Chefredakteur Markus Knall: "Nichts korrumpiert so sehr wie Nähe"

 

Für Markus Knall, Chefredakteur von Merkur.de und tz.de, steht fest: "Nichts korrumpiert so sehr wie Nähe." Im Gespräch mit kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük sagt Knall aber auch: "Auf der anderen Seite bringt Nähe exklusive Informationen."

kress.de: In welchen Bereichen sehen sie eine Einschränkung der Pressefreiheit in Deutschland?

Markus Knall: In allen Themenbereich kann man beobachten, dass Journalisten nicht immer die geforderten Antworten erhalten. Auch und gerade bei Behörden. Verschärft wird die Situation auch dadurch, dass gleichzeitig immer mehr Unternehmen und Institutionen direkt mit den Menschen kommuniziert - und nicht mehr auf die Medien als Mittler angewiesen sind. Zwei Beispiele: Die Münchner Polizei ist in der Amok-Nacht von München durch ihre intensive und offensive Informationspolitik etwa bei Twitter quasi in die Rolle eines Berichterstatters gerückt. Oder: Der FC Bayern hat durch seine reichweitenstarken Social-Kanäle und seinen TV-Sender mehr Möglichkeiten, Interessierte direkt mit News zu versorgen als viele Medienhäuser. Gleichzeitig ist die Auskunftsfreudigkeit der Pressestellen nicht gerade gestiegen. Wir befinden uns also in einem doppelten Dilemma: Immer weniger Auskünfte steht gleichzeitig eine immer offensivere Informationspolitik an den Medien vorbei gegenüber. Kritische und differenzierte Berichterstattung wird dadurch erschwert. Gerade in der digitalen Welt ist die Rolle der Medien als Gatekeeper für Informationen beendet. Wir sind nur noch eine von vielen Quellen für unsere Leser. Das wird dazu führen, dass wir unsere Rolle in den kommenden Jahren überdenken müssen. Stichwort: Content-Curation. 

kress.de: Gabor Steingart hat in einer harten Analyse vor Mitarbeitern die zu große Nähe - etwa zu Wirtschaftsmanagern - in der Berichterstattung kritisiert. Jürgen Leinemann sprach oft von der größten Korruptionsgefahr von Journalisten durch "zu große Nähe" zu Informanten. Sehen Sie auch diese "Nähe" als Problem der Pressefreiheit?

Markus Knall: Nichts korrumpiert so sehr wie Nähe. Auf der anderen Seite bringt Nähe exklusive Informationen. Journalisten müssen abwägen. Allerdings sinkt in der digitalen Welt der Wert des Exklusiven. Exklusivität im Sinne von "der erste sein" ist in der digitalen Welt tot. Was bleibt, ist die Gegenleistung, die man für die Infos bringen muss.

kress.de: In der "nervösen" Medienkritik - gibt es jenseits aller Abwehr der Kritik - eine sehr weitgehende Übereinstimmung: die Kritik an zu viel Mainstream in der Berichterstattung, an dem Sog der großen Übereinstimmung von Journalisten. Schränkt der diagnostizierte Mainstream die Pressefreiheit ein?

Markus Knall: Einschränkungen, die wir Journalisten uns selbst auferlegen, sind tatsächlich die größten Behinderungen in der freien Ausübung unseres Berufs. Zeitmangel, Personalmangel, Rücksichtnahme auf Informanten und langjährige Partner oder Werbekunden. Das alles behindert die Themenvielfalt im Alltag oft mehr als eine mauernde Behörde. 

kress.de: Die gewaltige Macht der PR-Pressestellen, Content Marketing, Anzeigen-Abhängigkeit sowie vielfältige Kooperationen über Konferenzen und Kongresse etc: wirkt sich diese Tendenz auf das Niveau der Pressefreiheit aus?

Markus Knall: PR-Stellen und Content Marketing an sich bedrohen nicht die Pressefreiheit. Die stark steigende Vielfalt an Content-Produzenten verringern aber den Wert der Nachricht bei traditionellen Medien und zwingen uns in eine neue Rolle. Leser sind mit einer unüberschaubaren Menge an "News" aus unterschiedlichsten Quellen konfrontiert. Nicht immer stehen dabei journalistische Masstäbe dahinter. Oft die der Urheber der "News" irrelevant.

kress.de:  Gibt es eine Einschränkung der Pressefreiheit durch Überlastung und Arbeitsverdichtung von Journalisten? Wird die Pressefreiheit dadurch eingeschränkt, dass diese aufgrund von Zeit-Ressourcenmangel nicht ausreichend wahrgenommen wird?

Markus Knall: Tatsächlich sind im Tagesgeschäft der Mangel an Zeit und Personal die eigentlich Beschränken in der Umsetzung guter Themen. Die Liste an tollen Idee von Kollegen, die aus Ressourcenmangel nicht umgesetzt wurden, ist lang. Im Verhältnis dazu ist es ungleich seltener, dass man von Behörden oder Pressestellen keine Auskunft erhält. 

Die Fragen an Markus Knall, Chefredakteur von Merkur.de und tz.de, stellte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Hinweis: Dieser Beitrag ist Teil der großen KRESS-Reihe zum Thema Pressefreiheit.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.