Wohin treibt der Lokaljournalismus? In die Kooperation

 

"JOURNALISMUS!" Die Paul-Josef-Raue-Kolumne schaut sich die Sieger des Deutschen Lokaljournalistenpreises an, der mehr bietet als ein Schaulaufen der Besten, wie wir es vom Nannen- oder Wolff-Preis kennen. Der Lokaljournalisten-Preis ist ein Seismograf, der wichtige Entwicklungen und neue Konzepte entdeckt, der nicht in der Vergangenheit verharrt, sondern in die Zukunft des Journalismus blickt. In diesem Jahr zeichnete die Jury die Zusammenarbeit dreier großer Zeitungen im Osten aus: Synergien - nicht um zu sparen, sondern um die journalistische Qualität für den Leser zu steigern.

"Kooperation" ist nicht das Lieblingswort von Verlagsmanagern, wenn sie an ihre teuren Redaktionen denken; Manager mögen "Synergien", um Millionen zu sparen: Das, was einer schaffen kann, müssen nicht viele machen, etwa in der Berichterstattung aus Berlin; das kann man anordnen. Nicht anordnen kann man Kooperation, erst recht nicht die zwischen Redaktionen.

Redaktionen arbeiten gerne in geschlossenen Teams mit einem eigenwilligen Prinzip: Besser eine eigene schwache Geschichte als eine gute, von anderen übernommen. Drei Chefredakteure aus drei benachbarten Groß-Verlagen in Sachsen - zusammen mit rund 630.000 Auflage - beschlossen dagegen, eine große Recherche zusammen zu planen:  

  • Torsten Kleditzsch von der "Freien Presse" in Chemnitz, einst die größte Regionalzeitung der DDR und heute Teil des Schaub-Imperiums der Ludwigshafener Medien-Union;

  • Uwe Vetterick von der "Sächsische Zeitung" in Dresden, die zu 60 Prozent  Gruner+Jahr gehört und zu 40 Prozent der DDVG (SPD). Die "SZ" konkurriert in Dresden mit den kleinen Dresdner Neuesten Nachrichten, ein Ableger der Leipziger Volkszeitung

  • Jan Emendörfer von der "Leipziger Volkszeitung", die zum Madsack-Konzern in Hannover gehört.

Die drei realisierten eine gigantische Gesundheits-Serie, mit der man eigentlich alleine glänzen will: Sie fragten Patienten, wie zufrieden sie mit ambulanten Operationen waren; von denen gibt es in Sachsen jährlich rund 240.000. Sie arbeiteten mit Ärzten und den fünf größten Krankenkassen zusammen, mit Krankenhäusern und Wissenschaftlern der TU Dresden.

Wie lief die Befragung ab? Die Krankenkassen schrieben 100.000 Patienten an, für die sie eine ambulante Operation bezahlt hatten - von Krampfadern über den Grauen Star bis zum Linksherz-Katheter; 24.000 antworteten. Die TU Dresden wertete die Fragebögen wissenschaftlich aus, die Redaktionen berichteten ausführlich mit je eigenen Autoren und Reportagen.

Fast ein Jahr dauerte die Vorbereitung des Projekts, zu dem feste Regeln gehörten: Strikte Einhaltung des Datenschutzes sowie Verzicht auf Anzeigen, um die Unabhängigkeit der Redaktion zu wahren und zu dokumentieren.

Die lesenden Patienten in Sachsen wissen nach der über fünf Wochen laufenden Serie und mehreren Telefonaktionen: Wie lange mussten Patienten auf die Operation warten? Welche und wie viele Komplikationen gab es? Wie zufrieden waren die Patienten?

In der kress.de-Serie "Journalismus der Zukunft" ist die journalistische Kooperation herausgehoben worden und sogar zum Ausbildungs-Ziel erhoben - allerdings im Internet: In der digitalen Welt zählt schon die Kooperation: Mit wem kann man zusammenarbeiten? Wer kann etwas besser, als wir es können?

Redaktionen wie Verlage haben viel Zeit verplempert, weil alle alles selber machen wollten - in der analogen Welt. Nun haben drei große Zeitungen die Kooperations-Vision der neuen Welt in die alte Welt.

Warum soll allein die digitale Welt ein offener Raum sein mit neuen Formen der Kommunikation und Zusammenarbeit? Warum kann nicht die analoge Welt auch ein Netz spinnen, in dem jeder mit jedem verbunden ist? Es funktioniert!

Zudem zeigt dieser Datenjournalismus in Sachsen: Es ist  sinnvoll, nicht nur existierende Statistiken auszuwerten, sondern es kann nützlich für die Leser sein, selber Daten zu erheben -  was allerdings deutlich aufwändiger ist.  So lobt auch die Jury des Deutschen Lokaljournalistenpreises: "Ein datenjournalistisches Projekt, das seinesgleichen sucht."

Erstmals hat die Jury des Deutschen Lokaljournalisten-Preises drei Zeitungen gemeinsam den ersten Preis verliehen. Diese Zusammenarbeit war es, die die Jury unter gut 500 Bewerbungen so beeindruckt hat. Denn mit einer ähnlichen Serie hat die "Sächsische Zeitung" schon 2013 den ersten Preis geholt und in Dresden gefeiert: "Familienkompass" - eine wissenschaftliche Auswertung von rund zehntausend Fragebögen zur Familienfreundlichkeit in Ostsachsen. Da die Jury ungern mehrmals den ersten Preis an eine Zeitung vergibt, dürfte die Kooperation der zu lobende Grund sein.

So gewann das Gesundheits-Thema -  und nicht da lokale Lieblingsthema des Jahres.

