Ehemaliger "FAZ"-Theaterkritiker: Über die Unmöglichkeit, mit Gerhard Stadelmaier zu sprechen

 

Man hätte es ahnen können. Im letzten Drittel seines Buches "Umbruch" hat der legendäre Theaterkritiker der "FAZ", Gerhard Stadelmaier, das Interview als journalistische Darstellungsform zerrissen, wie er es sonst nur mit Regietheater getan hat. Für ihn ist es eine "billige, oberfaule, bequeme Befragerei zeitungsferner, mehr oder weniger prominenter Personen". Eine Annäherung an Stadelmaier, der nicht sprechen wollte. 

Das Interview sei bei der "FAZ" zu Joachim Fests Zeiten "verpönt" gewesen sei. Es sei eine "blödsinnige Unsitte". Deutlicher geht es eigentlich nicht. Und doch hat der Paul Zsolnay Verlag, in dem Stadelmaier ein Jahr nach dem Ausscheiden mit 65 sein Buch veröffentlicht, ein Gespräch mit dem Autor zugesagt.

Die Geschichte der "Staatszeitung"

Gerade in Stadelmaiers Fall war ein Interview geboten. Denn der "Roman" beschreibt die Geschichte der "Frankfurter Allgemeinen", seit der Theaterkritiker dort 1989 angefangen hat. Freilich nennt der Kritiker keine Namen - nicht einmal denen des Blattes, das hier "Staatszeitung" heißt - doch der Kundige erkennt die handelnden Personen unschwer. Darüber sprechen mag der 66-Jährige nicht.

Gut, nach der Passage über die "oberfaule Befragerei" vielleicht keine sehr große Überraschung. Aber von einem alten Fahrensmann der Branche, der dazu noch mit seiner nicht unbedeutenden Zeitung abrechnet, schon ungewöhnlich. Denn mit dem Interview hätte er die Gelegenheit gehabt, alles so darzustellen, wie er es sieht und über die Autorisierung auch das letzte Wort zu behalten.

Story ohne Stadelmaier

So müssen wir die Geschichte über Stadelmaier leider ohne seine Beteiligung schreiben. Denn auch das Kompromiss-Angebot, wenn er denn schon nicht in eine 1:1-Situation gehen möchte, die Fragen doch wenigstens schriftlich zu beantworten, schlug er aus. 

Vielleicht lag es doch an den Fragen. Um welche ging es? Wir wollten von Gerhard Stadelmaier wissen, ob bei all der Kritik an der Zeitung, die in dem Buch durchscheint, für ihn die "FAZ" nach dem Abgang des früheren und von ihm offenbar sehr geschätzten Herausgebers Joachim Fest aufgehört hat, eine Qualitätszeitung zu sein. Fests "einzige Charakterschwäche", so schreibt es der Theaterkritiker über den "fürs Feuilleton zuständigen Führer", sei es gewesen, dass er journalistische Nachwuchskräfte "über die Maßen so lange protegierte, bis er ihre Falschheit, Hohlheit und Aufgeblasenheit erkannte". Doch dann sei es zu spät gewesen. Diese Kollegen, die nun wohl am Ruder sind, hätten Fests Erbe vergeudet und "die Zeitung finanziell, personell und intellektuell an alle Zeitgeistwände" gefahren.

Die "Verflüssigung der Zeitung"

Stadelmaier schreibt von der "Verflüssigung der Zeitung", die über die "Beliebigkeitsufer" trete und sich dort verliere. Daher schickten wir ihm die Frage, ob Fests Nachfolger Frank Schirrmacher verantwortlich für diese Entwicklung sei. Redaktionelle, sogenannte kultursensible Sprachregelungen legten sich wie "Mehltau über alle Denk- und Schreibkühnheiten", formuliert er anderer Stelle. Das liefe am Ende auf ein "Denkverbot" hinaus. Auch das wirft Fragen zur Zustandsbeschreibung des heutigen Journalismus auf.

Gleichzeitig tauchen in seinem Buch die Begriffe "Zigeuner" und "Neger" auf. Ob sich dahinter weniger Ablehnung anderer Ethnien, sondern vielmehr sein Auflehnen gegen die politische Korrektheit, die heute ältere Bücher, in denen diese Worte vorkommen, umschreiben lässt, wäre ein spannendes Thema gewesen.

Mit dem Fall der Mauer, so beklagt es Stadelmaier, seien auch Berichte, die eigentlich in die Politik, die Wirtschaft oder ins Vermischte gehörten, ins Feuilleton "geschwemmt" worden. Ob er die Entfernung von der Kultur, der Metamorphose zum "politischen Feuilleton", wie er es nennt, noch immer nachtrauere, wissen wir nun auch nicht.

Vorbilder Jünger, Schmitt und van den Bruck

Ernst Jünger, Carl Schmitt und Moeller van den Bruck sowie die von ihnen vertretene "Konservative Revolution" hätten früher im Feuilleton der "Staatszeitung" eine zentrale Rolle gespielt. Wer die Vorbilder seien, die die heutigen Kollegen verehrten, hatte sich als Frage aufgedrängt.

Seinen Vorgänger lässt Stadelmaier die Verhältnisse bei der "FAZ" im Buch als "politisch intrigant und gefährlich" beschreiben. Man brauche "da ein dickes Fell und Nerven wie Stahlseile!" Offensichtlich braucht das heute auch die Presseabteilung, die sein Buch vermarkten soll und die Kollegen, die mit ihm darüber sprechen wollen. Wir bedauern das. Denn "Umbruch" ist ein höchst interessantes Werk, das eine Schlüssellochperspektive in eine der wichtigsten deutschsprachigen Zeitungen über fast drei Jahrzehnte bietet.

Kress.de-Tipp: Gerhard Stadelmaier, Umbruch, Zsolnay-Verlag, Fester Einband, 224 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-552-05799-9 

Ihre Kommentare
Kopf

Felix Goldmann

12.11.2016
!

Jede Zeitung schreibt für ihre Zeit und ihre Zeitgenossen. Stadelmaier ist von gestern, sein eigener Maßstab kann nicht der einer neuen Generation sein, die sich weniger an Formatierungen und Traditionen orientiert, sondern konsequenter auf Inhalt und Interaktion setzt. Eine "Staatszeitung" in Stadelmaier'scher Machart wäre heute weltfremd. Sein Buch ein bisschen viel Theater? Das Feuilleton ist heute keine Bühne mehr für Kunstschreiber, es ist die Arena der tiefgründigen Fragen und Thesen!


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