Chefredakteur Christoph Reisinger: "So etwas wie die "Spiegel"-Affäre erscheint mir heute undenkbar"

 

"Eine wie auch immer geartete Nähe zu Informanten ist an sich niemals das Problem. Gefahr für die Pressefreiheit, zugleich für journalistische Qualität entsteht, wenn es Redakteuren an geistiger Unabhängigkeit mangelt", sagt Christoph Reisinger, Chefredakteur der "Stuttgarter Nachrichten", im Gespräch mit kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

kress.de: In welchen Bereichen sehen sie eine Einschränkung der Pressefreiheit in Deutschland?

Christoph Reisinger: Eine Einschränkung der Pressefreiheit durch Gesetzgeber oder Regierungen in Deutschland sehe ich nicht. So etwas wie die "Spiegel"-Affäre erscheint mir heute undenkbar. Vor einem Jahr hat sich sogar der baden-württembergische Landtag endlich zu einem Informationsfreiheitgesetz durchgerungen. Dass das Verhältnis zwischen öffentlichem Berichtsinteresse und Privatsphäre hin und wieder neu austariert wird, finde ich richtig angesichts sehr schnell wachsender Zugänge zu Daten und zu immer mehr Publikationskanälen. Auch darin erkenne ich keine Einschränkung der Pressefreiheit. Zutiefst kritisch sehe ich hingegen, wie einige wenige Plattform-Anbieter im Internet immer mehr Verfügungsgewalt darüber gewinnen, was wie weit in die öffentliche Wahrnehmung gelangt.

kress.de: Behörden und Unternehmen "mauern" oft, zumal wenn es um heikle Informationen geht. Sie verweigern Interviews - oder überlassen nur ein meist wenig aussagekräftiges Statement. Ist das aus Ihrer Sicht eine Einschränkung der Pressefreiheit?

Christoph Reisinger: Wir sollten nicht den Fehler machen, jeden, der uns die Arbeit nicht leichter macht, weinerlich als Unterdrücker der Pressefreiheit hinzustellen. Deutsche Qualitätsmedien wie die "Stuttgarter Nachrichten" sind erfreulicherweise voll von Beispielen, dass "Mauern" gute Rechercheure allenfalls zeitweise bremsen, aber nicht stoppen kann.

kress.de: Gabor Steingart hat in einer harten Analyse vor Mitarbeitern die zu große Nähe - etwa zu Wirtschaftsmanagern - in der Berichterstattung kritisiert. Jürgen Leinemann sprach oft von der größten Korruptionsgefahr von Journalisten durch "zu große Nähe" zu Informanten. Sehen Sie auch diese "Nähe" als Problem der Pressefreiheit?

Christoph Reisinger: Eine wie auch immer geartete Nähe zu Informanten ist an sich niemals das Problem. Gefahr für die Pressefreiheit, zugleich für journalistische Qualität entsteht, wenn es Redakteuren an geistiger Unabhängigkeit mangelt. Wenn Naivität, Dummheit oder ein Mangel an Wahrheitsliebe kritische Distanz zu Quellen verhindern, gerade zu den als sympathisch oder besonders ergiebig empfundenen. Oder wenn Faulheit beziehungsweise Vorurteil den völlig richtigen Grundsätzen unseres Handwerks entgegenstehen, dass eine Geschichte erst dann zur Geschichte wird, wenn ich beide Seiten gehört habe, eine Tatsache erst dann zur Tatsache, wenn ich dafür mindestens zwei voneinander unabhängige Belege habe.

kress.de: In der "nervösen" Medienkritik - gibt es jenseits aller Abwehr der Kritik - eine sehr weitgehende Übereinstimmung: die Kritik an zu viel Mainstream in der Berichterstattung, an dem Sog der großen Übereinstimmung von Journalisten. Schränkt der diagnostizierte Mainstream die Pressefreiheit ein?

