Melanie Croyé: "Nur wenige Journalisten werden die Branchenkrise überleben"

 

Freie Journalisten kämpfen mit Problemen wie lange nicht. Am kommenden Donnerstag findet das "Barcamp Entrepreneurial Journalism" auf dem Frankfurter Messegelände statt. Freelancer sollen sich Rüstzeug holen, um unternehmerisch zu überleben. kress.de sprach mit Melanie Croyé, die einen Impulsvortrag beim Barcamp halten wird. Die freie Journalistin hatte vor zwei Jahren das Frauen-Business-Magazin "BizzMiss" gegründet. Heute schreibt sie für das "Handelsblatt", "Spiegel Online" und "Die Welt".

kress.de: Beim "Barcamp Entrepreneurial Journalism" halten Sie den Impuls-Vortrag. Wie wichtig ist es heute, dass Journalisten in eigener Sache unternehmerisch denken?

Melanie Croyé: Unternehmerisches Denken ist im Journalismus wichtiger denn je. In den vergangenen Jahren hat sich der Job sehr verändert. Schnelle News gibt es überall, die Bereitschaft, für gute Geschichten online zu zahlen, ist jedoch nur bedingt da. Das liegt natürlich auch daran, dass die großen Werbebudgets weggebrochen sind. Heute ist viel direkter nachvollziehbar, wie viel einzelne Geschichten wirklich wert sind, wie viel sie gelesen werden - und wie viel Werbeeinnahmen da sind. Noch sucht die Branche nach dem Geschäftsmodell. Und Geld verdient wird eher mit Nebenangeboten wie Jobbörsen und Veranstaltungsreihen. Deshalb fahren die Journalisten gut, die sich von vorne herein überlegen, wie sie ihre Geschichten klug verwerten können.

Sie haben das Frauen-Business-Magazin "BizzMiss" gegründet und 2016 wieder eingestellt. Warum hatte das keinen Erfolg? Gibt es zu wenige Frauen, die sich für wirtschaftliche Themen interessieren?

Melanie Croyé: "BizzMiss" ist nicht an mangelndem Interesse gescheitert, im Gegenteil. Frauen interessieren sich mehr denn je für Karriere- und Wirtschaftsthemen. Bei uns lag das Problem vor allem darin, dass wir vier Gründerinnen uns zu ähnlich waren. Ich habe mich damals bewusst entschieden, das Medium mit drei anderen Journalistinnen gemeinsam zu gründen, vor allem mit dem Wunsch, selbstbestimmt Themen setzen zu können. Wir wollten schnell starten - und haben deshalb das Unternehmerische zu sehr vernachlässigt.

Sind Sie mit Verlusten aus diesem Zeitungsprojekt herausgegangen? Würden Sie noch einmal eine Zeitschrift gründen?

Melanie Croyé: Verluste haben wir keine gemacht. Wir haben das Magazin in Teilzeit gegründet und hatten alle nebenbei noch andere Standbeine. Ich habe vor allem unglaublich viel gelernt - auch, wie ich es nicht noch einmal machen würde. Und ja, bei Gelegenheit würde ich jederzeit noch einmal gründen. Das Interesse an guten Geschichten ist da.

Beim Barcamp geht es auch darum, dass selbständige Journalisten "ihre Person als Marke etablieren, die für bestimmte Themenbereiche steht und einen hohen Wiedererkennungswert hat". Wie können Freie das erreichen?

Melanie Croyé: Mein Lieblingsbeispiel ist hier Tim Urban von Waitbutwhy. Er veröffentlicht nur alle Nase lang und dann auch noch genau das, was hierzulande gerade online als verpönt gilt: Longreads. Er arbeitet sich aber in jede seiner Geschichten so tief ein, dass er danach ein echter Experte ist. Das kommt an.

Ist eine Karriere als freier Journalist heute überhaupt noch durchzuhalten? Überall werden Budgets gekürzt.

Melanie Croyé: Meine schlechte Nachricht für Journalisten - feste und freie - ist: Es werden nur wenige die Branchenkrise überleben. Nur wer sich jetzt geschickt platziert, hat gute Karten. Vielen Verlagen fehlt aber das Geld, und deshalb kaufen sie immer noch gute Geschichten von außen ein. Noch ist es also nicht zu spät.

Die Ing-Diba finanziert das Barcamp. Es ist daher kostenlos. Wir wirkt sich dieses Sponsoring auf die Veranstaltung aus? Früher wäre so etwas problematisch gewesen...

Melanie Croyé: Ich bescheinige den meisten Journalisten so viel Intelligenz und Integrität, dass sie einschätzen können, was sie da tun. Zudem: Den Verlagen fehlt Geld - umso schöner, wenn aus der Wirtschaft die Bereitschaft kommt, Themen und Debatten anzustoßen. Ich habe jedenfalls noch keine direkte Beeinflussung erlebt.

kress.de-Tipp: Das "Barcamp Entrepreneurial Journalism" am 10. November (Kongresshaus Kap Europa, Frankfurt Messe, Osloer Straße 5, 60327 Frankfurt am Main) moderiert Tabea Grzeszyk. Die freie Journalistin ist auch Gründerin und CEO des Netzwerkes hostwriter.org. Auf der gemeinnützigen Plattform tauschen sich Reporter aus aller Welt aus. Hier sollen internationale Kollaborationen ermöglicht werden. Tabea Grzeszyk arbeitet frei u.a. für Deutschlandradio Kultur und als Journalismus-Dozentin an der Hochschule Hannover. Anmeldung zum kostenfreien "Barcamp Entrepreneurial Journalism" unter dem Stichwort "Barcamp" per E-Mail an: hsjp(at)ing-diba.de.

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