"taz"-Chefredakteur Georg Löwisch: "Hartnäckigkeit gehört zum Job"

 

"Pressestellen, die sich als Schweigestellen verstehen, muss man nerven oder umgehen. Aber deswegen gleich die Pressefreiheit bedroht zu sehen, fände ich übertrieben", sagt Georg Löwisch, Chefredakteur von "taz - die tageszeitung", im Gespräch mit kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

kress.de: In welchen Bereichen sehen Sie eine Einschränkung der Pressefreiheit in Deutschland?

Georg Löwisch: Rechte Hetzer greifen die Presse an. Auf Kundgebungen beleidigen sie Reporter, sie spucken, sie prügeln und treten. Wenn der MDR mitunter seine Leute mit Bodyguards zu Pegida schicken muss, dann stimmt etwas nicht. Wir haben solche Attacken nicht nur in Sachsen, sondern auch in Berlin. Unsere Fotografen werden von Rechtsextremen immer wieder angegangen. Da wünsche ich mir Polizeibeamte, die Artikel 5 des Grundgesetzes im Kopf haben. Eine besonders ekelhafte Methode ist es auch, wenn Nazis Reporter während der Arbeit abfotografieren und in sozialen Netwerken gegen sie hetzen.

kress.de: Behörden und Unternehmen "mauern" oft, zumal wenn es um heikle Informationen geht. Sie verweigern Interviews - oder überlassen nur ein meist wenig aussagekräftiges Statement. Ist das aus Ihrer Sicht eine Einschränkung der Pressefreiheit?

Georg Löwisch: Hartnäckigkeit gehört zum Job. Ruft die Reporterin zum fünften Mal an, bewegt sich auch ein behäbiger Bundesbürokrat. Pressestellen, die sich als Schweigestellen verstehen, muss man nerven oder umgehen. Aber deswegen gleich die Pressefreiheit bedroht zu sehen, fände ich übertrieben, tut mir leid. Und fast zynisch, wenn wir zu den Kolleginnen und Kollegen in der Türkei schauen, denen Erdogan die Pressefreiheit entreißt. Im aktuellen Ranking von Reporter ohne Grenzen liegt Deutschland auf Platz 16 und die Türkei auf 151. Mehr als 130 Medienleute sitzen dort im Gefängnis. Was sollen die denken, wenn wir hier eine Heulnummer abziehen, weil irgendwer mauert?

kress.de: Gabor Steingart hat in einer harten Analyse vor Mitarbeitern die zu große Nähe - etwa zu Wirtschaftsmanagern - in der Berichterstattung kritisiert. Jürgen Leinemann sprach oft von der größten Korruptionsgefahr von Journalisten durch "zu große Nähe" zu Informanten. Sehen Sie auch diese "Nähe" als Problem der Pressefreiheit?

Georg Löwisch: Von einer Presse, die alles aus vornehmer Distanz heraus betrachtet, hat auch niemand was. Sie brauchen beides: Nähe und Distanz. Dafür sind ja gerade die Arbeiten von Jürgen Leinemann ein ausgezeichnetes Beispiel. Es ist eine journalistische Kunst, nah an die Protagonistinnen und Protagonisten heranzukommen: durch Gespräche, durch Beobachten, durch Recherche. Und dann muss man wieder Distanz herstellen: Durch Gegenrecherchen, durch Nachdenken, auch durch den Akt des Aufschreibens. Häufig hilft dabei eine gestrenge Redakteurin oder ein gestrenger Redakteur.

kress.de: In der "nervösen" Medienkritik - gibt es jenseits aller Abwehr der Kritik - eine sehr weitgehende Übereinstimmung: die Kritik an zu viel Mainstream in der Berichterstattung, an dem Sog der großen Übereinstimmung von Journalisten. Schränkt der diagnostizierte Mainstream die Pressefreiheit ein?

