Ulrich Meyer nach dem Ende der "Akte": Comeback-Pläne mit einer Polit-Talkshow

 

Seit 1995 hat Ulrich Meyer auf Sat.1 die "Akte" moderiert. Zum Jahresende ist Schluss, nach der 1070. Sendung - nur vier davon hat er nicht selbst präsentiert. Claus Strunz übernimmt. Im kress.de-Interview zieht der 60-Jährige, der seine journalistische Laufbahn 1979 als Volontär der "Kölnischen Rundschau" begann, Bilanz. Und er erzählt, dass und wie er nun die Politik-Talkshow neu erfinden möchte.

kress.de: Tut der Abschied nach 22 Jahren weh?

Ulrich Meyer: Nein, ich spüre eine enorme Erleichterung.

Wirklich? Übertreiben Sie da nicht ein wenig?

Ulrich Meyer: Absolut nicht. Wissen Sie, wenn Sie eine so lange Zeit an einem Projekt arbeiten, dann dürfen Sie nicht den richtigen Zeitpunkt verpassen aufzuhören. Und Sie wollen diesen Zeitpunkt auch selber setzen. Jetzt liegt der neue Jahresvertrag vor, alle Jobs sind sicher, der Sender hat einen Nachfolger gefunden. Ich fahre zufrieden nach Hause und bin froh.

Ihren Ausstieg aus der "Akte" begründen Sie damit, dass Sie "mehr Privatleben" haben möchten. Aber ab Januar moderieren Sie neue Ausgaben der "Service-Akte". Und von ProSieben Sat.1 heißt es, Sie arbeiteten mit dem Sender an neuen Projekten. Werden Sie wirklich mehr Freizeit haben?

Ulrich Meyer: Das widerspricht sich nicht. Die "Service-Akte" werde ich auf Wunsch der Sat.1-Gold-Geschäftsführerin weiter moderieren - als Staffelproduktion. Das ist für einen Privatier keine zusätzliche Belastung. Es ist etwas ganz anderes, als wenn Sie jede Woche eine aktuelle Sendung vorbereiten, durchleben und durchleiden müssen.

Die Quote lag in den ersten zehn Monaten dieses Jahres durchschnittlich nur noch bei 1,2 Millionen. Hat das wirklich keine Rolle gespielt?

Ulrich Meyer: Die Quoten-Erosion trifft die gesamte Fernsehlandschaft; die hat uns auch nicht verschont. Dafür gibt es ja viele Gründe, einer ist die veränderte Mediennutzung. Das können Sie bei jeder Sendung durchdeklinieren. Insofern war die Quote wirklich nicht das, was mich bei der Entscheidung umgetrieben hat.

Was dann?

Ulrich Meyer: Ich werde am zweiten Weihnachtstag 61. Das ist ein Alter, in dem Sie journalistisch alles schon mal erlebt und gemacht haben. Da ist die Gefahr groß, in Rastern zu denken - wie: Das haben wir früher schon so gemacht und machen es deshalb jetzt auch so. Es wird einen neuen Moderator geben, wir haben schon einen neuen Geschäftsführer, und die werden die "Akte" weiterentwickeln.  

Wenn Sie auf die lange Zeit zurückblicken: Was hat sich für Sie persönlich in diesen Jahren geändert?

Ulrich Meyer: Extrem viel. In der "Akte" zeigen sich wie unter einem Brennglas die Veränderungen in den Medien und auch in der Mediennutzung. Am Anfang stand die Begeisterung der Zuschauer für ein privates Magazin, das der Aktualität, die sie betraf, auf den Grund ging, das sich von Verantwortlichen nicht abschütteln ließ, das sie zur Rede stellte. Dann haben wir über Themen berichtet, die viele schon einmal gehört, aber noch nie gesehen hatten. Wir sind in die Karibik gefahren und haben von dort berichtet, wo die Server für Pornofilme stehen. Das war für viele Zuschauer eine neue Welt. Dann haben die Menschen gelernt, dass Telefonie nicht immer nur segensreich ist. Plötzlich waren Betrüger in der Leitung, die vor allem ältere Leute abzockten. Es entstand die Lastschrift-Mafia, damals ein neues Modeverbrechen.

Wurde Ihr erstes Konzept von anderen Sendungen, auch öffentlich-rechtlichen, kopiert?

Ulrich Meyer: Ja, und ich sage Ihnen: Es war auch ein schönes Gefühl, dass sich andere das abguckten, weil sie merkten, dass das bei uns funktioniert, dass wir damit Erfolg hatten. Allerdings bedeutete das für uns, dass wir uns immer wieder ein neues Alleinstellungsmerkmal suchen mussten. Jüngst haben wir das Themenspektrum deutlich verbreitert. Das ist auch der Weg, den die Kollegen weiter gehen werden.

Bis 2008 trug die Sendung den Untertitel "Reporter decken auf". Was war die größte Enthüllung Ihrer Sendung?

Ulrich Meyer: Am spektakulärsten war sicherlich unsere Recherche, als wir Kokainspuren im Bundestag fanden. Das war im Jahr 2000, als Christoph Daum Bundestrainer werden sollte und das aufgrund der Drogen-Vorwürfe gegen ihn nicht konnte. Ich fragte meine Redakteure, wo man denn Koks herbekomme. Die Antwort lautete: eigentlich überall. Wir haben mit einem Wissenschaftler zusammengearbeitet; seine Wischtests haben tatsächlich auch im Bundestag Spuren von Kokain nachgewiesen. Das hat enorme Wellen geschlagen. Es war das erste und bisher einzige Mal, dass ich der BBC ein Interview gegeben habe.

