Fünf Empfehlungen und Fakten: So sollten Redaktionen mit den "Reichsbürgern" umgehen

 

Die "taz" widmete ihnen an diesem Donnerstag die Titelstory und berichtet aus "ihrer Welt": Die Rede ist von den Reichsbürgern, die in der Bundesrepublik Deutschland keinen souveränen Staat sehen, weil er gar nicht existiere. Sie behaupten, dass das Deutsche Reich fortbestehe, in den Grenzen von 1914 oder 1937. Dieses Reich werde von einer Kommissarischen Reichsregierung vertreten; diese stellt – gegen Geld – eigene Ausweise aus. Was sollen Redaktionen und Journalisten tun, wenn Reichsbürger mit ihnen in Kontakt treten? Fünf Empfehlungen und Fakten.

Reichsbürger sind in der Mehrzahl alleinstehende ältere Männer ohne engere Familie, die sozial und beruflich als gescheitert angesehen werden können. Sie stecken alle ihnen noch zur Verfügung stehende Energien in einen ideologischen Kampf, anstatt sich zu bemühen, ihre reale Lage zu bessern. 

Was sollen Redaktionen und Journalisten tun, wenn Reichsbürger mit ihnen in Kontakt treten?

Die folgenden Empfehlungen basieren zum Teil auf der Publikation von Dirk Wilking (Hg.):"Reichsbürger"-Ein Handbuch; gefördert vom Landespräventionsrat Sicherheitsoffensive Brandenburg und vom Landespräventionsrat Sachsen. Die im Folgenden zitierten Seitenzahlen beziehen sich auf das frei empfangbare PDF mit Redaktionsschluss Juli 2015.

1. Zuallererst: Vorsicht Waffen! 

Reichsbürger können bewaffnet ein und haben seit 2012 verschiedentlich Beamte oder Staatsangestellte überfallen (vor allem in Ostdeutschland), vor einigen Tagen wurde ein Polizist getötet. In Orten wie Spremberg und Dresden hat man umfangreiche Waffenfunde gemacht. Reichsbürger lehnen nicht nur den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ab, da staatsnah, sondern vielfach auch die freie demokratische Presse. Übergriffe auf Journalisten sind nie auszuschließen. Daher: Sich im persönlichen Gespräch mit Reichsbürgern nicht provozieren lassen und selbst keine Provokationen äußern.

2. Diskussionen mit Reichsbürgern aus dem Weg gehen! 

Sie machen keinen Sinn. Eher überzeugt man Donald Trump von Frauenrechten oder Vladimir Putin zieht seine Trolle zurück, bevor ein Reichsbürger die Wirrheit seiner Auffassungen erkennt. Reichsbürger wägen keine Argumente ab, sie differenzieren nicht und stellen ihr Weltbild nicht in Frage. Sie verstehen auch keine Ironie. "Im Vordergrund steht nie die wirkliche Lust am Überzeugen für die eigenen Positionen, sondern das starke Bedürfnis nach Selbstdarstellung und Selbstidentifikation. Das Gefühl alle seine Argumente abgeladen zu haben, trägt bedeutend mehr zur Psychohygiene bei, als sich zu vergewissern, ob diese überhaupt konsensfähig und widerspruchsfrei vorgetragen wurden", schreibt der Psychologe Jan-Gerrit Keil (Seite 50). Und er warnt davor, die Widersprüche in der "Reichsbürger"-Logik zum Schein zu bestätigen, in der fälschlichen Hoffnung, dass man dadurch ein besseres Gesprächsklima im Sinne eines Entgegenkommens schaffen würde. "Die Kommunikation eines Reichsbürgers ist nicht auf Konsens und beiderseitiges Verständnis angelegt. Man verbessert seine Lage so keineswegs", erklärt Keil (Seite 85).

Das einzige Dialogangebot, das man dem "Reichsbürger" machen könne und aus Gründen der Klarheit und Aufrichtigkeit auch unbedingt machen sollte, sei die Feststellung, dass man Konsens  über den gegenseitigen Dissens erzeugen kann: "Ja, ich habe deutlich verstanden, dass sie das vollkommen anders sehen, bitte nehmen sie aber auch zur Kenntnis, dass meine Position, wie bereits erwähnt, eine grundlegend andere ist und sich eine weitere Diskussion deshalb erübrigt!" Wichtig ist nach Keil (Seite 87), dass man keine unsachliche pauschale Personenkritik übt ("Sie haben doch eine Vollmeise!").

