"Spiegel TV Wissen"-Chef Patrick Hörl über den Sender-Neustart: "Gestiegenes Bedürfnis nach seriösen Quellen und echter Information"

 

Alles neu macht der Oktober: Patrick Hörl, Co-Geschäftsführer von "Spiegel TV Wissen" und "Spiegel Geschichte", verpasst seinen Pay-Angeboten einen komplett überarbeiten Look. Die starke Konkurrenz - etwa durch die Neustarts kabel eins Doku und N24 Doku - sieht er sportlich. "Es gab noch nie so viele Dokumentarfilm-Angebote im deutschen Fernsehen", so Hörl im kress.de-Gespräch. "Das zeugt für die Leistungsfähigkeit des Genres."

"Dokus sind Primetime-Ware geworden"

"Wir finden es erstaunlich, was sich derzeit alles tut. Es ist ein gutes Zeichen", sagt der Autentic-Geschäftsführer, der auch dem Joint-Venture mit dem Spiegel-Verlag vorsteht, über die vielen existierenden wie neuen Mitbewerber auf seinem Geschäftsfeld. "Dokus sind zur Primetime-Ware geworden."

Wichtige Kraftquelle: die deutsche Marke "Spiegel"

"Die Sender sind viel klarer positioniert. Das hat sicher zur Aufwertung des Genres beigetragen", sagt Patrick Hörl über die Konkurrenten, zu denen natürlich auch viele Pay-TV-Mitbewerber von History bis National Geographic zählen. "Es ist kein Sender dabei, der total sein Publikum verpasst - aber es gibt bessere und schlechtere." Seine eigenen beiden Angebote sieht er entscheidend vorn - wegen der Relevanz bei deutschen Zuschauern, die das Gütesiegel "Spiegel" trägt. "Wir stehen für unsere deutsche Marke. Wir müssen aus der Qualität dessen, wofür der 'Spiegel' steht, schöpfen. Anders als einige unserer Mitbewerber sind wir viel näher dran an der hiesigen Wirklichkeit."

Filmemachen in einer "postfaktischen Welt"

Dabei spielt seinen Sendern aktuell auch das allgemeine Misstrauen gegenüber dem medialen Betrieb und die unsägliche "Lügenpresse"-Diskussion in die Karten. "Die Diskussion, die aus der angelsächsischen Welt kommt, dass wir in einer postfaktischen Welt leben, in der bloße Stimmungen dominieren und Politiker angeblich sagen können, was sie wollen, ohne dass ihnen jemand sofort dreiste Lügen nachweist, erreicht auch Deutschland immer schneller", sagt Patrick Hörl. "Als Gegenreaktion gibt es ein gestiegenes Bedürfnis an seriösen Quellen und echter Information."

Um die Akzeptanz von "Spiegel Geschichte" und "Spiegel TV Wissen" macht er sich daher keine Sorgen, was sich in guten Zuschauerzahlen niederschlägt. "Wir merken, dass die Leute heute auch mal länger bei einem Sender bleiben." Allerdings veröffentlicht Hörl - anders als einige Pay-Mitbewerber - noch keine Quoten. Die Skepsis gegenüber dem AGF-Pay-Panel teilt er unter anderem mit der großen Plattform Sky. "Die AGF misst uns natürlich. Wir fragen uns aber oft, ob die AGF die geeignete Währung ist, die Dinge zu erfahren, die wir erfahren wollen."

Zentrales Element - die Spiegelungen im Design

Um dennoch mehr Gas zu geben und im Potpourri der Pay-Pakete nicht unterzugehen, haben sich die beiden "Spiegel"-Sender aktuell eine komplett überarbeitete On-Air-Sprache mit vielen neuen Elementen verpasst. Diese geht einher mit einer Programmreform, die auf klarere wiederfindbare Programmleisten setzt. "Wir wollen über das On-Air-Design auch Messages transportieren, wie wir uns sehen", sagt Hörl. Ein zentrales, wiederkehrendes Element der neuen Bildsprache ist bei beiden Sender ein "Spiegel"-Element, das die Metapher des großen Hamburger Nachrichtenmagazins bildlich umsetzt.

