Nachrichtenchef Michael Klein: "Den Herdentrieb gibt es tatsächlich"

 

Michael Klein, Nachrichtenchef "Wetzlarer Neue Zeitung", macht im Gespräch mit kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük klar: "Dass viele in derselben Richtung kommentieren, schränkt zwar nicht die Pressefreiheit ein, wohl aber die Meinungsvielfalt."

kress.de: In welchen Bereichen sehen Sie eine Einschränkung der Pressefreiheit in Deutschland?

Michael Klein: Von einer wirklichen Einschränkung der Pressefreiheit in Deutschland zu sprechen, wäre vermessen angesichts der Situation in anderen Ländern - etwa in Russland oder in der Türkei. Wohl aber gibt es auch in Deutschland immer wieder Versuche interessierter Gruppen, Einfluss auf eine unabhängige Berichterstattung zu nehmen. Das reicht von personell bestens ausgestatteten PR-Abteilungen in Verbänden und Konzern bis hin zu Bürgerinitiativen, die ihre Position nicht ausreichend wiedergegeben sehen. Plumper sind Versuche rechtsextremer und populistischer Kräfte, Einfluss auf die freie Berichterstattung zu nehmen - etwa durch Morddrohungen gegen Journalisten oder durch körperliche Gewalt auf Demonstrationen. Auch das Schlagwort von der "Lügenpresse" dient dem Versuch, unabhängige Berichterstattung in Misskredit zu bringen und gleichzeitig die eigene Meinung über die aller Andersdenkenden zu erheben. Dass damit die Verehrung von Wladimir Putin einhergeht, muss einen nicht wundern: In Russland ist die Pressefreiheit faktisch abgeschafft.      

kress.de: Behörden und Unternehmen "mauern" oft, zumal wenn es um heikle Informationen geht. Sie verweigern Interviews - oder überlassen nur ein meist wenig aussagekräftiges Statement. Ist das aus Ihrer Sicht eine Einschränkung der Pressefreiheit?

Michael Klein: Auch dies ist eher ein Versuch, die Pressefreiheit einzuschränken. Denn es liegt ja an uns Journalisten, durch gute Recherche dennoch die Informationen zu erhalten, von denen wir glauben, dass die Öffentlichkeit daran ein berechtigtes Interesse hat. Behörden und Unternehmen, die "mauern", tun sich damit übrigens keinen Gefallen. Denn sie laufen Gefahr, dass sich die Berichterstattung dann zwangsläufig nur noch aus anderen Quellen speist. Es gibt zum Glück meistens Informanten, deren Interessen nicht mit denen von Behörden und Unternehmen identisch sind.    

kress.de: Gabor Steingart hat in einer harten Analyse vor Mitarbeitern die zu große Nähe - etwa zu Wirtschaftsmanagern - in der Berichterstattung kritisiert. Jürgen Leinemann sprach oft von der größten Korruptionsgefahr von Journalisten durch "zu große Nähe" zu Informanten. Sehen Sie auch diese "Nähe" als Problem der Pressefreiheit?

Michael Klein: Das hängt allein vom einzelnen Journalisten ab. Mit Nähe muss man umgehen können - man darf sie nicht mit Kumpanei verwechseln. Nähe ist notwendig, um Vertrauen zu schaffen und an Informationen zu gelangen. Es muss aber immer klar sein, dass das Interesse des Journalisten allein der Allgemeinheit dient und nicht partikularen Interessen. Oft ist das ein Drahtseilakt. Aber von gut ausgebildeten und erfahrenen Journalisten kann man erwarten, dass sie ihn beherrschen. Gabor Steingart trifft gleichwohl einen wunden Punkt: Gerade in der Wirtschafts- und Finanzberichterstattung gibt es Defizite. Wenn etwa ein TV-Moderator live von der Börse berichtet und jubiliert, dass "wir" (gemeint sind die Aktienkurse) gerade in einem tollen Plus sind, dann sagt das alles.   

kress.de: In der "nervösen" Medienkritik - gibt es jenseits aller Abwehr der Kritik - eine sehr weitgehende Übereinstimmung: die Kritik an zu viel Mainstream in der Berichterstattung, an dem Sog der großen Übereinstimmung von Journalisten. Schränkt der diagnostizierte Mainstream die Pressefreiheit ein?

