Wie läuft eigentlich... Blendle? Peter Hogenkamp über die schwierige Suche nach einem Preismodell

02.11.2016
 
 

Der Newcomer für den Einzelverkauf von Artikeln ist echt sehr gut gemacht. Das Problem ist nur, dass das nicht wirklich weiterhilft, solange wir in Preisfragen alle so schizophren bleiben. Von Peter Hogenkamp.

AN DEN 50 CENT LIEGT ES EBEN GAR NICHT. Kaum jemand steht vor der Parkuhr und schimpft: "50 Cent für eine Stunde Parken? So eine Raubritterei!" Wer nicht zahlt, sondern auf Risiko geht, hat meist andere Gründe: Kein Kleingeld, die Parkuhr steht im Nirgendwo, es regnet, er ist in Eile. Kurz: Die Parkgebühr ist fast egal, aber die Transaktionskosten nerven.

Das ist beim Kauf von Online-Inhalten nicht anders. Traditionell besonders schlimm sind Verlagswebsites, deren Registrationsmasken ihre SAP-Vergangenheit nicht verhehlen können. Das prominente Versprechen "Kostenlos registrieren!" hilft gar nichts, denn es kostet sehr wohl: Zeit, Nerven und für Datenschutzparanoiker auch noch ein Stück Privatheit.

Gefühlte Dutzende von Onlinekiosken kamen und gingen seit der Entdeckung des Internets. Vor rund zwei Jahren startete dann Blendle, um es endlich besser zu machen. Motto: Ein iTunes für Zeitungsartikel. Und Blendle machte endlich ernst mit der Einfachheit: schnelle Registrierung, gutes Layout, schlichte Bedienung, Geld zurück auf Knopfdruck. Convenience is King.

Blendle beeindruckte damit auf dem niederländischen Heimatmarkt und gewann mit Axel Springer und der New York Times zwei Investoren, die 3,8 Millionen Dollar einschossen. Im Sommer überschritt man dann den Rhein für die Eroberung des deutschen Marktes.

Was ich aufgrund der Animositäten in der Branche für unmöglich gehalten hätte, schaffte Blendle offenbar mit Leichtigkeit: einen Deal mit fast allen namhaften deutschen Verlagen. Der Launch war daher von einer beeindruckenden PR-Welle begleitet, und schon nach kurzer Zeit vermeldete Blendle eine halbe Million User in Deutschland.

Fragt man heute in der Branche herum, reichen die Feedbacks von freundlichem Wohlwollen bis zu - aufgemerkt! - offener Begeisterung: Stefan Niggemeier, der Blendle als Zahlungsprovider für sein neues Projekt "Übermedien" verwendet, ist angetan von der Offenheit und Schnelligkeit der Niederländer. Den Abo-Button für Drittseiten, den er brauchte, hatten die Blendle-Macher noch gar nicht im Angebot, aber bauten ihn quasi übers Wochenende. Mathias Müller von Blumencron, ehemals Spiegel, jetzt "FAZ"-Digitalchef, schreibt gar auf Anfrage: "Blendle ist hervorragend vom Leser her gedacht - etwas, das wir uns immer gewünscht haben." Um anzufügen: "Was allerdings auch klar ist: Der Einzelverkauf von Artikeln wird in der nahen Zukunft zunächst ein verhältnismäßig kleines zusätzliches Geschäft bedeuten und allein nicht die Branche retten." Womit er sicher recht hat.

Das Hauptproblem von Blendle scheint mir: das iTunes-Modell. Während im Jahr 2003 der neue "iTunes Music Store" noch eine Sensation war, weil man endlich einzelne Songs für 1,99 kaufen konnte (statt die ganze CD für 25,-), ist er schon lange nicht mehr der heiße Scheiß, sondern wurde abgelöst von Spotify: Musik per Flatrate. All you can eat für 12,99 im Monat. Eine Flatrate von Blendle ist bisher aber "nicht geplant", heißt es auf den Hilfeseiten, zumal die Verlage damit "wahrscheinlich auch nicht ganz einverstanden wären". Allerdings: Die Musiklabels waren auch nicht ganz einverstanden, als iTunes damals ihr schönes Bundling-Modell aufbrach, und erst recht nicht, als Spotify auch dieses Modell atomisierte.

Was die Suche nach einem Preismodell so schwierig macht: Wir sind irrational bis zum Abwinken, weil unser Preisgefühl auf Erfahrungen beruht, und Erfahrungswerte für digitale Artikel haben wir nicht. Wenn der Print-"Spiegel" am Kiosk 4,60 Euro kostet, sind dann 1,79 Euro für die digitale Titelgeschichte viel oder wenig?

Ich bekenne mich selbst zur Schizophrenie in Preisfragen. Reflexartig unterstütze ich jedes Medien-Start-up, wurde also sofort Mitglied bei Krautreporter, Übermedien oder bei Inhalte-Spendenplattformen wie Flattr oder Patreon. Ich kaufe sogar manchmal heimlich Booster für "Candy Crush" für 10 Euro. Aber ich erwische mich dabei, dreimal zu überlegen, ob ich wirklich 30 Cent für einen Artikel ausgeben will. Schlimm, oder?

Erschwerend hinzu kommt: Qualitätsmedien hin oder her, anders als Musiktitel bleiben Zeitungsinhalte leider trotzdem Wegwerfartikel: Ich lese sie (wenn es gut läuft) einmal von Anfang bis Ende, und das war's. Die 100.000-Dollar-Frage lautet für mich also: Wie wird sich unser Preisgefühl für Zeitungsartikel entwickeln? Werden wir in Zukunft die Blendle-Parkuhr problemlos mit Groschen füttern, weil die endlich das Transaktionskostenproblem gelöst haben? Oder bleiben wir geizig, ringen uns jeden Cent mühsam ab und lesen doch meist lieber die abgeschriebene Gratisversion bei focus.de?

Ich bin skeptisch: Blendle macht fast alles richtig. Aber: You can't beat free. Leider. Ich wünsche trotzdem viel Erfolg!

Autor: Peter Hogenkamp (Text zuerst erschienen in "kress pro", Ausgabe 1/2016 vom Februar 2016)

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Ihre Kommentare
Kopf

Anton Reinhard

02.11.2016
!

Für mich ist "Spotify" der einzige Weg in die Zukunft, umso mehr enttäuscht mich, dass sich hier die Verlage nicht endlich zusammen raufen: Im Link-Zeitalter bringt mir ein Digital-Abo bspw. der NZZ nichts, wenn ich damit nur NZZ- aber keine FAZ-, Spiegel- etc. Artikel lesen kann, die meinen Twitter-Feed füllen. Und wohl nur die wenigsten unter uns können (und/oder wollen) sich x separate Abos leisten. Warum kann ein NZZ-Abo nicht Zugriff zu anderen Qualitätsmedien gewähren und umgekehrt?


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