"Was wir damit sagen wollen, ist: Wir nehmen neue Perspektiven ein, betrachten die Dinge aus anderen Winkeln. Wir gehen den Dingen auf den Grund und blicken hinter die Kulissen", erläutert Jens Kirsch, der Channel Manager der beiden Sender, der jüngst auch zum Prokuristen bestellt wurde. Wir spielen ein wenig mit der Marke", erklärt er den neuen Spiegelungs-Ansatz, der immer wiederkehrt.

"Wir starten alles neu"

Für die angestammten Medienmarken "Spiegel TV Wissen" und "Spiegel Geschichte" ist das neue Erscheinungsbild dabei durchaus radikal. "Es ist kein Rebrusch oder Rebranding. Wir starten alles neu", sagt Jens Kirsch stolz. "Wichtig ist uns, dass ein moderner Sender mehr Dynamik hat." Dazu gehören nun auch Element, die der bisherige Look gar nicht hergegeben hatte - etwa Werbetrenner und Teaser. "Die kannte unser altes Design nicht. Der Programm-Flow ist uns sehr wichtig. Der Zuschauer soll über die Pause zum nächsten Programm gehoben werden."

Tatsächlich ist Patrick Hörl durchaus bewusst, dass seine Sender bislang oft etwas altbacken wirkten. "Jens Kirsch und sein Team sind wesentlich jünger. Sie haben uns davon überzeugt, dass es Zeit für ein dynamisches und modernes On Air Design ist", sagt der Senderchef. "Manchmal läuft man Gefahr, wenn man seriös wahrgenommen wird, dass man zu nüchtern auftritt", so Hörl selbstkritisch.

"Wir wollen für unsere Pay-TV-Kunden auch in der Verpackung eine gewisse Wertigkeit an den Tag legen", lautet nun seine Maxime. Und die aus Überzeugung - mit Blick auf die Wachstumszahlen der Gesamt-Branche. "Wir glauben ans Pay-TV." Die neue Verpackung bei beiden seiner Sender ähnelt sich in zentralen Elementen. "Die Designs sind miteinander verwandt. Jeder Sender behält aber seine Eigenständigkeit", sagt Jens Kirsch.

Großauftrag für die Agentur BDA Creative

Relativ schnell war beiden Sender-Verantwortlichen klar, dass das Großprojekt nicht aus eigenen Kräften zu stemmen ist. Verantwortlich ist die international renommierte TV-Designagentur BDA Creative. Sie erhielt dafür dem Vernehmen nach ein Budget im niedrigen sechsstelligen Bereich. "Wir haben die Design-Entwicklung bewusst rausgegeben. Die BDA-Creative-Kollegen können auf einen großen Erfahrungsschatz vertrauen", sagt Hörl. Auch der Spiegel-Verlag hat diese Entscheidung mit getragen. "Senderdesign ist etwas anderes als Zeitschriften-Design - das wissen die Kollegen in Hamburg auch."

Mit dem neuen Look geht auch eine Programmveränderung einher. "Das ist keine formale Übung. Wir reformieren das Senderschema zu dem Zeitpunkt, an dem wir die Verpackung des Kanals verändern", sagt Patrick Hörl. Dabei wird nun auch in Teilen anderes programmiert. "Wir legen unter anderem mehr Aufmerksamkeit auf den Vormittag. Da schauen die Leute doch mehr, als man gemeinhin denkt."

Allerdings ist man bei "Spiegel TV" stolz, dass sich ihre Angebote - wie etwa auch die "ZDFzeit"-Dokus im Zweiten - zur besten Sendezeit behaupten können. "Dokumentarische Sender sind mittlerweile so erfolgreich, weil sie es sich leisten können, in der Primetime Dokus zu zeigen", so Hörl. "Die 20:15-Uhr-Schiene, aber schon auch 18:30 Uhr sind für uns wichtige Fixpunkte", erklärt Kollege Kirsch. "Da kommen die Leute von der Arbeit und wollen bei uns ihr Informationsbedürfnis befriedigen."

