "Könnt Ihr nicht woanders kämpfen? Die Eltern schicken ihre Kinder sonst nicht mehr zum Training.

"Lokaljournalismus in Kolumbien: Der Reporter ist Yefferson Ospina Bedoya, Redakteur der kolumbianischen Zeitung El País in Cali. Seine Recherchen sind lebensgefährlich, aber er fährt trotzdem immer wieder durch das vom Krieg zerfurchte Kolumbien. Er schreibt auf, was wirklich geschieht, jenseits der Propaganda von Regierung und Rebellen. Sein Lokaljournalismus ist bizarr, so bizarr wie das Land.

Journalisten bekommen keinen Friedensnobelpreis, auch wenn sie gegen das Vergessen schreiben. Wer über die Menschen schreibt, die im Krieg leben, der schreibt für den Frieden. Doch sie werden nicht nach Stockholm eingeladen, wo die Nobelpreise verliehen werden. Doch sie sorgen dafür, dass ein Land wie Kolumbien nicht in den Lügen versinkt, die in jedem Krieg zuerst siegen. Am Ende bekommen Politiker den Preis, aber ohne die Journalisten wäre der Krieg längst vergessen ebenso wie der Frieden.

Yefferson Ospina Bedoya, der Lokalreporter, fährt in das Dorf Corinto im Südwesten und besucht einen Fußballklub, den F.C. Cxha Cxha Wala. Er kennt Justiniano Julián Medina, den Manager und Trainer, der erst eine Fußballschule für Kinder, dann den Verein gegründet hat. Der Reporter interviewt ihn:

"Die Vorstellung, dass es in diesen Bergen, inmitten des Konflikts, eine Fußballschule gibt, ist schon etwas seltsam." Ja, antwortet Medina. "Genau deswegen haben wir den Club ja gegründet. Wir wollen die Kinder vor dem Krieg, vor Drogen, dem Koka und dem Tod bewahren. Für die Kinder ist es manchmal sehr schwer. Die Gefechte nehmen sie sehr mit, aber das Fußballspielen ist auch so etwas wie eine Therapie dagegen."

Die Kinder spielen mit Stoffschuhen, der Torwart hat keine Handschule, die Tore keine Netze, so dass sie immer wieder den Abhang runterlaufen müssen. Sie schauen auf das Gewächshaus, gefüllt mit Marihuana-Pflanzen. Beim Schreiben gibt der Reporter seine Distanz auf, er schreibt nieder, wie ihn die Absurdität dieser Fußballmannschaft umtreibt:

"Als mir der Trainer von den Gefechten erzählt und von den Rekrutierungstricks der FARC, wird mir plötzlich mit aller Deutlichkeit und Brutalität bewusst: Wie paradox ist diese ganze Szene, dieses Spiel, dieser von Marihuana-Plantagen umgebene Fußballplatz, diese hinter ihren Bällen her rennenden Kinder! Tragisch, hoffnungsvoll, brutal und ergreifend: Unschuldige Kinder, die inmitten der Erbarmungslosigkeit und Grausamkeit, die jederzeit zuschlagen kann, Fußball spielen und sich gar nicht bewusst sind, dass der Ball sie davor schützt, in den Krieg zu müssen."

Bedoya veröffentlicht seine Reportage am 14. Juni 2015: "Cxha Cxha Wala F.C. - der Fußball und der Krieg im Norden von Cauca". Er bekam dafür den "Ulrich-Wickert-Preis für Kinderrechte", der einzige Journalistenpreis in Deutschland, der an Journalisten aus der "Dritten Welt" verliehen wird. Ex-Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert vergibt jedes Jahr den Preis seiner Stiftung, die er unter dem Dach des Kinderhilfswerks "Plan" gegründet hat. Den Artikel aus Kolumbien rühmte Wickert bei der Preisverleihung Ende September in Berlin:

"Bedoyas Reportage hat eine beeindruckende journalistische Qualität und sensibilisiert für die Situation von Kindern in ärmeren Ländern. Aber was viel wichtiger ist: Der Preis hat eine positive Wirkung. Er ermutigt Journalisten, unbequemen Fragen nachzugehen und Zivilcourage zu zeigen. Die Veröffentlichungen sorgen dafür, Missbrauch und Ausbeutung von Kindern aufzudecken. Darüber hinaus geben die Preisträger den Mädchen und Jungen eine Stimme und ermutigen sie, ihr Leben in die Hand zu nehmen."

