Julius van de Laar zum US-Wahlkampf: "Niemand gewinnt eine Wahl über Facebook und Twitter"

 

Der Kampagnen- und Strategieberater Julius van de Laar unterstützte 2008 und 2012 Barack Obama beim Kampf ums Weiße Haus. Heute berät der Politik- und Kommunikationswissenschaftler politische Organisationen, NGOs und Unternehmen in der Entwicklung strategischer Kampagnen sowie deren Umsetzung. kress.de sprach mit dem 34-Jährigen über die Wahl zwischen Hillary Clinton und Donald Trump sowie über Rolle der Medien in dieser Auseinandersetzung.

kress.de: Sie waren selbst als Wahlkämpfer für Barack Obama im Einsatz. Wie wahrscheinlich ist es, dass dessen Parteifreundin Hillary Clinton die Wahl noch verliert? In den Umfragen holt Donald Trump stark auf, in einigen liegt er sogar vorn.

Julius van de Laar: Die Möglichkeit besteht, aber es ist deutlich wahrscheinlicher, dass Clinton die Wahl gewinnt. Denn die nationalen Prozentzahlen können wir jetzt außer Acht lassen, sie sind nicht mehr wirklich relevant. Es geht fast ausschließlich um die Swing-States. Selbst wenn Trump Florida, Ohio und North Carolina gewinnt, steht Clintons "Firewall" aus den sechs Bundesstaaten Wisconsin, Pennsylvania, Michigan, Virginia, Colorado und New Hampshire. Das dürfte für die notwendigen 270 Wahlmänner ausreichen.

Aber was ist mit Clintons Image?

Julius van de Laar: Beide Kandidaten haben ein negatives Image. Sie werden von mehr Wählern abgelehnt als positiv gesehen. Hillary Clinton gehört seit 25 Jahren zum Establishment. Und natürlich gab es in dieser Zeit auch nicht wenige Krisen. Nehmen wir nur, was zuletzt wieder hochkam: Benghasi, die E-Mail-Affäre und auch Whitewater. Mit jedem vermeintlichen Skandal verfestigt sich die Meinung etwas mehr, dass Clinton nicht 100 Prozent sauber spielen könnte. Die Häufung der Vorfälle lässt das zu einem Narrativ werden.

Der Hauptgrund für viele Amerikaner, Clinton zu wählen, ist, Trump zu verhindern. Ist das nicht ein Armutszeugnis für die Kandidatin?

Julius van de Laar: Dieser Wahlkampf war vermutlich die härteste Schlammschlacht, die wir je gesehen haben. Wenn ich das mit früheren Wahlkämpfen vergleiche, insbesondere 2008, ist der Unterschied erheblich. Obama hatte damals klare Visionen und Missionen. "Yes, we can" und "Hope and Change" hatten eine wahre Strahlkraft. Allerdings kann ich die Idee, Clinton als kleineres Übel zu wählen, nicht nachvollziehen. Denn, was Trump über Frauen und Latinos gesagt hat, disqualifiziert ihn komplett. Die Haltung vieler Amerikaner zeigt nur, wie gespalten das Land ist. Clinton ist inhaltlich besser als jeder Kandidat qualifiziert, der vor ihr ins Weiße Haus wollte. Sie ist nur eine schlechte Wahlkämpferin. Das war bereits 2008 gegen Barack Obama der Fall.

Trotzdem: Bei ihrer miserablen Beliebtheitswerten, hätte sie gegen einen moderateren Republikaner als Trump nicht vielleicht verloren?

Julius van de Laar: Die Frage ist hypothetisch - wir wissen nicht, was alles über einen Jeb Bush oder John Kasich während einer Kampagne herausgekommen wäre. Natürlich wären die Republikaner besser beraten gewesen, einen anderen Kandidaten zu nominieren, allein schon aus dem Grund, die eigene Partei nicht in den absoluten Bürgerkrieg zu stürzen.

Wenn beide Kandidaten so äußerst unbeliebt sind, warum hat dann eigentlich der dritte im Bunde, der Liberale, Gary Johnson, keine Chance?

Julius van de Laar: Das liegt zum einen am Wahlsystem, das nicht für drei Kandidaten ausgelegt ist. Zweitens hat er sich mit einigen Aussagen wirklich disqualifiziert. So kannte Johnson Aleppo nicht und konnte auch keinen Staatsmann benennen, den er respektiert. Er hat weder das Format noch eine Botschaft und erst recht keine finanzielle Infrastruktur. Dennoch könnte er Clinton gefährlich werden, indem er ihr in einigen Bundesstaaten Stimmen wegnimmt. Dass Republikaner zu ihm abwandern, halte ich dagegen für unwahrscheinlich. Auf mehr als drei bis vier Prozent wird Johnson landesweit vermutlich nicht kommen.

Zurück zu Clinton gegen Trump: First Lady Michelle Obama wurde für ihre Anti-Trump-Rede in den europäischen und amerikanischen Medien gefeiert. Zu Recht?

