"Welt"-Investigativ-Reporterin Anette Dowideit: So zocken Ärzte ab

 

Mit den Medizinern und dem deutschen Gesundheitssystem rechnet die "Welt"-Reporterin Anette Dowideit in ihrem Buch "Vorsicht, Arzt!" ab. Die Diplom-Volkswirtin berichtet über haarsträubende Fälle, Korruption innerhalb der Branche und wirft Ärzten vor, unnötig zu operieren, um "Kasse zu machen". Vier Jahre berichtete die 38-Jährige als Korrespondentin für die "Welt"-Gruppe aus New York, bevor sie 2011 in die Investigativ-Redaktion wechselte. kress.de sprach mit ihr über Skandale und den vermeintlich unheilbaren Patienten Gesundheitswesen.

kress.de: Wie kamen Sie als Journalistin dazu, sich intensiv den Mängeln im Gesundheitswesen und der Korruption unter Ärzten zu widmen? Sie haben zwar Volkswirtschaft studiert, aber haben Sie auch einmal mit dem Gedanken gespielt, selbst Medizinerin zu werden?

Anette Dowideit: Nein, das wollte ich nie. Meine Leidenschaft galt immer dem Journalismus. Dafür braucht man ja auch eine ganze andere Art von Begabung. Meine Ausbildung an der Journalistenschule in Köln war obligatorisch mit einem Volkswirtschaft- und Politikstudium verbunden. Daher widme ich mich auch den Geldflüssen im Gesundheitswesen: Wieviel steckt drin, wie wird es verteilt und wie wird es abgezweigt, möglicherweise auch auf kriminelle Weise? Mir geht es also um das systemische und politische Versagen sowie das finanzielle Dilemma, weniger um die Medizin an sich. Wie das Geld eingesetzt wird, kann den Unterschied machen, ob ein Kranker geheilt wird oder stirbt. Es geht immer auch um Leben und Tod.

Seit Jahren beschäftigen Sie sich mit den Missständen im Gesundheitswesen. Nach allem, was Sie bisher recherchiert haben, was ist für Sie der größte Skandal?

Anette Dowideit: Der besteht für mich darin, dass die ärztliche Berufsfreiheit als ein so hohes Gut angesehen wird, dass sie über dem Patientenschutz steht. Ich erwähne in meinem Buch den Fall eines Augenarztes mit zittrigen Händen, der immer weiter am Grauen Star operierte und zahlreiche Patienten verletzte, weil er abrutschte. Einige sind sogar erblindet. Als ich die Recherche begann, liefen bereits fünf Ermittlungsverfahren bei der Staatsanwaltschaft gegen ihn. Aber niemand hat ihn aus dem Verkehr gezogen, keine erkannte eine Dringlichkeit. Es hieß, solange das Versagen nicht nachgewiesen sei, bestehe kein Handlungsbedarf. Als Patient haben Sie keine Chance, sich gegen solch einen Arzt zu schützen.

Sie werfen in Ihrem Buch die Frage auf, "ob sich so manche ärztliche Verordnung noch mit dem hippokratischen Eid in Einklang bringen lässt". Diesen Schwur muss doch kein Mediziner leisten. Diese immer wiederkehrende Formulierung in den Medien, nicht nur bei Ihnen, weckt bei Laien den Eindruck, es gebe so etwas wie eine Vereidigung von Ärzten. Ist das nicht eine gewisse Irreführung?

Anette Dowideit: Da treffen Sie einen wunden Punkt. Die Formulierung in der Pressemitteilung stammt nicht von mir, sondern von der Agentur. Nachdem Sie mich darauf aufmerksam gemacht haben, habe ich darum gebeten, das zu ändern. Dennoch gibt es eine ärztliche Berufsethik, und einige Fakultäten verlangen einen Eid, der auf dem nach dem zweiten Weltkrieg eingeführten Gelöbnis des Weltärztebundes beruht.

Sollten einen solchen Schwur mehr Universitäten einführen?

