"Höhle der Löwen"-Moderator Amiaz Habtu über Integration im TV: "Bei den Nachrichtensendungen darf es noch viel bunter werden"

 

Amiaz Habtu sorgt in der gerade um eine weitere Staffel verlängerten Vox-Show "Die Höhle der Löwen" für Aufsehen. Im Interview mit kress.de äußert er sich zu seiner Rolle als Flüchtling in Deutschland, zur Frage der Hautfarbe im deutschen Fernsehen und dem kölschen Lebensgefühl.

kress.de: Ihre Familie kam aus politischen Gründen aus Eritrea nach Deutschland. Sehen Sie sich als Vorzeigeflüchtling?

Amiaz Habtu: Ich sehe mich definitiv nicht als Vorzeige-Flüchtling und will diese Rolle auch überhaupt nicht einnehmen. Ich bin mit meiner Familie geflüchtet. Wir mussten uns integrieren. Und das geht am besten, wenn man die Sprache lernt und sich anschaut, wie die Menschen hier leben. Man muss ja nicht alles übernehmen und man sollte seine eigene Identität und Herkunft nicht verlieren, aber bei vielen Sachen muss man sich anpassen. Wenn man sich gut integriert, hat man einfach die besten Möglichkeiten. Das bedeutet für mich aber nicht automatisch, dass ich ein Vorzeige-Flüchtling bin. Es geht mehr um "Leben und leben lassen".

Sie haben Karriere im deutschen Fernsehen gemacht. War Ihre Hautfarbe Hemmnis oder Chance?

Amiaz Habtu: Ich habe meine Hautfarbe nie thematisiert, und das ist auch gut so. Ich glaube, wenn man das automatisch macht, hat man ein Problem damit - und das hatte ich nie. Ich bin in meinem Leben bei vielen Castings gewesen und nicht immer war ich erfolgreich. Im Nachhinein muss ich aber sagen, dass ich dann auch einfach nicht gut war. Ich habe mich aber weiterentwickelt. Heute bin ich dem Sender VOX für meine aktuellen Projekte "Prominent!" und "Die Höhle der Löwen" dankbar, genauso bin ich auch ZDFneo dankbar, dass wir "Abgefahren - Wissen auf Rädern" mit Jan Köppen umsetzen konnten. Das war für mich das erste Mal, dass ich für einem namhaften Sender im Einsatz war. Daraufhin ist ja alles erst ins Rollen gekommen. Die einen nennen es Karriere, ich nenne es meinen Traum verwirklichen.

Unser Land schwankt zwischen Bunter Republik Deutschland und AfD-Zone. Welche Erfahrungen mit bio-deutschen Mitmenschen machen Sie im Alltag?

Amiaz Habtu: In Deutschland und in der Welt gibt es ein Riesen-Problem: Millionen von Menschen sind auf der Flucht. Eine Fluchtwelle, die es in der Form seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gab. Das erzeugt auch Ängste und Sorgen, die manche Wähler zur AfD ziehen. Das muss man ernst nehmen. Ich selbst habe bisher noch keinen AfD-Wähler kennengelernt - und ich weiß auch nicht, ob mir jemand sagen würde, dass er AfD gewählt hat. Deshalb kann ich zu den Wählern nichts sagen. Ich bin auf jeden Fall glücklich, in Deutschland leben zu können, und das wird sich auch in naher Zukunft nicht ändern.

Im deutschen Fernsehen gibt es inzwischen viele Gesichter mit ausländischem Hintergrund. Doch kein einziger offenkundig dunkelhäutiger Moderator führt durch eine Nachrichtensendung. Ärgert Sie das?

Amiaz Habtu: Michail Paweletz ist Moderator und gehört zum Team der Tagesschau, Cherno Jobatey moderierte beim ZDF-Morgenmagazin, also ist das nicht ganz richtig. Natürlich freue ich mich, dass es eine Entwicklung im Deutschen Fernsehen gibt. Gerade bei den Öffentlich-Rechtlichen, aber auch bei den Privatsendern, gibt es durchaus viele Menschen anderer Herkunft. Wenn es nach mir geht, können sich die Sender aber ruhig noch mehr trauen. Denn Deutschland ist vielfältig und bunt, auch bei den Nachrichtensendungen darf es noch viel bunter werden. Wenn man Leute hat, die das richtig gut machen können und eben anders aussehen, aber auch die Gesellschaft in Deutschland repräsentieren, dann sollte man ihnen eine Chance geben. Aber sie müssen natürlich auch das entsprechende Talent mitbringen.

Umgekehrt: Sie sind vorwiegend bekannt aus dem Unterhaltungsfernsehen. Müssen Menschen mit afrikanischem Hintergrund in Deutschland eine moderne Version von Onkel Tom abgeben?

Amiaz Habtu: Ich bin definitiv kein Onkel Tom. Ich bin Amiaz Habtu, geboren als Ermias Habtu. Ich lebe in Deutschland und ich bin meinen Weg gegangen. Ich freue mich, da zu sein, wo ich gerade bin, und freue mich auch, wenn ich weiterhin dort sein kann. Dafür trainiere und arbeite ich weiterhin hart an mir. Aber von Onkel Tom kann keine Rede sein.

