DverseMedia-Gründerin Susanne Amann: "Wir bilden immer nur die Wirklichkeit aus dem Blickwinkel weißer, mittelalter Männer ab"

 

Irgendwann wurde es Susanne Amann und Astrid Maier zu bunt. Oder besser gesagt: zu wenig bunt. Um mehr Vielfalt in den männlich dominierten Wirtschaftsjournalismus zu bringen, gründeten die beiden Journalistinnen DverseMedia. Am 9. Dezember findet die erste Konferenz der neuen Branchenplattform in den Räumen des Spiegel Verlags statt - mit einem reichhaltigen Programm. kress.de-Autorin Anna von Garmissen sprach mit Susanne Amann über die Initiative und warum Diversität nicht nur gelobt, sondern auch gelebt werden muss.

kress.de: Frau Amann, hinter DverseMedia steckt eine Idee von Astrid Maier und Ihnen. Wie kam es, dass Sie das Netzwerk gegründet haben?

Susanne Amann: Entstanden ist DverseMedia vor etwa einem Jahr. Astrid Maier war gerade als Stipendiatin in Stanford. Beim Skypen haben wir uns über die Verleihung eines deutschen Wirtschaftsjournalistenpreises unterhalten. Da standen mal wieder nur Männer in Anzügen auf der Bühne und wurden von Männern in Anzügen geehrt. Auch in der Jury saßen hauptsächlich Männer in Anzügen. Darüber haben wir uns geärgert, dann haben wir gelacht und beschlossen: "So kann das doch nicht weitergehen. Wir müssen etwas tun."

Dann ist Ihr Netzwerk einer Unterhaltung unter Freundinnen entsprungen? Sie und Astrid Maier kennen sich seit vielen Jahren, haben zusammen bei der Financial Times Deutschland im Wirtschaftsressort gearbeitet.

Susanne Amann: Letztlich war es wirklich eine Feierabendidee. Allerdings treibt uns das Thema schon lange um. Astrid hat dazu in Stanford geforscht. Insofern war es nur eine Frage der Zeit, bis wir aktiv wurden. Wir wollten eine Plattform schaffen, auf der wir uns vernetzen, wo wir Dinge diskutieren, aber auch konkret Stipendien oder Mentoringprogramme anbieten können. So ist DverseMedia entstanden.

Es gibt bereits einige Initiativen und Netzwerke, die sich für ähnliche Ziele einsetzen, zum Beispiel Media Women Connect oder ProQuote. Warum haben Sie etwas Eigenes gegründet?

Susanne Amann: Unser Fokus ist, mehr Vielfalt in den Wirtschaftsjournalismus zu bringen und ihn dadurch besser zu machen, denn er ist besonders wenig divers. Ich bin ProQuote-Gründungsmitglied und finde ProQuote super. Aber wir wollen tatsächlich direkt in die Wirtschaft, weil Diversität auch dort ein Riesenthema ist. Wir sind überzeugt, dass wir voneinander lernen können. Darüber, was es an Möglichkeiten gibt, was es aber auch in der Wissenschaft an Erkenntnissen gibt. Damit wir schneller zu Ergebnissen kommen.

Wie finanzieren Sie sich?

Susanne Amann: Zum einen haben wir unsere Medienpartner, den Spiegel und das Manager Magazin. Der Spiegel stellt uns etwa die Räume und organisatorische Unterstützung  für die Konferenz zur Verfügung. Zum anderen haben wir für die Veranstaltung gezielt Sponsoren  gesucht. Am 9. Dezember werden wir von BCG, Facebook und LinkedIn gesponsert.

Steht Ihr Netzwerk damit finanziell schon auf gesunden Füßen?

Susanne Amann: Ich würde nie sagen, dass wir nicht noch mehr Geld gebrauchen können. Aber - und das war für uns auch überraschend -  die Konferenz stand schnell auf guten Füßen. Wir haben sehr vorsichtig kalkuliert und waren jetzt doch erstaunt über den großen Zuspruch und das Interesse. Das bestätigt, dass das Thema auch für die Unternehmen im Fokus steht. Die Unternehmensberatung BCG zum Beispiel hat Diversity zum Leitthema für das gesamte Jahr erklärt. Auch bei anderen Unternehmen haben wir sofort gemerkt: Das beschäftigt und interessiert sie.

Soll die Konferenz bei Erfolg in Serie gehen?

Susanne Amann: Wir machen jetzt diese Konferenz und schauen, wie die Veranstaltung angenommen wird. Dann entscheiden wir. Aber auch von Referentenseite haben wir schon jetzt enormen Zuspruch erhalten.

Wen wollen Sie erreichen?

Susanne Amann: Wir haben zwei Zielgruppen. Zum einen wenden wir uns an Entscheider, also Chefredakteure und Ressortleiter. Die wollen wir sensibilisieren, weil wir glauben, da ist noch ein bisschen Aufklärungsbedarf. Ich bin mir nicht sicher, wie viele Chefredakteure und Wirtschaftsressortleiter hierzulande darüber nachdenken, ob sie unbewussten Stereotypen unterliegen. Gleichzeitig wollen wir Wirtschaftsjournalistinnen und Frauen aus der Wirtschaft die Möglichkeit geben, sich zu vernetzen.  