Seit den vergangenen acht Jahren heißt der Claim: "Reporter kämpfen für Sie". Wie definieren Sie das Format der "Akte"? Wie hat es sich im Laufe der Jahre gewandelt?

Ulrich Meyer: Als investigatives Magazin haben Sie das Problem, dass nicht jede Geschichte, die Sie angehen, sendbar ist, weil Sie nicht alles belegen oder nicht alles zeigen können oder die Juristen massive Bedenken haben. Das heißt, die Ausbeute kann sehr klein sein.

Investigativer Journalismus ist ja auch nicht gerade preiswert...

Ulrich Meyer: Ja, natürlich. Nach der Kirch-Pleite trafen den Sender harte Sparmaßnahmen, denen auch wir unterworfen wurden. Also haben wir uns umorientiert. Die Lösung lag in den vielen Zuschauerzuschriften, bis zu 30.000 E-Mails bekamen wir im Jahr, und da untertreibe ich eher. In vielen ging es um die damals neue Internetkriminalität. Wir haben die "Akte" zum Verbraucherschutzmagazin und dann zum Servicemagazin weiterentwickelt.

Claus Strunz wird Ihr Nachfolger. Was wird sich außer dem Moderator an der Sendung noch ändern?

Ulrich Meyer: Das kann ich Ihnen nicht mehr sagen. Es liegt eine ganze Reihe von neuen Ideen auf dem Tisch. Was sich die Kollegen davon aussuchen, ist ihre Sache. Ich will mich da nicht einmischen nach dem Motto: Der Gründungsvater will das so. Ich muss mich da wirklich heraushalten.

Wie denken Sie heute über den "Lange-Skandal" von 2014? Obwohl sich die schweren Fälschungsvorwürfe gegen Ihren Reporter Daniel Lange in Luft auflösten, kündigte er, und die verantwortlichen Produzenten sowie der Geschäftsführer mussten gehen. War das im Nachhinein wirklich gerechtfertigt?

Ulrich Meyer: Bei dieser Frage will ich mich nicht in Details verlieren, und ich möchte dieses Fass auch nicht neu aufmachen. Aber eines ist klar: Wenn das Vertrauen zwischen Sender und Produzent in Gefahr ist, sind Maßnahmen nötig. Und die wurden getroffen.

Mehr als Ihr halbes Berufsleben haben Sie die Akte moderiert. Vorher waren Sie Hauptstadt-Korrespondent und Nachrichtenchef bei RTL. Reizt Sie heute noch eine Rückkehr in die Politik-Berichterstattung?

Ulrich Meyer: Da treffen Sie ins Schwarze. Ich denke schon lange darüber nach, welche Form ich da besetzen könnte. Auf keinen Fall mehr die hechelnde Form von Tages-Journalismus, die in großer Eile eine stündlich wechselnde Sau durchs Dorf jagt. Es muss eher um Verlangsamung, Entschleunigung gehen, eindeutig um Hintergründe. Daher störe ich mich auch an dem Wort "Berichterstattung", das mir zu aktuell klingt.

Warum genau?

Ulrich Meyer: Weil es eben nicht um Hintergründe geht. In der "Akte" am Tag der US-Wahl hatten wir ein Stück über einen Autor, der als größter Trump-Experte gilt. Er wusste schier alles über den Mann! Das würde mich auch interessieren: Mich mit einem Charakter intensiv zu beschäftigen, ihn in all seinen Facetten darzustellen. Das ist eine spannende Angelegenheit. Das habe ich erfahren, als mein Buch zu 20 Jahren "Akte" entstand. Es heißt: "Das läuft schief in unserem Land". Und es fasst zusammen, in welchen Themenbereichen die meisten Hilferufe von Zuschauern kamen, warum das so war, und was man tun muss, um Ursachen zu ändern. Und die Antworten gelten auch heute. Also, zurück zu Ihrer Frage: Wenn Politik-Journalismus, dann etwas, was über Tages- und Wochenberichterstattung hinausreicht.

Hört sich an, als hätten Sie da schon genauere Vorstellungen und als wollten Sie den Journalismus nicht an den Nagel hängen. Hand aufs Herz: An was arbeiten Sie?

Ulrich Meyer: Ich will erst einmal durchatmen, da bin ich bei meiner Frau im Wort. Aber ich habe immer noch ein paar Ideen, unter anderem könnte ich mir vorstellen, eine Polit-Talkshow für das Wahljahr 2017 zu machen.

Gibt es denn nicht schon genug Talkshows?

Ulrich Meyer: Da haben Sie Recht, dieser Eindruck kann entstehen. Daher muss Sie keine geringere Frage beschäftigen als diese: Wie lässt sich die Talkshow neu erfinden, wie ist jüngeres Publikum zu fesseln?

Neu erfinden, wie meinen Sie das?

Ulrich Meyer: Wenn Sie Talkshows analysieren, kommen immer wieder dieselben Kritikpunkte. Etwa:  Immer dieselben Gäste, dieselben Themen, dieselbe langweilige Dramaturgie. Also sollten Sie darauf Antworten finden, auf denen wiederum neue Konzepte fußen. Ich bin der Meinung, eine gute Idee zu haben. Aber eigentlich habe ich Ihnen jetzt schon zu viel verraten.

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