"Vorwärts"-Chefin Karin Nink: "Wer unter finanziellem Druck steht, recherchiert weniger"

 

"Pressefreiheit weitestgehend zu nutzen, verlangt keine totale Neutralität", sagt Karin Nink, Geschäftsführerin Berliner vorwärts Verlagsgesellschaft mbH und Chefredakteurin "Vorwärts" und "Demo", im Gespräch mit kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

kress.de: In welchen Bereichen sehen sie eine Einschränkung der Pressefreiheit in Deutschland?

Karin Nink: Vorab: Es gibt wenige Länder, in denen die Pressefreiheit im Sinne der äußeren Pressefreiheit und die Kontrolle über deren Einhaltung per Verfassung so abgesichert ist wie in Deutschland. Das ist nach wie vor eine exzellente Basis für journalistische Arbeit, auch wenn wir in der jüngsten Zeit erschreckende Tendenzen feststellen müssenDie Pressefreiheit wird in Deutschland in meinen Augen seit einiger Zeit vor allem durch An- und Übergriffe von Rechtsradikalen und Rechtspopulisten auf Journalisten und Journalistinnen eingeschränkt und gefährdet. Reporter ohne Grenzen zählte im vorigen Jahr 39 gewalttätige Übergriffe auf Kolleginnen und Kollegen. Aber auch der Staat muss darauf achten, dass er bei Gesetzesänderungen zum Schutz gegen Terrorismus das Kind nicht mit dem Bade ausschüttet. Bei allem Respekt vor weitergehenden Maßnahmen, um terroristische Angriffe zu verhindern, gilt es, den Informantenschutz von Journalisten zu respektieren und die mit ihrem verfassungsrechtlichen Auftrag verbundenen Privilegien, die vor allem journalistische Pflichten sind, zu erhalten. Wenn der Gesetzgeber dies nicht hinreichend tut, spielt er all jenen in die Karten, die den Staat unterhöhlen wollen. Ein Beispiel für den falschen Umgang mit Journalisten waren eindeutig die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft gegen netzpolitik.org.

kress.de: Behörden und Unternehmen "mauern" oft, zumal wenn es um heikle Informationen geht. Sie verweigern Interviews - oder überlassen nur ein meist wenig aussagekräftiges Statement. Ist das aus Ihrer Sicht eine Einschränkung der Pressefreiheit?

Karin Nink: Grundsätzlich kann keine nicht-staatliche Instanz gezwungen werden, Journalisten in dem Maße Auskunft zu geben, wie die Öffentlichkeit das erwarten darf. Wer aber versucht, mit einer gewissen "Bunkermentalität" Medien abzuwimmeln, tut sich selbst keinen Gefallen. Kluge Journalisten bohren weiter und lassen sich in einem solchen Fall erst recht nicht abschrecken. Informationslecks gibt es immer.

kress.de: Gabor Steingart hat in einer harten Analyse vor Mitarbeitern die zu große Nähe - etwa zu Wirtschaftsmanagern - in der Berichterstattung kritisiert. Jürgen Leinemann sprach oft von der größten Korruptionsgefahr von Journalisten durch "zu große Nähe" zu Informanten. Sehen Sie auch diese "Nähe" als Problem der Pressefreiheit?

Karin Nink: Die entscheidende Frage ist, wie man als Journalist oder Informant mit einer solchen Nähe umgeht. Wenn jeder sich seiner Rolle und der damit verbunden Aufgaben bewusst ist und diese professionell erfüllt, bleibt die notwendige Distanz erhalten. Es ist sicher immer dann schwierig, wenn Journalisten und Journalistinnen der professionellen Verbindung eine private Note geben oder diese zulassen. Informanten und Menschen, über die ich berichte und schreibe, gehören grundsätzlich nicht in mein Privatleben. Tun sie es ausnahmsweise doch, ist es umso wichtiger, die verschiedenen Rollen einzuhalten. Denn ein guter Journalist oder eine gute Journalistin sollte sich auch durch private Nähe nicht von seiner bzw. ihrer Arbeit abhalten lassen. Insofern liegt es in diesen Fällen an jedem Journalisten selbst, ob er seine Pressefreiheit einschränkt.

kress.de: In der "nervösen" Medienkritik - gibt es jenseits aller Abwehr der Kritik - eine sehr weitgehende Übereinstimmung: die Kritik an zu viel Mainstream in der Berichterstattung, an dem Sog der großen Übereinstimmung von Journalisten. Schränkt der diagnostizierte Mainstream die Pressefreiheit ein?