Astrid Maier und Sie haben beide Führungsverantwortung bei Ihren jeweiligen Medien, der Wirtschaftswoche und dem Spiegel. Sie sind zudem Sprecherin der Mitarbeiter-KG, außerdem haben Sie kleinen Kinder. Wann machen Sie die Arbeit für Dverse Media?

Susanne Amann: Abends und am Wochenende. Letzte Woche habe ich mich abends in Wordpress eingearbeitet, um unsere Homepage aktualisieren zu können. Es ist manchmal anstrengend, macht aber auch total Spaß. Und  das Thema ist uns einfach wichtig. Es geht uns dabei nicht nur um Frauen, sondern um Menschen mit anderem sozioökonomischen Hintergrund, mit Migrationshintergrund, mit anderer sexueller Orientierung. Wir möchten, dass der Journalismus bunter und vielfältiger und damit besser wird.  Schließlich haben wir in den Medien den Anspruch, die Wirklichkeit abzubilden. Aber wir bilden immer nur die Wirklichkeit aus dem Blickwinkel weißer, mittelalter Männer ab.

Ihre Ziele würde sicher jeder unterschreiben, schon aus politischer Correctness. Wie wollen Sie anstelle von Lippenbekenntnissen wirkliche Veränderungen bewirken?

Susanne Amann: Zum einen glauben wir, dass allein die Vernetzung sehr hilft. Deswegen wollen wir auch Mentoringprogramme aufsetzen. Mir hätte es wahnsinnig geholfen, wenn ich ab und zu mal eine Frau als Ansprechpartnerin gehabt hätte, an deren Vorbild ich mich hätte orientieren können. Gerade junge Frauen haben Fragen, etwa wenn sie vor der Entscheidung stehen, ob sie Kinder kriegen wollen. Ich habe wenige Frauen kennengelernt, die Kinder haben und selbstverständlich ambitioniert arbeiten.

Und zum anderen?

Susanne Amann: Zum anderen erhoffen wir uns, aus der Diskussion mit Vertretern aus der Wirtschaft Tricks, Herangehensweisen und Methoden für mehr Vielfalt zu lernen. Zum Beispiel hilft es schon, die entscheidenden Personen dafür zu sensibilisieren, dass es nicht immer der junge Nachwuchskollege mit dem gleichen Werdegang sein muss, der in die Wirtschaftsredaktion kommt, sondern auch mal die Frau mit türkischem Hintergrund.

Zur Konferenz am 9. Dezember kommen viele bekannte Namen aus Journalismus und Wirtschaft, etwa Julia Jäkel, Bascha Mika, Klaus Brinkbäumer und Anja Reschke. Wer oder was ist Ihr persönliches Highlight?

Susanne Amann: Ich bin auf viele unserer Gäste sehr gespannt. Ich finde Janina Kugel von Siemens beeindruckend. Ich freue mich aber genauso auf Alexandra Borchardt von der Süddeutschen Zeitung, die das Supplement PlanW macht. Sehr gespannt bin ich auch auf Angela Cullen, die Deutschlandchefin von Bloomberg, weil sie dort schon seit Jahren ein Programm haben, mit dem sie gezielt Frauen fördern. Davon kann man lernen und deren Konzepte vielleicht auch gleich umsetzen.

Hintergrund

Die Gründerinnen von DverseMedia

Susanne Amann, geboren 1976 in Stuttgart, ist seit 2013 stellvertretende Ressortleiterin Wirtschaft beim Spiegel. Zuvor arbeitete sie unter anderem bei Spiegel Online, der "Financial Times Deutschland" und der "taz". Seit diesem Jahr steht sie der Mitarbeiter-KG des "Spiegel" als deren Sprecherin vor.

Astrid Maier, geboren 1975 in Rumänien, ist seit August 2016 Ressortleiterin Innovation und Digitales bei der "Wirtschaftswoche". Zuvor war sie Tech Editor des Manager Magazins. Als Stipendiatin des John S. Knight Fellowship Programs verbrachte sie 2015/16 ein Jahr in Stanford in den USA. Ihre journalistische Laufbahn begann Astrid Maier bei der "Financial Times Deutschland".

Die Konferenz

"Für mehr Vielfalt in Wirtschaft und Journalismus"
Datum: 9. Dezember 2016, 10:00 bis 18:30 Uhr
Ort: Spiegel Verlag, Ericusspitze 1, 20457 Hamburg
Das Programm: Einen Tag lang kommen Vordenker aus Journalismus, Wirtschaft und Wissenschaft zusammen, um in Workshops und Panels konkrete Maßnahmen zu diskutieren, die tatsächlich helfen können, die Diversity-Lücke zu schließen: Vom Unconscious Bias Training über Design Thinking und Quoten bis hin zur Virtual-Reality-Erfahrung sollen die Teilnehmer alles ausprobieren, was verspricht, den Kulturwandel hin zu mehr Vielfalt zu beschleunigen. Den genauen Ablauf gibt es hier.
Tickets: 139 Euro, zur Online-Anmeldung geht es hier.

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