dpa-Chefredakteur Sven Gösmann stößt Debatte an: Hat der Akademisierungstrend den Journalistenberuf wirklich verbessert?

 

Der dpa-Chefredakteur Sven Gösmann glaubt, dass Redaktionen sich zu wenig vor Ort einbringen: "Journalisten müssen wieder rausgehen. Mein Eindruck ist, dass wir uns zu sehr in den Redaktionen verschanzt haben." Die Journalisten müssten aber vor Ort, bei Bürger- und Leserversammlungen Flagge zeigen. Und Gösmann stellt als erster erfahrener Journalist seit langem in Frage, ob es den Redaktionen tatsächlich hilft, wenn sie einzig aus Hochschulabsolventen besteht. 

Nur selten ergreift Sven Gösmann, seit 1. Januar 2014 Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur, in der Öffentlichkeit das Wort und spricht so deutlich über den Medienwandel. Im Gespräch mit Stefan Schaal und Christoph Hoffmann zum 70-jährigen Bestehen vom Mittelhessischen Druck- und Verlagshaus findet Gösmann in der Jubiläumsausgabe von "Gießener Allgemeine" (hieß bis 1966 "Gießener Freie Presse"), "Altfelder Allgemeine" und "Wetterauer Zeitung" klare Worte.

Mehr junge Leute in Redaktionen gefragt

Die Zeitungsbranche müsse junge Menschen in die Redaktionen holen, wenn sie junge Leute als Abonnenten gewinnen will. Nur so merke die Zeitung weiterhin, "worüber junge Menschen reden, nachdenken, diskutieren. Das ist eines der Probleme der Einsparungen der vergangenen Jahre: Die Redaktionen sind mit den Lesern älter geworden. Bis der Pokémon-Trend klassische Redaktionen erreicht, ist der Trend schon wieder out. Das darf nicht sein", so Gösmann.

Auch die Berichterstattung über ernste Themen wie Sicherheit im öffentlichen Nahverkehr stehe "nicht unbedingt" im Fokus von Redaktionen: "Das sind aber Dinge, die junge Menschen, die Bus und Bahn nutzen, stark umtreiben. Viele dieser Themen entgehen Redaktionen. Da ist der Themen-Radar gefragt. Den kriegt man nur, indem man junge Menschen schneller in die Redaktionen holt."

Zu viele Akademiker in Redaktionen

Gösmann stellt als erster erfahrener Journalist seit langem in Frage, ob es den Redaktionen tatsächlich hilft, wenn sie einzig aus Hochschulabsolventen besteht. Waren in den 1970er, 1980er Jahren Volontariate auch für Abiturienten oder gar Realschüler erreichbar, gibt es heute fast keine Medienhäuser mehr, die ihre freien Volontärsstellen auch mit Nicht-Akademikern besetzen: "Ich weiß nicht, ob der Akademisierungstrend der vergangenen Jahrzehnte den Journalistenberuf wirklich verbessert hat", so Sven Gösmann.

Weitere Themen des lesenswerten Interviews in den Zeitungen des Mittelhessischen Druck- und Verlagshauses:

Sven Gösmann zu den Paywall-Bestrebungen: "Ich glaube, dass es unglaublich schwierig ist, Menschen daran zu gewöhnen, eine Bezahlkultur ins Netz zu übertragen, die über viele Jahre im Printbereich gut funktioniert hat. Die bisherigen Erfahrungen machen mich nicht hoffnungsfroh. Die Menschen weichen dann auf andere Medien aus. Es sei denn, sie brauchen etwas unbedingt oder interessieren sich dafür. Leider agiert die deutsche Medienlandschaft nicht einheitlich. Die Nachrichten, die bei dem einen hinter der Paywall stehen, gibt es bei dem anderen nach einer Minute gratis und frei. Solange sich die Medienunternehmen nicht einig sind, kann man auch keine gemeinsame Kultur herstellen."

