Fußball-Berichterstattung: "Nennen wir das bitte nicht Journalismus"

 

Der freie Journalist Ronny Blaschke hat ein fußballkritisches Buch vorgelegt, das auch mit den Medien hart ins Gericht geht. Viele soziale Projekte der Vereine seien nicht ehrlich gemeint, schreibt der Mitarbeiter von "Süddeutsche Zeitung", "Die Zeit", "Frankfurter Rundschau" und "Deutschlandradio". Sportjournalisten dagegen seien oft mehr Fans denn objektive Begleiter. kress.de sprach mit dem 35-jährigen Autor von "Gesellschaftsspielchen - Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei" auch darüber, ob die Milliarden, die die Sender für die Übertragungsrechte ausgeben, einen Maulkorb für die Reporter bedeutet.

kress.de: In Ihrem Buch kritisieren Sie die öffentlich-rechtlichen Sender wegen der Fußball Berichterstattung stark. Sie bescheinigen den Sportreportern unkritischen Journalismus, viele seien mehr Fans denn Reporter. Hat sich das Berufsbild wirklich so stark gewandelt?

Ronny Blaschke: Ich möchte das gar nicht nur negativ betrachten. Natürlich könnten wir sagen, etliche Sportreporter sind Fans, die kostenfrei ins Stadion dürfen und sich mit Spielern verbrüdern. Aber das ist nur das Symptom. Allein in der Saison 2014/2015 haben die Vereine 731 Millionen Euro durch Medienrechte erhalten. Das sind fast 30 Prozent ihrer Gesamteinnahmen. Fußball und Sendeanstalten sind in einer Produktionskette verwachsen. Man könnte die Reporter aber auch als weitsichtige Profis bezeichnen, denn sie verhelfen ihrem Arbeitgeber zum Erfolg. Ein Erfolg, der sich an Quoten und Werbeerlösen bemisst - und letztlich an der Sicherung ihrer Jobs. Aber dann nennen wir das bitte nicht Journalismus.

Eines Ihrer Argumente lautet, für Übertragungen aus dem Bundestag müsse kein Medium bezahlen, für Sportreportagen sehr wohl. Haben sich die Sender bei Vereinen und Verbänden zulasten der Objektivität eingekauft?

Ronny Blaschke: Es ist ein lange laufender Prozess, der 2006 zur WM in Deutschland einen Höhepunkt hatte. Hintergrundformate wurden schon vorher zurückgedrängt. Fußball bekam einen überzogenen Stellenwert. Er fand überall Eingang: in die Feuilletons, sogar in die Philosophie. Wenn wir uns die Vorberichte der WM in Südafrika oder Brasilien anschauen: Einerseits gibt es hintergründige Dokumentationen über Menschenrechtsverletzungen und überteuerte Stadionbauten. Andererseits machen die millionenschweren Rechte-Zahlungen von ARD und ZDF diese Turniere der FIFA auch mit möglich.

Wie viel Gebührengelder kostet denn der Fußball?

Ronny Blaschke: Diese Zahlen hüten die Öffentlich-Rechtlichen wie ein Staatsgeheimnis. Es gibt nur Schätzungen von Experten. Von 150 Millionen Euro für die WM 2018 in Russland ist die Rede. Aber wo ist da Transparenz, die Sender zum Beispiel von FIFA und UEFA einfordern? Etwa auch, wenn es um die Honorare der Fernsehexperten gilt. Dadurch geht viel Glaubwürdigkeit verloren. Und dazu kommt die Art der Berichterstattung während des Turniers oder in der Bundesliga. Ein ZDF-Mitarbeiter hat mir berichtet, dass es schwierig sei, mit kritischen Themen durchzudringen.

Sie erwähnen auch, dass die "ARD jahrelang Radsportler des Teams Telekom sponserte und beim Thema Doping nicht so genau hinschaute". Ist dieser Vorwurf im Zusammenhang mit den Doping-Enthüllungen des RBB-Reporters Hajo Seppelt nicht etwas ungerecht?

Ronny Blaschke: Es hat sich viel verbessert in den vergangenen zehn Jahren. Hajo Seppelt leistet sehr gute Arbeit, weil er hartnäckig ist und wenig konfliktscheu. Aber er ist auch eine Einzelperson. Und starke Einzelpersonen überdecken oft die Schwerfälligkeit von Apparaten. Seppelt hat hervorragende Ergebnisse erbracht - allerdings lange Zeit nicht wegen der ARD, sondern trotz der ARD. Schauen Sie sich mal die Personalverteilung an. Beim kritischen Format "Sport Inside" im WDR arbeiten zwei feste Redakteure, bei der Sportschau rund 30. Diese Ungleichheit könnte man doch zumindest ein bisschen verändern. Es wäre gut, wenn das System ARD durch Ausbildungsmöglichkeiten viele neue Seppelts automatisch hervorbringen würde. Und gut wäre es auch, wenn die Premiumformate der Sender, die Sportschau oder die Champions League, ebenfalls kritische Themen verhandeln würden.