Karin Nink: Wir müssen hier zunächst zwischen der Einschränkung von Pressefreiheit und der Einschränkung von Meinungsvielfalt unterscheiden. Den angesprochenen Mainstream gibt es in Deutschland umso mehr je mehr Medienkonzentrationen die Meinungsvielfalt durch Zusammenlegen von Redaktionen und Einsparungen einschränken. Wenn einzelne Konzerne aus ökonomischen Gründen zahlreiche Tageszeitungen unter ihrem Dach mit gleicher politische Berichterstattung und gleichen Kommentaren für verschiedene Abnehmer bündeln, wird die Meinungsvielfalt natürlich eingeschränkt und damit auch der verfassungsmäßige Auftrag von Journalismus. Außerdem speist sich der angesprochene Mainstream aus den zunehmend schlechteren Arbeitsbedingungen für Journalistinnen und Journalisten. Wer zunehmend unter Leistungsdruck und finanziellem Druck steht, recherchiert weniger und verfolgt zum Beispiel eine Pressekonferenz am Bildschirm statt in dieser Pressekonferenz Fragen zu stellen und damit auch Sachverhalte und Äußerungen zu hinterfragen. Bewertende Positionen zu einem Sachverhalt lassen sich so deutlich weniger stark entwickeln und begründen.

kress.de: Die gewaltige Macht der PR-Pressestellen, Content Marketing, Anzeigen-Abhängigkeit sowie vielfältige Kooperationen über Konferenzen und Kongresse etc.: wirkt sich diese Tendenz auf das Niveau der Pressefreiheit aus?

Karin Nink: Das lässt sich so allgemein kaum beantworten. Eine große Wirtschaftsredaktion kann anders mit einer PR-Stelle umgehen als der einzelne Wirtschaftsredakteur einer Regionalzeitung. Grundsätzlich gilt, es liegt vor allem an der jeweiligen Journalistin oder dem jeweiligen Journalisten, inwieweit er sich von der 'Komfortzone' PR einlullen lässt. Was aus journalistischer Sicht überhaupt nicht geht, aber immer wieder gemacht wird, ist, dass Pressemitteilungen eins zu eins als Nachricht verwendet werden, ohne dies kenntlich zu machen.

kress.de: Viele relevante Journalistinnen und Journalisten, die in den außenpolitischen Ressorts arbeiten, sind Mitglied etwa in der "Atlantikbrücke"; wirkt sich dies auf die Nutzung der Pressefreiheit aus, weil es eine Einbindung in einen Konsens über wesentliche Fragen gibt?

Karin Nink: Das kann ich seriöser Weise nicht beantworten, da ich nicht selbst Mitglied der Atlantikbrücke oder einer ähnlichen Organisation bin. Aber darf ich als Journalist auch nicht Mitglied einer Gewerkschaft sein, weil es auch hier "eine Einbindung in einen Konsens über wesentliche Fragen gibt"? Pressefreiheit weitestgehend zu nutzen, verlangt keine totale Neutralität.

kress.de: Gibt es eine Einschränkung der Pressefreiheit durch Überlastung und Arbeitsverdichtung von Journalisten? Wird die Pressefreiheit dadurch eingeschränkt, dass diese aufgrund von Zeit-Ressourcenmangel nicht ausreichend wahrgenommen wird?

Karin Nink: Es entsteht vor allem eine Einschränkung der Meinungsvielfalt. Das ist auch eine Folge der ökonomischen Probleme, mit denen die meisten Verlage zu kämpfen haben. Oft wird versucht, diesen Problemen durch massive Kostenreduzierung Herr zu werden - was fast zwangsweise zu einer Verschlechterung der journalistischen Qualität führen muss. Journalisten fehlt durch diese Entwicklung häufig die Zeit, kritisch zu recherchieren oder nachzuhaken. Gleiches gilt für Freie, die zunehmend schlechte journalistische Arbeitsbedingungen haben und sich ergänzend mit PR-Aufträgen über Wasser halten müssen. Je schlechter die Rahmenbedingungen für Journalistinnen und Journalisten werden, umso stärker liegt es an jedem einzelnen, diesen Beruf mit der geboten Gründlichkeit und Genauigkeit auszuüben. Da ist zunehmend mehr Berufung als Beruf gefragt. Wenn wir alle aber die Bedeutung des Journalismus als "Vierte Gewalt" weiterhin ernst nehmen, müssen wir uns im Interesse einer lebendigen Demokratie dringend Gedanken darüber machen, wie guter Journalismus auch künftig ordentlich finanziert werden kann. Denn private Verlage scheinen auch aufgrund eines veränderten Nutzerverhaltens dazu immer weniger in der Lage zu sein.

Die Fragen an Karin Nink, Geschäftsführerin Berliner vorwärts Verlagsgesellschaft mbH und Chefredakteurin "Vorwärts" und "Demo", stellte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Hinweis: Dieser Beitrag ist Teil der großen KRESS-Reihe zum Thema Pressefreiheit.

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