Brexitus liked - Daumen hoch gegen Europa: Sind die Briten Opfer der Facebook-Twitter-Demokratie?

 

Google.uk statt Encyclopædia Britannica. Algorithmus statt nachschlagen. Roboter­gesteuerte Manipulation statt persönliche Meinungsbildung? England hat nach online-Manier schnell mal eben den Daumen hochgestreckt, ohne die tief­greifenden Folgen zu bedenken. Das Nach-Denken kommt nun Nachher. Und der High Court hilft dabei. Geschieht in den USA nun ähnliches? Eine sarkastisch-satirische Be­trachtung von kress.de-Autor Michael Schmuck.

Schnell! Schnell mal etwas bestellen, schnell mal etwas nachschauen. Schnell mal seine Meinung sagen zu einem Thema und einem Text, den ein anderer mal ganz schnell und oft ganz kurz verfasst hat. Und ganz schnell mal abstimmen über etwas, von dem man eigentlich so schnell keine Ahnung hat. Alles schnell. Schwupps ein Klick, schwupps ein Like oder Emoji. Zwischen zwei Einkäufen abstimmen oder zwischen zwei Abstim­mungen einkaufen. Oft kurz vor dem Einschlafen oder kurz vor dem Aufstehen. Im Halbschlaf. Oder auf dem Klo, im Bus, in der Kassenschlange oder sonstwo, wo üblicherweise kein Entscheidungs-Raum ist, sondern ein Denk-Platz. Da wäre der Stamm­tisch noch eine lobenswerte Alternative.

Der Daumen sitzt locker am Button

Alles eben mal schnell. Schnell, schnell. Warum eigentlich immer schnell? Geschwindig­keit fasziniert. Fasziniert? "Geschwindig­keit ver­dünnisiert", hat Max Frischs Walter "Homo" Faber gesagt. Faszinierend ist die Ge­schwindig­­­­keit vor allem für die Einheizer, die Tempomacher, die Hochgeschwindigkeitsmetronome, die Betreiber. Sie wollen ja, dass der Eindruck verdünnisiert wird. Wer überhaupt, lange oder gar tiefer nachdenkt, der trifft eben keine übereilten Entscheidungen. Der wägt ab, ob und was er kauft, sagt, schreibt oder likt (Schreibweise nach Duden).

Der Daumen sitzt locker am Abzug, am Button des Smartphones. Aus der Hüfte geschossen, aus dem Daumengelenk geklickt, gelikt. Das bringt Millionen Dollar oder Stimmen der Community für viel Ober­flächliches. Für Oberflächliches, das Ober­wasser bringt - für die Mühlen der Be­treiber. Das Internet macht dick und doof. Uns doof - die Betreiber dick.

"Klickedi-Klickedi-Klick" hatte früher mal was mit Klugheit und Logik zu tun. Da hat es Klick gemacht, wenn der Groschen gefallen ist oder so ähnlich. Jedenfalls machte es Klick im Hirn, nicht im Daumen.

Kein Brot, nur noch Spiele - Facebook ist Opium fürs Volk

Rattenfänger, Scharlartane, Quacksalber, Schwätzer und Dampfplauderer (und -innen) jeglicher Couleur können nun weltweit und eben ganz schnell Followers finden - und zwar ohne dass schwer­wiegende, existenzielle Probleme wie Massen­arbeitslosigkeit oder Hungers­nöte sie ihnen in die Arme treiben würden. Kein Brot, nur noch Spiele. Facebook, Twitter und Co. sind Opium fürs Volk. Roboter­gesteuerte Manipulationstechniken, gekaufte Tweets sind die Dealer.

Und nun endlich - nach mehr als 140 Zeichen, sorry - zum Thema der Überschrift: Der Brexit ist ein Paradebeispiel für die Folgen von Facebook-Twitter-Demokratie und Google-Bildung. Ober­flächliche Parolen, Halbwarheiten und Dünn­brettbohrerei. Kurzsicht statt Weitsicht. Schwach­sinn statt Tiefsinn. Das lässt sich einer Like- und Emoji-Community leicht verkaufen. Auch wenn die Brexit-Abstimmung noch in old manner mit einem Urnengang geschah. Die Community hat den Daumen ebenso locker am Pencile wie am Button. Das neue Smartphone-Lebens­gefühl überträgt sich auch auf die alte, analoge Welt - google.uk-feeling im Land der Encyclopædia Britannica. Den USA droht nun bei der Wahl dasselbe: Übertrumpen lockere Sprüche harte Fakten?