Der Ulrich-Wickert-Preis wurde Ende September in Berlin zum fünften Mal verliehen - stets neben nationalen Preisträgern wie etwa Caroline Emcke, die 2012 für ihre Kenia-Reportage "Der lange Weg zur Gerechtigkeit" geehrt wurde. Schon im ersten Jahr ging einer der internationalen Preise an einen kolumbianischen Journalisten - nicht nur für seinen Mut, sondern auch für die journalistische Qualität: Ana Fernando Perdomo Pinzon machte den Skandal von vernachlässigten und misshandelten Kindern öffentlich. Pinzon erzählte 2011 die Geschichte des vier Monate alten Alejandros aus einer Stadt im Nordosten Kolumbiens: Er wurde von seiner Mutter im Krankenhaus zurückgelassen; andere werden an Straßen ausgesetzt oder auf Müllhalden. Einige Babys werden zur Adoption nach Europa oder in die USA freigegeben: Das sind die glücklichen.

Auch 2013 kam ein kolumbianischer Redakteur in die Endauswahl, der über Prostitution von minderjährigen Mädchen im Zentrum von Mendelin berichtete und mit dem Satz begann. "Wenn ein Freier nicht zahlt, zieht Elisabeth ihr Klappmesser und sticht zu, um an ihr Geld zu kommen."

2014 bekam Jorge Enrique Rojas den Preis, wie der in diesem Jahr geehrte Bedoya ein Redakteur von El Pais aus Cali in Kolumbien: Er schrieb die eindrucksvolle Reportage des "Glasjungen", der an einer schweren Hautkrankheit leidet, und verband sie mit den Schrecken des Bürgerkriegs.

Bedoyas Reportage hat komplett der "Mannheimer Morgen" veröffentlicht und in Auszügen die "WAZ" in der vergangenen Wochenend-Ausgabe - pünktlich zur Verleihung des Friedensnobelpreises an Kolumbiens Präsidenten.

Paul-Josef Raue

Autor dieser, jeden Dienstag erscheinenden Kolumne "JOURNALISMUS!", ist Mitglied der Jury des Ulrich-Wickert-Preises. Organisiert wird der Preis vom Kinderhilfswerk "Plan", an die auch die Bewerbungen einzureichen sind. Raue ist selber Gründer und Vorsitzender seiner "Familienstiftung für Kinder und Medien" unter dem Dach des Kinderhilfswerks Plan.Raue war über drei Jahrzehnte Chefredakteur von Regionalzeitungen. Heute berät er Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Auf kress.de erschien die 20-teilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de 

INFO

Mit dem Journalistenpreis der Ulrich Wickert Stiftung werden jährlich in drei Sparten die besten Berichte und Reportagen zum Thema Kinderrechte in der Welt ausgezeichnet:

International für Berichte und Reportagen über Kinderrechte.

Deutschland/Österreich an Journalisten in Deutschland und Österreich für einen Beitrag speziell zu den Rechten von Mädchen.

Kinder/Jugend an eine Gruppe von Kindern oder Jugendlichen, die sich in Medienprojekten von "Plan International" für die Kinderrechte engagieren.

Seit 2015 wird von der Ulrich-Wickert-Stiftung zusätzlich der Peter Scholl-Latour Preis an einen Journalisten in Deutschland oder Österreich verliehen, der mutig und unabhängig die Krisen dieser Welt erklärt und auf das Leid von Menschen in Krisen- und Konfliktgebieten aufmerksam macht.

Bewerbungen sind in der Regel bis Ende März möglich. Teilnahmeberechtigt sind Redakteure in Deutschland, Österreich und den 51 Partnerländern von "Plan". Eingereicht werden können Beiträge in englischer, französischer, spanischer und deutscher Sprache aus Print- oder Onlinemedien, Hörfunk und Fernsehen.

Die Preisverleihung findet in der Regel im Umfeld des Girl's Day Ende September in Berlin statt.

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