Aber ist das bei den Millionensummen, die die ARD für die Übertragungsrechte ausgibt, nicht logisch? Der Zuschauer erwartet doch dann auch viel Personal, die die Spiele beleuchten.

Ronny Blaschke: Im Rundfunkstaatsvertrag finden Sie dafür keine Rechtfertigung. Profifußball ist, das sage ich als Sportreporter, ein entbehrliches Gut für den Gebührenzahler. Wir brauchen eine ausgewogene Politikberichterstattung für die Meinungsbildung der Bevölkerung, aber wir brauchen keinen Spektakelsport im Öffentlich-Rechtlichen. Ich gehöre jetzt nicht zu denjenigen, die die "Sportschau" abschaffen möchten. Aber ich frage Sie: Wo findet in diesen zwei Stunden Sendezeit ein Hauch von Gesellschaftskritik statt? Und noch ein Beispiel: ARD und ZDF schicken mehr als 100 Journalisten zu Olympia oder zur EM, darunter war in Rio ein einziger Rechercheur, nämlich Seppelt; bei der EM ist mir leider niemand aufgefallen.

Anders als das Fernsehen müssen Zeitungen für ihre Spielberichte nichts bezahlen. Da könnte man annehmen, dass wenigstens hier kritischer Journalismus vorherrsche. Warum ist das nicht so?

Ronny Blaschke: Zeitungen haben keine Bestandsgarantie. In Regionalredaktionen müssen immer weniger Redakteure immer mehr leisten. Und Vereine können kritische Reporter schnell von Informationen abschneiden. Durch die Medien hat der Fußball das Gefühl, der Nabel der Welt zu sein. Irgendwann wird er den Medien aber die kalte Schulter zeigen. Schon jetzt betreibt jeder Bundesliga-Verein einen eigenen Internetkanal. Der FC Bayern bespielt 30 Stränge in sozialen Medien. Sicher, Zeitungsredakteure könnten opponieren, aber dann bekommen sie oft keine Interviews mehr. Hansa Rostock, um ein Beispiel zu nennen, hat alle Journalisten von der Jahreshauptversammlung ausgeschlossen. Die Mitglieder hatten so abgestimmt.

Krankt der Sportjournalismus also an mangelnder Recherche?

Ronny Blaschke: Es gibt das "Netzwerk Recherche", das Reporter-Forum und andere reflektierte Journalisten-Vereinigungen. So etwas finden Sie im Sport nicht. Im Verband Deutscher Sportjournalisten wollten wir ein Recherchestipendium für eine hintergründige Arbeit vergeben. Wissen Sie, wie viele Kollegen sich darum beworben haben? Nicht einmal eine Handvoll.

Sie schreiben auch, dass Fans kritische Journalisten bedrohten und drangsalierten. Von welcher Seite kommt der größere Druck: von den Ultras oder von den Funktionären?

Ronny Blaschke: Viele Funktionäre trauen sich nicht, direkt zu sagen, Du kommst hier nicht mehr rein, weil Du zu kritisch ist. Aber letztlich läuft es so. Sie lassen sie austrocknen. Nehmen Sie den damaligen DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach. Der hat sein erstes Interview zu den Vorwürfen gegen ihn nicht einem Journalisten gegeben, sondern DFB-TV. Auf der anderen Seite ist der Druck der Fans auf die Reporter enorm. Die wollen mitunter, dass über ihren Verein nicht schlecht berichtet wird. Von welcher Seite der Druck nun größer ist, weiß ich nicht. Das müssten Studien zeigen. Das kann ich als Journalist nicht leisten.

Den Hauptteil Ihres Buches widmen Sie sozialen Projekten der Fußball-Klubs zum Beispiel gegen Diskriminierung. Dies sei vielfach Heuchelei. Warum?

Ronny Blaschke: Um noch einmal kurz bei den Medien zu bleiben: Die sorgen auch dafür, dass diese Heuchelei nicht erkannt wird, denn soziale Projekte liegen unterhalb der medialen Wahrnehmungsschwelle. Der FC Bayern München zum Beispiel verfügt über 400 Millionen Euro Eigenkapital, und er beschäftigt 400 Mitarbeiter. Er hat Benefizspiele bestritten und viele Millionen Euro an Spenden verteilt. Aber letztlich lagert er das soziale Engagement aus, um sich auch ein gutes Gewissen zu machen. Der Verein beschäftigt Marketingstrategen für Asien und Amerika. Warum kann er nicht auch zehn oder 15 Experten einstellen, die sich um soziale Projekte kümmern? Sozial- oder Politikwissenschaftler, Pädagogen oder Kulturschaffende. Dann würde man vielleicht auch intern mal die Frage stellen, ob Trainingsspiele in Katar und Saudi-Arabien angebracht sind.