Georg Löwisch: Da muss man sehr, sehr vorsichtig sein. Die Erzählung von den Medien, die angeblich gleichgeschaltet sind oder sich angeblich selbst gleichschalten, ist ein rechter Spin. Die Mär vom angeblich linksliberalen Mainstream hilft der AfD. Wie war es denn in der ach so guten alten Zeit der Bonner Republik? Damals speiste sich die Berichterstattung doch aus weniger Quellen als heute. Da haben viele Zeitungen überwiegend dpa-Nachrichten gedruckt, in Bonn steckten Korrespondenten gern nach dem Pressefrühstück die Köpfe zusammen und jeden Montagmorgen schauten alle ehrfürchtig in den "Spiegel", ob der etwas Neues in den Kreislauf reingibt. Im Vergleich dazu kann ich nicht erkennen, dass die Medien sich heute einander stärker gleichen.

kress.de: Inwiefern?

Georg Löwisch: Die Vielfalt der selbst gesetzten und selbst recherchierten Themen ist größer geworden. Die harte Konkurrenz zwingt uns Medien zur Unterscheidbarkeit. Außerdem können sich auch Positionen weniger etablierter Medien oder sogar einzelner Blogger über soziale Netzwerke stark verbreiten.

kress.de: Die gewaltige Macht der PR-Pressestellen, Content Marketing, Anzeigen-Abhängigkeit sowie vielfältige Kooperationen über Konferenzenund Kongresse etc: wirkt sich diese Tendenz auf das Niveau der Pressefreiheit aus?

Georg Löwisch: Klar, zur Pressefreiheit gehört die Unabhängigkeit der Berichterstattung. Und natürlich liegt die Vermutung nahe: Je höher der wirtschaftliche Druck, desto frecher die Begehren von Anzeigenkunden und Lobbyisten, desto nachgiebiger die Verlagsverantwortlichen. Und dann beginnt das Gezerre um die Unabhängigkeit. Die Presse darf ihre Unabhängigkeit aber nicht mal in kleinen Stückchen hergeben. Ob und wo es schon in die Richtung geht, vermag ich nicht zu beurteilen. Doch die Logik wäre tödlich. Jedenfalls stelle ich fest, dass über das taz-Genossenschaftsmodell, das Unabhängigkeit garantiert, niemand mehr lacht. Auch das freiwillige Online-Bezahlmodell "taz zahl ich" wird genau beobachtet, und andere gehen auch diesen Weg.

kress.de: Viele relevante Journalistinnen und Journalisten, die in den außenpolitischen Ressorts arbeiten, sind Mitglied etwa in der "Atlantikbrücke"; wirkt sich dies auf die Nutzung der Pressefreiheit aus, weil es eine Einbindung in einen Konsens über wesentliche Fragen gibt?

Georg Löwisch: Es finden sympathische und weniger sympathische Kaffeekränzchen statt. Aber keines bedroht die Meinungsfreiheit in Deutschland.

kress.de: Gibt es eine Einschränkung der Pressefreiheit durch Überlastung und Arbeitsverdichtung von Journalisten? Wird die Pressefreiheit dadurch eingeschränkt, dass diese aufgrund von Zeit-Ressourcenmangel nicht ausreichend wahrgenommen wird?

Georg Löwisch: Konzernjournalismus kann eine Gefahr sein, wenn in den Konzernzentralen die Controller die journalistischen Leitplanken setzen. Wenn die Journalistinnen und Journalisten gar nicht mehr wirklich berichten, weil sie keine Zeit dafür haben, den Telefonhörer in die Hand zu nehmen geschweige denn draußen zu recherchieren, dann brauchen Sie nach der Pressefreiheit gar nicht mehr zu fragen. Und in manchen Regionen ist der Lokaljournalismus schon sehr ausgedünnt. Aber ohne Presse gibt es keine Pressefreiheit.

Die Fragen an Georg Löwisch, Chefredakteur von "taz - die tageszeitung", stellte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Hinweis: Dieser Beitrag ist Teil der großen KRESS-Reihe zum Thema Pressefreiheit.

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