"Eltern"-Chefredakteurin Marie-Luise Lewicki: "Wie mutig wären wir gewesen?"

 

Seit Wochen und Monaten sorgen die Angriffe auf die freie Presse in der Türkei oder in Polen und Ungarn für Unruhen in deutschen Redaktionen. Jetzt beziehen Chefredakteure und Herausgeber des Hamburger Großverlags Gruner + Jahr Stellung für Pressefreiheit, Demokratie und Menschenwürde - mit dabei u.a. "Eltern"-Chefredakteurin Marie-Luise Lewicki (Foto). Was die deutschen Blattmacher zu sagen haben und was sie von der Politik fordern.

Der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) setzt sich seit Jahren mit der Verleihung der Victoria auf seiner Publishers' Night für die Pressefreiheit ein. Vergangene Woche hat der VDZ in Berlin Can Dündar, den ehemaligen Chefredakteur der "Cumhuriyet", mit der "Goldene Victoria für Pressefreiheit" ausgezeichnet, Dündar als "Leuchtturm der Pressefreiheit" geehrt.

Mit unerschütterlicher Konsequenz, mit höchstem persönlichen Einsatz lasse er sich von seinem journalistischen Weg der Klarheit und Unabhängigkeit nicht abbringen. In einer Welt immer stärker bedrohter Pressefreiheit mache Can Dündar und sein Wirken Mut und Hoffnung, heißt es in der Ehrung. "Die Auszeichnung ist für mich eine große Ehre - und für meine Kollegen der Cumhuriyet. Meine große Hoffnung ist, dass dadurch nicht nur meine Story ans Licht kommt, sondern auch all jene Geschichten von Hunderten von Journalisten, die zum Schweigen gebracht und inhaftiert werden, einfach nur, weil sie ihre Arbeit tun", so Can Dündar anlässlich seiner Ehrung.

An diesem Dienstag haben nun zahlreiche deutsche Medien auf Initiative von Bascha Mika, Chefredakteurin der "Frankfurter Rundschau", den Text "Wir ergeben uns nicht!" der "Cumhuriyet"-Redaktion veröffentlicht. Erstmals setzen sich nun Chefredakteure und Herausgeber von Gruner + Jahr geschlossen und öffentlich für eine freie Presse ein.

kress.de dokumentiert die klaren Worte, mit denen sie sich für die Freiheit der Presse nicht nur in der Türkei einsetzen.

Horst von Buttlar, Chefredakteur "Capital": "Das Tempo, mit dem die Pressefreiheit in der Türkei verschwindet und planvoll zerstört wird, macht sprachlos. Eine Gesellschaft ohne Meinungs- und Pressefreiheit kann insgesamt nicht frei sein - sie ist totalitär."

Florian Gless, Chefredakteur "National-Geographic"-Gruppe, "P.M."-Gruppe und "Wunderwelt Wissen": "Pressefreiheit ist gleich Meinungsfreiheit. Meinungsfreiheit ist gleich Demokratie. Demokratie ist gleich Menschenwürde. So einfach ist das, doch für Herrn Erdogan anscheinend zu kompliziert."

Brigitte Huber, Chefredakteurin "Brigitte": "Meinungsfreiheit ist Grundlage für Demokratie. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass auch jene Stimmen gehört werden, die sonst gern und schnell überhört werden; die der Minderheiten, der Unbequemen, der Frauen, der Schwachen, der Andersdenkenden - nur wenn auch diese Stimmen furchtlos das Wort erheben können, kann die Welt sich verändern, verbessern, gerechter werden."

Hans-Peter Junker, Chefredakteur "View": "Wer glaubt, bei den Verhaftungen von Journalisten und den Repressalien gegenüber verschiedenen Medien in der Türkei geht es nur um die Pressefreiheit, irrt. Wo Menschen eingeschüchtert und mundtot gemacht werden, die eine andere Meinung vertreten, geht es um mehr. Was in der Türkei geschieht, ist ein Angriff auf die Meinungsfreiheit - und betrifft damit jeden von uns. Denn: Wer seine Meinung nicht sagen oder verbreiten kann, ist nicht frei. Und wer schweigend zuschaut, wie Meinungen unterdrückt werden, hat sich bereits vom Gift der Unfreiheit infizieren lassen. Indem wir uns für die betroffenen Menschen in der Türkei einsetzen, sie unterstützen, verteidigen wir auch unsere eigene Freiheit - und die freie, offene und demokratische Gesellschaft, in der wir selbst leben dürfen."

Christoph Kucklick, Chefredakteur "Geo": "Ohne Meinungsfreiheit keine Demokratie, keinen legitimen Staat. Wir müssen die Mutigen, die in vielen Ländern für dieses elementare Recht kämpfen, rückhaltlos unterstützen: Ohne sie siegten die Tyrannen."

Christian Krug, Chefredakteur "Stern": "Die Türkei hat in den vergangenen Jahren eine großartige Erfolgsgeschichte geschrieben - auch Dank einer freien, pluralistischen Presse, die ihre Gesellschaft in der Gesamtheit abbildet. Präsident Recep Tayyip Erdogan ist dabei, dies alles zu zerstören. Der Stern steht in Solidarität mit den Kollegen in den betroffenen Medien, unter anderem in der Redaktion der Zeitung 'Cumhuriyet', und mit ihrem Kampf um Meinungsfreiheit in der Türkei."

Marie-Luise Lewicki, Chefredakteurin "Eltern": "Ich bewundere die tapferen Frauen und Männer, die für Meinungsfreiheit und ihre Berufsehre ins Gefängnis gingen. Und ich werde immer demütig angesichts solcher Kollegen: Wie mutig wären wir gewesen?"

Anne Meyer-Minnemann und Doris Brückner, Chefredaktion "Gala": "Pressefreiheit ist nicht nur ein Recht, das wir in einer Demokratie genießen. Es ist auch die Verpflichtung von uns Journalisten zum kritischen Hinterfragen."

Andreas Petzold, Herausgeber "Stern": "Die Unfreiheit der Presse rückt immer näher an uns heran. Nicht nur in der Türkei gelten Presse- und Meinungsfreiheit als Teufelszeug. Auch in osteuropäischen EU-Staaten wie Polen und Ungarn werden Medien mit teils rüden Methoden auf Linie gebracht. Aber nur mit unabhängiger Berichterstattung kann die Selbstregulierung von offenen Gesellschaften bewahrt werden."

Sinja Schütte, Chefredakteurin "Flow" und "Living at home": "Pressefreiheit ist ein wichtiger Teil der Meinungsfreiheit - und damit Basis jeder freien Gesellschaft. Unfassbar, wie dreist Erdogan dieses Grundrecht aushöhlt. Von demokratischen Regierungen weltweit - aber auch von uns allen - ist jetzt Haltung gefragt. Wie so oft gilt Willy Brandts historische Aufforderung: 'Lasst euch nicht zu Lumpen machen!'"

Jan Spielhagen, Editorial Director Food: "Die Pressefreiheit ist die Sollbruchstelle der Demokratie. Wird sie abgeschafft, dann verschwindet die Wahrheit. Zuerst von den Kiosken, dann aus dem öffentlichen Diskurs und dann aus den Köpfen."

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