Welche anderen Bundesliga-Vereine verhalten sich denn heuchlerisch?

Ronny Blaschke: Ich habe nicht jeden Verein untersucht. Und natürlich gibt kein Präsident zu, dass sein Klub soziales Engagement nur aus Imagegründen betreibt. Der 1.FC Köln und Borussia Dortmund haben eigene Stiftungen gegründet - mit jeweils einem Mitarbeiter. Oder schauen Sie sich ehemalige Nationalspieler an, die eigene Stiftungen gründen. Deren Grundkapital liegt manchmal bei 150.000 oder 200.000 Euro. Gemessen an ihren hohen Verdiensten ist das überschaubar. Und über die langfristige Wirkung ihrer Projekte erfährt man wenig. Zum Vergleich: Dietmar Hopp, der Mäzen von Hoffenheim, hat eine Stiftung mit mehr fünf Milliarden Euro gegründet.

Haben Sie weitere Beispiele?

Ronny Blaschke: Die Bundesliga hatte in der vorvergangenen Saison einen Jahresumsatz von mehr als 2,5 Milliarden Euro. Die Bundesliga-Stiftung, das Dach für soziales Engagement, verfügte über ein Budget von rund drei Millionen. Auf der einen Seite spenden Vereine an bedürftige Kinder. Auf der anderen Seite machen sie sich von Sportartikelherstellern abhängig, die Kinder in Niedriglohnländern ausbeuten. Auf der einen Seite gibt der DFB viel Geld nach Mexiko, auf der anderen Seite lässt er ein teures Fußballmuseum in Dortmund bauen und überlässt das finanzielle Risiko der hoch verschuldeten Kommune.

Und bei welchen Klubs rührt das Engagement aus ehrlicher Überzeugung?

Ronny Blaschke: Mit Abstrichen: bei Werder Bremen. Bei diesem Verein beschäftigen sich zehn von 150 Mitarbeitern mit gesellschaftspolitischen Fragen, wie Senioren, Flüchtlingen, Familien. Eine Million Euro gibt Werder für soziale Zwecke jährlich aus, gerade im Abstiegskampf wollten Bremer Medien davon wenig wissen. Aber man muss das auch in Relation setzen, wenn der Verein gleichzeitig allein sechs Millionen Euro für Spielerberater ausgegeben hat. Hier müsste mehr angeglichen werden.

Noch einmal zurück zum Journalismus und Fußball: Der "Zeit" halten Sie vor, diese setze auf ihrer Fußballseite kaum politische Schwerpunkte. Im Zentrum stehe ausschließlich "das Sportliche". Warum ist das denn so kritikwürdig? Erwartet der Leser nicht sogar, dass es auf einer solchen Seite eher unpolitisch zugeht?

Ronny Blaschke: Das gilt für alle Wochentitel. Und genau wie Sie argumentieren auch diese Medien: Nach dem schweren Stoff in Politik und Wirtschaft suche der Leser im Sport eine Ruhezone. Niemand kann beziffern, wie viele Steuermilliarden in den Fußball fließen, in Polizeikosten für Risikospiele, in Stadienbauten, Sporthallen, Antidopinglabore oder Bürgschaften für klamme Vereine. Es wäre schön, wenn Institutionen, die sich für Debattenmedien halten, auch im Sport wie eine journalistische Kontrollinstanz agieren. Außerdem ist die Ausblendung kritischer Themen eine Bevormundung des Lesers. Dieser erfährt selten, was im Fußball an Korruption, Fangewalt und Manipulation los ist.

Sie werfen die Frage auf: "Wie politisch muss der Fußball sein?" Muss er denn überhaupt politisch sein? Könnte er nicht einfach wieder "die schönste Nebensache der Welt" werden?

Ronny Blaschke: Ich weiß, das hört sich jetzt alles etwas negativ an. Aber mein Buch ist nicht negativ. Es listet Fakten und Beispiele auf, damit der Leser sich selbst ein Urteil bilden kann. Der Fußball hat bemerkenswerte Skandale noch nicht ausgestanden, weder in der FIFA noch im DFB. Die Bundesliga kann nicht ewig Umsatzrekorde feiern. Sie braucht ein neues Narrativ, um langfristig stabil zu bleiben. Das Potenzial dafür ist seit langem vorhanden. Es gibt viele kluge Leute im Fußball, die sich sozial engagieren, ob nun als Fanbetreuer, im Klimaschutz oder in der Geschlechtergerechtigkeit. Davon lesen wir leider nichts.

kress.de-Tipp: Ronny Blaschke, Gesellschaftsspielchen - Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei, ISBN: 978-3730702543, Taschenbuch, 288 Seiten, Verlag Die Werkstatt

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