Sie haben Ihre ersten TV-Erfahrungen beim Mini-Sender NBC Europe gemacht. Was haben Sie dort gelernt?

Amiaz Habtu: Bei NBC Europe habe ich durch einen Freund von mir meine ersten TV-Erfahrungen machen dürfen. Es waren gute Erfahrungen. Hier habe ich gelernt, immer gut vorbereitet zu sein, wenn man "on air" geht oder Events moderiert. Und wie es ist, vor der Kamera zu stehen, ein In-Ear zu tragen oder mit der Regie zu kommunizieren. Ich habe nebenbei BWL studiert und extra zwei Semester geschmissen, um bei NBC Europe arbeiten zu können.

Sie haben nebenher auch als Musiker gearbeitet. Welche Schnittmenge gibt es zum Job des Moderators?

Amiaz Habtu: Es gibt in mir den Moderator und auch den Musiker. Ich habe schon mit 14 Jahren meine ersten Rap-Texte geschrieben. Erst einige Jahre später habe ich mit Moderation angefangen. Es gibt keine Releases von mir, keine Single gab es jemals irgendwo zu kaufen. Momentan bin ich aber im Tonstudio und es macht tierisch viel Spaß. Ob es ein Album wird, eine EP oder ob ich alle Singles einzeln veröffentliche, weiß ich noch nicht genau. Ein Traum, den ich unbedingt noch verwirklichen möchte, wäre ein schönes Video. Angefangen habe ich mit englischem Hip-Hop. Davon habe ich mich jetzt aber komplett entfernt und mache alles auf Deutsch. Vielleicht könnte es die Leute, die mich aus dem Fernsehen kennen, verwirren, wenn ich auf Englisch rappe. Es ist für mich eine Herausforderung, aber total cool. Sowohl als Musiker als auch als Moderator arbeitet man mit Kommunikation und Informationsweitergabe. Und emotional gesehen sind beide Tätigkeiten auf einem Level, denn wer Musiker oder Moderator ist, macht das aus Liebe.

Sie gehören zu dem Team, das mit "Höhle der Löwen" ganz knapp am begehrten Grimme-Preis vorbeigeschrammt ist. Wie wichtig ist Ihnen die Tatsache, dass Sie nominiert wurden?

Amiaz Habtu: Ich bin echt happy, ein Teil der "Höhle der Löwen" zu sein. Ich finde, die Nominierung war wirklich verdient, und die Sendung macht einfach Spaß. Es ist der Wahnsinn, mit welchen Ideen die Menschen kommen. Es ärgert eigentlich nicht, dass man am Ende den Preis nicht bekommen hat, es ehrt eher, dass man nominiert war. Den Deutschen Fernsehpreis haben wir ja bekommen und auch noch einige mehr. Ich finde Preise sehr gut. Sie zeigen, dass man gute Arbeit abgeliefert hat. Ich persönlich arbeite aber nicht für die Preise, sondern aus Passion. Weil ich einfach liebe, was ich tue.

Sie sind in Eritrea geboren. Aber Köln wurde zu Ihrer zweiten Heimat. Macht Stadtluft frei?

Amiaz Habtu: Ich liebe Köln und fühle mich wohl in der Stadt. Die kölsche Kultur und Lebenseinstellung entspricht auch meiner DNA. Manchmal muss ich aber raus. Ab in die Natur. Runterkommen. Kein Verkehr und kein Lärm. Einfach mal den Gang rausnehmen. Das ist mir wichtig. Am Strand liegen und an nichts denken. Dann mein Smartphone auspacken, in die Weite sehen, geile Beats hören und texten oder musizieren. Das befreit den Geist und die Seele!

Hintergrund

"Die Höhle der Löwen" ist eine wöchentliche Unterhaltungsshow, die erstmals im August 2014 von der RTL-Tochter Vox ausgestrahlt wurde. Sie ist ein Ableger der britischen Sendung "Dragons' Den". Das Konzept entwickelte Sony Pictures Television. Das Unternehmen vermarktet und produziert es weltweit. "Die Höhle der Löwen" gilt als intelligente Form, Wirtschaftswissen unterhaltsam zu vermitteln. Genau deshalb wurde die Show 2015 für den Grimme-Preis nominiert. Wegen des beachtlichen (Quoten-)Erfolges hat Vox in dieser Woche eine vierte Staffel von "Die Höhle der Löwen" im kommenden Jahr angekündigt. 

Zur Person

Ermias "Amiaz" Habtu moderiert "Die Höhle der Löwen". Der 39-Jährige wurde in Eritrea geboren. Seine Familie musste 1978 aus politischen Gründen aus der Heimat fliehen. 

Erste TV-Erfahrungen  machte Habtu zwischen 2004 und 2005 beim mittlerweile eingestellten Sender NBC Europe. Seine erste eigene Sendung, mit der er erstmals ein größeres Publikum erreichte, war das VOX-Straßenquiz "Wer weiß es, wer weiß es nicht?" 2014 war er Teil des von Kritikern gelobten Anti-Rassismus-Projekts "Der Rassist in uns", das auf dem Spartenkanal ZDFneo gezeigt wurde. Seit dem 19. August 2014 führt Habtu zudem durch die Gründer-Show "Die Höhle der Löwen" auf Vox. Als Rapper tritt Habtu unter dem Namen "Amiaz" auf.

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