"Ist es klug, eine Vollverschleierte in eine ARD-Talkshow zu setzen?": Warum Ex-Integrationsministerin Bilkay Öney von den Medien mehr Sensibilität fordert

09.11.2016
 
 

Ist es klug, eine Vollverschleierte in eine ARD-Talkshow zu setzen, wenn man weiß, dass genau so etwas die Gesellschaft spaltet? Ist es klug, über einen migrantischen Bundespräsidenten zu sinnieren, wenn die Gesellschaft gerade in dieser Frage sehr gespalten ist? Bilkay Öney, bis Sommer Integrationsministerin von Baden-Württemberg und früher Journalistin, wünscht sich von den Medien mehr Sensibilität im Umgang mit diesen Themen. "Wir wären dumm, wenn wir die Psyche der Menschen gar nicht beachteten", schreibt Öney in ihrem exklusiven Kommentar für kress.de.

Es gab Zeiten, da stritt man um leichtere Themen, um Fußball zum Beispiel. Da war die Welt noch in Ordnung. Dann kam die EU-Osterweiterung, die Finanzkrise, der Syrienkrieg, ISIS, Fanatiker, der Terror, die Armut, Migration, Flüchtlinge und Pegida. Und nichts war mehr wie früher. Spätestens seitdem sind die Diskussionen nicht mehr so einfach und die Polarisierung in der Gesellschaft sehr groß.

Mit Polarisierungen ist es immer so eine Sache. Ist der Spaltpilz erst einmal da, ist es sehr schwer, ihn loszuwerden. Niemand weiß das besser als die afd. Ein weiteres strittiges Thema und noch mehr Stoff für schwierige Diskussionen.

Die Medien griffen das auf. Kaum eine Talkshow ohne eine afd-Politikerin. Kaum ein Tag ohne Erwähnung ihrer Themen und teilweise radikalen Ansichten. Das Problem in der Medienwelt ist: Es gibt keine gute oder schlechte PR. Es gibt NUR PR. Um populär zu werden, zählt nicht so sehr, was man sagt, sondern wie oft man genannt wird. Da liegt genau der Haken.

Nun hätte man gewisse Themen nicht totschweigen können, dafür waren sie zu wichtig. Aber man hätte überlegen müssen, wie man sie "klüger" angeht. Ist es klug, eine Vollverschleierte in eine ARD-Talkshow zu setzen, wenn man weiß, dass genau so etwas die Gesellschaft spaltet? Ist es klug, über einen migrantischen Bundespräsidenten zu sinnieren, wenn die Gesellschaft gerade in dieser Frage sehr gespalten ist? War es klug, alle Migrationskritiker pauschal in die rechte Ecke zu stellen, wenn doch auch in linken Kreisen hinter vorgehaltener Hand durchaus kritisch über Migranten gesprochen wird, wenn auch nicht öffentlich?

Der Mensch ist ein sensibles Wesen und komplex dazu. Er nimmt vieles zu persönlich. Kritik verkraften nur wenige. Die Holzhammer-Methode verkraftet niemand. Stellen Sie sich vor, jemand hält ihnen einen Spiegel vor und das Bild, das sie sehen, ist hässlich. Mögen sie dann noch in den Spiegel schauen? Nehmen wir an, jemand tritt ihnen gegen das Schienbein und sagt, dass sie dumm sind. Mögen sie mit dieser Person noch diskutieren? Nein. Genau das ist aber leider - mal mehr mal weniger - passiert. Mit dem Ergebnis, dass die Gräben tiefer wurden und der Spaltpilz größer.

Zeit, genau das zu ändern. Nun kann man bestimmte Verhaltensweisen nicht erzwingen. Wenn jemand intolerant und vorurteilsbeladen ist, wird man das nicht über Nacht oder nicht mit Gewalt heilen können. Manchmal reicht es, einfach kein Öl ins Feuer zu gießen. Und deshalb ist eine Vollverschleierte in einer Talkshow vielleicht nicht das geeignetste Mittel. Unabhängig davon, dass normale Muslime damit unnötig diskreditiert werden, sollten fanatische Ansichten keine derart billige Plattform geboten bekommen. Schließlich haben die öffentlich-rechtlichen Medien auch einen Bildungsauftrag. Bilden sollte man eben auch diejenigen Fanatiker, die Frauen bis zur Unkenntlichkeit verschleiern. Eben nicht mit vollverschleierten Role-Models.

