Publizist Hugo Müller-Vogg: "Medien müssen berichten, nicht als Partei agieren"

 

"Zu große Nähe und zu große Distanz sind die beiden Pole, zwischen denen sich jeder Journalist bewegt", sagt der Publizist Hugo Müller-Vogg, früher Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", im Gespräch mit kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.


kress.de: In welchen Bereichen sehen sie eine Einschränkung der Pressefreiheit in Deutschland?


Hugo Müller-Vogg: Alles in allem haben wir in Deutschland ein hohes Maß an Pressefreiheit. Dass der Staat, auch der Rechtsstaat, immer gerne mehr Informationen hätte, als Journalisten ihm zu geben bereit sind, war schon immer so und wird immer so bleiben. Mein Vertrauen in die Gerichte, insbesondere das Bundesverfassungsgericht, ist aber ungebrochen. Gefährlich für die Pressefreiheit sind zweifellos Versuche von Rechts- und Linksradikalen, Journalisten massiv zu bedrohen und bei ihrer Arbeit zu behindern. Hier muss der Staat Flagge zeigen. 


kress.de: Behörden und Unternehmen "mauern" oft, zumal wenn es um heikle Informationen geht. Sie verweigern Interviews - oder überlassen nur ein meist wenig aussagekräftiges Statement. Ist das aus Ihrer Sicht eine Einschränkung der Pressefreiheit?

Hugo Müller-Vogg: Staatliche Behörden haben die Pflicht, Anfragen zu beantworten. Wo die Grenze zwischen schützenswerten Interessen und willkürlicher Informationsverweigerung liegt, muss notfalls gerichtlich geklärt werden. Bei Unternehmen ist das anders. Was sie nicht aufgrund gesetzlicher Vorschriften zu veröffentlichen haben, müssen sie auch nicht. "Mauern" aus Prinzip ist aber weder klug noch langfristig hilfreich.


kress.de: Gabor Steingart hat in einer harten Analyse vor Mitarbeitern die zu große Nähe - etwa zu Wirtschaftsmanagern - in der Berichterstattung kritisiert. Jürgen Leinemann sprach oft von der größten Korruptionsgefahr von Journalisten durch "zu große Nähe" zu Informanten. Sehen Sie auch diese "Nähe" als Problem der Pressefreiheit?

Hugo Müller-Vogg: Zu große Nähe und zu große Distanz sind die beiden Pole,  zwischen denen sich jeder Journalist bewegt. Wer seine Seele aufgrund zu großer Nähe verkauft, kommt seinen beruflichen Pflichten nicht nach, gefährdet aber nicht generell die Pressefreiheit. Ich würde mir wünschen, dass Verlage grundsätzlich die Kosten selbst tragen, wenn Unternehmen zu Informationsreisen usw. einladen. Das würde manchen Kollegen, manche Kollegin nicht so sehr in Versuchung führen, als "Dankeschön" für eine Luxusreise eine Wohlfühlstory zu schreiben. In der Politik wird die Distanz nach meinen Beobachtungen immer geringer. Wenn ich sehe, wie viele Hauptstadtjournalisten mit Politikern und Pressesprechern per Du sind und auch privat häufig Kontakt haben, stimmt das bedenklich.

kress.de: In der "nervösen" Medienkritik - gibt es jenseits aller Abwehr der Kritik - eine sehr weitgehende Übereinstimmung: die Kritik an zu viel Mainstream in der Berichterstattung, an dem Sog der großen Übereinstimmung von Journalisten. Schränkt der diagnostizierte Mainstream die Pressefreiheit ein?

Hugo Müller-Vogg: Journalisten, die im medialen Mainstream mitschwimmen, haben es leichter als andere. Das hat nichts mit Pressefreiheit zu tun, sondern mit Opportunismus. Gefährlich wird es, wenn - wie in der Flüchtlingskrise - die Medien nicht mehr berichten, sondern als Partei agieren. Die viel gerühmte "Willkommenskultur" war das Produkt eines medialen "Willkommensrauschs" - unter bewusster Ausklammerung unliebsamer Fakten.



kress.de: Die gewaltige Macht der PR-Pressestellen, Content Marketing, Anzeigen-Abhängigkeit sowie vielfältige Kooperationen über Konferenzen und Kongresse etc: wirkt sich diese Tendenz auf das Niveau der Pressefreiheit aus?

Hugo Müller-Vogg: Angesichts immer stärker ausgedünnter Redaktionen und immer stärker schrumpfender Etats haben viele Kolleginnen und Kollegen gar nicht mehr die Zeit und die Mittel für ausreichende Recherchen. So stärkt die Sparpolitik der Verlage die Macht der Meinungsmacher und Meinungsmanipulateure außerhalb der Redaktionen. Und: Wenn ein Verlag "Medienpartner" von Kongressen usw. ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit einer positiven Berichterstattung größer als die einer unvoreingenommenen.



kress.de: Viele Journalistinnen und Journalisten, die in den außenpolitischen Ressorts arbeiten, sind Mitglied etwa in der "Atlantikbrücke"; wirkt sich dies auf die Nutzung der Pressefreiheit aus, weil es eine Einbindung in einen Konsens über wesentliche Fragen gibt?


Hugo Müller-Vogg: Ich war nie Mitglied bei der Atlantikbrücke, habe aber an mehreren Veranstaltungen teilgenommen. Was die Teilnehmer dort einte, war ein besonderes Interesse an den transatlantischen Beziehungen. Dass dort alle einer Meinung wären, halte ich für ein Fantasieprodukt von Verschwörungstheoretikern.


kress.de: Gibt es eine Einschränkung der Pressefreiheit durch Überlastung und Arbeitsverdichtung von Journalisten? 

Hugo Müller-Vogg: Ja, das ist leider so. 

Die Fragen an den Publizisten Dr. Hugo Müller-Vogg, früher Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", stellte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Hinweis: Dieser Beitrag ist Teil der großen KRESS-Reihe zum Thema Pressefreiheit.

Ihre Kommentare
Kopf

Michael Messer

02.12.2016
!

Die Digitalisierung, die Ausrichtung auf reine Wirtschaftlichkeit und dabei der scheinbare Verlust von Zukunftsvisionen gefährden die Pressefreiheit.
Der Profil-, Qualitäts- und der Glaubwürdigkeitsverlust der Medien wird vom der Masse der Menschen zunehmend als Manipulativ wahrgenommen.

Was fehlt ist der Schulterschluss der Aufrichtigen Journalisten mit eigenen Qualitätsangeboten mit klarem Profil, kritischer, ehrlicher journalistischer Berichterstattung. Ziel: gutes Auskommen echte Info.


LetTheBrainWork

05.12.2016
!

Ist Pressefreiheit überhaupt möglich, solange politische Parteien in großem Stil ökonomisch an den Presseorganen beteiligt sind?


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