Anette Dowideit: Auf jeden Fall. Zwar lernt jeder Arzt im Studium, das Wohl des Patienten über sein eigenes, vor allem finanzielles, zu stellen. Aber ein Schwur hat mehr Symbolkraft und entfaltet eine faktische Bedeutung.

Liest man Ihr Buch, erfährt man viel über Ärzte, denen es vor allem ums Geld geht, und die dafür mit halbseidenen und sogar kriminellen Methoden arbeiten. Wie groß ist der Anteil dieser schwarzen Schafe Ihrer Einschätzung nach?

Anette Dowideit: Es gibt verschiedene Schwere-Grade. Die einfachsten und am weitesten verbreiteten Fälle sind jene, die den Patienten nicht gesundheitlich schaden. Aber sie werden von ihren Ärzten abgezockt. Dabei geht es bei gesetzlich Versicherten um Selbstzahlerleistungen, die gar keine sind.

Haben Sie Beispiele?

Anette Dowideit: Nehmen Sie die Sehstärkemessungen bei Augenärzten. Die trägt jede Kasse. Aber eine Untersuchung der Verbraucherzentrale in Nordrhein-Westfalen ergab, dass von 200 geprüften Medizinern mehr als die Hälfte Geld vom Patienten dafür verlangte. Noch weiter verbreitet ist der überteuerte Totenschein. Das ist eine Selbstzahlerleistung, die laut Gebührenordnung inklusive Anfahrt mit maximal 76 Euro berechnet werden darf. Meine Recherche bei Angehörigenverbänden ergab, dass in vier von fünf Fallen viel mehr in Rechnung gestellt wird: 150 bis 200 Euro.

Was sagt die Bundesärztekammer dazu?

Anette Dowideit: Die haben mir geantwortet, dass sie das Problem kennen. Aber die überhöhte Abrechnung sei in Ordnung, weil die Gebührenordnung zu wenig vorsehe.

Ist das nicht schon Abrechnungsbetrug?

Anette Dowideit: Das ist ein zivilrechtlicher Verstoß. Patienten können das zu viel gezahlte Geld einklagen.

Noch einmal zurück zum Anteil der schwarzen Schafe. Wie ist das bei strafrechtlich relevanten Fällen?

Anette Dowideit: Fälle, wie der des Augenarztes stellen nur einen kleinen Bruchteil dar, der aber übrigens auch der Masse der fehlerfreien Ärzte einen Reputationsschaden zufügt.

Von wem geht die größere Gefahr für Patienten aus: von unfähigen bzw. geldgierigen Ärzten oder dem kaputtgesparten Gesundheitswesen?

Anette Dowideit: Das Gesundheitssystem ist nicht kaputtgespart. Allein die Beitragszahler der gesetzlichen Krankenkassen zahlen jedes Jahr 200 Milliarden Euro im Jahr. Das Geld wird nur falsch verteilt. Wir haben viel zu viele Krankenhäuser, die alle ihre Betten füllen müssen und daher auch unnötig operieren. Daher lautet meine Antwort auf Ihre Frage: Die größere Gefahr geht von den Ärzten aus. Es geht dabei auch um das Machtdefizit des Patienten gegenüber dem Mediziner. Der Arzt weiß über den Körper des Kranken mehr als dieser selbst. Dieses Abhängigkeitsverhältnis nutzen viele Ärzte aus. Und sie nehmen mehr Geld als ihnen zusteht. Daraus entsteht ein explosives Gemisch. Wir befinden uns auf einem unguten Weg.

Was würden Sie sofort ändern, wenn Sie Gesundheitsministerin wären?

Anette Dowideit: Ich würde den Durchschlag für Kassenpatienten einführen. Er sollte also eine Rechnungskopie erhalten. Dann könnte dieser sofort erkennen, ob der Arzt ordnungsgemäß abrechnet. Andererseits würde er auch ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie viele Kosten er verursacht.

Wie kommt Deutschland aus der Misere heraus? Oder andersherum gefragt: Kann der Patient Gesundheitswesen überhaupt noch geheilt werden?

