Die Lokaljournalismus-Pioniere scheiden: Erwin Lutz verlässt Jury

 

Erwin Lutz verlässt die Jury des Deutschen-Lokaljournalisten-Preises, auf eigenen Wunsch, wie es heißt. Eigentlich ist der Abgang eines Juroren nur dann eine Meldung wert, wenn sie im Zorn geschieht. Doch Erwin Lutz geht in Ruhe, von einer gewissen Alters-Unmut abgesehen, aber mit ihm geht einer der letzten Großen der Generation, die den Lokaljournalismus aus dem Schatten holte, ihm die Kraft und Lebendigkeit gab, die für die Demokratie dringend notwendig war und ist.

Vor dreizehn Jahren berief ihn die Adenauer-Stiftung in die Jury des bedeutendsten Zeitungs-Preises in Deutschland, nachdem er selbst, als Chefredakteur der "Neuen Presse" in Hannover, diesen Preis gewonnen hatte.

"Störenfried Kunde, König Kunde" hieß die ausgezeichnete Serie, über die nur in Superlativen zu schreiben ist:

Sie war die größte und lief über sechs Jahre; sie war die umfangreichste mit 2.200 Folgen; sie war die folgenreichste mit 7000 Fällen, die die Redaktion recherchiert hatte; sie war die wirkungsvollste mit 30 000 Leser-Zuschriften; und sie war die erfolgreichste mit 1500 Leser, die nach einem Sommer-Abo als Abonnenten blieben.

Worum ging's? Leser beschwerten sie, wenn sie in Geschäften als Störenfriede behandelt wurden statt als Kunden, oder freuten sich, wenn sie wirklich Königin und König waren. Die Redaktion recherchierte, holte nach einem aufwändigen Verfahren die Reaktion der Unternehmen ein, vergab entweder rote oder grüne Smileys  und berichtete. Die Geschäftswelt drohte mit Anzeigen-Entzug, einige taten es auch, doch schnell setzte sich die Erkenntnis durch: Kulant ist besser als stur.

In Hannover gehörte die "Dienstleistungswüste" der Vergangenheit an. "Erwin Lutz machte mit seinem Projekt die Stadt fit für die große Weltausstellung", rühmte Dieter Golombek den scheidenden Juror am Wochenende in Chemnitz, wo die diesjährige Verleihung stattfand.

Die Serie und der Preis waren Ergebnis und Höhepunkt eines ebenso einmaligen Experiments: Aus der siechenden "Neuen Presse", der Zweitzeitung in Hannover, hatten Hartwig Hochstein, später Chefredakteur in Leipzig, und Erwin Lutz ein prosperierendes Lokalblatt gemacht - strikt lokal, ein wenig boulevardesk und hoch qualitativ mit starken Recherchen und Geschichten. Dies Konzept könnte heute noch, oder gerade heute, Vorbild sein - auch Online statt der lokalen Blaulicht-24er-Portale, dem Friedhof des Journalismus; er wird als Hoffnungsträger von einigen großen Verlagen mit Millionen Aufwand ausgebaut.

Zusammen mit Dieter Golombek schrieb Erwin Lutz, kurz nachdem er in den Ruhestand gewechselt war, das Buch "Rezepte für die Redaktion", nachgedruckt als Wächteramt & Alltagsleben", mit den Konzepten der besten Lokalzeitungen Deutschlands -  ein Resümee aus 25 Jahren Deutschen Lokaljournalistenpreis mit rund 150 Beispielen.

"Er ist kantig, er ist unbequem, unbequem in einem guten Sinne, er drängt vorwärts, orientiert sich an der Philosophenweisheit: Das Gute ist der Feind des Besseren", ehrte ihn Dieter Golombek in Chemnitz. Eine Generation scheidet, denn auch Golombek, Gründer des Preises vor 36 Jahren, ist vor zwei Jahren als Jury-Vorsitzender ausgeschieden und hat an Heike Groll übergeben, Mitglied der Chefredaktion der "Volksstimme" in Magdeburg.

Die Online-Welt, die die Medien umkrempelt, ist für Lutz der Grund für den Abschied. "Wenn ich erst auf den zweiten Blick den Durchblick kriege, macht mich das hibbelig - so wie im Frühjahr, als ich die Online-Einsendungen zu bewerten hatte", schrieb Lutz an die neue Jury-Vorsitzende. "Sie werden mehr und wichtiger. Hier ist meine Urteilsfähigkeit nicht mehr so ausgeprägt, wie es der Preis verdient hätte."

Da fällt der Alte in ein Missverständnis, wie es viele pflegen: Als ob mit all den Filmen und Animationen, die im Netz erfreuen, der Journalismus verschwände - eben der lokale Journalismus, dessen Regeln dieselben bleiben wie zu der Zeit, als Lutz der "Neuen Presse" neues Leben einhauchte.

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