3. Keine falschen moralischen Verpflichtungen spüren! 

Es ist nicht Aufgabe von Journalisten, als "Blitzableiter" für aufgestauten Frust über politische Entscheidungen zu dienen. Journalisten müssen Kritik an ihrer eigenen Arbeit nur dann Gehör schenken, wenn die Möglichkeit besteht, das Gegenüber zu überzeugen. Diese Grundlage jedes argumentativen Gesprächs lehnen die Reichsbürger ab. Daher müssen Journalisten den Reichsbürgern nicht zuhören, und ihnen auch keine Sendezeit oder Platz in Leserbriefspalten bereithalten. Nie darf man vergessen, dass die Begründungen und Argumente der Reichsbürger im Rechtsextremismus wurzeln, wie Experten vielfach nachgewiesen haben. Die Auffassungen von "Reichsbürgern" setzen sich zudem aus Verschwörungsfantasien zusammen. Verschwörungsfantasien sind korrekturresistent.

4. Vorsicht vor der Instrumentalisierung als Werbeträger! 

Reichsbürger haben teilweise kommerzielle Interessen. Manche wollen "Ausweise" ihrer "Reichsregierung" verkaufen. Jede Berichterstattung über Reichsbürger kann daher Werbung oder Schleichwerbung für diese Produkte eines Unternehmens sein. Es ist aufzupassen, dass die redaktionelle Trennung von Berichterstattung und Werbung nicht aufgeweicht wird.

5. Nicht therapieren!

Nicht jeder Reichsbürger ist vollkommen verrückt. Der Psychologe Jan-Gerrit Keil nimmt bei vielen einen "Wahn" an. Als typische Wahnthemen der "Reichsbürger" seien ein (paranoider) Verfolgungswahn und ein (megalomaner) Größenwahn zu nennen. Aus diffusen Ängsten heraus werden etwa Ausländer oder der Islam als existenzielle Bedrohung der Gesellschaft angesehen. "Die zugrunde liegenden Urängste liegen in dem schwachen Ich-Kern und der misslungenen Identitätsbildung der Akteure; die Ausbildung der Angst korrespondiert in der Mehrzahl der Fälle nicht mit tatsächlichen persönlichen negativen Erlebnissen. Es gilt hier der Teufelskreis aller Phobien, man muss keinen weißen Mäusen oder Ratten begegnen, um die Angst vor ihnen aufrechtzuerhalten." (Seite 66)

Es würden auch enttäuschte und unerfüllte Wünsche in die als feindlich wahrgenommene Außengruppe projiziert, was sich sehr schön an dem Beispiel "Die Ausländer kommen hierher und nehmen uns unsere Frauen weg!" illustrieren lasse, wenn individuelle Misserfolge bei der Partnerwahl der fantasierten Omnipotenz der Ausländer attribuiert werden.

Keil ergänzt: "Doch nehmen Menschen trotz der Wahngedanken meist noch eine äußere Realität war. Sie können bildhaft gesprochen ohne Weiteres in der Lage sein, sich wie jeder gesunde Mensch auch eine Tasse Tee zu kochen." (Seite 58)

Weitere wichtige Fakten für die Berichterstattung: 

- Nicht jeder Reichsbürger ist Rechtsextremist! "Die Szene bündelt knallharte Rechtsextremisten, Menschen in wirtschaftlichen oder gar gesundheitlichen Nöten, Frustrierte, Neugierige und solche, die das Milieu als Geschäftsmodell entdeckt haben. Nicht jeder Szeneaktivist ist daher automatisch als Rechtsextremist zu werten", schreiben Michael Hüllen, Heiko Homburg und Yasemin Desiree Krüger (Seite 36).

- Nicht die AfD mit den Reichsbürgern vermischen! Die Reichsbürger haben Angst, die AfD schürt Angst. Doch während die meisten AfD-Politiker den deutschen Staat grundsätzlich anerkennen und nach ihrer Logik sogar vor der Politik einer Angela Merkel "schützen" möchten, lehnen die Reichsbürger den deutschen Staat ab. Es gibt aber Berührungen zwischen beiden Gruppen: So lud der AfD-Landtagsabgeordnete Ralph Weber in seiner Zeit als Professor an der Universität Greifswald einen "Reichsbürger" als Gastredner in seine rechtsgeschichtliche Vorlesung ein - widersprach ihm dort allerdings auch, als die Thesen des Mannes auch ihm zu wirr wurden. 

- Reichsbürger können Opfer ihres Wahns werden. "Ein ausgeprägter Querulantenwahn kann dazu führen, dass sich die Individuen so in ihren Kämpfen verzetteln, dass am Ende die Geschäftsunfähigkeit droht. Dies ist für die Betreffenden doppelt  bitter, als sie sich darin in ihren Verschwörungsszenarien bestätigt sehen. Im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung hat dann die Prophezeiung des Ereignisses tragischerweise zum Ereignis selbst geführt", schreibt Keil (Seite 65). 

Die Verfassungsschutzämter gehen von ungefähr 1100 Reichsbürgern in Deutschland aus.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.