"Flüchtlinge und Integration" hat die Redaktionen in Deutschland am meisten bewegt: Gerade im Lokalen spielen nicht die großen politischen Debatten die zentrale Rolle, sondern alltägliche Fragen: Wie gehen wir mit den Fremden um?  Gleich zwei Sonderpreise gab es in der Integrations-Kategorie:

"Eine Woche in einer Notunterkunft" arbeitete der Reporter Peter Schwarz von der "Waiblinger Zeitung", die schon mehrmals zu den Preisträgern zählte. Er schrieb 40, oft ganzseitige Reportagen. Die Jury lobt: "Die Texte beschönigen nichts. Wer beschönigt, hilft nicht. Aufgabe der Zeitung ist es, Probleme beim Namen zu nennen."

"Geflüchtet. Geblieben. Geschafft", ist eine 19-teilige Porträt-Serie der "Neuen Presse" in Hannover. Die Jury lobt: "Die Serie stellt Erfolgsgeschichten vor, die Flüchtlinge in den vergangenen Jahrzehnten geschrieben haben. Sie machen vor allem den Deutschen Mut, die sich engagieren."

In "Rezepte", der Buch-Dokumentation des Preises, sind auch fast preisgekrönte Einsendungen zu finden wie Flüchtlingsreporter im "Hamburger Abendblatt", die den Bürgermeister interviewen; oder die Chronik eines Tages im Container, erschienen im "Mannheimer Morgen"; oder die Beilage auf arabisch in der "BZ" (Berlin) mit der Titelseite "Schenken Sie diese BZ nach dem Lesen einem Flüchtling".

Geschichte ist überall ein großes Thema in den Lokalzeitungen - seit Jahren schon. Im vergangenen Jahr waren es die letzten Kriegstage. Die Jury zeichnet die Serie des Kölner "Express" aus, die erzählt von den Leiden der Menschen und den Opfern des Nazi-Terrors: "Die Serie kommt ohne große Kommentierungen aus. Die Texte bewegen, weil sie Tatsachen sprechen lassen."

Was sonst noch auffällt:

Der Osten holt auf: In den vergangenen vier Jahren siegten drei Mal Zeitungen aus dem Osten.

Der Boulevard holt auf: Das Schmuddelkind der Branche gewinnt immer öfter Preise wie in diesem Jahr der Kölner "Express" und taucht in den fast preisgekrönten auf wie die Berliner "BZ." Wann bewirbt sich die "Bildzeitung"? Und gewinnt?

INFO

Das Buch "Rezepte für die Redaktion 2015", herausgegeben  von Dieter Golombek und Heike Groll, dokumentiert 15  preisgekrönte und 47 fast preisgekrönte Einsendungen des Jahres. Es erscheint im Oberauer-Verlag, der auch kress.de publiziert. Der 2015-er Band ist der elfte der Reihe.

Den Preis stiftet die Konrad-Adenauer-Stiftung seit 36 Jahren. Die Preisträger im Jahrgang 2015:

1. Preis: "Freie Presse"/"Sächsische Zeitung"/"Leipziger Volkszeitung" für ihr gemeinsames Projekt "Ambulant operieren. So zufrieden sind Patienten in Sachsen".

2. Preis: "Süddeutsche Zeitung" für die Serie "Stadt der Frauen". Die Jury: "In München leben mehr Frauen als Männer, doch an den zentralen Stellen in der Stadt sitzen vor allem Männer. Die Redaktion hat Verwaltung, Kommunalpolitik, Unternehmen und andere gesellschaftliche Bereiche unter die Lupe genommen, das eigene Haus inklusive, und nach den Gründen geforscht. Porträts, Analysen und Infografiken sind in eine 17-teilige Serie geflossen, die weitreichende Debatten und sogar Änderungen angestoßen hat."

Kategorie Integration: "Neue Presse", Hannover, für die Serie "Geflüchtet. Geblieben. Geschafft."

Kategorie Integration: Zeitungsverlag Waiblingen für die Serie "Die Flüchtlinge kommen"

Kategorie Datenjournalismus: "Berliner Morgenpost" für das Digitalprojekt "M 29 - Berlins Buslinie der großen Unterschiede"

Kategorie Digitale Innovation: "Nürnberger Nachrichten" für das Wochenendmagazin "Samson"

Kategorie Interaktion: "Braunschweiger Zeitung" für das Portal "alarm38.de"

Kategorie Geschichte: "Express", Köln, für die Serie "Kölns letzte Kriegstage"

Kategorie Wohnen: "Mitteldeutsche Zeitung", Halle, für die Serie "Lebens(T)räume"

Kategorie Alltag: "Vilshofener Anzeiger" für das Konzept Kurz-Interviews

Kategorie Menschen: "Südkurier", Konstanz, für die Serie "Heimathelden"

Kategorie Kommunalpolitik: "Westfalenpost", Hagen, für das Projekt "Was braucht Hagen?"

Sonderpreis für Volontärsprojekte: "Pforzheimer Zeitung" für das Projekt "Azubi des Monats"; "Rhein-Zeitung", Koblenz, für die Serie "Gut bei Stimme - Auf den Flügeln des Gesangs"; "Süddeutsche Zeitung" für die Serie "Unter 30"


Paul-Josef Raue (66) taucht unter den fast preisgekrönten Serien im "Rezepte"-Buch auf. In seinem letzten Jahr als Chefredakteur der "Thüringer Allgemeine" schrieb er die 27-teilige Serie über seine Wanderung entlang der 1400 Kilometer langen deutsch-deutschen Grenze: "In der Todeszone der Diktatur". Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur; heute berät er Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen.

"JOURNALISMUS!" erscheint jeden Dienstag auf kress.de, wo auch Raues 20-teilige Serie "Journalismus der Zukunft" zu lesen ist. Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de

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