Christoph Reisinger: Wenn viele Journalisten in diesem Land den Schutz von Menschenrechten hoch halten, ist das Mainstream. Nichts daran kann ich als falsch erkennen. Kritisch wird es, wenn wir - aus den eben genannten Gründen - unsere Arbeit nicht erledigen. Wenn Journalisten schwätzen und behaupten anstatt zu recherchieren und ihre Meinung evidenzbasiert zu entwickeln. Wenn wir darauf schauen, wie angesehene Journalisten in der Berichterstattung etwa über den Einsatz von Uranmunition auf dem Balkan oder über den Bundespräsidenten Christian Wulff bescheidenste Rechercheergebnisse, Kolportiertes und frei Erfundenes im Schneeballsystem zur Meinungs-Lawine verdichtet haben, dann müssen wir leider feststellen: Da haben Inhaber der Pressefreiheit abgedankt. Das kann ihr nur schaden.

kress.de: Die gewaltige Macht der PR-Pressestellen, Content Marketing, Anzeigen-Abhängigkeit sowie vielfältige Kooperationen über Konferenzen und Kongresse etc: wirkt sich diese Tendenz auf das Niveau der Pressefreiheit aus?

Christoph Reisinger: Zweifellos nehmen Wucht und Umfang der unmittelbar von Einzelinteressen getriebenen medialen Kommunikation rapide zu. Und selbstverständlich drückt das auf das Niveau einer Pressefreiheit, die sich nicht nur als Neben- und Durcheinander möglichst vieler Meinungen definiert, sondern auch als Freiheit zum Recherchieren und zu einer möglichst wahrheitsgetreuen Berichterstattung. Ich bin allerdings sehr zuversichtlich, dass das Bedürfnis nach solchen Medien nicht verschwindet, deren Eigner und Mitarbeiter diese Pressefreiheit in ihrer ganzen Breite wahrnehmen.

kress.de: Viele relevante Journalistinnen und Journalisten, die in den außenpolitischen Ressorts arbeiten, sind Mitglied etwa in der "Atlantikbrücke"; wirkt sich dies auf die Nutzung der Pressefreiheit aus, weil es eine Einbindung in einen Konsens über wesentliche Fragen gibt?

Christoph Reisinger: Da sind wir wieder bei der geistigen Unabhängigkeit. Ich bin begeisterter Radsportler. Aber niemand zwingt mich, die Augen vor den Schattenseiten dieser wunderbaren Sportart zu verschließen.

kress.de: Gibt es eine Einschränkung der Pressefreiheit durch Überlastung und Arbeitsverdichtung von Journalisten? Wird die Pressefreiheit dadurch eingeschränkt, dass diese aufgrund von Zeit-Ressourcenmangel nicht ausreichend wahrgenommen wird?

Christoph Reisinger: Wo es an Zeit und Ressourcen fehlt, kann sich Pressefreiheit nicht voll entfalten. Dem tragen manche Privilegien Rechnung, die Verleger in Deutschland aus gutem Grund genießen. Und das haben diese, das haben Geschäftsführer und Chefredakteure stets zu berücksichtigen. Dass es ihnen gelingt, die Pressefreiheit auch in dieser Hinsicht zu verteidigen, sehen Sie täglich an der Fülle relevanter Informationen, mit der privatwirtschaftlich organisierte Medien ihren Usern, Lesern, Hörern, Zuschauern ein echtes Mehr an Wissen und Orientierung verschaffen.

Die Fragen an Dr. Christoph Reisinger, Chefredakteur der "Stuttgarter Nachrichten", stellte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Hinweis: Dieser Beitrag ist Teil der großen KRESS-Reihe zum Thema Pressefreiheit.

Ihre Kommentare
Kopf
Kressköpfe dieses Artikels
  • Noch kein kresskopf?

    Logo
    Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.
    Registrieren
Inhalt konnte nicht geladen werden.