Anette Dowideit: Ich schließe mich dem Vorschlag von Ökonomen an, die Anzahl der Krankenhäuser um ein Viertel bis ein Drittel zu reduzieren. Dann käme es auch nicht zur Inflation unnötiger Operationen. Im Moment ist es doch so, dass jeder, der nicht bei Drei auf dem Baum ist, operiert wird. Dann müssten auch Patienten aus der Notaufnahme nicht auf Station verlegt werden, obwohl das gar nicht mehr nötig ist. Wenn wir gleichzeitig das gesamte Personal in die dann noch vorhandenen Kliniken übernehmen, wäre viel mehr für die Versorgung der Patienten getan. Im Moment wird viel zu viel für den Erhalt der Immobilien ausgegeben, anstatt das Geld in die Versorgung zu investieren. Auch das Problem der Krankenhauserreger könnten wir in den Griff bekommen. In Ballungsräumen wie Köln oder Berlin existiert auch nicht das Problem der langen Anfahrtswege.

Wie groß ist die Verstrickung von Medizinern mit der Pharmaindustrie, und welche Risiken ergeben sich dadurch für die Patienten?

Anette Dowideit: Bei der klinischen Forschung neuer Medikamente entsteht eine unheilvolle Allianz zwischen den führenden Köpfen der Fachdisziplinen und der Pharmaindustrie. Diese braucht die Ärzte, weil die ihr die Patienten zur Verfügung stellt, an denen geforscht wird. Und die Ärzte brauchen die Pharmaindustrie wegen des Geldes, ohne das sie nicht forschen können.

Um wie viel Geld geht es dabei?

Anette Dowideit: Die Pharmaindustrie zahlte für diese Forschung 2014 sechs Milliarden Euro. Unabhängige Forschungen wurden dagegen nur mit 130 Millionen finanziert, etwa durch die Deutsche Forschungsgesellschaft. Was für ein Missverhältnis! Ärzte haben natürlich ein Interesse daran, das Medikament einzusetzen, das sie erforscht haben. Das ist aber nicht immer das Beste für den Patienten. Diese Anreize für die Ärzte sind nicht gut.

Sie waren als "Welt"-Korrespondentin vier Jahre in New York. Wenn Sie beide Gesundheitssysteme, das in den USA und das in Deutschland, miteinander vergleichen: Wo ist der Patient besser aufgehoben?

Anette Dowideit: In den USA ist die Lage viel schlimmer als in Deutschland. Die Zwei-Klassen-Medizin finden Sie hier deutlich ausgeprägt. Krankenhäuser für Reiche und weniger Reiche sind die Regel. Selbst bei den Arztpraxen ist das der Fall. Gute Versorgung kann man sich meist nur gegen Geld kaufen.

Ihr Buch widmen Sie "allen Patienten und den Ärzten, die sie versorgen". Ist das auch als Friedensangebot in Richtung Mediziner zu verstehen, die Sie ja gehörig attackieren?

Anette Dowideit: Ich greife doch die Ärzte nicht als solche an. Es geht mir um diejenigen, die nicht das Wohl des Patienten in den Vordergrund stellen. Das Buch habe ich daher denjenigen gewidmet, die ihre Patienten noch gut versorgen.

kress.de-Tipp: Anette Dowideit, Vorsicht Arzt!, 226 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-86470-386-7.

Ihre Kommentare
Kopf

asisi1

27.10.2016
!

ich war 40 jahre im Gesundheitswesen tätig. genau so lange gibt es Betrügereien der Ärzte , pharma, Krankenkassen, Krankenhäuser in Verbindung mit den Politikern. alles zu schaden der versicherten. keiner der beteiligten will den ganzen dreck aufdecken, da alle davon partizipieren.


Joe R.

27.10.2016
!

Das Gesundheitssystem ist auch nur ein Subsystem. Auch dafür (für Systeme) gilt: es gibt kein richtiges Leben im falschen.
Der Basisfehler ist ein zinseszinsbasiertes Papiergeldsystem, das von einer Zentralbank gemanaged wird. Wie der Name schon sagt, ist das ein zentralistisches, also im Prinzip linkes System...


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