Konrad Kuhnt ist Programmchef von radioBerlin 88,8: Wie ein Sender für Ältere mit der Zeit geht

18.11.2016
 

radioBerlin 88,8 ist ein Sender für die Oldies - das gilt sowohl für die abgespielte Musik als auch für die Zuhörer. Das bedeutet aber nicht, dass der Sender resistent gegen Neuerungen ist. Sie kommen nur etwas gelassener und langsamer daher. kress.de-Autor Armin Fuhrer sprach mit Programmchef Konrad Kuhnt über Programmstruktur, Hörerschaft und Veränderungsdruck im quirligen Berlin.

Etwas ist Konrad Kuhnt ganz wichtig, das betont er gleich am Anfang des Gesprächs: das "Berlin" im Sendernamen von Radio Berlin 88,8. "Berlin ist so übervoll in allem mit Angeboten, da ist es sehr schwer, sich bemerkbar zu machen". Deshalb gehört der Name der Stadt unbedingt dazu, wenn es um den Sender geht, dessen Programmchef Kuhnt ist. "Radio 88,8", wie selbst viele Berliner sagen, reicht da eben nicht aus.

Der Sender gehört zu den meistgehörten Mainstreamstationen der Hauptstadt. In der Spitze zwischen acht und neun Uhr morgens schalten durchschnittlich 164 000 Hörer ein. Das Musikprogramm besteht inzwischen zu einem großen Teil aus Oldies aus den Siebzigern bis Neunzigern. Vor zwei Jahren stellte Kuhnt das Programm aber zusätzlich moderner auf. "Wir mussten im Jetzt ankommen", sagt er.  Nur Oldies könne man den Hörern nicht anbieten". "Schließlich wollen die ja nicht das Gefühl haben, sie lebten in der Vergangenheit".

Die durchschnittlichen Hörer des Senders haben immerhin schon ein paar Jahrzehnte Lebenserfahrung sammeln können, viele mögen kreischende Fans gewesen sein, als die Beatles Anfang der sechziger Jahre die Welt eroberten. Die Hörerschaft bewegt sich zwischen Anfang 50 und vielleicht Mitte 70. "Wir schaffen es aber inzwischen auch, Hörer jenseits der 50 zu uns zu locken", sagt Kuhnt nicht ohne Stolz.

Schlager sind nicht mehr angesagt

Seit bald 25 Jahren gibt es den Sender, der aus dem früheren SFB heraus entstand, nun inzwischen. Die Macher im geschichtsträchtigen Haus des Rundfunks in Berlin-Charlottenburg sind in diesen Jahren mit der Zeit gegangen, wie gerade die Entwicklung des Musikprogramms zeigt. Zunächst bestand es ausschließlich aus Schlagermusik. Doch das funktionierte immer weniger, die Hörer schalteten woanders ein. "Es gibt heute quantitativ einfach zu wenig Schlagerfans, um damit ein massentaugliches Vollzeitprogramm machen zu können", so Kuhnts Feststellung. Zudem ist der Schlager eine ganz spezielle Musikrichtung: "Man mag ihn oder man hasst ihn. Dazwischen gibt es fast nichts". Deshalb blieben immer mehr Hörer weg, die zwischen den verschiedenen Sendern hin- und herwechseln, wenn ihnen ein bestimmter Titel gerade nicht gefällt - radioBerlin 88,8 war für sie einfach keine Alternative mehr.

2005 war endgültig die Zeit für einen Wechsel gekommen. Statt Howard Capendale und Marianne Rosenberg strahlte der Sender nun Abba und Madonna aus - und siehe da: die Hörer kehrten zurück. Im Nachhinein findet Kuhnt: "Wir waren damals viel zu vorsichtig". Denn das Programm wurde langsam und allmählich umgestellt, nicht von heute auf morgen, um das treue Stammpublikum nicht zu vergraulen. Am Anfang habe es tatsächlich viele Beschwerden von Hörern gegeben, doch das habe sich bald gelegt. "Letztlich waren wir viel zu vorsichtig. Wir haben gelernt, dass man den Hörern einiges zumuten kann". Seine Erfahrung sei gewesen: "Mach lieber einen schnellen Wechsel mit Schmackes, als einen zögerlichen. Das Ergebnis ist das gleiche, aber du bekommst es schneller". Und der Erfolg gibt ihm recht, so dass Kuhnt heute ganz zufrieden auf die Hörer-Entwicklung blicken kann.

Als Mainstreamsender ein Nebenbeimedium

Am Abend leistet sich radioBerlin 88,8 sogar etwas, was für ein Mainstreamsender eher ungewöhnlich ist: Angebote mit spezieller Musik. "Dabei geht es nicht um völlig abgefahrene Sachen, aber eine eigene Sendung, in der neben großen Gitarren auch richtig viel Indipop gespielt wird, ist schon dabei". Dann schalten Hörer sogar bewusst ein, um solche Sendungen zu hören. Ansonsten ist ein Sender wie radioBerlin 88,8 ganz klar ein Nebenbeimedium, da macht sich Kuhnt keine Illusionen. Wenn den Hörern ein Musiktitel oder ein Wortbeitrag nicht gefällt, schaltet er eben weiter.

Kuhnt selbst ist ein Urgestein der Berliner Radioszene. Angefangen hat er in den achtziger Jahren als freier Mitarbeiter beim SFB. Später baute er neue Sender mit auf: erst Radio 4 You, den Jugendsender des SFB, dann Radio Fritz, ein poppiger Sender aus der RBB-Familie. Als sich dann radioBerlin 88,8 verjüngen sollte, wechselte er 2005 als Programmchef dorthin.

Auf das Wort wird Wert gelegt

Stolz ist der Programmchef, dass sein Sender trotz der eindeutigen Platzierung im seichten Programmspektrum und der Konkurrenz durch private Sender wie vor allem den Berliner Rundfunk 91,4 ein gut strukturiertes Wortprogramm habe. "Wir haben den Anspruch, alles, was in Berlin passiert, abzubilden, wenn auch in aller Kompaktheit". Dafür gibt es Reporter und sogar noch einen eigenen Ü-Wagen. Der Sender profitiert auch vom Austausch mit den anderen RBB-Sendern, wie dem Nachrichtenkanal InfoRadio oder Radio eins. Auch gibt es eine interne Nachrichtenagentur beim RBB und schließlich die Website RBB 24, die mit Nachrichten vollgespickt ist.

Das Internet spielt bei Radio Berlin 88,8 mit seiner älteren Hörerstruktur noch nicht die große Rolle wie bei anderen Sendern. "Man kann sagen, umso älter das Publikum ist, umso weniger wichtig sind die sozialen Medien". Aber das, da ist sich Konrad Kuhnt sicher, wird sich ändern. "In fünf Jahren wird das Netz auch bei uns eine große Rolle spielen, denn die Hörer, die dann nachgewachsen sind, werden zunehmend mehr im Internet aktiv sein". Somit ist eins klar: Modernisierungen und Veränderungen sind auch bei einem Sender wie Radio Berlin 88,8 mit seiner altersmäßig gehobenen Hörerstruktur nötig - nur eben etwas später als bei "jüngeren" Sendern.

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