DJU-Vorsitzender Ulrich Janßen: "Schwester der Pressefreiheit ist die Presseverantwortung"

 

"Optimale Bedingungen für guten Journalismus sind wichtige Pfeiler der Demokratie", sagt Ulrich Janßen, Vorsitzender der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di, im Gespräch mit kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

kress.de: In welchen Bereichen sehen sie eine Einschränkung der Pressefreiheit in Deutschland?

Ulrich Janßen: Wie jedes Grundrecht ist auch die Pressefreiheit ein zerbrechliches Gut. Eine unserer Aufgaben als Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union dju in ver.di ist, dieses empfindliche Gut zu schützen gegen Übergriffe. 

kress.de: In welchen Bereichen sehen sie eine Einschränkung der Pressefreiheit in Deutschland? Behörden und Unternehmen "mauern" oft, zumal wenn es um heikle Informationen geht. Sie verweigern Interviews - oder überlassen nur ein meist wenig aussagekräftiges Statement. Ist das aus Ihrer Sicht eine Einschränkung der Pressefreiheit?

Ulrich Janßen: Die Forderung der dju in ver.di nach einem Presseauskunftsgesetz ist berechtigt wie eh und je. Es muss endlich Bundesbehörden zu Auskünften an die Medien verpflichten wie es in den Landespressegesetzen auch für Landesbehörden vorgesehen ist. Da muss eine verwaltungsrechtliche Hürde beiseite geräumt werden, damit Transparenz über staatliches Handeln hergestellt werden kann. An heikle Informationen aus Privatunternehmen kommen wir Journalisten vor allem durch Menschen, die uns persönlich vertrauen. Informanten müssen auch darauf vertrauen können, dass ihre Telekommunikationsdaten geschützt sind und bleiben. Deshalb kämpft die dju in ver.di für einen wirksamen Informantenschutz, dem Vorratsdatenspeicherung und behördliche Überwachung zuwiderlaufen. 

kress.de: Gabor Steingart hat in einer harten Analyse vor Mitarbeitern die zu große Nähe - etwa zu Wirtschaftsmanagern - in der Berichterstattung kritisiert. Jürgen Leinemann sprach oft von der größten Korruptionsgefahr von Journalisten durch "zu große Nähe" zu Informanten. Sehen Sie auch diese "Nähe" als Problem der Pressefreiheit?

Ulrich Janßen: Optimale Bedingungen für guten Journalismus sind wichtige Pfeiler der Demokratie. Dazu gehören Auskunfts- und Informationsrechte ebenso wie Redaktionsstatute, die sicher stellen, dass die Redaktionen tatsächlich unabhängig agieren können. Unverzichtbar ist aber auch das, was wir innere Pressefreiheit nennen und dazu gehört eine Bezahlung, die es den Kolleginnen und Kollegen ermöglicht, wirtschaftlich unabhängig zu agieren. Wer Freie mit Dumpinghonoraren abspeist, untergräbt diese Unabhängigkeit.

kress.de: In der "nervösen" Medienkritik - gibt es jenseits aller Abwehr der Kritik - eine sehr weitgehende Übereinstimmung: die Kritik an zu viel Mainstream in der Berichterstattung, an dem Sog der großen Übereinstimmung von Journalisten. Schränkt der diagnostizierte Mainstream die Pressefreiheit ein?

Ulrich Janßen: Die verbreitete "Mainstream"-Kritik erscheint mir oft so pauschal, dass ich den Eindruck habe, die Kritiker selbst folgen einem "Stream". Dennoch tun wir Journalisten gut daran, Kritik ernst zu nehmen und etwaige Fehler nicht zu kaschieren.

kress.de: Die gewaltige Macht der PR-Pressestellen, Content Marketing, Anzeigen-Abhängigkeit sowie vielfältige Kooperationen über Konferenzen und Kongresse etc: wirkt sich diese Tendenz auf das Niveau der Pressefreiheit aus?

Ulrich Janßen: Eine Redaktion muss unabhängig von äußeren Einflüssen ihre Arbeit tun können. Um diese Unabhängigkeit sicher zu stellen, müssen nicht nur die Arbeits- und Entlohnungsbedingungen stimmen, sondern es müssen auch genug Menschen an Bord sein, die recherchieren, analysieren, kommentieren. Wir erleben oft, dass Material aus Pressestellen da in den Medien unhinterfragt übernommen wird, wo Stellen abgebaut wurden und die Kolleginnen und Kollegen mit weniger Personal mehr Vertriebswege bespielen müssen. Dem müssen die Verlage entgegen wirken, damit sie das Pfund, mit dem sie wuchern können, das Vertrauen in die Arbeit der Redaktion, nicht gefährden. Das heißt: Mehr Menschen in den Redaktionen, bessere Bedingungen für Freie sowie regelmäßige Weiterbildungsangebote schützen.

kress.de: Viele relevante Journalistinnen und Journalisten, die in den außenpolitischen Ressorts arbeiten, sind Mitglied etwa in der "Atlantikbrücke"; wirkt sich dies auf die Nutzung der Pressefreiheit aus, weil es eine Einbindung in einen Konsens über wesentliche Fragen gibt?

Ulrich Janßen: Ich sehe die Pressefreiheit nicht in Gefahr, wenn Kolleginnen und Kollegen sich zum Beispiel in der Gewerkschaft gemeinsam dafür stark machen. Auch das ist ein Konsens über wesentliche Fragen und den halte ich für ganz wichtig. Journalisten können und dürfen sich verorten.

kress.de: Gibt es eine Einschränkung der Pressefreiheit durch Überlastung und Arbeitsverdichtung von Journalisten? Wird die Pressefreiheit dadurch eingeschränkt, dass diese aufgrund von Zeit-Ressourcenmangel nicht ausreichend wahrgenommen wird?

Ulrich Janßen: Die Schwester der Pressefreiheit ist die Presseverantwortung. Die zwei gehen nur dann Hand in Hand, wenn mit den Journalisten auch die Medienunternehmen - und zwar private und öffentlich-rechtliche - ihrer Verantwortung für guten Journalismus gerecht werden. Das heißt: Genug Personal, gute Arbeitsbedingungen und eine ordentliche Bezahlung der Journalistinnen und Journalisten. Und da sind die Honorare der Freien Journalisten eingeschlossen. Wir erleben aber vielfach eine gegenläufige Tendenz: weniger Personal, Tarifflucht und Dumpimg-Honorare.

Die Fragen an Ulrich Janßen, Vorsitzender der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di, stellte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Hinweis: Dieser Beitrag ist Teil der großen KRESS-Reihe zum Thema Pressefreiheit.

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