Interessant war auch die Diskussion um Navid Kermani als Kandidat für das Bundespräsidentenamt. In einer Zeit, in der fremdenfeindliche Übergriffe einen traurigen Rekord stellen. Einige Intellektuelle dachten vermutlich: Jetzt erst recht. Gut gemeint, aber nicht gut zu Ende gedacht. Was wäre denn die Folge? Noch mehr Fremdenfeindlichkeit, noch mehr Polarisierung? Vermutlich. Sicher gäbe es migrantische Kandidaten in Deutschland, die den IQ und EQ hätten, das Amt staatstragend auszuüben. Aber wir haben nunmal einen tiefen Graben in der Gesellschaft. Vorher müssen wir diesen Graben zuschütten, die Vorurteile begraben, die Gesellschaft nicht weiter spalten, sondern einen. Und das geht nur mit einem Kandidaten, mit dem sich die große Mehrheit tatsächlich identifizieren kann. Wohlgemerkt: Es ist eine schwierige Zeit mit komplexen Fragestellungen. Allein deshalb erfordert der Umgang mit diesen Themen ein bisschen mehr Sensibilität. Natürlich ist Deutschland ein zivilisiertes Land, das auch migrantische Politiker v-/erträgt. Aber wir müssen das ab und zu in Erinnerung rufen. Nicht mit der Holzhammer-Methode, sondern mit der Streichel-Methode. Ganz nach Astrid Lindgrens Motto: "Man kann in Kinder nichts hineinprügeln, aber vieles herausstreicheln."

Wir können und müssen über Rechtsextremismus sprechen. Wir sollten aber auch über die große Hilfsbereitschaft im Land sprechen. In Deutschland läuft einiges schief, aber auch vieles gut. Deshalb kommen viele Menschen nach Deutschland. Der Deutsche mag nicht das südländische Temperament haben, das einige Migranten gewohnt sind. Aber ist gerade das nicht sinnvoll, wenn es um Problemlösung und Besonnenheit geht? Im Grunde darf hier jeder sein, wie er will. Wo gibt es das? Der Deutsche ist besser als sein Ruf. Und wenn wir die positiven Eigenschaften aufzählen, diese ins Gedächtnis rufen und uns täglich daran erinnern, verfestigen sich diese positiven Eigenschaften, brennen sich ins Gedächtnis ein und bleiben dort haften.

Das mag wie ein küchenpsychologischer Trick klingen. Aber es geht um sensible Themen und es geht um Menschen. Wir wären dumm, wenn wir die Psyche der Menschen gar nicht beachteten. Es handelt sich schließlich nicht um Maschinen, die man programmieren kann. Auch in Parteiprogrammen sollte man das beachten. "Dann klappt' s auch mit den Nachbarn." Eine weitere Entfremdung zwischen Bürgern auf der einen Seite und Politikern oder Medien auf der anderen Seite sollte es nicht geben. Der Weg ist das Ziel. Fangen wir also an.

Bilkay Öney

 

Ihre Kommentare
Kopf
Osman Zöllner

Osman Zöllner

newport.takkt GmbH
Head of Digital Marketing

10.11.2016
!

Hier greifen wir mal wieder eines der schwersten Themen in der Außenkommunikation auf.

Welcher weg ist der besser Konfrontation und seinen Standpunkt ohne wenn und aber vertreten oder einfach dezent steuern und warten bis Gras über die Sache gewachsen ist und anschließend die Themen neu und losgelöst vom der ersten emotionalen Reaktion aufgreifen. Leider gibt es kein Patentrezept. Das wichtigste ist das alle die das selbe Ziel haben hier auch dann die selbe Strategie anwenden...


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