Ex-"Handelsblatt"-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs: "Medien befinden sich im Zustand der Selbsttherapie"

 

Bis zum vergangenen Jahr war Hans-Jürgen Jakobs Chefredakteur des "Handelsblattes". Jetzt legt der 60-Jährige ein Buch vor, das den Titel trägt "Wem gehört die Welt?". Seine These: Eine kleine nicht gewählte Minderheit ziehe die Strippen der globalen Politik und bringe so die Menschen gegen das System auf. Der Volkswirt gehört zu den renommierten Wirtschaftsjournalisten, arbeitete für den "Spiegel" und war Wirtschaftschef der "SZ". kress.de sprach mit ihm über die Protagonisten und die Folgen für die Menschen, die sich politischen Außenseitern zuwenden.

kress.de: Die Zustimmung für Donald Trump ist eine Absage an diejenigen, denen die Welt gehört, schreiben Sie sinngemäß. Wie kommen Sie darauf?

Hans-Jürgen Jakobs: Das haben die Wahlergebnisse bewiesen und die Analysen, wer Trump gewählt hat: Viele aus der weißen Mittelschicht, die nicht gut verdienen oder gar arbeitslos sind. Auch im Wahlkampf war diese Stimmung gegen die globale Finanzelite deutlich zu spüren. Die Verantwortung für den Verlust von Jobs wurde der Elite, der Finanzelite, zugeschrieben.

kress.de: Mal angenommen, Trump würde sowohl sein Versprechen einlösen als auch den Wunsch seiner Wähler umsetzen, es mit diesen superreichen Strippenziehern aufnehmen und versuchen, deren Macht zu begrenzen: Wäre das ein aussichtsreicher Kampf?

Hans-Jürgen Jakobs: Was Trump genau will, bleibt nebulös. Er hat alles Mögliche verkündet - auch, mit der Wallstreet aufzuräumen. Jetzt sieht es aber mehr danach aus, als ob er die heimischen Banken stützen möchte. Trump braucht die Banken, um - wie er sagt - Amerika wieder groß zu machen. Wenn es um Finanzreformen geht, wäre Bernie Sanders der bessere Kandidat gewesen.

kress.de: Aber rein theoretisch: Hätte Trump denn überhaupt die Möglichkeit, die Macht der Finanzelite zu brechen?

Hans-Jürgen Jakobs: Das bezweifle ich ganz stark. Allein die Vermögensverwaltungsfirmen verfügen über 80 Billionen Dollar - das ist mehr als alle Güterproduzenten und Dienstleister der gesamten Welt erwirtschaften. Das zeigt, wo die wahre Macht liegt. Selbst als US-Präsident haben Sie keine Chance, hier in kürzerer Zeit eine Veränderung zu bewirken.

kress.de: Die Politik ist also völlig machtlos?

Hans-Jürgen Jakobs: Ein solcher Kampf ist ziemlich aussichtslos. Schließlich braucht der Staat ja auch die Finanzmärkte, um die Pensionen der eigenen Mitarbeiter zu bezahlen. Änderungen können nur in internationalen Vereinbarungen erzielt werden.

kress.de: Trauen Sie Trump diesen Willen zu oder sind das leere Wahlkampfversprechen?

Hans-Jürgen Jakobs: Lassen Sie es mich so sagen: Sein Wahlkampfgerede ist ohne Wert für die praktische Politik. Ein Kampf gegen die Finanzindustrie wird ausbleiben. Er hat ja auch schon deutlich gemacht, dass er die Wiedereinführung des Trennbankensystems, also die Trennung von Privatkundengeschäft und Finanzspekulation, infrage stellt. Ich glaube: Trump wird die Banken hätscheln.

kress.de: Als Ursache für die Erfolge von Trump, der FPÖ, dem Front National und der AfD sehen Sie das Misstrauen in eine Politik, "die kleine Gruppen reicher macht, die alte Werte umdeutet und die bisherige Wirtschaftsordnung umstürzt". Warum bieten andere Gruppierungen momentan für Menschen, die sich gegen diese Umverteilung von unten nach oben wenden, so wenig Anziehungskraft?