Keine animierten "Spiegel"-Logos

Beim Überarbeiten der "Spiegel"-Logos ging Kirschs Team etwas behutsamer zur Sache. Eine radikale Überarbeitung wurde nicht erwogen. "Wir wollten, nicht dass sie sich drehen oder mit aufwendigen 3D-Effekten auftrumpfen. Das hätte nicht zu unserer deutschen Traditionsmarke gepasst", so der Channel Manager.

Programmlich geht die Design- auch mit einer UHD-Offensive Hand in Hand. "Wir produzieren ab Herbst auch UHD-Programme", kündigt Patrick Hörl an. "UHD ist für beide Kanäle gleich wichtig. Die Fernsehschirme werden immer großer - das Bild ist einfach beeindruckend und brillanter." Sein Versprechen. "Wir werden bei der Brillanz des Bildes dem fiktionalen Bereich nicht hintanstehen."

UHD-Offensive mit "Das Erbe der Deutschen"

Dabei kommt der Druck, mehr in UHD auszustrahlen angeblich nicht nur von Sky, wo man bereits mit eigenen neuen UHD-Paketen liebäugelt. "UHD in unserem Programm ist ganz klar unsere Initiative, sie ist eindeutig Inhalte-getrieben", behauptet Patrick Hörl. "Wir nehmen die Dinge immer schon in der bestmöglichen Technik auf." 

Ein erstes großes Vorzeigeprojekt wird die mehrteilige Doku-Reihe "Das Erbe der Deutschen" sein, die Patrick Hörls Hamburger Co-Geschäftsführer Michael Kloft der Sender produziert. Sie sucht unter anderem deutsche Unesco-Welterbestätten auf. "Es geht nicht nur um Steine, sondern um die Menschen und Geschichten dahinter", sagt Jens Kirsch zur "Erbe"-Reihe. "Es ist die erste UHD-Produktion, die dezidiert für Spiegel Geschichte produziert wird."

Patrick Hörl ist allerdings ebenfalls Filmemacher - zuletzt war außerhalb der eigenen Senderwelt im BR eine von ihm produzierte Fukushima-Doku zu sehen. "Es ist ein Luxus, den ich mir nur äußerst selten leiste", sagt er über seine private Produzententätigkeit. "Es erwachte in mir ein journalistischer Urinstinkt. Der Film war mir ein Anliegen", sagt Hörl über den Fukushima-Film, der ihm persönlich wichtig war.

"Glaubwürdigkeit bei den Filmemachern"

"Michael Kloft in Hamburg macht das ja - er dreht viel mehr selbst, als ich das tue", sagt Hörl zum eigenen Produzieren. Dass sie sich selbst sicher im Metier der Dokumentarfilmer bewegen, verschafft beiden in der Branche wichtigen Respekt. "Man hat Glaubwürdigkeit bei den Filmemachern, für die wir ja leben", so Hörl.

Er selbst sieht nicht nur das Doku-Genre aktuell enorm im Aufwind - was sich auch am Erfolg einschlägiger Festivals niederschlägt. Er würde es auch jungen Berufseinsteigern durchaus empfehlen. "Wenn einer wirklich dafür brennt, sehe ich keinen Grund, warum er das nicht machen sollte", so der "Spiegel TV Geschichte und Wissen"-Co-Chef. 

"Die Erzählformen sind vielfältiger geworden. Dokumentarfilme sind eines der abwechslungsreichsten Genres", sagt Patrick Hörl. Dabei spielt natürlich auch die Aufnahmetechnik eine wichtige Rolle. "Früher war das Blockierende beim dokumentarischen Filmemachern, dass sich kaum einer leisten konnte, das Equipment auszuleihen." Diese Zeiten sind in der Digitalkamera-, ja sogar in der Smartphone-Ära vorbei.

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