Julius van de Laar: Absolut. Sie hat nicht nur inhaltlich, sondern auch emotionale Argumente geliefert. Und zwar sowohl bei der Rede vor einigen Wochen, auf die Sie anspielen, als auch schon auf dem Parteitag im Juli. Wichtig ist, dass sie die moralische Frage stellt: Für welche Werte stehen die Vereinigten Staaten, wofür stehen wir als Gesellschaft? Sie sagt: "They go low - we go high." Das war eine der stärksten Reden im ganzen Wahlkampf.

Ist die Wirkung dieser Rede schon wieder verpufft?

Julius van de Laar: Die Halbwertszeit im Wahlkampf ist extrem kurz. Das, was gerade aktuell ist, bewegt die Nation. Aber Michelle und Barack Obama sind unterwegs in den Swing States und sprechen die Wähler an. Denn es kommt jetzt darauf an, die Menschen, die zwar gegen Trump sind aber nicht wählen wollen, am Schlafittchen zu packen und sie ins Wahllokal zu zerren, um Clinton ihre Stimme zu geben.

Viele Spots der Clinton-Kampagne spielen vor allem die Anti-Trump-Karte aus. Man hört fast nur, warum der Republikaner als Präsident "ungeeignet" und "gefährlich" sei. Eine positive Botschaft und ein eigenes Programm fehlen oft. Ist das die richtige Strategie?

Julius van de Laar: Ja, ist es. Denn jetzt geht es nicht mehr vorwiegend darum, unentschlossene Wählerinnen und Wähler zu überzeugen. Die Phase der Schlussmobilisierung hat begonnen - da rücken die Argumente und Inhalte in den Hintergrund. Es wird ein klares Feindbild von Donald Trump gezeichnet, das Clinton-Wähler mobilisieren soll. Wenn Clinton verdeutlicht, wie gefährlich Trump ist, kann sie mobilisieren.

200 US-Zeitungen empfehlen ihren Lesern die Wahl von Hillary Clinton. Nur fünf haben sich auf die Seite von Donald Trump geschlagen. Welche Bedeutung hat das für die Aussichten der Kandidaten?

Julius van de Laar: Keine, wenn es um die Wähler an sich geht. Denn niemand wird sich vom Editorial Board vorschreiben lassen, wen er zu wählen hat. Aber es hat eine Bedeutung für die Multiplikatoren und für moderate Republikaner, die mit Trump nichts anfangen können. Diese Zielgruppe muss das Gefühl bekommen, es ist ihnen erlaubt, nicht für Trump zu stimmen.

Bestätigt die Parteinahme der Medien für Clinton nicht Trumps selbsternannte Rolle als Einzelkämpfer gegen das Establishment? Könnte das vielleicht sogar kontraproduktiv sein?

Julius van de Laar: Trumps Anspruch, der Außenseiter zu sein, ist nichts Neues. Fast jeder Kandidat, der einen Amtsinhaber besiegen will verfolgt die Strategie, gegen das Establishment anzukämpfen. Das geht bei vielen Wählern auf. Denn Washington ist extrem unbeliebt. Für viele ist Donald Trump der Sprengstoff, den es braucht, um die Strukturen Washingtons in die Luft zu sprengen und einen Neubeginn zu ermöglichen. Das passt zu seiner Strategie, alle Unzufriedenen ins Boot zu holen, die zuletzt nicht oder noch nie wählen gegangen sind. Damit erreicht er aber nur ein Plateau von 46 Prozent.  

Trump setzt bei seinem Wahlkampf vorwiegend und wahrscheinlich notgedrungen auf die sozialen Netzwerke. Kann das seinen Malus bei den Leitmedien ausgleichen?

Julius van de Laar: Seine Kampagne hat viel zu spät begonnen. Clinton hat schon viel früher ganz andere finanzielle Ressourcen eingesetzt. Trump begann erst danach, Geld auch für TV-Werbung zu verwenden. Da hat Clinton einen riesigen Vorsprung. Social Media wie Trump es anwendet, funktioniert über Zuspitzung, und dort ist er vielen anderen Kandidaten um Längen voraus. Aber: Niemand gewinnt eine Wahl über Facebook und Twitter alleine.

Bei der Fotoauswahl deutscher Medien fällt auf, dass man Trump meist mit verzerrtem Gesicht sieht, kaum aber mal lächeln. Halten Sie das für geboten? Soll Journalismus sich so einmischen?

Julius van de Laar: Ein objektiver Journalismus ist essentiell, und Sie haben absolut Recht: Manchmal bekommt man den Eindruck, dass die Bildauswahl oftmals in erster Linie auf Klicks ausgelegt ist. Allerdings sind wir, wenn wir zum Beispiel auf den rechtsgerichteten Sender Fox News schauen, den USA in Deutschland und der Schweiz meilenweit voraus.

Kann man es sich als Journalist in den Leitmedien überhaupt erlauben, für Trump zu plädieren, selbst wenn man so denken sollte?

Julius van de Laar: Ich weiß wirklich nicht, wie jemand zu Trump stehen kann. Wer so über Minderheiten und auch über die Außenpolitik spricht, der darf keine Rückendeckung bekommen.

kress.de-Tipp: Folgen Sie Julius van de Laar auf Twitter: @juliusvandelaar

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