Gösmann glaubt zudem, "dass alle Lockangebote am Ende scheitern. Wenn man zum Beispiel fünf oder zehn Artikel frei lesen darf: Die Menschen lesen dann zehn Geschichten, aber nicht die elfte. Das ist das Prinzip des kalten Büffetts, wo die Menschen sich zu viel auf den Teller laden. Und wenn es dann eben keinen Nachschlag gibt oder sie den bezahlen müssen, dann essen sie nichts mehr. Dazu wurden die Kunden erzogen. Funktionieren wird es entweder nur mit harten Paywalls oder indem man beispielsweise eine abgespeckte Version ins Netz stellt und Premium-Inhalte nur in Premium-Kanälen anbietet, also in der gedruckten Zeitung und in geschlossenen Apps, die man besser kontrollieren kann."

Transparent mit Fehlern umgehen

Redaktionen sollten mit Fehlern transparent umgehen und auch andere Meinungen zuzulassen. Diskussionen müssten aber in der Zeitung stattfinden, nicht außerhalb bei Facebook, macht Gösmann deutlich: "Stichwort: Willkommenskultur. Man sollte auch immer darauf hinweisen, dass es abweichende Positionen gibt. Gesellschaftliche Diskussionen müssen in der Zeitung stattfinden - und nicht außerhalb von ihr bei Facebook. Die Zeitung sollte keine Menschen ausgrenzen, weil diese eine abweichende Meinung haben."

Rückbesinnung auf Nannens "Küchenzuruf"

Sven Gösmann ist überzeugt, dass Redaktionen auch in Zukunft Chancen haben, ihre Leserinnen und Leser zu erreichen. Aber mit welchen Themen? "Es geht darum, worüber die Leute reden. Das, was Henri Nannen mal den Küchenzuruf genannt hat. Wir sollten also weniger abstrakte Debatten oder Parlamentssitzungen nacherzählen. Sondern wir müssen schnell darüber berichten, wo der Schuh drückt und erklären, was diese Parlamentsdebatte denn nun für den Leser bedeutet. Wir sollten viele Faktenchecks unternehmen. Und auch mal zugeben, wenn wir etwas nicht wissen. Im Gespräch mit den Zeitungen des Mittelhessischen Druck- und Verlagshauses gibt Gösmann auch Interna preis: "Unser erfolgreichstes dpa-Format in großen Nachrichtenlagen ist im Moment: 'Was wir wissen, was wir nicht wissen'. Wenn wir mal als Journalisten zugeben, dass wir nicht alles wissen, gewinnen wir auch Vertrauen zurück."

Wichtig sei zudem, dass sich die Zeitung auf ihre Stärken besinne und sich nicht dem zeitlichen Wettlauf mit Fernsehen, Radio und Internet stelle. Natürlich würden die Leserinnen und Leser erwarten, dass ihre Zeitung aktuell sei und alles Relevante abbilde: "Aber sie erwarten das auch in einer Form, die weitergedreht ist als die schnelle elektronische Nachricht. Die Zeitung muss also immer wieder erklären und einordnen, was da eigentlich passiert ist. Warum kann Donald Trump eine Gefahr für die Welt sein - oder vielleicht sogar ein Segen? Was meint meine Zeitung dazu? Welche Mittel gibt sie mir für meine eigene Meinungsbildung in die Hand? Tiefer bohren, gerade im Lokalen. Kritischer berichten als das manchmal der Fall ist. Das macht die Zeitung dann unverzichtbar."

Zur Person

Seit dem 1. Januar 2014 ist Sven Gösmann, Jahrgang 1966 und gebürtig aus dem niedersächsischen Hannoversch-Münden, Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur dpa. Er studierte Politikwissenschaft an der Freien Universität und der Humboldt-Universität Berlin und volontierte bei der "Braunschweiger Zeitung". Danach arbeitete er unter anderem für die "Berliner Morgenpost", die "Welt", als Politikchef der "Welt am Sonntag" und als stellvertretender Chefredakteur für Politik und Wirtschaft der "Bild". Von 2005 bis 2013 war er Chefredakteur der "Rheinischen Post" und von "RP Online". Sven Gösmann ist verheiratet und hat zwei Töchter.

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