Michael Klein: Den Herdentrieb gibt es tatsächlich. Und wer sich ihm anschließt, sollte sich kritisch hinterfragen. Journalisten überzeugen nicht, indem sie die Thesen der vermeintlichen Meinungsmacher im Land nachplappern, nur um nichts falsch zu machen. Sie überzeugen - etwa im Kommentar - durch ihre persönliche und zugleich fundierte Haltung. Dass viele in derselben Richtung kommentieren, schränkt zwar nicht die Pressefreiheit ein, wohl aber die Meinungsvielfalt. Und das gilt parallel für die Themensetzung.

kress.de: Die gewaltige Macht der PR-Pressestellen, Content Marketing, Anzeigen-Abhängigkeit sowie vielfältige Kooperationen über Konferenzen und Kongresse etc: Wirkt sich diese Tendenz auf das Niveau der Pressefreiheit aus?

Michael Klein: Ich denke, nicht wirklich. Es hängt aber sehr vom einzelnen Journalisten ab und davon, ob ihm der Chefredakteur und das Unternehmen, das ihn beschäftigt, bei der Abwehr von Einflussnahme-Versuchen den Rücken freihalten. Zum Glück ist dies nach meiner Beobachtung in Deutschland meistens der Fall. Abwehren müssen wir neuerdings aber auch gegen die Pressefreiheit gerichtete Kampagnen radikaler Kräfte, etwa in den sozialen Netzwerken. Diese sollen dem Ruf der Presse schaden - in der Hoffnung, dass nur noch die eigene Meinung zählt. Dagegen hilft nur unaufgeregtes, beharrliches Erklären.

kress.de: Viele relevante Journalistinnen und Journalisten, die in den außenpolitischen Ressorts arbeiten, sind Mitglied etwa in der "Atlantikbrücke"; wirkt sich dies auf die Nutzung der Pressefreiheit aus, weil es eine Einbindung in einen Konsens über wesentliche Fragen gibt?

Michael Klein: Die meisten Mitglieder der "Atlantikbrücke" kommen aus Wirtschaft und Politik, nur wenige sind Journalisten. Hier gilt dasselbe wie bei der Nähe zu Managern und Politikern im Allgemeinen: dabei sein, sich aber nicht gemein machen mit einer Sache - ganz im Sinne von Hanns Joachim Friedrichs. Wenn allerdings der Konsens darin besteht, für Frieden und Freiheit, für Demokratie und Völkerverständigung einzutreten, dann ist das nicht verwerflich. Ganz im Gegenteil. 

kress.de: Gibt es eine Einschränkung der Pressefreiheit durch Überlastung und Arbeitsverdichtung von Journalisten? Wird die Pressefreiheit dadurch eingeschränkt, dass diese aufgrund von Zeit-Ressourcenmangel nicht ausreichend wahrgenommen wird?

Michael Klein: Auch knappe Personalressourcen schränken nicht die Freiheit der Presse ein, sie entscheiden allerdings über die Qualität der journalistischen Arbeit. Und da besteht aktuell die Gefahr, dass die Schere auseinander geht. Der gebührenfinanzierte Rundfunk und das gebührenfinanzierte Fernsehen verfügen nach wie vor über gut ausgestattete Redaktionen, von denen viele auch Raum für zeitaufwendige Recherchen haben. Zeitungen, die von der Zahlungsbereitschaft ihrer Leser abhängig sind, haben dagegen mit sinkenden Auflagen zu kämpfen. Ob die regionalen und überregionalen Tageszeitungen ihr hohes Qualitätsniveau - gedruckt wie online - in Zukunft halten können, hängt also davon ab, was den Menschen unabhängiger Journalismus wert ist.

Die Fragen an Michael Klein, Nachrichtenchef "Wetzlarer Neue Zeitung", stellte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Hinweis: Dieser Beitrag ist Teil der großen KRESS-Reihe zum Thema Pressefreiheit.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.