Hans-Jürgen Jakobs: Weil sie Teil des Systems sind, Parteien des Establishments. Die Wähler entscheiden sich dezidiert für Kräfte, die nicht aus dem Establishment kommen. Deswegen wurde Donald Trump gewählt. Und die AfD, die Ukip in Großbritannien, der Front National sind Kräfte jenseits der herrschenden Klasse. Sie erfahren einen Bonus, weil ihre Wahl angeblich etwas verändert. Die Sichtweise ist so: Die Anderen hatten ihre Chance, haben sich aber in die Interessen der Wirtschaft einspannen lassen.

kress.de: Sie sind seit vielen Jahren führender Wirtschaftsjournalist. Tragen die Medien zu diesem Hilflosigkeitsgefühl, das sich offenbar in großen Bevölkerungsschichten breitmacht, bei?

Hans-Jürgen Jakobs: Die Medien befinden sich im Zustand der Selbsttherapie. Sie sind auf der Suche nach Gründen für diese politische Entwicklung und ihren schwindenden Einfluss. Es ist Tatsache, dass sie keine Verbindung mehr zu bestimmten Bevölkerungsgruppen haben. Die renitenten Wähler nehmen die Medien als Teil des Establishments wahr. Das hat in Deutschland zu den absurden "Lügenpresse"-Rufen geführt. Das Bestreben der Medien, Hintergründe aufzuzeigen und die Meinungsbildung zu unterstützen, wird dadurch konterkariert. Daher bleibt diese Verabreichung ohne Folgen. Vernunft hat in einem Umfeld, das von Emotionen beherrscht wird, keine Chance.

kress.de: Laut Verlag ist Ihr Buch "die erste umfassende Recherche über die wahren Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus". Wenn Sie es inhaltlich in wenigen Sätzen zusammenfassen: Was ist das Neue an Ihren Erkenntnissen?

Hans-Jürgen Jakobs: Dem anonymen Kapital, das die Geschehnisse bestimmt, gebe ich ein Gesicht. Wissen Sie, wir sprechen von "Märkten", bezeichnen sie fast als gottgleich. Aber dahinter stehen Menschen. Ich stelle dar, was sie antreibt, wer sie sind. Denn das ist nur in wenigen Fällen bekannt.

kress.de: Allerdings. Über einen Ihrer Protagonisten, Abdullah bin Mohammed bin Saud Al-Thani, findet sich in der deutschsprachigen Wikipedia kein Artikel, und in der englischsprachigen gibt es nur drei Zeilen mit seinen biographischen Daten. Wird der katarische Scheich unterschätzt?

Hans-Jürgen Jakobs: Was für ihn gilt, gilt für alle Scheichs. Man kann und darf sie nicht unterschätzen. Wissen Sie, warum Sie im Internet nichts über diese Leute finden? Weil sie keine Interviews geben und auch keine Informationen preisgeben - oder zumindest nur ganz selten. Es handelt sich bei ihnen um völlig abgeschottete Investoren, die zu Herrscherfamilien gehören. Sie setzen das Geld aus der Erdöl- und Erdgasförderung zielgerichtet in Volkswirtschaften ein.

kress.de: Worauf arbeiten er und die anderen Scheichs hin?

Hans-Jürgen Jakobs: Das will ich Ihnen sagen. Andere Abkömmlinge dieser katarischen Herrscherfamilie sind zum Beispiel die größten Aktionäre der Deutschen Bank. Über den Investmentfonds "Qatar Investment Authority" sind sie auch an vielen globalen Unternehmen wie Shell, Barclays, Siemens und sogar einem Kaufhaus wie Harrods beteiligt. Allein das wirft schon ein Schlaglicht auf deren Finanzkraft und auch auf deren Absicht.

kress.de: Aber welche Absicht ist das? Gibt es politische Ziele?