Haptisch statt faktisch, Narzismus statt Nutzwert

Emotionen sind wichtiger als Fakten, Gefühl bedeutender als Verstand. Was früher nur für psychische Ausnahme­situationen wie Verliebtsein oder Provoziertsein galt, gilt längst für jede Lebenslage. (Früher wurden ja auch nur besondere Situationen im Bild festgehalten.) "Haptik" nennen Produktmanager das auch und meinen damit wohl nur einen Teil davon: die Oberflächen­sensibilität.

Und sogar alt­ehrwürdige Medien setzen mehr auf Gefühl als auf Fakten, um Leserinnen und Leser zu behalten - oder neue User zu gewinnen. Griffiges Papier statt handfeste Themen. Hübsche Bilder statt schöner Er­klärungen. Leid- oder lustvolle Selbst­erfahrungs­berichte statt wissenschaftlich fundierter, nüchterner Fakten. Egomanie statt Exploration. Narzismus statt Nutzwert. Ultra­kurzzeit-Niveau und Zerr-Bilder statt Zeit-Niveau und Spiegel-Bilder.

Gelikt ist gelikt - es gibt kein Zurück

Vielen Usern scheint nicht bewusst zu sein, dass sie Meinungen und Likes (und gepostete Fotos) und erst recht nicht ein Brexit-Urnengang nicht so einfach rückgängig machen können wie den Schuhkauf bei Zalando. (Einfach mal ganz schnell geklickt und später dann zurück­geschickt.) Da kann man nicht so einfach den Like entliken, rückliken oder unliken, also beim Brexit den Zettel wieder aus der Urne ziehen, wenn man hört, dass Boris "Brexit" Johnson vielleicht zum Klub der Schwätzer und Scharlar­tane gehört. (Männer mit komischen Frisuren müssten aber doch eigentlich ohnehin völlig un­haptisch sein.)

Nun dürften viele Politik-User und -Voter vermutlich froh sein, dass der very honorable High Court ganz analog nach old manner fern von Kassenschlangen und Kloschüsseln beraten und geurteilt (und nicht nur schnell mal gepostet) hat, dass doch das Parlament über so eine wichtige und folgen­reiche Angelegenheit wie den Brexit debattieren und ent­scheiden muss. Da wären wir dann wieder bei der parlamentarischen oder repräsentativen Demo­kratie.

Vom Staatsmann zum Fast-Fuzzi

Leider aber fühlen sich viele Politiker nur noch dann repräsentativ, wenn sie selbst auch ganz schnell mal etwas liken oder posten - offenbar auch im Halbschlaf, auf dem Klo oder in der Kassenschlange. Das sind keine Vorbilder, sondern eher Nachbilder. Sie lassen sich von ihren Usern zu Scharlanterie und Quacksalberei verleiten. Vom Staatsmann zum Fast-Fuzzi. - Über den Mann mit der komischen Frisur im US-Wahlkampf sprechen wir dann ja demnächst.

Ihre Kommentare
Kopf

Thomas Lueders

08.11.2016
!

Lieber Herr Schmuck, meinen Sie wirklich, die Briten sind so blöde, daß sie nicht wissen, was sie wählen - beziehungsweise abwählen? Die Briten haben sehr, sehr klug gewählt! Was soll denn "Google ist jetzt Schuld am Brexit? Wenn wir in Deutschland die Möglichkeit hätten, uns aus der EU abzuwählen, würden wir das tun. Und zwar mit mindestens 75 Prozent! Und dann fände ich es auch nicht schön, wenn uns andere europäische Länder für bescheuert halten.


annlioo

09.11.2016
!

Lieber Herr Lueders,
beruhen die mindestens 75 % auf einer persönlich subjektiven Schätzung oder gibt es tatsächlich eine Studie hierzu?
Vielen Dank im Voraus für eine Antwort!


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