Hans-Jürgen Jakobs: Darüber wird viel spekuliert, aber eines ist klar: Wer über seine Beteiligungen so viel Einfluss hat, kann sich bei Entscheidungen viel besser einbringen. Da geht es um steuerrechtliche Aspekte und auch um Fragen der Klima- und Energiepolitik - für ein ölproduzierendes Land wie Katar ist das enorm wichtig.

kress.de: Das betrifft doch aber auch andere Länder.

Hans-Jürgen Jakobs: Völlig richtig. Deswegen ist Katar ja zum Beispiel auch das große Vorbild Saudi-Arabiens. Diese Länder wollen Vorsorge treffen für die Zeit nach dem Öl, wenn die Rohstoffreserven weniger werden, wenn alternative Energiegewinnung in den Mittelpunkt rückt. Über die wirtschaftlichen Investments schaffen diese Herrscherfamilien für ihre Staaten neue Strukturen. Katar hat ja auch den Sport entdeckt, richtet zahlreiche Weltmeisterschaften, nicht nur im Fußball, aus. Und die Beteiligung an internationalen Banken dient ihnen auch dazu, ein eigenes Bankensystem aufzubauen.

kress.de: Sie schreiben, dass allein die zehn mächtigsten Vermögensverwalter, Fondsmanager, Scheichs und Oligarchen mit mehr Geld spekulieren und es anlegen als Deutschland erwirtschaftet. Das ist ja erst einmal nicht illegitim. Aber wie beeinflussen diese Menschen damit die globale Politik?

Hans-Jürgen Jakobs: Über die Geldanlage in Märkten, über das Verleihen von Geld an Staaten. Darüber wird Macht ausgeübt. Nehmen Sie als Beispiel die Spekulationen um Italien wegen des Referendums im Dezember. Die Investoren glauben, dass dieses scheitert. Sie ziehen ihr Geld aus italienischen Staatsanleihen ab. Grundsätzlich ist es so: Die Vermögensverwaltungsfirmen sind an allen großen Konzernen der Welt beteiligt. Sie sind die größten Aktionäre, tauchen aber nirgendwo auf. Sie sitzen nicht in Aufsichtsräten. Aber in den Investorengesprächen üben sie erheblichen Einfluss aus. Die wahre Macht liegt nicht bei den Gremien, sondern den großen Geldgebern.

kress.de: Welche Rolle spielt George Soros in Ihrem Buch? Die "Neue Zürcher Zeitung" hat ihn am Montag als "Drahtzieher" des mächtigen Clinton-Imperiums bezeichnet.

Hans-Jürgen Jakobs: Ich sehe ihn eher janusköpfig. Einerseits ist er ein Philanthrop und Philosoph. Er hat bei Popper studiert. Andererseits ist er ein Spekulant. Auch wenn er seinen Hedgefonds nicht mehr leitet, fragen ihn die Manager doch nach Rat. Er hat aber auch ein Institut für neues ökonomischen Denken gegründet, das weg möchte von der Fixierung auf Wachstum. Und es ist richtig, er ist wirtschaftlich sehr stark bei den Demokraten engagiert. Wie überhaupt die Finanzwelt viel mehr mit den Demokraten verwoben ist als mit den Republikanern.

kress.de: Über Soros' Einfluss auf die globale Politik wird immer wieder spekuliert: Wie mächtig ist er wirklich?

Hans-Jürgen Jakobs: Er ist sehr mächtig - nicht im Sinne von Durchsetzen, sondern im Setzen von Themen. Soros betreibt ein sehr einflussreiches Agenda Setting. Und er ist ein exzellenter Networker. Er beeinflusst im Hintergrund die Stimmungen und kann Geld organisieren. Nachdem sie mit ihrem Einfluss die Steuerlast gedrückt haben, haben die Superreichen nun ein neues Hobby entdeckt: Im Alter entfalten sie - wie auch Bill Gates - Philanthropie. Sie üben Macht über Spenden aus, wollen damit in ihrem Sinne Gutes tun und so die Welt verändern.

kress.de-Tipp: Hans-Jürgen Jakobs, "Wem gehört die Welt? Die Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus", gebunden mit Schutzumschlag, 36 Euro, ISBN: 978-3-8135-0736-2

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